Gebraucht, aber erwünscht - Ein Blick auf den japanischen Second-Hand-Markt

Warum Japan gespielte Spiele liebt und welchen Einfluss dies auf die restlichen Verkäufe hat.

Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass irgendeine Persönlichkeit aus der Spieleindustrie den Gebrauchtmarkt kritisiert und Händler wie GameStop als den zentralen Grund für schlechte Verkäufe anklagt. Was mich dabei immer gewundert hat, ist die Zurückhaltung japanischer Publisher, die nie wirklich den Markt im Fernen Osten kritisieren. Denn hier spürt man nirgendwo auch nur einen Hauch von Abneigung gegenüber den Gebrauchthändlern.

Das liegt nicht daran, dass der Markt hier in Japan klein wäre. Ganz im Gegenteil. Bei meinem ersten Besuch im Tokyo-Stadtteil Akihabara wäre ich beim Laufen fast über meine eigene Kinnlade gestolpert. Ich habe einen ganzen Tag gebraucht, nur um im Zentrum alle Läden einmal abzuklappern und kurz die Regale durchzustöbern, was bei der Größe teilweise ziemlich schwer fällt, wenn man sich nur mit Seitwärtsschritten und angehaltenem Atem zwischen den Regalen bewegen kann.

Aber nicht nur im Nerd-Mekka findet ihr diese Läden. In quasi jeder Stadt befinden sich mehrere Niederlassungen von großen Ketten wie Trader oder Book Off, die neben Videospielen auch Bücher, Filme, Musik und sämtlichen anderen Kram anbieten.

Die wirkliche Faszination beginnt aber erst in den Läden selbst, sobald man sich ein wenig umschaut. Zum Vergleich noch einmal kurz die relativ häufigen Umstände in einem Gebrauchtladen bei uns in Deutschland. Die Regale für die Spiele sind in Deutschland meist zu klein, schlecht sortiert und alle Titel liegen aufeinander, sodass ihr in jedem Abschnitt die Hüllen einzeln herausziehen müsst, um das Cover genau zu erkennen. Dann werden die Verpackungen ohne jegliche Sorgfalt reingelegt und hässliche Sticker aufgeklebt, die man nach gut einem Monat nicht mehr abkriegt und das Cover für immer verunzieren.

Die typische Situation in einem japanischen Laden: Selbst auf kleinster Fläche bieten riesige Regale genügend Platz für alle Produkte.

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Und die Hälfte ist sowieso Fifa.

Dagegen die typische Situation in einem japanischen Laden: Es wird selbst auf kleinster Fläche durch riesige Regale genügend Platz für alle Produkte geboten, die sorgfältig und alphabetisch eingeräumt werden, sodass der Kunde alles auf einen Blick hat und leicht sein gewünschtes Produkt findet. Ich konnte wirklich keinen Fehler entdecken. Alles lag dort, wo es sein sollte.

In fast jedem Laden, den ich besucht habe, werden sogar die gebrauchten Spiele in leicht zu entfernende Hüllen gepackt, um sie vor weiteren Schäden zu bewahren. Ernsthaft, manchmal musste ich mich extra versichern, nicht doch einen neuen Titel in den Händen zu halten. Der Zustand ist selbst bei älteren Spielen auf dem Niveau der Neuware. Und keine hässlichen Sticker kleben direkt auf der Hülle, da sie alle auf die Folie gepackt werden. So soll es sein!

Eine Hand wäscht, aber was ist mit der anderen?

Gut, als Käufer sieht die Sache nun super aus. Doch was passiert, wenn man auf die andere Seite wandert und die Rolle des Verkäufers an den Laden übernimmt? Jeder, der diese Erfahrung in Deutschland gemacht hat, weiß sicherlich, dass man von verschiedensten Händlern mit Preisen über den Tisch gezogen wird, die in keinem Verhältnis zu dem Erlös stehen, den der Laden dann von einem anderen Kunden dafür verlangt. Eine Tatsache, die ich aus erster Hand bestätigen kann, da ich vor einigen Jahren in einem dieser Läden gearbeitet habe. Obwohl man bei jedem Spiel den zu Beginn beinahe unverschämt tiefen Ankaufspreis erhöhen kann, wird jeder Angestellte dazu angehalten, dies nur in Ausnahmefällen oder bei einer besonderen Promotion-Aktion zu tun.

In Japan erhaltet ihr bei manchen Gebrauchtspielen sogar bis zu 80 Prozent des Verkaufspreises.

Und wer ein paar Euro Abzug in Kauf nehmen musste, weil sein Spiel zerkratzt war und der Händler die Reparatur bezahlt haben möchte, wurde auch hier übervorteilt. Es entstehen dem Laden in der Regel keine Nebenkosten und meist wandern die Spiele über die Zentrale nur zu einem anderen Laden.

All den Stress könnt ihr in Japan zum Glück vergessen. Hier erhaltet ihr bei manchen Exemplaren sogar bis zu 80 Prozent des Verkaufspreises. Ihr könnt also ein Spiel, über dessen Qualität ihr euch nicht im Klaren seid, als Neuware kaufen und es später wieder verscherbeln, ohne große Verluste einzustecken. Bei sehr beliebten Neuerscheinungen ist es zumeist sogar billiger als die Videothek für eine Woche zu bezahlen.

