Carte - Test

Irgendwann erwischt es jeden Geek

Jetzt also geht der Kelch an mich. Als Mitte der 90er Jahre Magic: The Gathering wie eine Heimsuchung über unsere Schule schwappte, schaute ich den Klassenkameraden eher irritiert über die Schulter, blätterte durch ihre liebevoll eingeschweißten Sammelalben und war schockiert, wie viel Taschengeld manche von ihnen in Booster-Packs stecken konnten. Den späteren Hype um Yu-Gi-Oh! habe ich dann aus sicherer Entfernung an der Uni verfolgt und ignoriert. Andere Trading Card Games bekam ich nur am Rande mit. So gesehen war ich vielleicht bisher nur ein halber Geek.

Doch das ist vorbei. Es hat mich voll erwischt. Schuld daran ist Carte. Besten Dank, GamesCampus! Nun sammle also auch ich Karten aus fünf verschiedenen Unionen (das sind die Farben) und durchforste alle bislang erschienenen Episoden (Auflagen von Kartensets) nach interessanten Blättern für mein Deck. Stets bestrebt, das Album meiner Union voll zu bekommen, um eine seltene Elite-Karte abzustauben.

Das Spiel macht erstaunlich viel Laune, auch wenn das Interface irgendwo im letzten Jahrzehnt hängen geblieben ist. Die Menüs sind überfrachtet mit Listen und separaten Fenstern und ich muss jede einzelne Karte per Button verschieben. Es dauert seine Zeit, bis man sich eine Schneise durch diesen Reiter-Dschungel in der Lobby geschlagen hat und kapiert, wofür all die Buttons gut sind. Das Tutorial ist kurz, doch es erfüllt seinen Zweck und hinterher bekommt ihr Karten als Belohnung. Die Idee, die erste Lektion als Comic zu präsentieren ist putzig, wird aber nicht jedem gefallen. Falls ihr lieber völlig theoretisch an die Sache herangeht, findet ihr eine Anleitung auf der offiziellen Seite.

Zwei Funktionen im Optionsmenü sind für Anfänger Gold wert: "Automatisch FERTIG" und "Spielanleitung". Ersteres erspart euch während der Matches einige nervige Klicks, die ihr ansonsten mit der Bestätigung der Spielzüge verschwendet. Das zweite Häkchen aktiviert eine integrierte Hilfefunktion, die eure möglichen Optionen im Gefecht optisch hervorhebt und euch (leider nicht immer sinnvolle) Ratschläge erteilt.

Die eigentlichen Kämpfe laufen nach dem üblichen Trading Card Game-Schema ab und bieten alles, was der Liebhaber solcher Spiele erwartet. Wer beginnt, wird per Schni-Schna-Schnuck ausgeknobelt. Beide Seiten besitzen einen Helden, dessen Lebenspunkte es zu schützen gilt. Wie in den realen Kartenspielen kann man seine Kreaturen angreifen oder verteidigen lassen, Zauber sprechen, Fallen stellen und Gegenstände einsetzen. Besonders mächtige Tarotkarten dürfen von jedem Spieler einmal benutzt werden und wirken sich auf alle Seiten aus. Jedes Manöver kostet Mana, das man über so genannte Scherbenkarten oder geopferte Kreaturen in der Manazone erhält. TCG-Veteranen wissen nach zwei Minuten, wie der Hase läuft.

Für mich als Einsteiger war Carte hingegen ein echtes Erweckungserlebnis. Nach ein paar Trainingsrunden gegen den Computer fühlte ich mich fit genug für eine Partie gegen reale Spieler und tummelte mich ein wenig in der Lobby. Das Matchmaking per "Sofort Beitreten" funktioniert hier zuverlässiger als das manuelle auswählen von Matches, da sich die Liste nur sehr träge aktualisiert. Die ersten Gefechte verlor ich haushoch. Doch einige Runden später versohlte ich einem Koreaner dank meines Bataillons aus Forest Spirits den Hintern und fühlte mich wie der verspätete König der Pausenhöfe, bis mich dann wieder ein Franzose in Grund und Boden stampfte. Ein anderes Mal bestritt ich mit einem Amerikaner und einem deutschen Kollegen einen sogenannten Raid, bei dem man zu dritt gegen ein computergesteuertes Bossmonster mit starken Angriffskarten zu Felde zieht. Wir haben nach zehn Minuten alle ins Gras gebissen. Aber es war eine Gaudi. Logisch, dass wir es gleich nochmal versucht haben.

Die seltsamsten, dämlichsten und schlechtesten (und meist alles auf einmal) Simulatoren Ufo, U-Bahn, Sex, Chirurgie und sogar Simulatoren. Die seltsamsten, dämlichsten und schlechtesten (und meist alles auf einmal) Simulatoren

Mittlerweile bin ich aber auch so weit, mich über die diversen Macken des Kampfsystems zu ärgern. Trotz der "Automatisch FERTIG"-Option muss man noch viel zu oft klicken. Warum kann ich einen Zug nicht stoppen, wenn ich ihn eingeleitet habe? Hat man einmal den Button für eine Fähigkeit geklickt, gibt es kein Zurück mehr. Die Bedeutung von Karten zu lernen ist zudem mühsam, da ich jedes Mal mit der rechten Maustaste auf die Blätter klicken muss. Ja, es gibt ein kleines Fenster, in dem der Text der aktuell gespielten Karte eingeblendet wird. Der rattert aber so schnell vorbei, dass allenfalls ein Kolibri etwas entziffern könnte. Solche Unzulänglichkeiten beim Kampfsystem ändern zwar nichts am soliden Spielspaß, aber in der Masse und kombiniert mit dem unergonomischen User-Interface sind sie extremst nervig.

