Anarchy Reigns - Test

Wenn sich Single- und Multiplayer gegenseitig Stücke vom Kuchen prügeln.

Wenn sich Single- und Multiplayer gegenseitig Stücke vom Kuchen prügeln.

An manchen Tagen möchte man keine tragischen Geschichten erleben, keinerlei Entscheidungen treffen oder riesige Welten erforschen. Nein, manchmal will man sein Hirn einfach abschalten und bösen Jungs ins Gesicht schlagen. An solchen Tagen ist Anarchy Reigns das perfekte Spiel. Es gibt einem nur wenig Abwechslung und die meiste Zeit versenkt man seine Fäuste in anderen Personen. Aber es macht diese eine Sache so verdammt gut und zeigt es stolz. Es glorifiziert seine Persönlichkeit und versucht nicht, sie zu verdecken.

Anarchy Reigns erinnert in seiner Reinheit und Offenheit gegenüber stumpfem Schlagabstausch an God Hand. Und jedes Spiel, das mich an Shinji Mikamis kommerziell fehlgeschlagenes Trash-Meisterwerk erinnert, hat in meinen Augen schon fast gewonnen.

Doch Platinum Games neuster Titel ist kein inoffizieller Nachfolger zu God Hand - wie oft muss ich eigentlich noch darum bitten? - und schlägt eine andere Richtung ein. Es nimmt sich eher die Philosophie des Titels zu Herzen und errichtet auf seiner Asche einen Multiplayer-Titel, in dem ihr euch in großen Arealen gegenseitig auf die Rübe hämmert.

Auf dem Papier scheint diese Komponente auch wunderbar zu funktionieren. Ihr sucht euch einen der 22 spielbaren Charaktere aus, von denen ihr die meisten erst freischalten müsst, und steigt mit bis zu 15 weiteren Verrückten in den Ring. Bei den Modi habt ihr eine große Auswahl. Schlagt euch in verschiedenen Abwandlungen von Deathmatch gegenseitig zu Fleischklumpen, klaut in Capture the Flag die gegnerische Flagge oder versucht euch an einer schmerzhaften Football-Variante.

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Anarchy Reigns - Multiplayer-Trailer

Leider habe ich anstatt aufregenden Kämpfen nur knallharte Niederlagen kassiert. Zurzeit werden die Server fast ausschließlich von japanischen Spielern gefüllt, die alle den höchsten Rang erreicht und über 50 Stunden Erfahrung auf dem Buckel haben. Natürlich pulverisieren sie euch in wenigen Sekunden zu Staub. Es macht genauso wenig Sinn als Neuling gegen die koreanische Oberliga in StarCraft anzutreten. Vielleicht ändert sich diese Situation, wenn Anarchy Reigns nächsten März in Europa sowie Nord Amerika veröffentlicht wird. Doch dazu müssten auch die Verkaufszahlen wesentlich höher ausfallen als im Land der aufgehenden Sonne.

Na gut, Multiplayer sollte prinzipiell Spaß machen, und das tut er sicher auch, es fehlen halt nur die Spieler auf gleicher Erfahrungshöhe. Aber es gibt ja noch den Singleplayer, in dem ihr die belanglose Geschichte um blinde Rache aus zwei verschiedenen Perspektiven erlebt.

Der Aufbau gestaltet sich hier ein wenig ungewöhnlich. In vier verschiedenen Gebieten absolviert ihr auf jeder Seite jeweils drei Neben- sowie Hauptmissionen. Damit diese nach und nach auf der Karte erscheinen, müsst ihr Punkte sammeln. Während ihr die erste Nebenmission nach ein paar vermöbelten Feinden freischaltet, benötigt ihr für die folgenden Aufträge immer höhere Anforderungen.

Wenn ihr in einzelnen Missionen also nicht so gut seid, müsst ihr sie gelegentlich wiederholen, um an mehr Punkte zu gelangen, was den Spielfluss vor allem beim ersten Durchgang hier und da stoppen kann. Darüber hinaus bildet die Schwierigkeitsgradkurve eine schöne Welle. Habt ihr die ersten vier Aufträge in einem Gebiet problemlos mit dem höchsten Rang bewältigt, stoppt euch der nächste Auftrag wie eine harte Betonwand, was ziemlich irritierend wirkt. Außer auf dem harten Schwierigkeitsgrad sorgt dies allerdings nie wirklich für ernsthaften Frust, man kommt letztlich halt doch weiter.

Das Hauptproblem liegt eher an der Tatsache, dass die Abwechslung irgendwo verloren geht. Zwar bietet jedes Gebiet eine eigene Persönlichkeit mit vielen Fallen und Interaktionsmöglichkeiten, doch die eigentlichen Aufträge weichen selten von dem typischen "Töte X-Anzahl an Feinden" ab. Selbst die Bosskämpfe laufen bis auf zwei Ausnahmen eher gleich ab.

Dennoch muss ich gestehen. Ich hatte damit überhaupt kein Problem. Im Gegensatz zu Platinums anderen Titeln folgen die abwechslungsreichen Missionen nicht so dicht aufeinander, dafür sind die wenigen aber richtig gut und lockern das Geschehen gekonnt auf. Sogar die Bosskämpfe haben mir alle gefallen, da jeder Feind eure Reflexe auf verschiedene Weisen fordert, selbst wenn sich ihre Angriffe spieltechnisch nicht so stark unterscheiden.

Beim Kampfsystem sieht es da schon besser aus. Auch hier hält sich das Team im Gegensatz zu Bayonetta stark zurück, was aber auch daran liegen kann, dass der Titel ursprünglich als Multiplayer-Spiel konzipiert wurde und viele Dinge aus etwa Bayonetta dort nicht funktionieren würden.

