Karateka - Test

30 Minuten sind ganz schön knapp für wahre Liebe, gläubige Zuneigung und wilde Gier.

Es ist so selten, dass Jordan Mechner an einem Spiel mitwirkt und praktisch jedes Mal ist es etwas Besonderes. Ok, meistens ist es auch etwas mit Prince of Persia. Das Original, die Fortsetzung und das Reboot mit Sands of Time gehen auf sein Konto, also mehr oder weniger die unbestritten guten Teile. Bevor er jedoch die Idee der Rettung der Prinzessin durch einen Prinzen erdachte - oder, je nachdem wie man es sehen möchte, sie aus jedem Märchenbuch, das jemals erschien, entlieh - startete er 1984 auf dem Apple 2 mit Karateka. Wie auch beim Prinzen waren es die damals umwerfenden Animationen, die das Augenmerk auf sich zogen, aber auch die Prämisse konnte faszinieren. Schließlich hatte die Geschichte um einen Prinzen, der eine Prinzessin rettet ja auch sonst Erfolg. Warum gilt Mechner noch mal als so kreativ …? Oh ja die Animationen, richtig.

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Eine nicht sooo wählerische Prinzessin und eure drei ziemlich untalentierten Bossgegner.

Nun, fast 30 Jahre später sind tolle Animationen praktisch Standard, Motion Capture ist verbreitet und liefert tolle Ergebnisse und auch sonst ist alles möglich. Und nein, das Remake von Karateka wird von einem technischen Standpunkt aus niemandenumwerfen. Das 3D-Cell-Shading ist gelungen, die Kampfbewegungen flüssig und der etwas kitschige Comic-Japano-Hintergrund hübsch genug. Zeitgemäß, vorzeigbar, aber kaum beeindruckend. Für ein Mechner-Spiel ist das nicht gerade der Maßstab.

30 Minuten bis zum Glück.

Aber niemand würde heute ein Spiel konsequent auf eine Spielzeit von 30 Minuten mit nur einem Leben für den Helden trimmen. Oder? Nun, die 30 Minuten bleiben erhalten - mein erster Durchgang dauerte 31, um genau zu sein, danach waren es 28, der dritte sogar nur 27. Das ist nicht viel länger oder kürzer als es 1984 der Fall war, nur mit dem Unterschied, dass es damals praktisch niemand im ersten Anlauf durchspielte und auch nicht im 20ten. Das war ein ganz schön schwieriges Spiel. Karateka 2012 ist das Gegenteil und das liegt an dem neuen Kampfsystem.

Statt Laufen und Schlagen heißt es nun Blocken und Kontern. Die grundsätzlich Einer gegen Einen ausgetragenen Kämpfe sehen vielleicht ein wenig nach Street Fighter aus, aber ihr lauft praktisch nicht vor oder zurück und springen gibt es auch nicht. Einen ganzen Special gibt es und das ist ein sich auflandender Gratisangriff auf Knopfdruck. Statt also schnell in die Offensive zu gehen, lauscht und beobachtet ihr. Das Spiel gibt euch vor fast jedem Angriff einen akustischen Hinweis, wie viele Schläge kommen und damit, wie oft ihr auf die Blocken-Taste drücken müsst und auch wie schnell. Ein Ton, ein Schlag, zwei Töne, zwei Schläge, eine Art Jingle bedeutet schließlich eine Serienattacke. Das ist die ersten drei Gegner lang verwirrend, weil ihr es noch nicht kennt und es ist die letzten drei Gegner verwirrend, weil die sich nicht ganz daran halten und mehr visuelle Hinweise geben. Aber davon abgesehen ist ein auch nur vage talentierter Spieler praktisch garantiert zur erfolgreichen Rettung verdammt.

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Die Wachen haben einen Sinn für Drama, aber nur wenig Kampfinstinkte.