Das gute Preis-Leistungs-Verhältnis besänftigt aber diese Wogen. Im Gegensatz zu den Pendants aus Karton kann ich Carte dank free-to-play-Modell ausgiebig gratis zocken und habe trotzdem die Chance, selbst in höheren Rängen mitzumischen. Ich muss nur viel Zeit mitbringen und dem Drang widerstehen, Booster-Packs und Boni für Echtgeld zu kaufen.

In Carte kommen mehrere Währungen zum Einsatz und man kann schnell den Überblick verlieren. Den einfachsten Weg zu neuen Karten sind die käuflichen CampusCredits (CC), die man wiederum in silberfarbene Coins (Ingamewährung) umtauschen kann. Mit den Coins bezahlt ihr neue Decks und Booster-Packs. Wer es eilig oder einen locker sitzenden Geldbeutel hat, wird auf diese Weise stressfrei sein gewünschtes Deck zusammen schrauben.

Sparsame Naturen sammeln lieber LP (Limited Points) und LC-Punkte. Erstere verdient man sich über gewonnene Spiele und kann sich damit direkt neue Karten kaufen. Gewinnt man fleißig gegen die KI oder steigt im Level, bekommt man außerdem LC-Punkte, die man wiederum in Booster-Packs umtauschen darf. Ganz ohne Haken kommen diese beiden Alternativwährungen allerdings nicht. LP-Punkte werden in der ersten Woche eines Monats während planmäßiger Wartungsarbeiten in Erfahrungspunkte umgewandelt. Außerdem bekommt man für LPs nur normale und epische Karten. Eure gesammelten LCs werden ebenfalls beim monatlichen Wartungszyklus zurückgesetzt. Ihr solltet also gut planen, wie lange ihr eure Punkte aufspart und sie rechtzeitig gegen Booster eintauschen. Dummerweise verdient ihr nach eurer Beförderung in den Söldner-Rang keine LCs mehr durch Stufenanstiege oder KI-Matches sondern nur noch durch Duelle gegen andere Spieler und durch Turniere, die drei Mal täglich stattfinden. Wer also weiterhin Booster-Packs gratis einsacken will, muss kämpfen.

Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will. Aber gesehen müsst ihr sie haben! Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will.

Falls ihr gerne bastelt, könnt ihr unbrauchbare Blätter auch zerlegen und daraus eine von vier Sorten Materialkarten (Episode, Union, Typus und Seltenheit) gewinnen. Daraus puzzelt ihr euch mit etwas Glück eure Wunschkarte. Diese könnt ihr wiederum für LP-Punkte oder sogar für Coins ans System verkaufen. Leider gibt es noch keinen Marktplatz für den Handel unter Spielern und auch einen Tauschbasar sucht man vergebens. Man kann höchstens zufällig Karten in einem speziellen Menü gegen ein anderes Blatt der gleichen Seltenheit umtauschen, was allerdings Coins kostet. Ihr seht, es gibt extrem viele Möglichkeiten, um an Karten zu kommen. Am Ende hängt es aber immer von eurer Ausdauer, Kreativität oder eurem Kontostand ab.

Carte hat mich auf der einen Seite ziemlich beeindruckt. Als Neuling auf dem Gebiet der Sammelkartenspiele hätte ich nicht erwartet, so schnell durchzusteigen und dabei so viel Spaß zu haben. Es spricht für Qualität, wenn sich so ein Titel nicht nur an alte Hasen und Nostalgiker wendet sondern auch Grünschnäbel mitreißt. Mit dem free-to-play-Modell wird GamesCampus besonders bei Deck-Perfektionisten und eiligen Zeitgenossen anecken, ich finde das Preis-Leistungsverhältnis jedoch angemessen. Man kann sehr gut auch gratis seinen Weg bestreiten.

Auf der anderen Seite gibt es in Sachen User-Interface noch enormen Verbesserungsbedarf und das Kampfsystem ist längst nicht so elegant und flüssig wie es sein könnte. Die grundlegenden Facetten des Rohdiamanten sind deutlich herausgearbeitet. Für einen hochkarätigen Brillanten müssten die Entwickler aber noch einiges an Schleifarbeit und Politur in das Spiel stecken. Trotzdem hat der Titel es geschafft, dass ich mich jetzt wie ein vollwertiger Geek fühle. Vielleicht kaufe ich mir demnächst mal ein paar reale Karten...

8 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Carte - Test Frank Erik Walter Irgendwann erwischt es jeden Geek 2012-03-24T21:06:00+01:00 8 10

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