LEGO City Undercover - Test

Walking on Sunshine: Das freundlichste GTA der Welt

Auf diesen diversen Präsentationen des Wii U-Portfolios vor dem Launch der Konsole gab es immer dieselben Schlangen vor bestimmten Spielen. Ubisoft schien nie genug Zombie-U-Stationen aufgebaut zu haben, gut, dass man Mario zu viert spielen konnte, das baute die Schlange schneller ab. Aber wie schon bei Sonic Racing Transformed, einem Spiel, dass sich aus dem Nichts als Mario-Kart-Killer entpuppte, musste niemand für Lego City Undercover anstehen. Niemand beachtete die kleinen Videos in der verschämten Ecke, manchmal war es gar nicht so richtig mit von der Partie. Warum, ist mir nach ein paar Tagen mit diesem Spiel ein komplettes Rätsel. Es ist aktuell das mit Abstand beste exklusive Wii-U-Spiel.

Wo kein Auge trocken bleibt

Die LEGO-Spiele waren nie schlecht, insoweit ist das jetzt keine große Überraschung. Solide bis gut oder sehr gut hat sicher jeder erwartet. Aber, dass das für Kinder erscheint, was GTA für Erwachsene ist - eine große, wuselnde, dicht gedrängte, lebendige Stadt mit tausend Möglichkeiten -, damit hatte ich jetzt so nicht gerechnet. Es sind nicht mal große Abstriche im Umfang oder der Komplexität nötig. Im Gegenteil. Aber dazu später mehr.

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Die Brücke, die Stadt dahinter, alles ist 'echt', begehbar, befahrbar, es ist echtes Open World.

Ihr schlüpft in die Rolle des Hard-Boiled Cops von Format, Chase, der zurück in die Stadt kommt. Wenn er noch was rächen müsste, hätten wir einen Sylvester-Stallone-Plot, aber auch so bleibt kein Auge trocken, wenn hier das Opus Magnum des Lego-Humors abgeliefert wird. Als ich anfing zu spielen, hatte ich keinen sehr guten Morgen, aber nach einer Stunde Lego City und zahlreichen Lachern, Dauergrinsen inklusive, war ich bester Laune. Der Intro-Song I´m Walking on Sunshine hätte nicht besser getroffen sein können, er ist manchmal ein bisschen peinlich, aber gleichzeitig unschuldig und unglaublich ansteckend fröhlich, ob man will oder nicht. So ist es auch mit dem Humor, der von Mission Impossible, über Matrix und Dark Knight bis hin zu Die Hard (!) und Die Verurteilten (!!!) reicht. Das ist sogar der Aspekt, der an vielen der Kids vorbeigehen wird. Während Papi sich auf dem Sofa wegschmeißt, fragt sich Sohnemann schon, was jetzt wieder mit dem Alten los sein könnte. Aber egal, hier gibt's Situationskomik von Slapstick bis hin zu komplett absurd - der Barsch frisst das Eichhörnchen ... -, von einfach nur dusselig bis hin zu trocken. Wenn es dann in Einzelfällen schon mal ganz schön zynisch oder subtil wird, überrascht das einfach und man merkt: Hier wird aus allen Rohren geschossen.

Nach einer Runde beim brüllenden Police-Chief inklusive Rookie-Partner ist das Buddy-Cop-Genre fürs Erste abgehandelt und ihr werdet auf die Stadt losgelassen. In dieser sind euch zu Beginn noch viele Bereiche verschlossen, häufig hört ihr, dass euch hier und da noch ein Kostüm oder eine Fertigkeit fehlt. So stürzt ihr euch erst einmal auf die ersten Hauptmissionen, die euch noch recht locker an die später erstaunliche Komplexität heranführen. Ihr sammelt nach und nach Kostüme ein und die wichtigen - die sich dank einer durchdachten Steuerung in einer Sekunde gezielt durchschalten lassen - haben besondere Fertigkeiten, um Hindernisse zu überwinden. Die Kombination dieser führt zu ein paar relativ ausgefuchsten Rätseln, die man dem System zuerst gar nicht zugetraut hätte. Wenn ich so drüber nachdenke: GTA hatte nichts in der Richtung zu bieten. Hier bleiben dagegen unglaublich viele dieser Momente hängen. Vom noch recht zahmen Gefängniseinbruch, der sich wie eine Mischung aus Prince of Persia und Splinter Cell spielt, bis zu einer Ausbaustufe des LEGO-Kataloges, mit der ich nicht rechnete.

Wenn Chase noch was rächen müsste, hätten wir einen Sylvester-Stallone-Plot, aber auch so bleibt kein Auge trocken.

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Oh ja. Oh f...ing, glorreiches JA, das gibt es!

