Sega Vintage Collection: ToeJam & Earl - Test

Haltet die rosa Nostalgiebrillen gut fest. Ansonsten könnte es ein böses Erwachen geben.

Fragwürdige Designentscheidungen

In meiner Kindheit hatte ich nie einen Sega Mega Drive. Ehrlich gesagt wusste ich damals nicht einmal, was ein Mega Drive war und Sonic kannte ich nur von den Spielstationen im Kaufhaus. Deswegen besitze ich keinerlei nostalgische Gefühle für Segas frühe Titel, die meisten lernte ich erst wesentlich später kennen.

Vielleicht kann ich deswegen den Reiz von ToeJam & Earl nicht verstehen. Zumindest auf der spielerischen Seite. Denn das generelle Design der beiden Aliens versprüht auch heute noch einen schönen 90er Charme. Turnschuhe, Kappe und Sonnenbrille, viel mehr hatte man ja nicht, um einen Charakter als cool darzustellen.

Blendet man diesen Aspekt zusammen mit der möglicherweise vorhandenen Nostalgie aus, bleibt besonders vom ersten Teil nicht mehr viel übrig. Nachdem das Alien-Duo mit seinem Raumschiff auf unsere Erde prallt, verteilen sich zehn Bauteile auf insgesamt 25 Ebenen. Auf diesen sucht ihr entweder nach einem Schiffsteil oder lauft direkt zum Aufzug, der euch weiter nach oben befördert.

Da die komplette Karte zu Beginn verdeckt bleibt und jedes Areal bei einem Neustart zufällig generiert wird, zieht ihr ahnungslos durch die Landschaft, bis ihr endlich fündig werdet. Das Ganze wäre vielleicht nicht ganz so öde und eintönig, wenn die Ebenen selbst genügend Abwechslung böten. Spätestens im vierten Gebiet habt ihr jedoch alle drei Landschaftstypen und Objekte gesehen und im späteren Verlauf kommen bloß neue Feinde hinzu.

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Die 90er in einem Bild zusammengefasst.

Was die Entwickler sich bei diesen dachten, weiß ich wirklich nicht. Sie scheinen nur gekommen, um euch auf die Nerven zu gehen und das Spiel auf eine unfaire Weise schwerer zu gestalten. Da ihr euch äußerst langsam, schwammig und verzögert auf den isometrischen Ebenen fortbewegt, kann euch alles mit ein wenig mehr Tempo sehr leicht treffen. Ihr fühlt euch nie wirklich bemächtigt, sinnvolle Gegenwehr zu bieten und eure einzige Chance in späteren Situationen sind sowieso die Items, die überall in Geschenken versteckt sind.

Dummerweise ist die Hälfte von diesen ist komplett sinnlos und kann euch teilweise sogar das Leben kosten, ein paar weitere beschleunigen wenigstens das eigene lahme Tempo oder helfen euch über Hindernisse. Lediglich zwei Gegenstände dienen zur Beseitigung eurer Gegner und sogar hier kommt euch die die ungenaue und ganz und gar nicht intuitive Steuerung in die Quere.

Das Spiel arbeitet gegen sich selbst und zerstört die gelassene Atmosphäre, die es zu Beginn erschafft. Wenn es einfach nur darum gehen würde, die Atmosphäre und gelungene Musik zu genießen, könnte ich dies einem 20 Jahre alten Spiel verzeihen. Doch in der zweiten Hälfte verwandelt es sich in eine krampfhafte und überhaupt nicht unterhaltsame Dauerflucht über den Bildschirm und die einzigen Momente der Erholung erfahrt ihr zwischen den Ebenen. Durch den Zwang der zufällig gestreuten Items und Gegner, die oft nicht zusammenpassen, entstehen unfaire Situationen, die euch den letzten Nerv rauben.

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Zumindest ist die Aufmachung im Auswahlbildschirm schön anzusehen.

