Asura's Wrath - Test

Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt dazu, dass ein stinksaurer Gott einem Planeten eine reinzimmert

Ich bin schon eine Weile aus der ganzen Anime-Kiste raus. Wie lange, bin ich mir nicht sicher, aber DVDs gab es noch nicht, als ich aufhörte, mich damit auseinanderzusetzen. Damals aber war es mir sogar so wichtig, dass ich nebenbei als Redakteur für ein kleines Magazin arbeitete, irgendwas zwischen Fan-Mag und echter Publikation. Inzwischen jedoch weiß ich nicht mal mehr, wie das Ding hieß, aber damals, Herzblut. Anime war - und ich nehme an ist immer noch - einfach großartiger, größenwahnsinniger und nicht selten auch wahnsinniger Bullshit. Sachen passieren, die weit jenseits aller Horizonte liegen und das auf regelmäßiger Basis. Nicht mal Videospiele nehmen sich dieses Maß an Freiheiten heraus, das einige der wilden Zeichentricks aus Japan zu bieten haben.

Insoweit war es eigentlich immer faszinierend, wie bodenständig selbst Anime-Umsetzungen in Spielform waren. Um das Gameplay zu zähmen, die Produktionskosten nicht explodieren zu lassen oder was auch immer die Gründe waren: Selbst chaotische Devil-May-Cry-Episoden kommen nicht an den kosmischen Irrsinn des Anime heran. Nicht zuletzt, weil sie diesen eben nicht so nonchalant einfach durchschlendern lassen. Erst Asura's Wrath gelingt dies. Nur stellt sich die Frage, ob Asura's Wrath in seinem Herzen wirklich ein Spiel ist.

Lasst mich die grundlegenden Spielzüge dieses Games herunterbrechen. Erst einmal sind da die Quick-Time-Events, vergleichbar mit Heavy Rain, und sie nehmen zwei Drittel dessen ein, was man hier "Spiel"zeit nennen kann. Dann habt ihr einen Brawler, in dem ihr mit einem Typen Gegnerhorden vermöbelt, von Zeit zu Zeit auch mal einen Boss. Schließlich sind da noch kurze Abschnitte, in denen ihr einen Rail-Shooter absolviert. Aber was auch immer ihr tut, es wirkt mit Ausnahme der Bosse wie eine Art Alibi, um den Weg in die PS3- und 360-Hülle zu finden. Die Idee ist, einen Anime zu nehmen und ihn euch spielen zu lassen. Das Problem dabei ist, dass ihr nicht den Film selbst spielt, sondern dieser kurze Pausen nimmt, um euch spielen zu lassen.

Asura's Wrath - Gameplay-Video

Um der ganzen Sache etwas mehr Kontext zu geben, lasst mich kurz beschreiben, was hier ungefähr passiert. Asura ist einer von acht Generälen einer seltsamen ...Macht (?), die einen Planeten von etwas... Bösem (?) reinigen will. Riesige Schlachten mit Raumflotten, einem planetengroßen Monster, das sich aus dessen Inneren herausfrisst und Asura haut ihm voll eins auf die Zwölf. Kapitel 1.1 beendet. Der Held kann jedoch nicht lange feiern, er wird verraten und scheinbar getötet. Nach 12.000 Jahren erwacht er wieder und in seinem wirklich völlig zu Recht titelgebenden Zorn zieht er aus, um sieben inzwischen zu falschen Göttern aufgestiegene Generäle zu töten, seine Tochter zu retten und seine ermordete Frau zu rächen. Inhaltlich im Prinzip. Auf Crack. Kapitel 1.2. beendet.

Das ganze Design, die Namensgebungen, die Mythologie und Teile der Handlung - insbesondere der Weg der Läuterung des Rachegottes - zeigen, dass die Entwickler auf ihren Tischen jede Menge Bücher über Buddhismus liegen hatten und sich fröhlich querfeldein bedienten. Derartige Anleihen sind im Anime-Fantasy durchaus üblich, auch wenn es normalerweise das Christentum erwischt. Aber selbst dieses findet sich hier verstreut eingebunden. Solltet ihr daraus einen Sinn lesen? Von mir aus, hab auch nie Leuten widersprochen, die behaupteten, sie hätten Neon Genesis Evangelion verstanden, ist eure Freizeit. Nur als Rat am Rande, wenn ihr über Buddhismus redet, sollte Asura's Wrath nicht eure erst Referenz sein.

