Nora Tschirner über Tomb Raider - und Synchronisation in Deutschland

"Die Sachen, die ich da im Synchronstudio verzapfte, kannst du auf einer Leinwand nicht bringen."

"Die Sachen, die ich da im Synchronstudio verzapfte, kannst du auf einer Leinwand nicht bringen."

Wenn Ikonen von einst zum Comeback ansetzen, dann soll das tunlichst das in gebührendem Rahmen geschehen. Im kommenden März kehrt schließlich niemand Geringeres als die First Lady der Videospiele auf die große Bühne zurück: Lara Croft. Als Sprungbrett dient eine im Serienvergleich offenbar beispiellos aufwendige Produktion, Entwickler Crystal Dynamics feuert mit dem neuen Tomb Raider definitiv aus allen Rohren. Doch Square Enix machte nun sogar das Casting der deutschen Synchronstimme zum Event.

Mit Nora Tschirner (MTV VJane, 'Keinohrhasen', demnächst 'Tatort') engagierte man ein It-Girl ohne Halbwertszeit und eines der bekanntesten Gesichter des Landes. Als ich mich zum Gespräch mit der 31-jährigen Berlinerin in der Hauptstadt treffe, ist da natürlich meine erste Frage, ob der Tomb-Raider-Spieler nicht Gefahr läuft, die Tschirner im Kopf zu haben, wenn die Croft den Mund aufmacht. "Das war tatsächlich auch eine meiner Befürchtungen", gesteht Tschirner. "Und ich habe das auch ganz früh mit Square Enix besprochen. Würde mich das als Gamer eventuell nerven, wenn ich eine Figur spiele, die ich mit etwas ganz bestimmtem verbinden kann, die aber von jemandem gesprochen wird, den ich erkenne?"

Eine Berlinerin gibt 'die Croft'

Square habe ihre Bedenken allerdings durch einen anonymisierten Casting-Prozess zerstreut. Kenntnis davon, welcher Sprecher sich hinter den jeweiligen Testaufnahmen verbarg, hätten die Verantwortlichen also nicht gehabt. Schwer zu glauben? Auch ich dachte erst an bewusstes und öffentlichkeitswirksames Stunt-Casting, als ich von der Verpflichtung der Schauspielerin hörte. "Also, wahrscheinlich ist nicht das große Weinen ausgebrochen, als ich es dann war und man wusste, man kann jetzt auch zwei, drei Interviews unterbringen", lenkt Tschirner ein. "Ich finde das auch vollkommen legitim. Auf diese Art kann man ja auch der Türöffner für bestimmte Medien sein."

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Nora Tschirner beim Treffen in Berlin - so locker muss man auf dieser Couch erstmal sitzen.

Über allem stehe für sie aber die Qualität. "Trotzdem muss dann auch der Inhalt der Dinge stimmen, die man gemacht hat. Und es ist mir sehr wichtig, keine Scheiße zu bauen. Als ich gemerkt hab, ich kann mich so reinarbeiten, dass ich hinter der Rolle zurücktrete und mit der Stimme der Figur diene, dachte ich, 'das kann gut werden'". Die ersten ungefähr zwanzig Minuten, die ich mit der eingedeutschten Version verleben durfte, ließen zumindest bei Laras Monologen keine Zweifel daran zu, wie ernst die junge Hauptstädterin den Job offensichtlich nahm.

Dabei haben Lara und sie gar nicht so viel gemeinsam. Tschirner als das sinnbildliche Berliner Gör auf der einen und die adlige Hobbyarchäologin Croft auf der anderen Seite - wie bringt man das effektiv zusammen? "Dafür habe ich beim Synchron immer eine Regie, die als Korrektiv arbeitet. Da kam früher öfter mal eine diesbezügliche Ansage, mittlerweile seltener", erklärt sie. "Bei Lara gab es tatsächlich auch Posh-Momente, gerade wenn sie rumläuft und jede zweite Ming-Vase im Regal genau rückdatieren kann. Da habe ich dann auch mal die Ansage bekommen, hier einen Hauch studierter, aristokratischer rüberzukommen. Viel Praxis in der Synchronisation sammelte sie vor allem dabei, sich selbst in verschiedenen deutschen Film-Produktionen nachsprechen zu müssen. "Das ist natürlich eine gute Übung. Selbstverständlich ist es dann noch etwas anderes, einen anderen Charakter zu sprechen, aber das Handwerkszeug ist dasselbe. Du merkst, du kannst deine Stimme von dir loslösen und damit sehr, sehr präzise und virtuos arbeiten und bist einfach viel handlungsfähiger".

Komfortzone ade!

