Arnie Roth im Interview: Wenn Final Fantasy die Philharmonie zum Beben bringt

Am Wochenende feiert Distant Worlds: music from Final Fantasy Deutschlandpremiere in München.

Ein Spiele-Klassiker als Quelle für klassische Musik? Wer Final Fantasy kennt, kann daran nichts Ungewöhnliches finden. Tatsächlich haben Konzerte mit der Musik aus der beliebten JRPG-Reihe seit vielen Jahren Tradition. Nur nicht in Deutschland. Das soll sich jetzt ändern. Über 100 Mitwirkende kommen in der Münchner Philharmonie für das multimediale Musik-Spektakel "Distant Worlds: music from Final Fantasy" zusammen, darunter die Münchner Symphoniker und der MünchenChor, wie auf der offiziellen Seite zu lesen ist.

Ich habe mit dem Dirigent und Grammy-Preisträger Arnold "Arnie" Roth via Skype gesprochen. Er leitet das Orchester und ist für das Projekt verantwortlich. Dafür arbeitet er auch eng mit Nobuo Uematsu zusammen, dem Komponisten der meisten Titel der Reihe.

Meine erste Frage an Roth ist eigentlich offensichtlich. Wie kam ein Künstler auf die Idee, mit Videospiel-Musik in der westlichen Welt zu touren? "Videospiel-Konzerte mit der Musik aus Final Fantasy gab es in Japan schon in den 90ern. Dort sind Videospiele generell viel stärker als Kunstform akzeptiert," erklärt Roth. "Bevor Final Fantasy in den Vereinigten Staaten bekannt wurde, war ein Konzert mit Musik aus einem Videospiel dort undenkbar. Das galt auch lange für Europa. Distant Worlds wird das erste offizielle Final-Fantasy-Konzert in Deutschland sein, zweimal waren wir in London und einmal in Stockholm. Wir freuen uns darauf, in Zukunft häufiger in Europa aufzutreten."

Und was reizt Roth an Final Fantasy? "Nobuo Uematsu betrat mit Final Fantasy ein ganz neues Feld - der exzessive Einsatz von Musik und orchestraler Untermalung war damals sehr ungewöhnlich. Heute wird er oft mit John Williams auf eine Stufe gestellt, dessen Kompositionen zu Star Wars die Leute noch summen, wenn sie längst aus dem Kino getreten sind. Hier gibt es viele Ähnlichkeiten - der Einsatz und die Variation von Motiven beispielsweise."

Helden mit Variationen

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Arnie Roth

Ich muss gestehen, dass ich mich zuvor noch nie intensiv mit der musikalischen Untermalung von Final Fantasy auseinandergesetzt habe. Klassische Musik? Ja. Filmmusik? Auch. Aber weshalb ist japans beliebteste RPG-Saga so etwas besonderes, wenn man sie mit anderen Spielen vergleicht? Roth geht ins Detail: "Das Besondere an der Musik in Final Fantasy war Nobuo Uematsus Entscheidung vor 25 Jahren, jedem Charakter ein eigenes musikalisches Thema zu geben. Darüber hinaus gibt es während der Kämpfe oder während man in bestimmten Gegenden der Spielwelt unterwegs ist, eigene Motive hierfür. Das entspricht im Grunde der traditionellen Art, klassische Musik zu komponieren. Dieses Konzept, ein japanisches RPG mit dem traditionellen Aufbau klassischer Musik zu verbinden, führt dazu, dass die Spieler ihr Motiv hören, während sie in die Rolle eines Helden schlüpfen. Während sich die Charaktere entwickeln, variieren auch ihre jeweiligen Motive."

Naja, werfe ich ein, so ungewöhnlich klingt das nicht. Es gibt schließlich eine Menge Ohrwürmer in Videospielen. Mario, Zelda, Metroid - die Liste ist endlos. Das Thema von Tetris war jahrelang mein Klingelton. Roth pflichtet mir bei: "Viele Leute erkennen das Hauptthema eines Spiels oder vielleicht die Musik, die während des einen oder anderen Levels spielt." Final Fantasy sei jedoch ein Spezialfall: "Eine so große Anzahl an Kompositionen und Variationen wie bei Final Fantasy bringen andere Spiele nicht mit. Es gibt außerdem eine riesige Fangemeinde, die diese Themen auswendig kennt, weil sie mit den Helden während hunderter Spielstunden vertraut wurden. Für Distant Worlds haben wir übrigens über 90 verschiedene Musikthemen in unserem Portfolio - Final Fantasy ist einfach übervoll davon. Das ist für ein Orchester eine echte Herausforderung: Musiker sind schließlich auch nur Menschen und können nicht fünf Stunden am Stück ohne Pause durchspielen."