Sei dies, wie es sein mag, die eigentliche Handlung ist in weiten Zügen meist kaum mehr als ein Vehikel, um den gewaltigen Kämpfen Kontext zu geben und dafür erledigt sie ihren Job brillant. Ehrlich, ich fühlte mich von den Prügeleinlagen gegen normale Feinde mehr gestört als alles andere, ich wollte diesen abgefahrenen Trash weitergucken, dessen völlige Abwesenheit irgendeines Maßes an Zurückhaltung schlicht fasziniert. Alles ist absolut, komplett, total überlebensgroß. Es zeigt, wie ein durchgeknallter Kampf halbkosmischer Entitäten um das Schicksal des Universums auszusehen hat. Einfach bekloppt durchgeknallt und wundervoll genial. Habt ihr einen Faible für die Übertreibung des Dramas, Asura dreht die Schraube bis zum Anschlag, dann noch weiter und rotiert auf Höchstgeschwindigkeit im Freilauf. Und ich liebte jede Minute davon.

Nun, fast. Wie schon gesagt, das Spiel selbst... Fangen wir mit den guten Dingen an. Die Bosskämpfe machen einen ordentlichen Teil der gesamten Nettospielzeit aus und das ist gut so. Sie allein sind das einzig legitime Spielelement, das sich gleichzeitig auch gut in die Filmsequenzen einbindet. Der Kampf wird aufgebaut, und wenn es losgeht, übernehmt ihr die Kontrolle mit einer Mischung aus Prügeln - nicht viele Kombos hier, das Kampfsystem bleibt vergleichsweise schlicht -, Taktieren, wann man wie treffen kann und Warten, während durch diese Attacken ein Balken aufgeladen wird. Ist der voll, drückt ihr den Trigger und in einem meist finalen Super-Angriff folgen noch ein paar Quick-Time-Eingaben. Danach weiter im Text.

Einfach ist das keinesfalls. Ihr müsst schnell sein, gut reagieren, im richtigen Moment wegrollen, um dann zu kontern. Durchaus solide, wenn auch schwerlich eine Revolution oder auch nur konkurrenzfähig mit den Besten dieser Art. Gleiches gilt für die Gruppenprügeleien, nur dass ihr hier ein wenig mehr mit der Kamera zu kämpfen habt. Neue Moves im Verlauf der Spielzeit, Level, Variationen? Alles Fehlanzeige. Alles ordnet sich "Asura's Wrath, dem Anime" unter, "Asura's Wrath, das Spiel" bleibt dabei zurück. Daran ändern die Rail-Shooter-Einlagen wenig. Wiederum, durchaus knackig, gerade auf den höheren Leveln und Schwierigkeitsgraden, aber bleiben wir auf dem Teppich. Es sind zwei- bis dreiminütige Rail-Abschnitte. Hübscher Geschicklichkeitstest, aber für ein modernes Videospiel doch eher mau. Egal, direkt in Folge kommt die nächste Sequenz von "Asura's Wrath, der Anime", die die Unterbrechung durch "Asura's Wrath, das Spiel" vergessen lässt.

Asura's Wrath - TGS-Trailer

Daran nicht unschuldig ist der absolut phänomenale Stil der Grafik. Es ist eine Mischung aus... Ich hab keine Ahnung. Wenn moderne Anime so aussehen, sollte ich wohl mal wieder reingucken, aber das wage ich zu bezweifeln. Die Figuren sind großartig entworfen und animiert, spielen mit Klischees und schwanken ständig auf der richtigen Seite überzogener Coolness und Wahnsinn. Die Umgebungen wirken in Details etwas lieblos an einzelnen Stellen, aber da man eh meist auf die Agierenden achtet, spielt das nicht so die Rolle. Dazu passend wird ein unter normalen Umständen viel zu epischer, hier jedoch genau richtiger Soundtrack geliefert. Asia trifft auf Western und natürlich große Orchestereinlagen. Nichts an diesem Spiel kommt mit weniger als episch mal 20 aus. Außer das "Spiel" selbst natürlich.