Nur mit wem ihr das schafft, das ist nicht mehr sicher. Statt nur einem Leben sind es nun drei und die sind sehr unterschiedlich, vor allem aus Sicht der zu rettenden Prinzessin. Der erste Kämpfer, mit dem ihr immer startet, ist der gut aussehende Prinz - selbst wenn nie gesagt wird, dass er etwas in der Richtung ist. Er ist die erste Wahl, denn alles, wofür Frauen sich interessieren, ist das Aussehen. Oder so. Er hat nicht viel Lebensenergie und eure Blocks müssen vom Timing her fast perfekt sein. Mit ihm durchzukommen, ohne auch nur bei einem Gegner zu versagen, ist wirklich nicht ganz einfach. Relativ zumindest, ich brauchte fünf Durchgänge. Stirbt er, tritt ein Mönch an seine Stelle. Er sah die Prinzessin für eine Sekunde, aber etwas in ihm hat ein Verlangen ausgelöst und nun will er sie retten. Liebenswert und für die Dame scheinbar immerhin akzeptabel. Schafft er es mit mehr Lebensenergie als sein Vorgänger ausgestattet auch nicht, springt Nummer drei ein. Ein grobschlächtiger Holzfäller, dick und stark. Nicht gerade GQ-Cover-Material, aber hey, immerhin ist er nicht der böse, sie schlagende Kriegslord, der sie gefangen hält und so freut sich ihre Hoheit auch über einen solchen Retter. Zumindest ein wenig.

Ist ein Holzfäller denn wirklich so schlimm?

Das Spiel gibt keine Hinweise zur Persönlichkeit der Drei und wer weiß, vielleicht ist der Holzfäller ein liebender, sorgender Familienvater und der der Schönling ein spielsüchtiger, treuloser Soziopath. Aber das hier ist ja ein Märchen und gleichzeitig der Schwierigkeitsgrad in einem sehr kurzen Spiel, das immer gleich abläuft, in dem ihr keine Kontrolle über den Weg habt. Gar keine, alle drei laufen auf immer denselben Schienen. Das nimmt mal gern jede Herausforderung aus dem Prozedere, wie auch immer sie aussieht.

Wie gesagt, selbst mit dem "Prinzen" durchzukommen, sollte euch nicht zu lange aufhalten, da ihr nach ein paar Runden sehr genau das Timing für jeden der immer gleich kämpfenden Gegner kennt und es auch keine unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade gibt. Sofern ihr dann nicht die Ambition habt, ohne Heilpunkte durchzukommen - eure Kämpfer heilen auch so zwischendurch ein wenig - oder es gar ohne einen einzigen Gegentreffer schaffen wollt, habt ihr Karateka spätestens nach einem Nachmittag abgehandelt. Und wenn euch der Holzfäller reicht, dann sogar in einer halben Stunde.

Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will. Aber gesehen müsst ihr sie haben! Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will.
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Die Angriffe des Falken sind ein simpelster Reaktionstest. Also nicht so viel anders als weite Teile des restlichen Spiels.

Karateka sollte nicht 10 Euro kosten. Oder es sollte wenigstens einen "Classic"-Modus mit nur einem Leben bieten. Eine Herausforderung halt, die nicht auf eurem Willen basiert, es der wählerischen Prinzessin recht zu machen. Obwohl, selbst das ist hier nicht so herausfordernd, wie es bei einem so kurzen, komplett linearen Spiel ohne irgendwelche Extras jenseits der Leaderboards sein sollte. Karateka 2012 ist ein umstrukturiertes Remake, das in kompletter Ignoranz seiner Zeit und seiner Umgebung lebt. Es ist schön, es macht diese paar Male, die ihr es spielt, Spaß, aber es überlebt sich auch sehr schnell.

Ich weiß nicht genau, wem ich es empfehlen würde. Die Fans des Originals - gibt es noch ein paar? - werden sich eine größere Herausforderung wünschen. Der Rest der Welt möchte ein Spiel mit deutlich mehr Substanz. Ein paar hübsche Animationen und eine ganz ordentliche Spielbarkeit reichen nicht mehr aus, wenn so manche Demo auf eine höhere Spieldauer kommt. Ich bin sicher nicht jemand, der "lang" bei einem Spiel automatisch als Bonus betrachtet, aber es gibt so etwas wie "zu kurz" und vor allem gibt es so etwas wie "substanzlos". Trotz all seines Charmes und seiner witzigen Idee der drei Retter komme ich nicht umhin, Karateka 2012 diese beide Dinge auch zu attestieren.

5 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Karateka - Test Martin Woger 30 Minuten sind ganz schön knapp für wahre Liebe, gläubige Zuneigung und wilde Gier. 2012-11-12T09:00:00+01:00 5 10

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