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Inversion - Test

Ein weiterer Deckungs-Shooter, der die Welt beim besten Willen nicht auf den Kopf stellt. Nicht, dass er es nicht buchstäblich probieren würde.

"I take a rocket to the face and a shot to the balls
But it's ok I got my good friend Chest High Wall
Hiding in cover behind my wall I will hover
And in a couple of seconds I will fully recover"

(Shooter Guy von Miracle of Sound)

Es steckt so viel Wahrheit in diesen paar Zeilen. Heilpäckchen geschickt zu verteilen, ist eine vergessene Kunst, hock' Dich hinter die Mauer, dann wird alles gut. Egal ob der Rest der Welt sich sprichwörtlich auf den Kopf stellt, solange die Mäuerchen stehen, weiß der Mann, wo er lang muss. Der Mann wohlgemerkt, Inversion ist da nicht so weit wie das große Vorbild, dass gelegentlich wenigstens eine Alibi-Vasquez mitlaufen lässt. Nein, in Inversion machen zwei harte Kerle ihr Ding und retten die Welt, die von muskelbepackten Grobianen überrannt wurde, die aus dem Boden kamen. In den ersten Stunden von Inversion ist man zurück in 2006 in den Gears-Tagen. Nur, dass das 6 Jahre später niemanden mehr so richtig umhaut.

Da hilft auch das große Gimmick nicht viel. Gravitations-Spielereien machen nur Spaß, wenn man sie frei einsetzen kann, um irgendwelchen Blödsinn damit anzustellen. Das wiederum zeigte Half Life 2. Inversion dient es mehr als das große Geheimnis. Woher haben die eigentlich eher primitiven Schlächter dermaßen komplexe Technologie, die die Schwerkraft lokal verändern kann? Was es dann spielerisch damit anstellt, hält sich Grenzen. Eine Wand ist auch nur ein Boden, wenn man sie 90 Grad dreht und die kleinen, hüfthohen Wändchen finden sich in jeder Lage immer so präzise verteilt, dass sich "überraschende" Feindbegegnungen mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen lassen.

Damit es da nicht alles war, bekommt ihr sogar eine Grav-Gun. Erwartet jetzt aber bloß keinen Zero Point Energy Field Manipulator, sondern etwas, das nach definierten Regeln in sehr definierten Momenten arbeitet. Generell lassen sich Feinde mit "blauer" Energie aus der Deckung holen und mit "roter" - auf Knopfdruck umschaltbar - blasten. Etwas spannender ist es schon, dass ihr Gegenstände zum Schweben bringen könnt, dann heranholen, um sieauf Gegner zu schleudern. Ein paar Fässer oder Autowracks liegen zu diesem Zweck wohlplatziert herum. Greifen, schleudern, rote Bröckchen fliegen. Letztere dürften der Grund sein, warum nur Importeure in den Genuss von Inversion kommen.

Es ist alles ganz nett als Gimmick, aber es täuscht halt nur schwer darüber hinweg, dass das hier Gears in zwar nicht arm, aber sicher nicht reich ist. Schön verdeutlichen das noch einmal die Bereiche, in denen die Schwerkraft aufgehoben ist und innerhalb großer Areale alles vor sich hin driftet. Selbst hier sind "Griff"punkte, die ihr auf Tastendruck ansteuert, fest definiert, freie Bewegung ist nicht möglich. Das spielt sich natürlich nicht schlecht, sieht ganz witzig aus - die ersten zwei, drei Mal wenigstens -, aber letztlich ist es sogar noch eine Vereinfachung des normalen Deckungsgeballers, wo ihr wenigstens relativ frei zu Fuß unterwegs seid.

Das Beste an Inversion? Zerstörbare Deckungen. Nicht einmal, dass ihr selbst Teile aus der Landschaft holzen und schon mal Häuser zum Einsturz bringen könnt, es ist die eigene Deckung, die wenigstens von Zeit zu Zeit in Gefahr ist und euch zwingt, beweglich zu sein. Während euch ein Sniper beharkt und eine Minigun die Deckung wegfräst, erinnert ihr euch fast glücklich daran, dass es die Mäuerchen nicht immer gab.

