Medal of Honor

Der unendliche Krieg

Während meines Politikstudiums habe ich eines gelernt: Einen asymetrischen, „neuen" Krieg kann man mit konventionellen Mitteln kaum gewinnen. Gerade in zerklüfteten und unzugänglichen Gebieten wie damals in Vietnam und heute in Afghanistan können sich ortskundige Guerilla-Kämpfer selbst vor modernsten Aufklärungstechniken jahrelang verstecken. Und wenn dann auch noch die Bevölkerung nicht mitspielt, verwandelt sich das Ende ohne Schrecken in einen Schrecken ohne Ende.

Ja, die NATO versucht mit der Präsenz in Afghanistan vorrangig die Terroristen so weit zu beschäftigen, dass ein 11. September in dieser Form nicht mehr möglich ist. Doch wie lange kann man so etwas durchhalten? Tagtäglich sterben Zivilisten und Soldaten. Es entsteht ein Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt. Ein Konflikt, der sich noch Jahrzehnte hinziehen kann und mit jedem Opfer an Dramatik hinzugewinnt. Ist das ein richtiges Szenario für ein Computerspiel?

Electronic Arts möchte genau dieser Diskussion mit der Fokussierung auf die Soldaten und ihre Kameradschaft umgehen, doch die Bilder, die auch bei Medal of Honor auf den Bildschirm geworfen werden, sorgen trotz der bewusst neutralen Perspektive immer wieder für Magenschmerzen. Wenn man mit einem Kampfhubschrauber ein ganzes Dorf auslöscht, weil sich dort Taliban-Kämpfer verschanzen, kommen einem automatisch die Bilder von Wikileaks in den Kopf. Das Video sah wie ein Computerspiel aus und das Videospiel nun wie die Realität. Kein Wunder, dass gerade unbedarfte Menschen den Sinn hinter Medal of Honor hinterfragen.

Für mich ist es dagegen ein Teil des Erwachsenwerdens des Genres. Was die Filmindustrie schon seit Jahren macht, muss auch im elektronischen Entertainment möglich sein. Hier wird ohne Wertung der Alltag einer Kampfeinheit gezeigt. Die Auseinandersetzung mit einem relativ gesichtslosen Feind, der alles daran setzt, die „Besatzungstruppen" aus Afghanistan zu vertreiben. Das ist manchmal nicht einfach zu schlucken und nicht „schön", doch ohne diesen Schritt wird unser liebstes Hobby immer Kinderspielzeug bleiben.

Dabei ist Medal of Honor bewusst authentisch und verzichtet auf Übertreibungen im Stile von Call of Duty. Keine effekthascherischen Gewaltszenen, keine Atombomben und bösen Verräter. Stattdessen erlebt ihr spannende Aufklärungsmissionen, klassische Sturmangriffe und verzweifelte Rettungen. Da ist nicht ganz so bombastisch wie bei der Konkurrenz, aber nichtsdestotrotz eine äußerst packende und vermeintlich realistische Erfahrung.

Medal of Honor - Gameplay-Video

Dabei nimmt Medal of Honor sehr langsam Fahrt auf. Die ersten Einsätze bieten wenig Neues. Ihr ballert euch als Mitglied einer Spezialeinheit auf der Suche nach einem Informanten durch ein afghanisches Dorf. Abwechselnd schlüpft ihr in den ersten Missionen in die Fußstapfen von „Rabbit" und „Deuce" – Tier-1-Kämpfern, die sich getarnt mit Turban und Vollbart bis in die Hochburgen des Widerstands vorwagen.

Beide agieren in verschiedenen Squads und arbeiten zu Beginn an ebenso unterschiedlichen Aufträgen. Auf der Suche nach Mörserstellungen, Luftabwehrbatterien und Terroristen-Verstecken greift der Titel auf gängige Ego-Shooter-Mechaniken zurück. Egal ob Gunplay, skriptlastigkeit, Lebensenergieregeneration oder Zwischensequenzen, auf den ersten Blick sind die Unterschiede zu Bad Company 2 und Call of Duty minimal.

Erst nach und nach wird klar, dass man hier nicht das Skript eines Autors nachspielt, sondern Erlebnisse von echten Soldaten. Die Aufträge greifen immer wieder ineinander und man beginnt die Mechanik hinter der Zusammenarbeit der verschiedenen Waffengattungen zu verstehen. Wo die Tier-1-Einheiten als Skalpell einzelne Ziele herauspicken, agieren die 75th Rangers als Vorschlaghammer. Die einen bereiten vor, die anderen nehmen Stellungen ein und bauen Stützpunkte auf. Das Spiel bekommt dadurch eine ganz unterschiedliche Geschwindigkeit, bremst euch enorm ab, nur um einen anschließend mit einem großen Knall mitten in die Action zu werfen.

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