Twisted Metal - Test

Tod dem Singleplayer!

Was wurde eigentlich aus dem guten, alten Splitscreen? Sich online über den ganzen Globus verteilt bekriegen zu können und nicht dem Zwang ausgesetzt zu sein, für jede Multiplayer-Partie ein Treffen zu organisieren, ist ja schön und gut. Aber deshalb gleich komplett auf lokalen Multiplayer zu verzichten oder diesen auf zwei Spieler zu reduzieren, muss doch nun auch nicht sein. So bequem uns der Online-Service die Arbeit erleichtert, ziehe ich doch einen Abend auf der Couch mit Freunden, fettigem Essen plus gekühltem Bier stets vor.

Für seinen Vier-Spieler-Splitscreen muss ich das neue Twisted Metal daher ausdrücklich loben, kurz drücken und ihm anschließend ein High-Five verpassen. Dass es sich hierbei nicht um die Norm, sondern schon fast ein Relikt aus alten Tagen handelt, parodiert das Spiel mit der Trophäe 'Old School', die ihr für eine Runde im Splitscreen erhaltet. Großartig!

In der Zone des lokalen Mehrspielers spielt der Titel seine vollen Stärken aus. Das großartig ausbalancierte Chaos auf dem Bildschirm füllt sich innerhalb von Sekunden mit Explosionen, wahnwitzigen Spezialwaffen und zerstörten Häusern. Jeder in der Runde experimentiert mit den unterschiedlichen Attacken oder probiert neue Vehikel aus, während man sich gegenseitig für besonders coole oder extrem dumme Manöver anbrüllt.

Doch dann verlassen die müden Kollegen die Wohnung und man wendet sich dem Singleplayer von Twisted Metal zu. Genau zu diesem Zeitpunkt zerbricht die zuvor aufgebaute Hoffnung in einen Haufen enttäuschter Scherben, die sich mit jeder Spielminute tiefer in euer Fleisch schneiden.

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Tut euch einen großen Gefallen und rührt diesen Teil des Spiels nie an. Der Grad an Frustration ist es schlichtweg nicht wert. Selbst die außerordentlich gelungenen Zwischensequenzen schaut ihr euch lieber in einem Rutsch auf YouTube an, bevor sich spätestens nach einer Stunde durch die aufgestaute Aggression eine Flamme auf eurem Schädel entfacht.

In den Kampagnen von Sweet Tooth, Mr. Grimm und Dollface klappert ihr verschiedene Level ab, die wieder Teil von Calypsos Turnier sind, der einmal mehr zu seinem Event aufgerufen hat und dem Gewinner einen Wunsch verspricht. Diese fallen genau wie früher etwas unerwartet für die Charaktere aus, da Calypso die Worte seiner Kandidaten sehr wörtlich nimmt. Auch wenn hier nur drei Figuren behandelt werden, gehören die Filmchen zu den besten der Serie.

Zwischen den brillanten Szenen wirft euch das Spiel meist in eine Arena mit zahlreichen Feinden, die eher selten aufeinander losgehen, sondern sich viel lieber mit euch befassen und unfair ihre Feuerkraft auf euren Wagen konzentrieren. Es kommt allerdings noch schlimmer. Einige Stages bieten Juggernauts, große Trucks, die zwischenzeitlich weitere Feinde erschaffen, solltet ihr sie nicht rechtzeitig ausschalten.

Richtig lustig wird es dann in den Renn-Events, die schlicht und ergreifend nicht funktionieren. Auf den Strecken schieben euch die Feinde zur Seite, lassen ein Feuerwerk an Spezialwaffen vom Stapel oder überholen euren Fahrer teilweise trotz Nitro-Einsatz. Da man euch nur zum nächsten Wettbewerb lässt, wenn ihr den ersten Platz erreicht, braucht sich euer Pad nicht über Bissspuren wundern. Auch bei den ansonsten sehr kreativ gestalteten Bosskämpfen am Ende einer Kampagne verdirbt euch das unfaire Geschehen jeglichen Spaß.

Also blendet die Option Einzelspieler im Hauptmenü aus und springt sofort in den Multiplayer. Denn hier darf die recht komplexe Action frei von Restriktionen und nervigen Renneinlagen ihr Potential entfalten. Trotzdem solltet ihr euch auf einen holprigen Start einstellen, da die Lernkurve zu Beginn eher einer senkrechten Linie ähnelt, was nicht zuletzt an der überladenen Steuerung liegt. Wirklich jede Taste ist mit einer wichtigen Funktion belegt, sodass selbst das Drücken des rechten Sticks für den Turbo benötigt wird.

