Giana Sisters: Twisted Dreams - Test

Rayman? Mario? Ich bitte euch. Was ist das schon gegen zwei Schwestern aus den 80ern.

Wow! Einfach nur wow. Die Musik, der Look, das Feeling der Steuerung, Giana Sisters: Twisted Dreams wurde aus purer Nostaleugierde gekauft und nun… wow. Gutes wow.

Ok, zurück auf den Teppich der Tatsachen und wo er herkam. Black Forest Games klingt wie eine Hinterhofgarage in der Nähe von Freiburg, ist aber ein Studio von recht ansehnlicher Größe - knapp 50 Leute immerhin - und auch alles andere als unerfahren. Die meisten waren zuvor bei dem zuletzt finanziell gescheiterten Traditionshaus - in der Branche darf man das bei "seit 1994 dabei" auf jedem Fall sagen - Spellbound Entertainment beschäftigt. Dort erschien 2009 Giana Sisters DS und.. war gut.. wirklich ok… nicht viel mehr. Etwas zu unauffällig, um Ekstase auszulösen. Man muss auch dazu sagen, dass der Kult von Giana Sisters in erster Linie eh aus der Amiga-Ära kam, wo es als ebenso dreister wie kompetenter Mario-Klon gefeiert wurde. Andere Zeiten.

Zurück zu Giana Sisters: Twisted Dreams und wow! in 2012. Über Kickstarter das Geld geholt, das Ganze von Project Giana in Twisted Dreams umbenannt - wundert euch nicht über die Youtube-Titel, es ist das richtige Spiel -, mit Hingabe und Können entwickelt und so sieht dann aus, was dabei herauskommen kann: Schlicht DAS Jump´n´Run des Jahres. Ende gut, alles gut.

Ok, fürs Erste genug geschwärmt. Zeit, dass ich mich ein bisschen einfange und euch erzähle, was ihr euch für etwas mehr als einen Zehner auf die PC-Platte holt. Derzeit ist dies die einzige Plattform, PS3 und 360 sollen vielleicht im nächsten Jahr folgen. Installiert und gestartet, beschleicht einen sofort dieses Post-Retro-Gefühl, dass da ein Klassiker nun mit neuer Technik arbeitet und ja, Chris Hülsbeck blieb der Serie treu. Nach so wohligen Klängen folgt das Intro. Es gibt eine Story um die beiden Schwestern und eines Tages werde ich das Intro zu Ende gucken. Bis ich jedoch so gelangweilt bin, dass ich die Story eines Plattformers angucke, vergeht hoffentlich noch viel Zeit. Also in den Level gestürzt und schlicht erschlagen worden von der visuellen Pracht.

Das Halloween-Setting mit weichem Hülsbeck-Sound im Herzen schafft es doch glatt, endlos detailverliebt zu sein, ohne dabei die Übersichtlichkeit zu verlieren. Das ist ein seltenes Ereignis, aber ihr habt nur wenig Zeit, milde beeindruckt zu sein. Dann nämlich fordert euch das Spiel auf, per Tastendruck zur anderen Schwester zu wechseln. Und alles verändert sich.

Wirklich alles. Die Welt verwandelt sich in weniger als einer Sekunde absolut fließend von Faschings-Halloween in eine Art Elfenwunderland. Die Musik spielt fließend weiter, ohne auch nur einen Takt auszusetzen, nur das jetzt ein paar E-Gitarren und ein anderer Eindruck von Tiefe und Hall dazukommen - der Beitrag von Machinae Supremacy, einer schwedischen Metal-Band mit genug Retro-Sound-Appeal, um sich für so was zu empfehlen. Die Monster mutieren ebenso nahtlos von Teufelchen und Dämonen in dicke Flughühner und andere seltsame knuddelige Viecher. Dass die Spielfigur nun auch etwas punkiger aussieht, fällt im Rausch der ersten, jederzeit verfügbaren, beliebig oft und schnell durchführbaren Wechsel gar nicht auf.

Die Wechsel sind aber nicht nur optischer Natur, sondern das entscheidende Spielelement. Eine Figur dreht eine Pirouette in der Luft, um weiter zu segeln, die andere führt einen Feuerball-Angriff aus, der gezielt steuerbar viel weiter trägt als jeder Sprung. In der einen Welt bewegen sich Plattformen im, in der anderen gegen den Uhrzeigersinn. In der einen gibt es sie, in der anderen nicht. Monster verhalten sich anders, alles ist anders.