Doch auch mit Blick auf ihr bisheriges Werk scheint Nora Tschirner nicht unbedingt für ein hartes Action-Abenteuer prädestiniert zu sein, kennt man sie doch ansonsten eher aus leichtherzigeren, lockereren Produktionen. Gerade deshalb war es für sie eine interessante Herausforderung. "Bei Tomb Raider war das eine Riesenfreude. Die Leute sagen immer, man hätte nur die Stimme. Aber ganz im Gegenteil". Stattdessen könne man über seinen Körper noch viel mehr als gewöhnlich verfügen, erzählt sie. "Die Sachen, die ich da im Synchronstudio verzapfte, kannst du auf einer Leinwand nicht bringen. Was ich da körperlich mache - als Erstes mache ich immer das Licht aus, bis auf die kleine Leselampe, die das Skript anleuchtet, man sieht mich also gar nicht. Ich finde man hat in diesem Raum alle Möglichkeiten der Welt, um die Stimme zu lenken, sie zu verändern. Und das macht Riesenspaß, ich bin da am Rumturnen als wäre es ein Abenteuerspielplatz."

"Diese körperlichen Urlaute sind eigentlich lediglich eine Sache der Überwindung."

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Die Berlinerin macht ihre Sache dem ersten Eindruck nach wirklich gut. Die Frage ist, ob die übrigen Rollen ebenso treffend besetzt wurden.

Und wenn es dann auf dem Bildschirm doch mal hart wird, muss man nur aus sich herausgehen. "Diese körperlichen Urlaute sind eigentlich lediglich eine Sache der Überwindung. Das Problem hatte ich früher mal, mit Anfang 20, dass ich dachte, 'ich will aber nicht so laut sein'. Und jetzt denke ich immer 'Ooooh, Schmerzszene, ja!'". Wo ihr diese harten Bandagen, die das Spiel auffährt, gerade deshalb gut gefallen haben, stellten die dramatischen Szenen dagegen eine große Herausforderung dar. "Die viel schwierigen Sachen sind die emotionalen. Die Szenen, in denen man völlig synchron sein, sich gleichzeitig aber das Heulen auch selbst noch glauben muss."

Bei den mit acht Studiotagen recht langen Synchronaufnahmen - für Disney Pixars 'Merida - Legende der Highlands' habe sie sechs Tage benötigt, was schon beachtlich gewesen sei - lagen der Schauspielerin auch die Spielszenen als Referenzmaterial vor. Es mag seltsam erscheinen, aber das ist ein Luxus, den viele andere Sprecher von Spiele-Synchronisationen nicht haben. Für Tschirner ein No-Go, und eine Situation, der sie sich bei der Arbeit an Tomb Raider nur wenige Male stellen musste. "Das ist ja der Horror. Ich glaube, wir hatten etwa 20 bis 25 Takes, wo wir in einer ähnlichen Situation waren, das waren aber nur Kleinigkeiten und die sorgten direkt für Unmut im Team. Da waren wir direkt immer so ... [macht ein ratloses Gesicht] 'WAS?'. Du merkst in diesen Situationen einfach, es gibt ein Königreich an Möglichkeiten, was dort gemeint sein könnte - selbst wenn du das Spiel und die Situation eigentlich kennst."

O-Ton-Fan am Mikro

"Es ist schon gut, wenn man dann das Bild dazu hat. Wäre auch schade drum. Die Animation ist doch so detailreich und toll und dann legst du da eine Stimme drüber, die irgendwie im Dunkeln rumtappt, das ist doch total verschenkt", so Tschirner. Sie selbst schaut allerdings Filme und TV-Serien lieber im Originalton. Auch wenn sie zwischen Realfilm und Animationen eine klare Linie zieht. "Für mich ist der Unterschied, ob es um etwas Animiertes oder real Gefilmtes geht. Wenn ich einen Menschen sehe und dessen Stimme subtrahiere, ist das etwas anderes, als wenn es ein künstlich erschaffener Charakter ist, der von allen Seiten mit Leben gefüllt werden kann."

"Hierzulande hat sich eine bestimmte Art Synchron-Ästhetik entwickelt seit ... eigentlich schon immer."

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'Action-Filme in Deutschland? Sag mir, wenn es losgeht, dann mache ich mit!' - Tomb Raider ist für Tschirner eine willkommene Abwechslung.

Doch auch andere Faktoren sieht sie klar und deutlich. "Dann entscheidet sich die Qualität der Synchronisation auch an der Frage des Aufwandes, wie viel Zeit nimmt man sich? Das ist manchmal eine Geldfrage, manchmal auch nicht. Manchmal ist es wirklich eine reine Frage des Anspruches". Beinahe wertfrei nimmt sie sich an dieser Stelle der Frage der Synchron-Kultur in Deutschland an."Hierzulande hat sich eine bestimmte Art Synchron-Ästhetik entwickelt seit ... eigentlich schon immer. Wir sind einfach an eine bestimmte Art zu sprechen gewöhnt, die nichts mehr mit dem Original zu tun hat und auch nichts damit, wie irgendjemand in Deutschland ansonsten spricht."