Sobald ihr diese Hürde jedoch überschritten habt, öffnet sich ein Pool ungeahnter Möglichkeiten. Das auf den ersten Blick recht simple Spielprinzip "Fahren und Ballern" bietet bei genauerer Betrachtung zahlreiche Fahrtypen mit ihren eigenen Spezialattacken, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und sie sind alle perfekt ausbalanciert. Anstatt wie in anderen Multiplayern ständig auf die gleichen Charaktere oder Aufstellungen zu treffen, variiert die Spielerschaft stark in ihren Vorlieben, sodass ihr gegen jedes Fahrzeug antretet und somit für jede Eventualität gewappnet sein müsst.

Ein gutes Beispiel für das Balancing ist das Motorrad. Während ihr eine hohe Angriffskraft und Flexibilität genießt, fliegen die Einzelteile schon bei leichten Unfällen in alle Himmelsrichtungen. Als Vorteil könnt ihr dafür beispielsweise mit Sweet Tooth Kettensägen werfen, die wegen ihrer Kraft kein Auto-Aim besitzen. Wer die Zeit dazu besitzt, kann die Dinger sogar anzünden. Glaubt mir, das Gefühl eines Treffers mit der brennenden Kettensäge übertrifft so ziemlich alles, spielt sich aber eben äußerst riskant.

Vermissen lässt der Multiplayer diese Vielfalt hingegen in der Auswahl der Modi. Hier wird euch Standartkost in Form verschiedener Deathmatch- sowie Team-Deathmatch-Typen serviert. Einzig und allein der Nuke-Modus bringt die willkommene Abwechslung und Innovation mit sich. Hier müsst ihr zunächst den Anführer des gegnerischen Teams einfangen, ihn dann bei einer Kanone für eine Rakete opfern und diese abschließend auf ein riesiges Maskottchen feuern. Hier hätte ich gerne mehr solcher abstrusen Ideen gesehen.

Auch den eigentlichen Arealen fehlt oftmals kreativer Input. Der vereiste Platz auf der Winterkarte ist ja ganz nett, doch fehlen mir vor allem die zerstörbaren Gebäude, aus denen sich in alten Teilen plötzlich neue Wege formten. So brettert ihr zwar ungeniert durch Wohnhäuser, etwas wie ein eingestürzter Eifelturm aus Twisted Metal 2 fehlt trotzdem.

So viel Spaß der Multiplayer letztendlich in mir entfacht, hält das grauenvolle Matchmaking eisern dagegen. Selbst nach dem groß angekündigten Patch für die europäische Version verliere ich bei der Suche sehr oft die Verbindung und bin so gezwungen, mehrere Minuten auf das Menü zu starren, bevor das nächste Chaos folgen kann.

Twisted Metal - E3-Trailer

Abschließend möchte ich noch ein paar Worte zu den Schnitten der europäischen Version verlieren. Sie sind mir überhaupt nicht aufgefallen. Weder in den Sequenzen noch bei den angeblich zensierten Animationen im Spiel. Wer dennoch ganz sicher gehen will, greift eben zur amerikanischen Version.

Tja, am Ende haben wir ein im Kern großartiges Spiel, das im Multiplayer - ganz besonders im Splitscreen - nach einem steilen Einstieg durch sein komplexes und mit Vielfalt angereichertes Kampfsystem überzeugt. Doch an allen Ecken und Enden zerstören kleinere sowie größere Fehler die Erfahrung. Den Einzelspieler sollte man sich auf gar keinen Fall antun, außer die Liebe für das Franchise zwingt euch dazu.

Was Twisted Metal wirklich gebraucht hätte, ist zusätzliche Zeit für die Entwicklung. Mehr Interaktionsmöglichkeiten auf den Karten, ein ordentlicher Netzcode sowie eine etwas intuitivere Steuerung würden das fertige Projekt ganz anders aussehen lassen. Wer über diese Mankos hinwegsehen kann, sich ohne Murren in das System einarbeiten will und strikt beim Multiplayer bleibt, darf gerne zugreifen. Im aktuellen Status solltet ihr Twisted Metal jedoch lieber für einen Abend ausleihen, drei Freunde einladen und euch gegenseitig mit brennenden Kettensägen beschmeissen.

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Unsere Wertungsphilosophie Twisted Metal - Test Björn Balg Tod dem Singleplayer! 2012-03-28T09:00:00+02:00 6 10

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