Nun, das kann ich nachvollziehen. Mir waren schon 30 Minuten Klavierüben als Kind zu viel. Aber ich möchte nochmals auf ähnliche Veranstaltungen zu sprechen kommen. Was denkt Roth darüber? Wodurch unterscheiden sich solche Videospiel-Konzerte von dem, was die Musiker in München präsentieren werden? "Es gibt viele Konzerte, bei denen Videospiel-Musik interpretiert wird. Da hört man jedoch oft nur einzelne Motive, die dann von den Musikern selbst variiert werden" Doch Roth will solche Konzerte nicht schlecht reden: "das sind häufig großartige Veranstaltungen. Es gibt da zum Beispiel diese Zelda-Konzerte, bei denen die Musiker Kopfhörer aufhaben und dann bestimmte Szenen auf der Videoleinwand begleiten und die Themen aus dem Spiel unterschiedlich interpretieren." Das sei es aber nicht, was man mit Distant Worlds erreichen wolle. "Wir versuchen wirklich, so nahe wie möglich an der ursprünglichen Fassung zu bleiben. Auch wenn wir die Titel mit hunderten Künstlern auf der Bühne live spielen, ist die 'Urfassung' unser Ziel. Lied für Lied, Motiv für Motiv stammen aus 25 Jahren Final Fantasy - so wie man sie im Spiel gehört hat. Dabei merkt man auch, wie meisterhaft die Künstler damals mit ihren Möglichkeiten umzugehen wussten. Es ist sehr interessant, das zu vergleichen. Trotz der 8-Bit-Qualität damals haben die Komponisten etwas geschaffen, das auch heute neben unserer Orchesterversion bestehen kann."

"Videos sind nur Eye-Candy"

Bei so einer stattlichen Anzahl an Titeln ist die Auswahl für einen Abend sicherlich kein Pappenstiel. Wie geht Roth bei der Planung vor? "Wenn wir ein Konzert organisieren, stellen sich für mich als erstes Fragen wie: Wie viel Zeit haben wir zur Verfügung? Wie lange können wir proben? Gibt es einen Chor? Gibt es Solisten? Außerdem ist es wichtig herauszufinden, welche Final-Fantasy-Teile in dem betreffenden Land erschienen sind, wann sie dort herauskamen und welche Stücke die Leute kennen und mögen. Man möchte ja möglichst viele Fans mitnehmen. München ist ein Glücksfall, weil wir an zwei Abenden spielen, mehr Probezeit hatten und dadurch mehr Stücke spielen können. Wir werden an jedem Abend andere Titel auf der Liste haben."

"München ist ein Glücksfall, weil wir an zwei Abenden spielen, mehr Probezeit hatten und dadurch mehr Stücke spielen können. Wir werden an jedem Abend andere Titel auf der Liste haben."

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Und sind die Stücke aus Final Fantasy eher einfacher oder vom Niveau her schwieriger zu spielen? Wenn ich da an das Gedudel mancher anderer Machwerke denke, könnte sich ein seriöser Orchestermusiker doch etwas unterfordert fühlen. Wie ist das hier? "Wenn man die Musiker fragt, werden sie durch die Bank sagen, dass sich diese Stücke nicht weniger anspruchsvoll spielen als andere klassische Kompositionen," meint Roth. "Natürlich sind die Titel für die Musiker Neuland und was man nicht kennt, stellt immer eine gewissen Herausforderung dar. Auch wenn man Brahms, Beethoven oder Tschaikowski gewohnt ist, braucht man als Musiker da ein bisschen Zeit, um warm zu werden." Dann wird Roth kurz leidenschaftlicher im Ton: "Man begegnet immer wieder Leuten, die auf diese Musik wegen ihres Videospiel-Hintergrunds herabblicken und die Nase rümpfen. Ich halte das für eine sehr antiquierte Sichtweise. Ich habe in all den Jahren nicht einen Musiker getroffen, der nach einem Konzert gesagt hätte: 'Das gehört nicht auf die klassische Bühne'. Das ist Musik auf sehr hohem Niveau, wenn man das Arrangement und die Kompositionen betrachtet. Es spricht für sich, dass wir zwar Video-Leinwände haben und Spielszenen zeigen, die Leute aber trotzdem wegen der Musik kommen. Die Videos sind nur Eye-Candy."