Und doch irgendwie gleich. Es ist eine kaum genug zu würdigende Leistung, mit welcher Akribie sich Kleinigkeiten anpassen, wenn aus einer grausigen Hand unter Wasser eine Wasserpflanze wird, eine Knochendeko sich etwas Knuffeliges verwandelt. Es passt von vorn bis hinten, es ist durchdacht und stimmig, es ist wunderschön. Und zwar alles an diesem Spiel.

Sogar die Spielbarkeit. Wer Angst hatte, dass diese ob der Pracht vielleicht in Vergessenheit geraten könnte, findet sich im besten Sinne getäuscht. Giana Sisters: Twisted Dreams spielt sich wie ein Traum. Blödes Wortspiel, ich weiß. Billig und schändlich. Ich nehme es aber nicht zurück. Es spielt sich wirklich einfach traumhaft. Exaktes Sprungverhalten, genau einschätzbare Super-Moves und Pixel-präzise Aufgaben, die mit diesem Eigenschaften harmonisch Hand in Hand gehen. Nun, die Kollisionsabfrage bei den Monstern könnte etwas präziser sein. Und einige Passagen sind vielleicht zu sehr auf den einzelnen, genau zu erreichenden Pixel gezimmert. Ein wenig Frust muss wohl sein.

Aber zum einen sind dies nur wenige Stellen in einem allerdings auch sonst alles andere als einfachem Spiel, zum anderen gibt euch das Spiel die Werkzeuge, um sogar so genau springen zu können, so schwer es mitunter auch sein mag. Ihr müsst nicht einmal die richtige Figur wählen, um einen Move zu nutzen. Drückt ihr die Taste für eine Spezial-Attacke oder Sprung, schaltet das Spiel von alleine zur richtigen Figur. Solange ihr beim Drücken des Knopfes im Hinterkopf hattet, dass durch den Wechsel eben auch mal eine Plattform vielleicht nicht mehr da ist, weil sie nur in einer Welt existiert, folgt der perfekte Wechsel-Angriff/Sprung mit nur einem statt zwei Tastendrücken. Solches Streamlining der Steuerung ist einer der Gründe für Giana Sisters' grenzperfekte Spielbarkeit. Und habt ihr nicht daran gedacht, was beim Wechsel passiert, dann sterbt ihr. Etwas, das hier häufig passieren wird.

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Der Frust über Tode hält sich in Grenzen, da ihr unendlich Leben habt und im normalen Modus die Rücksetzpunkte sehr fair verteilt sind. Sterbt ihr hundertmal und schafft es im hundertersten Anlauf, ist es für das Vorankommen durch die 25 oder so Level - drei Welten, drei Bosse - herzlich egal, nur für das Rating nicht. Hier zählt, am besten in einem Rutsch durchzukommen und alle Kristalle einzusammeln. Da diese teilweise nur über gut versteckte optionale Kammern erreichbar sind, liegt hier ein hoher Wiederspielwert in den Leveln gleich mit versteckt. Wem das nicht reicht, der versucht sich an Hart und Über-Hart. Einmal ohne Rücksetzpunkte und einmal ohne ein zweites Leben. Bis ihr da durch seid, sollte die Fortsetzung fertig sein.

Das ist das Problem mit den ganzen vielversprechenden Indies aktuell: Da hat man mal einen nicht immer im Blick und dann wird daraus hinter dem eigenen Rücken eines der Besten seines Genres. Ubisofts Rayman und Nintendos Mario sind vielleicht die großen Platzhirsche - gab es da nicht mal noch einen Igel? - aber hier und jetzt, in diesem Moment der Zeit, ziehen die Giana Sisters an ihnen vorbei. Das mag sich auf der Wii U wieder drehen und sowieso ist nichts für die Ewigkeit. Doch hier und jetzt ist Giana Sisters: Twisted Dreams nicht nur das aktuell schönste Jump´n´Run. Es hält spielerisch auf dem obersten Level mit, es ist ein modernes Spiel im besten Sinne und es kostet ein Taschengeld. Wenn ihr als Hüpf-Freunde - egal, ob retro oder modern - das nicht kauft: Was zur Hölle wollt ihr denn noch?

Giana Sisters ist auf Steam, GamersGate oder Good Old Games erhältlich. Der Steam-Preis ist 15 Euro, auf Good Old Games zahlt ihr dank welweit einheitlicher Dollar-Preise nur etwa 12 Euro. Aktuell gibt es noch auf allen Plattformen einen Rabatt von 10 Prozent zur Einführung des Spiels.

9 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Giana Sisters: Twisted Dreams - Test Martin Woger Rayman? Mario? Ich bitte euch. Was ist das schon gegen zwei Schwestern aus den 80ern. 2012-10-24T12:00:00+02:00 9 10

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