Yakuza 5 - Der Japan-Simulator

Jetzt auch mit Taxifahrten und Game Shows.

Sega hat es endlich geschafft. Vergesst alle dummen Minispiele und Aufgaben, die ihr bisher erlebt habt. Yakuza 5 hat die Killer-App schlechthin, die eigentlich alleine das Cover zieren sollte. Streicht von mir aus den restlichen Titel und macht ein eigenes Spiel daraus. Worum handelt es sich bei dieser Wunderwaffe? Taxifahren.

Dabei meine ich nicht ein wahrscheinlich unter Drogeneinfluss konzipiertes Crazy Taxi. Das Kutschieren von Personen in Yakuza 5 ist so nah an der Realität, dass man es fast als Simulation bezeichnen könnte. Um möglichst viele Punkte zu erhalten, beachtet ihr den Straßenverkehr, überschreitet nicht die Geschwindigkeitsbegrenzung, wartet vor roten Ampeln und setzt bei jeder Abzweigung rechtzeitig den Blinker.

Und das schreibe ich vollkommen frei von jeglichem Sarkasmus. Es gehört zu den erfrischendsten Dingen, die ich jemals in einem Open-World-Spiel tun durfte. Ich ärgere mich, wenn ich einen Passanten auf dem Zebrastreifen übersehe, die Kreuzung falsch einschätze oder mit dem japanischen Linksverkehr mal wieder nicht klarkomme. Vielleicht verstehe ich auch jetzt, was viele so interessant an monotonen Simulatoren finden, selbst wenn die Dinger ein wenig hübscher aussehen könnten.

Den Immersions-Regler auf 11 gedreht

Doch viel wichtiger ist, dass sich in dieser banalen Aufgabe die Identität von Yakuza 5 widerspiegelt. Es überrascht euch an jeder Ecke mit Spielmechaniken, die ihr niemals erwartet hättet, und bringt eine neue Form des Realismus mit sich. Ich empfand schon den dritten Teil vor drei Jahren als recht authentische Erfahrung. Nachdem ich aber nun ein paar Monate in diesem Land gelebt habe, kann ich die Detailverliebtheit noch stärker wertschätzen. Wer das Geld für eine Reise nicht aufbringen möchte, kann so virtuellen Urlaub machen. Es vermittelt das perfekte Gefühl einer japanischen Großstadt.

Yakuza 5 überrascht euch an jeder Ecke mit Spielmechaniken, die ihr niemals erwartet hättet.

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Exakt wie in der Spielhalle. Nur mit viel weniger Leuten.

Die meisten Personen schreien euch nicht hinterher, wenn ihr sie anrempelt, manche entschuldigen sich sogar. In den Arcade-Hallen von Sega dürft ihr Taiko no Tatsujin oder Virtua Fighter 2 spielen, Fotos in dämlichen Posen machen und euch darüber freuen, wenn ihr Objekte aus dem echten Gebäude in Akihabara wiedererkennt. Richtig gespenstig wurde es dann, als ich einen Getränkeautomat fand, der nicht nur genauso aussah wie der vor meiner Haustür, sondern darüber hinaus jedes einzelne Getränk in der richtigen Reihenfolge hatte. Ja, im Grunde ist es Werbung, jedoch in einer recht passiven Form. Es verstärkt die Immersion und ich hätte am liebsten noch mehr Marken und Gebäude gesehen, die ich kenne. Ich war wirklich traurig, als ich über Automaten stolperte, die nur erfundene Getränke beinhalteten.

Charaktere mit neuen Aufgaben

Aber zurück zum Taxifahren, das die Geschichte des fünften Teils einleitet. Nach den Ereignissen im letzten Yakuza, versucht sich Serienveteran Kazuma Kiryu von seiner Vergangenheit abzukoppeln und nimmt einen Job als Fahrer in Fukuoka an, dessen Umgebung auf der gleichnamigen Stadt basiert. Dort kann er seinem Schicksal nicht sehr lange entgehen und wird zu Beginn der Handlung in erneute Intrigen verwickelt. Ich gebe an dieser Stelle ehrlich zu, dass ich nicht wirklich viel verstanden habe und nur dem groben Rahmen folgen konnte.

Im Verlauf der Geschichte übernehmt ihr wie im vierten Teil auch andere Charaktere. Dieses Mal sind es sogar vier, wobei eine Person ganz besondere Gameplay-Elemente mit sich bringt. Haruka Sawamura hat es nach ihrer Zeit im Waisenhaus zum Popsternchen geschafft. Ihr folgt ihr also zu Fernsehinterviews in verrückten Game Shows und müsst dabei auf eure Antworten oder Reaktionen achten. Während musikalischer Auftritte absolviert ihr Rhythmus-Spiele, die stark an Segas Hatsune-Miku-Serie erinnern und dementsprechend auch zu den besten Minispielen gehören.

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Egal ob es sich um Musik-, Essen- oder Quiz-Shows handelt, im japanischen Fernsehen scheinen sich alle die gleichen bunten Hintergründe zu teilen.

Jeder Charakter bietet dem Spieler seinen ganz eigenen Zeitvertreib. In den Bergen auf Tierjagd gehen oder den Baseballschläger schwingen könnt ihr nur mit der passenden Person. Die restlichen Hobbys dürfen zumindest von allen vier männlichen Protagonisten erledigt werden. Wieder mit dabei sind natürlich die Hostessen, deren Aufmerksamkeit ihr mit dem richtigen Geldbetrag erlangt und danach mit zu diversen Aktivitäten nehmt. Es ist seltsam, fühlt sich unglaublich falsch an und gerade deswegen bleibt es der originalen Erfahrung äußerst treu.