Sind solche Video-Wände nicht furchtbar störend für die Musiker? Großbusige Anime-Schönheiten, langhaarige Manga-Heroen und groteske Monster in allen Variationen haben schließlich einiges Ablenkungspotential? Roth lacht: "Im Gegenteil: Die Musiker fänden es viel spannender, sich die Filme während des Konzerts ansehen zu können. Aber sie sind leider viel zu sehr mit spielen beschäftigt. Spaß beiseite - die Videos stören die Musiker nicht sonderlich. Das sind Profis. Und wie gesagt: Die Musik steht im Vordergrund." Roth überlegt kurz, fährt dann sehr ernst fort: "In den USA gibt es übrigens zahlreiche Konzerte mit solchen Videoleinwänden, was auch kommerzielle Gründe hat - schließlich müssen die Orchester zahlungsfreudige Investoren anlocken. Es sind harte Zeiten für den Kulturbetrieb in den Staaten. Auch in Europa sieht man vermehrt, dass öffentliche Gelder für Kulturveranstaltungen gestrichen werden. Gerade deshalb wäre es wichtig für Orchester, junge Hörer anzusprechen - eine Veranstaltung wie unsere ist dafür ideal. Mehr als die Hälfte unserer Zuhörer ist zwischen 22 und 55 Jahre alt. Videospiel-Konzerte bringen ausverkaufte Häuser und manche der Fans entdecken vielleicht nebenbei eine Leidenschaft für diese Musikform. Auf der anderen Seite helfen solche Konzerte dem Spiele-Genre, als Kunstform ernster genommen zu werden. Ich empfehle jedem Veranstalter, diese Musik in ihr reguläres Programm aufzunehmen und aktiv zu bewerben. Es wundert mich, dass nicht mehr Ensembles von sich aus solche Projekte umsetzen."

"Es wundert mich, dass nicht mehr Ensembles von sich aus solche Projekte umsetzen."

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Ich will wissen, ob es da keine Probleme mit dem Copyright gibt, wenn man nicht gerade mit den Machern bei Square Enix persönlich Freundschaft pflegt? Aber Roth sieht hier kein Problem: "Als Orchester ist es ein normaler Vorgang, für das Copyright an einem Stück zu bezahlen. Videospiele sind hier nicht teurer als die reguläre Musik, die man aufführt und lizensiert."

Die finale Oper? Könnte kommen.

Während des Gesprächs kommt mir ein interessanter Gedanke. Wäre Final Fantasy vielleicht auch für eine echte klassische Oper geeignet? Wenn man Roth zuhört, drängt sich der Eindruck schließlich auf, dass die Stücke das Potential hätten. Ja, sagt der Grammy-Preisträger, das habe man mehrfach diskutiert: "Ich habe mich tatsächlich mit Nobuo Uematsu über die Möglichkeit einer Opern-Fassung unterhalten. Final Fantasy 6 rückte da häufiger in den Fokus. Das Hauptproblem bei einer Oper wäre jedoch, eine eigene Story zu finden. Man kann ja nicht einfach die Charaktere aus der gesamten Historie der Final-Fantasy-Teile zusammenwerfen, nur weil ihre musikalischen Motive gut harmonieren. Damit hätte Square Enix Probleme - schließlich sind wir mit Distant Worlds offiziell lizenziert."

Und was gäbe es sonst noch für Möglichkeiten, die Live-Musik aus der RPG-Reihe unter die Leute zu bringen? "Wir arbeiten an einem Konzept für Final-Fantasy-Kammermusik - schließlich hat nicht jeder Veranstaltungsort Platz für ein ganzes Sinfonie-Orchester. Ich habe mit Nobuo auch über reine Gesangsveranstaltungen gesprochen - es gäbe sogar genug Material für ein Acapella-Projekt."

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Das klingt unterhaltsam - und sogar pädagogisch wertvoll. Gibt es eigentlich auch Schulklassen, die auf die Konzerte gehen oder Projekte in den Schulen zu diesem Thema? "Ich habe tatsächlich von Schulen gehört, die im Musikunterricht Final Fantasy als Einstieg für die klassische Musik verwenden," so Roth. "Das sollten unbedingt mehr Schulen tun. Man muss heutzutage die ausgetretenen Pfade verlassen, um junge Menschen für klassische Musik zu begeistern. In Amerika zum Beispiel ist es ein großes Problem, dass den Schulen das Geld für Musik- und Kunstunterricht gekürzt wird. Da sind neue Ideen gefragt."

So langsam bekomme auch ich Lust auf klassische Musik. Doch das kommende Wochenende könnte ein bisschen kurzfristig sein, um noch nach München zu pilgern und die Konzerte zu besuchen, gebe ich zu bedenken. Wie sieht es in Zukunft mit weiteren Terminen aus? "Der Veranstalter in Deutschland hat uns bereits nach weiteren Terminen für 2013 gefragt. Außer München könnte man auch noch andere Städte ins Auge fassen. Wir würden uns freuen, noch viele Male in Deutschland zu Gast zu sein."

Möglichkeiten zum Ticketkauf findet ihr auf der offiziellen Webseite.

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