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Aber wenigstens gibt es optionale Spiel-Versicherungen für Personen mit temperamentvollen Freundinnen.

Zudem werdet ihr als Kunde über die Preise ständig informiert, da sie für neue Titel im Laden überall ausgestellt werden. Und ihr müsst nicht gleichzeitig ein neues Spiel kaufen, um einen besseren Deal für eure alte Ware zu erhalten. Für alle Versionen bekommt jeder, solange sie in einem einwandfreien Zustand sind, die gleiche Summe in Bar ausgezahlt. Auch belästigt euch kein Verkäufer mit zusätzlichen Diensten, die nichts außer unnötigen Kosten bringen.

Bei so einem Standard stellt sich natürlich die Frage, warum es in Japan vonseiten der Publisher keinerlei Beschwerden gibt. Wenn die Läden den Kunden so gut behandeln, die Qualität auf dem Stand der Neuware ist und die Preise gerecht bleiben, müssten dann nicht die Absätze der Neuverkäufe darunter leiden?

Kein Stück. Die Japaner kaufen weiterhin neue Spiele ein, als würde es bereits in der nächsten Minute keine mehr geben und haben hinter den USA weltweit die zweitgrößten Absatzzahlen. Woran das liegt? Nun, für mich gibt es hauptsächlich zwei unterschiedliche Gründe.

Im Nippon stimmt der Gegenwert

Der erste liegt in direkter Verbindung mit den Gebrauchthändlern. Da man als Kunde hier einen sehr guten Preis für ein neues Spiel erhält, das gerade erst auf dem Markt erschienen ist, macht man nach ein bis zwei Wochen später kaum Verluste beim Verkauf.

“Ich habe mir Persona 4: The Golden direkt gekauft, weil ich das Spiel liebe. Außerdem konnte ich es nach dem Durchspielen verkaufen und mir etwas Neues holen.”, verriet mir ein Kunde im Laden. Als ich ihm von den Preisen bei uns erzählte, die man für ein gebrauchtes Spiel erhält, war er erstaunt. “Wenn ich so wenig bekommen würde, hätte ich es wahrscheinlich behalten und ein billigeres Spiel gekauft.”

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Und die Sorgfalt der Läden ist nicht einmal einer der beiden zentralen Gründe.

Viel zu oft unterschätzen Publisher leider auch die positiven Aspekte des Marktes. Die meisten Absätze erzielen fast alle Spiele sehr nahe an der Veröffentlichung. Wenn jemand ein Spiel wirklich haben möchte, kauft er es sich direkt oder bestellt es vor. Die wenigsten warten gezielt auf einen Preisfall, außer ihr Interesse ist von vornherein nicht groß genug. Ungewollte Titel für etwas Geld beim Neukauf einzutauschen, ist für viele die einzige Möglichkeit, jeden Monat mit dem Kauf der Neuveröffentlichung mitzuhalten.

Trotzdem könnte man den japanischen Standard nicht so einfach für den Westen kopieren und dann mit ähnlichen Resultaten rechnen. Dafür sorgt der zweite Grund, der viel mit dem allgemeinen Konsum in Nippon zusammenhängt.

Ich habe hier vielerorts die Erfahrung gemacht, dass die Japaner keine Probleme damit haben, viel Geld auf einmal auszugeben, was mich in den ersten Wochen hier immer wieder überraschte. Selbst bei den astronomisch hohen Preisen, zögert kaum jemand, die Scheine auf den Tisch zu knallen und beispielsweise im Restaurant mehr zu bestellen als man eigentlich essen kann. Kaum wendet man den Blick für ein paar Sekunden vom Nachbartisch, schon hat sich die Gruppe zehn Teller randvoll mit Essen bestellt, von denen am Ende des Abends locker vier oder fünf unangetastet übrig bleiben.

Dieser Umgang mit Geld zieht sich quasi durch alle Situationen. Hinzu kommt die Liebe für neue Dinge. Es ist ihnen sehr wichtig, stets die neusten Geräte oder verbesserten Iterationen des Vorgängers zu besitzen. Sei es nun das neue iPhone 5 oder Dragon Quest X. Japaner kaufen gerne und schauen dabei weniger auf den Preis. Eine Diskussion über ein Spiel, das für 15 Euro 'nur' vier Stunden Unterhaltung bietet, habe ich hier bisher bei keinem gehört. Jetzt vergleicht das mit den Wutausbrüchen, die bei uns sowie jedem anderen Kommentarbereich weltweit stattfinden. Wir haben im Westen grundsätzlich einen anderen Bezug zu Geld, der mit dem der Japaner gegenläufig ist.

Am Ende ist es sehr schwer, die einzelnen Faktoren abzuwägen. Keiner - auch wenn es Michael Pachter sicherlich gern versuchen würde - kann vorhersagen, wie genau sich der Markt verändern würde. Und obwohl das japanische Kaufverhalten sicherlich nicht mit dem westlichen vergleichbar ist, so ist es dennoch ein deutlicher Hinweis dafür, dass ein starker Gebrauchtmarkt keinesfalls den Niedergang der Publisher bedeuten muss.

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