Anarchy Reigns - Gameplay-Trailer

Demnach habt ihr weniger Angriffskombinationen zur Auswahl, die ihr dafür aber taktisch einsetzen könnt und immer noch weit über den meisten Konkurrenz-Titeln liegen. Wenn ich von einer kleinen Enttäuschung spreche, dann nur, weil es sich hier um Platinum Games handelt. Die eingesetzten Komponenten funktionieren trotz geringerer Vielfalt einwandfrei, aber insgeheim hat man schon auf mehr gehofft.

Ihr habt zwei normale Angriffe, die ihr je nach Timing zu mehr oder minder starken Kombos ausbauen könnt. Dazu hat jeder Charakter eine Killerwaffe. Bei Jack aus Mad World ist es beispielsweise seine Doppel-Kettensäge. Diese ladet ihr durch erfolgreiche Treffer, Blocks oder eingesteckten Schaden auf und setzt sie in zwei Stärkestufen ein. Dabei müsst ihr aber den Feind in der passenden Situation treffen, damit er die Waffe nicht abblockt.

Neben diesen normalen Fähigkeiten habt ihr eine Ausweichrolle, Sprungattacken, Griffe und Gegenstände, die ihr in Kisten findet. Die Finesse hinter jeder einzelnen davon zeigt sich erst bei härteren Kämpfen. So lässt sich die Rolle nur dreimal in Folge ausführen, bevor eure Figur eine kurze Ruhepause einsetzt. Das mag man im Normalfall nicht einmal bemerkbar sein, wenn ihr aber einer längeren Kombo ausweicht, kann es zwischen Leben und Tod entscheiden, diese Informationen zu beachten.

Wer bei der ganzen Gewaltorgie ein dazu passendes Blutbad erwartet, verschätzt sich. Auch wenn die meisten Gegner beim finalen Schlag in einen Haufen Matsch explodieren, seht ihr keinen Tropfen Blut, sondern nur farbigen Schleim. Und es macht selbst mir als Gore-Freund überhaupt nichts aus, da es wunderbar zum sorgenfreien Ton des Spiels passt. Und ehrlich gesagt haben wir genug Spiele, die es mit der roten Farbe ein wenig übertreiben.

Zudem hat Anarchy Reigns den großen Vorteil, dass sich jede Bewegung und sämtliche Treffer perfekt anfühlen. Egal ob ihr nun eine Kombo ausführt, eure Killerwaffe einsetzt oder eine Ausweichrolle vollführt, erhaltet ihr großartiges Feedback, das durch viele Kleinigkeiten erzeugt wird. Von den kurzen Pausen, die knapp vor einem starken Treffer eintreten, über die stets passenden Kameraschwenks bis hin zu Schlaggeräuschen, fügen sich alle Elemente wie Puzzelteile zusammen. Nur wenige Entwickler verstehen dieses Handwerk so gut wie Platinum.

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Anarchy Reigns - Bayonetta-Trailer

Obendrauf hat der Titel einen der besten Soundtracks, der eure Motivation beim Spielen anfeuert. Die Mischung von Hip Hop mit Elementen aus Rock, Jazz, Electro und Funk funktioniert so gut, dass ich sogar beim Schreiben dieser Zeilen die Songs im Hintergrund laufen habe. Wenn man Lieder wie Kill Em All (http://www.youtube.com/watch?v=7dVKMla1LAY ) hört, wie kann einem dabei nicht das Adrenalin in den Körper schießen, während man angetrieben von der Musik die Feindeswellen dezimiert.

Natürlich kann diese Wirkung nicht das restliche Gameplay komplett umdrehen. Doch wer bereits bei noch simpleren Kampfsystemen wie in No More Heroes Freude findet, weiß, welchen Einfluss das restliche Spielgefühl ausüben kann. Daher empfehle ich Anarchy Reigns wirklich nur dieser Zielgruppe uneingeschränkt. Wenn ihr bereits bei ein paar kurzen Spielszenen zittrige Finger bekommt und mit der Tatsache leben könnt, dass der Inhalt abseits der Kämpfe quasi nicht vorhanden ist, werdet ihr euch problemlos mit dem Prügelfest anfreunden.

Für alle anderen wird es da schon schwieriger. Im Singleplayer fehlt es neben abwechslungsreichen Inhalt an mehr Variationen im Kampfsystem. Vor allem, da ihr hier nicht alle Kämpfer ausprobieren könnt und die meiste Zeit nur mit den beiden Protagonisten durch die Areale streift. Es ist verständlich, dass man in ein Spiel, das sich hauptsächlich auf den Multiplayer konzentriert, kein Kampfsystem mit ellenlangen Kombos à la Bayonetta einbauen konnte. Das nimmt allerdings dem Singleplayer ein wenig das Feuer, ohne den das Team wiederrum eine stärkere Online-Komponente hätte entwickeln können.

So bleibt es ein gelungenes Projekt unter seinem Potential, auf das man aufbauen kann. Trotzdem sollte man eines beachten: Es macht einfach verdammt viel Spaß. Obwohl mein Kopf alle Fehler innerlich wiederholt, blende ich es in den Kämpfen einfach aus und absorbiere alle positiven Dinge. Wenn es euch an manchen Tagen in euren virtuellen Fäusten juckt, ist Anarchy Reigns die beste Antwort. Immer mitten in die Fresse rein!

Anarchy Reigns erscheint in Europa für Xbox 360 und PlayStation 3 am 31.03.2013. Die japanische Version in Japan erhältlich und das sogar komplett in englischer Sprache.

7 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Anarchy Reigns - Test Björn Balg Wenn sich Single- und Multiplayer gegenseitig Stücke vom Kuchen prügeln. 2012-10-17T16:40:00+02:00 7 10

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