Der Aufbau an sich unterstreicht den Anime. Wie eine Serie aus 20 Folgen wird hier jedes der Kapitel mit einem Intro-Filmchen der Art "was passierte beim letzten Mal" eingeläutet, es gibt einen Abspann, Credits inklusive und natürlich das dramatische Cut-Bild in der Mitte jeder Episode zum Zwischen-Klimax. Ich weiß ehrlich nicht, warum die Entwickler unbedingt ein Spiel machen wollten. Sie hätten einfach die Engine nehmen und "Asura's Wrath, die Serie" basteln sollen. Das wäre irgendwas "Erstes" gewesen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, was. Der erste in Echtzeit gerenderte Zeichentrick? Warum nicht.

Asura's Wrath - Trailer

Zum Freischalten wird tonnenweise Material geboten. Filmchen, Making-of-Schnipsel, Artworks und vieles, vieles mehr, was man sich angucken kann, aber nicht muss. Aber vielleicht "sollte", denn der ganze Spaß ist nach sechs bis sieben Stunden vorbei. Solange dauern die Folgen halt, Serie beendet, zurück ins DVD-, ich meine natürlich Spieleregal.

Aber diese Stunden möchte ich nicht missen. "Asura's Wrath, der Anime" ist absolut AWESOME! Es ist eine in Videospielen und zu einem gewissen Teil wohl auch im Animebereich bisher ungekannte Stimulation der Sinne in all dem Wahnsinn, der visuellen Gewalt und dem Unmöglichen, was hier zweimal pro Folge zelebriert wird. Schlicht wundervoll und auf der "WTF-Zeugs, das ihr gesehen haben müsst"-Skala eine Höchstnote.

"Asura's Wrath, das Spiel" dagegen... Es fällt mir schwer, mich wirklich zu begeistern. Es ist nicht schlecht, an keiner Stelle. Bodenständige, erprobte Spielmechaniken, die nur in den Bosskämpfen ein wenig aus sich herausbrechen, außerhalb dieser aber eher funktionieren, als begeistern. Es stellt sich jetzt natürlich die Frage, ob das eine ohne das andere funktionieren würde und darauf habe ich nicht wirklich eine Antwort. Ohne Interaktion wäre auch dieser Anime sicher nicht ganz so großartig, zumindest die Bosse sind lebenswichtig für das Gesamtkonzept. Der Rest... Meh, denke nicht, dass es unbedingt sein muss.

Ob ich euch Asura's Wrath empfehlen kann? Na sicher! Wenn ihr einen der wildesten, unterhaltsamsten, mit Pseudo-Buddhismus durchzogenen Super-Anime gucken, ein paar coole Endgegner besiegen und gut unterhalten sein wollt, dann ist das hier das Ultimative. Seid ihr jedoch auf ein "richtiges" Spiel aus, vielleicht der Meinung, dass Zwischensequenzen die schlechteste Art sind, eine Handlung zu vermitteln, fordert ihr komplexe Mechaniken und Kombo-Systeme, dann solltet ihr euch vielleicht besser woanders umschauen. Das hier ist alles nett, leicht über dem Mittel der Maße, aber kann keine Sekunde mit dem mithalten, was Asura's Wrath so großartig macht. Und auf seine ganz eigene Weise ist es das.

Asura's Wrath - Das Spiel

6 / 10





Und um dem Ganzen irgendwie gerecht zu werden:

Asura's Wrath - Der Anime

9 / 10





Asura's Wrath - Der gelegentliche WTF-Moment

11,7 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Asura's Wrath - Test Martin Woger Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt dazu, dass ein stinksaurer Gott einem Planeten eine reinzimmert 2012-02-27T09:00:00+01:00 6 10

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