The Amazing Spider-Man - Test

Auch einem Helden muss man eine Chance und zumindest etwas Zeit geben, die Welt gut zu retten.

Zeit ist ein so wertvolles Gut. Es kostet, sie zu spielen, aber auch ein Spiel zu schaffen. Und für die mageren acht oder neun Monate, die Spider-Man Stammentwickler Beenox diesmal blieben, um The Amazing Spider-Man auf die Beine zu stellen, haben sie Anerkennung verdient. Anerkennung, dass dies keine schrottige Schnellschuss-Filmumsetzung ist, sondern ein ganz anständiges Spiel, das allem Anschein nach vor allem eines gebraucht hätte, um vielleicht sogar ein richtig Gutes zu werden: etwas mehr Zeit.

Wäre es erst zum DVD-Release des dazu passenden Films erschienen, wäre es vielleicht möglich gewesen, der offenen Welt von Manhattan, die sich endlos zwischen den Armen der Flüsse streckt, mit mehr als nur Alibi-Leben und ebensolchen Missionen einzuflößen. Vielleicht hätte das Dutzend der großen Story-Missionen durch mehr als nur Kanalisationen, ausdruckslose Labors oder Fabrikhallen geführt.

Die Technik und Mechaniken eines soliden Grundgerüstes sind vorhanden, es ist wohl das, was man in so kurzer Zeit erfolgreich auf die Beine stellen kann. Das erste Mal seit Spider-Man 2, eine Konsolengeneration zurück, spürt man, während man frei und elegant spielbar durch die Straßenschluchten schwingt, dass dieser Superheld durchaus das Potenzial seines dunklen Kollegen Batman haben könnte. An dessen Aufbau und Kampf orientierte sich Spidey schließlich auch zu einem guten Teil. Nicht, dass er die Qualität erreicht hätte, aber er hatte ja auch nur ein paar Monate Zeit.

The Amazing Spider-Man - Gameplay-Video

Dass die Spidey-Fäden des Öfteren an den Wolken zu hängen scheinen, stört angesichts des hohen Tempos und den Lenkfähigkeiten des Helden gar nicht mal so sehr, wie die Tatsache, dass es einfach nicht so viele spannende Missionen am Rande zu erledigen gibt. Und dann ähneln diese sich dann auch noch viel zu sehr. Ein Einbruch in ein erstaunlich kleines Labor des bösen Master-Konzerns ist eine unterhaltsame, wenn auch sehr übersichtliche - eigentlich nur ein großer Raum - Randepisode. Die sich dann ein halbes dutzend Mal praktisch identisch wiederholt. Gleiches gilt für Verfolgungsjagden - scheinbar kommt für Verbrechen nur ein einziges Auto-Modell infrage -, Shootouts mit anderen Verbrechern oder Überfälle, die die freundliche Spinne von nebenan stoppen muss. Im Laufe des Spiels werden es ein paar Böse mehr, sie halten etwas mehr aus, aber keine dieser Begegnungen hat etwas Kreatives in sich, sei es ein besonderer Ort, an dem sie stattfinden oder ein anderer liebevoller Touch, der vermittelt, dass hier nicht nur wild über die Karte verstreut wurde.

Endgültig zur Beschäftigungstherapie verkommt der Rettungstransport durch ein mysteriöses Virus Infizierter. Aufsammeln, dem Marker der Minikarte zum nächsten Krankenhaus folgen. Das alles ist dank der guten Schwingmechaniken für ein Weilchen allein durch die Bewegung unterhaltsam, aber nach einem Dutzend oder so gespielter Nebenmissionen lässt der Wunsch nach, weitere zu absolvieren. Es hätte vielleicht geholfen, wenn die Stadt mehr reagieren würde, sowohl auf die Katastrophe der Infektion wie auch eure Rettungsbemühungen. Es kommt nie das Gefühl von einschneidender Veränderung auf wie zum Beispiel bei Prototype oder Infamous 2. Aber wahrscheinlich hatten deren Entwickler auch mehr Zeit.

Konzentriert ihr euch nur auf die Hauptmissionen und die Story, stellt ihr fest, dass diese zum einen gar nicht schlecht und zum anderen gar nicht so lang ist. Etwas über sieben Stunden standen am Ende auf dem Zähler, wovon ich jetzt - normaler Schwierigkeitsgrad - zwei oder so für Neben-Krams abstreichen würde. In dieser doch recht kurzen verbleibenden Spanne wird euch eine klassische Superheldengeschichte mit einem Schwung an Klischees geboten, die - soweit ich das, ohne den Film zu kennen überblicken kann - nach dem Kinostreifen spielt. Figuren aus dem Film und auch ein paar weitere sind dabei - keine Namen hier, weil es eine Art Spoiler für Kino-Besucher sein könnte, bin mir nicht ganz sicher - , die Fans der Comics wahrscheinlich besser kennen, als jemand wie ich, der die Serie eher am Rande streifte. Kommt ihr grad aus dem Kino, dann ist das kein schlechter Epilog.