Es ist eine interessante Idee, ein Spiel langlebiger zu gestalten. Doch wenn das Gameplay nicht um das Konzept herum aufgebaut ist, zerfällt das Kartenhaus nun mal. Denn ohne passende Gegenstände habt ihr keine Chance, den Schaden zu umgehen und werdet in wenigen Sekunden vernichtet oder zu einer früheren Ebene zurückgeschickt. Durch das Quicksave-Feature der Vintage Collection konnte ich meinen Frust reduzieren aber wirklich Spaß außerhalb der ersten Ebenen oder dem geheimen Bonuslevel mit 1Up-Limonade und Jaccuzi hatte ich keinen.

Das zweite Spiel: Panic on Funkotron

So einen Genrewechsel zwischen zwei Spielen sieht man nicht alle Tage. Während euch der Erstling auf isometrischen Plattformen ohne Hilfe auf die Suche nach Bauteilen schickt, präsentiert sich Panic on Funkotron als waschechter Plattformer, bei dem ihr entlaufene Erdlinge einfangt. Leider schützt es den Titel nicht vor weiteren Fehlern.

Zuerst einmal muss ich das Verhalten beider Figuren kritisieren, die sich recht steif bewegen und keinerlei Momentum bieten. Selbst bei Sprüngen habt ihr wenig Kontrolle über eure Figur, die eher zu schweben scheint. Dadurch werden die ohnehin schon seltenen Sprungsequenzen zur mittelschweren Katastrophe, sobald sie hohe Präzision verlangen.

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Wenigstens sieht die Grafik nicht mehr nach Master System aus.

Ansonsten macht der Titel auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Ihr habt in Form von Gläsern endlich eine Waffe, mit denen ihr die fliehenden Erdbewohner ergreift. Ein Pfeil am unteren Bildschirmrand zeigt euch die Positionen der Personen, die ihr dann hinter Büschen oder Steinen findet und kleine Minispiele lockern die Suche auf. In den Arealen selbst verstecken sich unglaublich viele Geheimnisse, die zusätzliche Gegenstände oder Leben bereithalten, und bieten einen zusätzlichen Reiz für Highscore-Jäger.

Wiederholung bis zum Tod

Bis zum fünften oder sechsten Abschnitt scheint so alles ganz ordentlich zu funktionieren. Danach kam die plötzliche Wende und ich hatte das Gefühl, den kompletten Titel immer wieder in Dauerschleife zu spielen. Keine neuen Feinde, das Design der späteren Level ändert sich kaum und immer mehr Erdlinge lassen jeden weiteren Abschnitt nur nach mehr Arbeit aussehen. Dass diese eine unglaubliche Anzahl an Treffern aushalten, macht die Kämpfe weder schwerer noch interessanter. Es macht den gesamten Ablauf nur noch nerviger und zieht die Auseinandersetzungen unnötig in die Länge.

Ich war wirklich froh, als ich alle 17 Level beendet hatte. Die Streckung und Dauerbeschallung mit Feinden hat den anfänglichen Spaß komplett zerstört. Startet lieber im einfachen Modus, da der spätere Ballast das Erlebnis so nicht nennenswert schmälert und nach fünf Abschnitten das Ende folgt.

Was ich noch anmerken sollte, ist der Multiplayer-Modus in beider Spiele, der entweder lokal oder online funktioniert. Mit einem Freund an der Seite ist die Jagd ein bisschen angenehmer, macht es allerdings nicht weniger repetitiv. An der schönen Menü-Präsentation hat sich derweil nichts geändert, sie ähnelt stark den vergangenen Vintage Collections. Weitere Funktionen, Inhalte oder Boni fehlen dafür immer noch.

Es macht mir wirklich keinen Spaß alte Spiele, mit denen viele aufgewachsen sind, so zu zerlegen. Doch im Fall von ToeJam & Earl ist keiner der beiden Titel gut gealtert und ich müsste mich selbst belügen, um die Erfahrung schönzureden. Falls ihr nostalgische Erinnerungen an zumindest ein Alien-Abenteuer habt, könnt ihr euch diese Vintage Collection kaufen, um die positiven Gefühle noch einmal aufleben zu lassen. Alle anderen sollten die zehn Euro lieber sparen oder in die Monster World Collection investieren.

4 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Sega Vintage Collection: ToeJam & Earl - Test Björn Balg Haltet die rosa Nostalgiebrillen gut fest. Ansonsten könnte es ein böses Erwachen geben. 2012-11-12T12:00:00+01:00 4 10

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