Sie sehe hier eine "völlig eigene Sprachlandschaft", die über die Jahre kultiviert wurde und die man ihrer Meinung nach "reformieren" könne. Das gehe allerdings gegen Hörgewohnheiten. "Auch da gibt's dann wieder tausend Leute, die finden, 'das klingt überhaupt nicht, das hat nicht genug Druck'. Da sagen andere, wie ich zum Beispiel, 'wenn ihr findet, das hat genug Druck, finde ich es zum Kotzen'". Geschmacksfrage? Sicher. Zumal es ihrer Ansicht nach auch Beispiele für wirklich gute Synchronisationen gibt. Luise Helm, die deutsche Stimme von Scarlett Johansson hebt sie hier besonders lobend hervor. "Man kann es schon gut machen, aber darüber, was 'gut' ist, gibt es eben tausend verschiedene Ansichten."

Unschärfe durch logistische Herausforderungen

Und dann ist da noch die Frage der Übersetzung. Zwar hat man bei einigen Synchronisationen das Gefühl, bestimmte Sätze hätte man auch auf fünf treffendere Arten übersetzen und damit weniger gestelzte wörtliche Rede erzielen können. Doch hier setzt vor allem ein gewisser Stille-Post-Effekt ein. "Man muss auch bedenken, die größte Diskrepanz besteht zwischen den Machern, die einfach die Sprache nicht sprechen und den Leuten, die das hier umsetzen, denen es aber ein bisschen egaler ist", findet Tschirner. "Das gilt natürlich nicht für alle, es gibt wie gesagt ganz tolle Leute im Synchronbetrieb. Aber die sitzen jetzt natürlich nicht da und halten stundenlang Rücksprache mit Amerika, ob eine Formulierung jetzt so oder so die beste Entsprechung ist".

"Man muss auch bedenken, die größte Diskrepanz besteht zwischen den Machern, die einfach die Sprache nicht sprechen und den Leuten, die das hier umsetzen, denen es aber ein bisschen egaler ist"

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Bis einer weint.

Beim Thema Lippensynchronität ist man dann noch gar nicht angekommen. "Hinzu kommt die Einschränkung, dass man es so lippensynchron wie möglich hinbekommen muss. Von den fünf Möglichkeiten, von denen du gesprochen hast, kommen somit auch nicht wirklich alle infrage". Harte Arbeit also, bis man mit dem Resultat zufrieden sein kann. "Die Regisseurin, mit der wird das hier gemacht haben und unser Sound-Mann, wir waren da als Team auch extrem penibel. Bei Square Enix ist das glücklicherweise eben auch gewollt. Was wir da diskutiert haben über einzelne Sätze, damit es so nah wie möglich ans Original kommt und den Tomb-Raider-Geist einfängt."

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Auch wenn sie im Verbund mit Regie und Toningenieur Einfluss auf das Skript nehmen kann, ist ihr Star-Status jedoch kein Freibrief, allein die Zügel in die Hand zu nehmen. "Nun ja, hier heißt nicht, 'was Nora sagt, ist hier Gesetz'. Wir müssen uns da schon abstimmen", bei ihren eigenen Filmen sei das etwas anderes, so habe sie sich bereits bei einer englischen Produktion selbst synchronisieren müssen. "Da gab es Momente, in denen ich mich geweigert habe, Dinge zu sagen, die der Verleih wollte. Wo ich gesagt habe, 'Entschuldigung, aber da hättet ihr am Set schon sagen müssen, dass ich das später so behämmert sagen muss. Wenn ich den Satz auf Englisch hätte sagen müssen, hätte ich es nicht gespielt'. Aber bei Tomb Raider bin ich letztlich nicht diese Instanz. Daher war es um so angenehmer, weil wir alle im Synchronteam einer Meinung waren und gemeinsam daran herumfrickeln konnten und das dann bei Square Enix auch auf fruchtbaren Boden fiel. Da gab es diese Differenzen nicht."

Was die grundsätzliche Diskussion um O-Ton oder nicht angeht, muss man letzten Endes natürlich der Realität ins Auge blicken und attestieren, dass nicht jeder so fremdsprachenaffin ist. "Natürlich gibt es viele Leute, die können einfach nicht so gut Englisch", sagt Tschirner. "Wobei ich dann ja immer der Meinung bin, 'tja, sie schauen ja auch keine Filme auf Englisch' [lacht]. Da beißt sich die Katze ein bisschen in den Schwanz."

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