Die Missionen selbst sind leider nicht ganz so interessant, was wie schon gesagt mit an den nicht gerade inspirierten Lokalitäten liegt. Kanalisation, Labor oder Fabrik wirkt wie ein Who-is-Who der generischen Spiel-Orte. In dem ersten Drittel des Games wirkt leider auch der Kampf so, etwas, mit dem ihr die meiste Zeit in den linearen Abschnitten der Story-Missionen verbringen werdet. Ein Button zum Zuschlagen, einer für den Web-Schuss, einer zum Hüpfen? Gut, dass Spidey Spezialfertigkeiten hat, sonst wäre das hier das dünnste Beat 'em Up aller Zeiten.

Die erste Erkenntnis ist nach kurzer Zeit, dass jemand, der an allen Wänden klettern kann, gar nicht jeden Kampf bestreiten muss. Steuerungstechnisch durchaus elegant gelöst, lässt sich alles bekrabbeln und so der einen oder anderen Auseinandersetzung ganz aus dem Weg gehen oder diese zumindest aus günstigerer Lage starten. Seid ihr direkt über dem Opfer, lässt sich dieses sogar lautlos ausschalten, übrigens ohne, dass jemand dauerhaft zu Schaden kommt. Spider-Man tötet keine Gegner. Manchmal lässt er mehrere Tonnen Riesenroboter eine belebte Kreuzung crashen, aber Töten? Nein, niemals!

Die beiden wichtigsten Fertigkeiten sind zum einen die schnelle Flucht per Knopfdruck und die Rückkehr per Zeitlupen-Ziel-Funktion in das Kampfgeschehen. Mit diesen beiden Mechaniken könnt ihr euch sehr schnell und gezielt durch große Hallen bewegen, die Masse der Gegner aus immer neuen Richtungen überraschen und dabei leichter vergessen, dass es eigentlich nur einen Schlag und zwei Kombos gibt. Der Raum selbst wird zu einer Art Kombo, was nicht ganz mit Batman mithalten kann, aber hier nach und nach mit zäheren Feinden und verwinkelteren Arealen im späteren Verlauf einen eigenen Reiz mitbringt. Schade nur, dass es so wenige Rätsel gibt, die man ohne Scham so nennen könnte. Ein, zwei Mal wird eine Tür geöffnet und muss in Prince-of-Persia-Manier schnell erreicht werden und ist mit diesen Bewegungsmechanismen kein schlechter Gedanke. Aber wahrscheinlich hätte man einfach mehr Zeit gebraucht.

The Amazing Spider-Man - Trailer

Die Bosskämpfe bieten eine solide Mischung aus Riesenrobotern und Mutanten, teilweise kleinen Arealen, teilweise Verfolgungsjagden durch die ganze Stadt und vielen guten Ideen, was Gegner und Umgebung angeht. Die Umsetzung des Kampfes selbst ist jedoch ein wenig zu durchsichtig und ihr braucht eigentlich nie einen zweiten Anlauf, um herauszufinden, wie sich ein Feind jetzt besiegen lässt. Spider-Man ist einfach zu mächtig, vom ersten bis zum letzten Boss. Selbst eine kurze Passage, in der er seine Kräfte nicht nutzen kann, bereitet keine Schmerzen und das, obwohl ihn Killerroboter zu Dutzenden jagen. Vielleicht wäre mit mehr Zeit den Entwicklern aufgefallen, dass ein Held manchmal nicht nur verletzlich sein muss, sondern auch in Gefahr kommen sollte, wirklich verletzt zu werden.

Die gute Nachricht ist, dass The Amazing Spider-Man erst mal kein Reinfall für all die Kids ist, die ihre Eltern nach dem Film bequengeln werden, auch das Spiel zu kaufen. Ebenfalls ist es schön zu sehen, dass in Spider-Man als Spiel noch weit mehr leben steckt, als es die letzten Flops vermuten ließen. In diesem Paket aus offener Welt zum Herumtoben und linearen Missionen, um es zusammenzuhalten, steckt ein ordentliches Spiel, bei dem es schmerzt, darüber nachzudenken, was aus ihm hätte werden können, wenn der Entwickler mehr Zeit gehabt hätte. Es gibt ein paar verteilte Hinweise, dass da Potenzial war, aber der Film erschien nun mal jetzt. Ob seine Macher auch nur ein dreiviertel Jahr Zeit hatten?

6 / 10

Unsere Wertungsphilosophie The Amazing Spider-Man - Test Martin Woger Auch einem Helden muss man eine Chance und zumindest etwas Zeit geben, die Welt gut zu retten. 2012-07-04T09:00:00+02:00 6 10

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