In seinen Grunddisziplinen, der Beweglichkeit der Helden, den Mechaniken, die euch schnell in neuen Schutz hechten oder die Gegner strafen lassen, hat Inversion seine Hausaufgaben gemacht. Es spielt sich einfach ok. Manchmal hakt es ein wenig mehr als das große Vorbild, aber nie so, dass Controller fliegen. Lediglich, dass die Feinde unverdient viele Kugeln schlucken können, wenn es mal grad nicht für den Header reichte, stößt sauer auf. Es lässt einfach einige der Waffen ganz schön ranzig wirken, da kann das Ding dreimal wie ein Lancer aussehen. Davon abgesehen findet Inversion ein angenehmes Tempo zwischen ein wenig Erkunden, kleineren Scharmützeln und den großen Schlachten und wirft sogar ein paar brauchbare Bosskämpfe in den Mix. Fast schon wieder ein wenig zu absehbar stellenweise, es ist wie mit den Mäuerchen: Wenn es grad krachte, folgt nicht gleich die nächste Schlacht.

Technisch merkt man aber, wie sehr "AAA" inzwischen kleinere Projekte wie Inversion abhängte. Das Design selbst fiel generisch aus, im Falle der Feinde verdächtig nah an Gears - sie haben sogar Bohrmaschinen, die aus dem Boden hervorkrachen und mit einem gezielten Granatwurf zerstört werden müssen ... -, die visuelle Qualität des Unreal-Engine-Einsatzes fällt dagegen deutlich ab. Nett, nur nie beeindruckend oder so, dass man sich später an irgendetwas zurückerinnern würde. Das ist für ein Spiel, das seine ganze Stadt manchmal um 90 Grad und mehr dreht, schon wieder irgendwo eine Leistung.

Gleiches trifft auf den Multiplayer zu. Ein paar der Modi gehen dank Grav-Spielereien über das übliche Deathmatch-/King-of-the-Hill/Horde-Muster hinaus. Ihr müsst Killstreaks bieten, um die Grav-Punkte zu kontrollieren und die Karte zu drehen, ihr erhaltet mehr Punkte, wenn ihr Kills durch Grav-Gun-Einsatz erzielt, Dinge dieser Art. Nichts davon revolutioniert irgendwas oder hält länger als zwei Abende, aber als Abrundung des mit 10 Stunden - auf angemessenem Schwierigkeitsgrad - wie alles andere auch im Schnitt liegenden Solo-Modus ist es gern willkommen.

Inversion hatte sicher irgendwo Potenzial, am ehesten vielleicht, indem es eine Zeitmaschine nutzt und ein paar Jahre zurückreist. Deckungs-Third-Person-Shooter kamen über die Jahre jetzt nicht so wenige und nur wenige erreichten die Qualität der Gears-Reihe oder übertrafen sie gar. Inversion versucht sich zwar verdächtig nah an sie heranzuklammern, kann ihr aber nie auch nur das Wasser reichen. Sein einziges Argument versuchter Eigenständigkeit, das Gravitations-Gimmick, wirkt so mutlos, dass es spielerisch praktisch keinen Unterschied gemacht hätte, darauf zu verzichten.

Der Rest von Inversion ist kein wirklich schlechter Shooter, nur für einen guten hätte es in 2012 einfach mehr sein müssen. Gears setzt immer noch Maßstäbe, wenn es um die Bewegungen geht, The Line hat seine Handlung, Vanquish sein Tempo, sogar Binary Domain seine Squad-Spielchen. Inversion ... Sorry. Da ist nichts, wofür der Gott der TPS-Spiele dich in den Himmel lassen würde.

5 / 10

Inversion - Test Martin Woger Ein weiterer Deckungs-Shooter, der die Welt beim besten Willen nicht auf den Kopf stellt. Nicht, dass er es nicht buchstäblich probieren würde. 2012-07-17T09:00:00+02:00 5 10
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