Mit Fäusten lassen sich alle Probleme lösen

Während sich Haruka durch Interviews und Auftritte kämpft, erledigen die restlichen Figuren ihre auf der Straße. Die Schlägereien sind das zentrale Spielelement der Reihe. Während ihr zwischen Aufträgen und Minispielen durch die Gassen der insgesamt fünf Orte streift, stoßt ihr immer wieder auf pöbelnde Personen, die euch zum Kampf auffordern. Betrachtet sie einfach als Zufallskämpfe.

Im Gegensatz zu den vergangenen Iterationen erwartet euch nun kein Ladebildschirm mehr, sondern das Geschehen wechselt nach einem kurzen Spruch eures Widersachers direkt in den Kampf über. Meist gesellen sich noch ein paar Kollegen dazu, die ebenso eine Abreibung genießen möchten. Passanten transformieren sich in interessierte Schaulustige, die erschreckt zurücktreten, falls ihr ihnen bei den Gefechten zu nahe kommt.

Passanten transformieren sich in interessierte Schaulustige, die erschreckt zurücktreten, falls ihr ihnen bei den Gefechten zu nahe kommt.

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Jedes Objekt hat seinen eigenen Finisher.

Am Kampfsystem haben die Entwickler nicht viel verändert. Noch immer ladet ihr durch erfolgreiche Schläge und Schritte eure Heat-Leiste auf, um so stärkere Angriffe oder Finisher auszuführen. Zu eurer Verteidigung könnt ihr entweder blocken oder einen Ausweichschritt anwenden, dessen Timing auch dieses Mal sehr merkwürdig ausfällt. Ihr könnt keine Aktionen abbrechen und müsst quasi sehr passiv spielen und gezielt auf gegnerische Angriffe warten, damit ihr eine Chance zum Ausweichen habt.

Die Umgebung lässt sich derweil wieder zu euren Gunsten einsetzen. Greift Fahnen, Mülleimer oder Stühle und wedelt sie wild umher. Das versprochene Feintuning bemerkte ich dabei nicht. Auch Yakuza 5 spielt sich recht steif, was jedoch einen gewissen Charme versprüht. Wer japanische 3D-Brawler kennt oder einen der alten Teile gespielt hat, weiß genau, wovon ich rede. Entweder man kommt damit zurecht oder lässt es gleich sein.

Blutige Updates und plastische Upgrades

Woran jedoch geschraubt wurde, ist die Anzahl eurer Angriffsmöglichkeiten. Besonders die Finisher wurden stark ausgebaut. Die größte Freude während der Kämpfe liegt in der Entdeckung neuer Manöver. Führt einen Finisher mit dem Fahrrad in der Hand aus und ihr radelt mit voller Kraft auf den Fiesling zu, um seinen Kiefer mit dem Gestell zu begrüßen. Oder ihr packt einen der Kollegen am Kragen, tragt ihn zu einem Straßenpfeiler und zertrümmert daran sein Steißbein. Gefundene oder in Läden gekaufte Waffen könnt ihr ebenfalls benutzen. Generell solltet ihr euch zwischen den Missionen immer gut vorbereiten und genügend Vorräte einpacken.

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Die neue Engine steht den Figuren gut.

Zu den Verbesserungen in Yakuza 5 gehört ebenfalls eine neue Engine. Zwar erweist sich das Kantenflimmern weiterhin als deutliche Schwäche, lässt sich anhand des hohen Detailgrads allerdings leicht verschmerzen. Die fünf Gebiete reichen in ihrer Gesamtgröße nicht ganz an ein Grand Theft Auto heran, sprühen dafür aber vor liebevoller Authentizität. Eine deutliche Weiterentwicklung zeigen die Charaktermodelle, selbst wenn nur wichtige Personen in der Story ein Schönheits-Upgrade bekommen haben. Normale Passanten müssen weiterhin mit matschigen Gesichtern durch die Straßen geistern.

Aber genug gemeckert. Yakuza 5 ist ein verdammt schönes Spiel. Und es ist endlich eines, das die Technik für die richtigen Zwecke einsetzt. Einige Bewegungen und Effekte mögen recht seltsam wirken, doch es ist die Detailverliebtheit der Städte, die Yakuza zum Leben erweckt. Man fühlt sich an jeder Ecke in japanische Orte versetzt und wird Stück für Stück in die Welt gezogen. Folgt ihr zu Beginn noch stupide den ersten Aufträgen, befasst ihr euch später immer mehr mit optionalen Dingen, die in ihrer Ausführung so banal und trotzdem irgendwie spaßig sind. Nur hier kann eine Taxi-Simulation neben Straßenkämpfen funktionieren, in denen ich wie ein Saiyajin anfange zu leuchten und Fieslinge mit Autotüren verprügle.

Leider konnte ich der Handlung nicht sehr genau folgen, die wie immer einen zentralen Teil der Erfahrung ausmacht. Eine Wertung entfällt also bis zur englischen Version, die hoffentlich noch dieses Jahr erscheinen wird. Da Sega auch die letzten Spiele bisher alle in den Westen gebracht hat, mache ich mir über eine Umsetzung keine großen Sorgen. Bis dahin werde ich aber nicht warten und zwischendurch immer mal wieder zurückkehren. Denn Yakuza 5 mag nicht alle Probleme aus der Welt geschafft haben, doch es ist ohne Zweifel der beste Teil einer sehr guten Serie. Das Warten beginnt.

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