Die Story mit den Tonnen an Witz und Charme biete den roten Faden, aber auch wie das Vorbild ist es eben nicht mehr als das: ein relativ gerader Weg durch einen Ozean von Möglichkeiten, die ihr euch nach und nach immer mehr erschließt. Lego City selbst ist dabei kaum kleiner als Liberty City, bietet auch die Brücken und Stadtteile, sogar recht grüne Vorstädte und Wäldchen, bis hin zu den Hochhausschluchten. Und überall pulsiert es. Überall sind LEGO-Figuren unterwegs, der Verkehr ist dicht und die kleinen und großen Details füllen jeden der vielen virtuellen Quadratmeter. Die Zahl an Neben-Missionen, Ostereiern und Mini-Aufgaben ganz am Rande, bis hin zu Zeugs, das man nur machen kann, weil es Spaß macht, ist so unübersichtlich groß. Selbst nach zwanzig oder mehr Stunden stieß ich noch auf Neues und eröffnete frische Möglichkeiten, die mein Spielfeld erweiterten. Und dann erreichte ich in den Hauptmissionen einen neuen Meilenstein, woraufhin sich mein Aktions-Radius wieder massiv vergrößerte. Nein, Lego City steht im Umfang seinen Vorbildern nichts nach.

Immer was zu tun, immer was zu finden

Dazu gehört natürlich auch, einfach mal jede Menge Blödsinn in der Open-World anzustellen. Ihr könnt zwar keine Prostituierte bezahlen und sie danach überfahren, um das Geld zurückzuholen, aber ganz zimperlich ist Lego City auch nicht. Ich war durchaus überrascht und erfreut, dass sich Chase als Polizist mit einem kurzen Satz jedes Auto schnappt und es ist möglich, einfach mal einen Mülllaster zu greifen, um zu gucken, ob man die Straßenbahn entgleisen lassen kann. Oder alle Bushaltestellen in einer Straße demolieren. "Uh, das gibt ne Delle!" war dann noch sein Spruch, als ich zwanzig Wartende am Bahnhof überrollte. Natürlich blutet oder stirbt keiner, es ist LEGO, es ist kinderfreundlich. Aber es wandelt schon irgendwo auf einem für Eltern wie Kinder gleichermaßen unterhaltsamen Drahtseil, wobei es immer wieder gerne auf die subversive Seite des Humors schielt. Ich rechne es LEGO City hoch an, dass es sich diese Blicke bewahrt hat.

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Steuert sich besser als GTA IV. Ich weiß. Das heißt nicht viel.

Vieles von dem, was an den Straßenecken und Missions-Orten eigentlich passiert, kennt ihr aus den anderen Lego-Spielen. Baut an der richtigen Stelle etwas zusammen, zerklopft an anderer Zeugs, um weiterzukommen. Die Free-Running-Prince-of-Persia-Moves sind sicher in der Form größtenteils neu und spielen sich sogar erstaunlich gut, aber immer wieder werdet ihr dann doch denken, dass ihr das schon mal so oder ähnlich in einem der gefühlt hundert andern LEGOs absolviert habt. Was jetzt nicht so schlimm ist, weil die kleinen Rätsel und Erkundungstrips auch beim hundert-und-ersten Mal noch Freude bereiten.

Vieles von dem, was an den Straßenecken und Missions-Orten eigentlich passiert, kennt ihr aus den anderen Lego-Spielen.

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Red Dead LEGO.

Neu ist vor allem in der komplett freien Form das Fahren, und wenn ich sage, dass es sich besser lenkt als GTA, dann heißt das jetzt noch nicht so viel. Aber es ist wirklich ok. Das Handling hätte von Auto zu Auto etwas differenzierter sein können, aber die Abwechslung ist sicher da und Cruisen immer wieder ein legitimer Zeitvertreib. Weit spannender ist jedoch die Jagd nach den Super-Steinen, mit denen ihr weit schneller an definierten Stellen Hubschrauberlandeplätze oder Fähren setzt, was euch die Stadt leichter zugänglich macht. Viele der Orte, an denen die Steine platziert wurden, sind kleine Rätsel in sich und hier kommt das erste Mal das GamePad der Wii U zum Zug, das bis zu diesem Punkt in erster Linie als Mini-Karte diente.

Das große Manko? Lange Ladezeiten. Das war es auch schon.

Um einen Stein zu finden, schaltet ihr an einem beliebigen Ort in den Scanner-Modus und schaut euch mit dem Pad um. Für Kinder ist es sicher natürlicher, sich 360 Grad um die eigene Achse zu drehen und von außen betrachtet das gesamte Wohnzimmer abzuscannen. So sehen sie auf dem kleinen Screen eine Gittersicht der LEGO-Umgebung, in der die Suche nach den Super-Steinen leichter fällt. Für mich als Couch-Hocker war das eher irritierend. Aber so oder so funktioniert es tadellos und bietet eine weitere der vielen Ablenkungen, die die Stadt zu bieten hat. Der Unterhaltungswert ist jedoch ebenfalls für Kinder sicher deutlich höher, als für jemanden der auf Spieleffizienz aus ist. Ich sehe es lieber so: Im Gegensatz zu Batman Arkham City stolpert das Spiel nie über seine Nutzung des Pads, aber es zieht auch keinen sonderlich großen Gewinn daraus und so halte ich eine Umsetzung auf einen einzigen großen Bildschirm für absolut möglich, wenn nicht sogar komplett problemlos und, jenseits von wahrscheinlich bestehenden Lizenzvereinbarungen, eigentlich für selbstverständlich.

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Knastbasketball darf in keinem Kinderspiel fehlen.

Sonst gibt es wenig zu meckern. Die Grafik ist detailliert, die Sichtweite hoch genug, in technischer Richtung gibt es eigentlich nur ein echtes Manko: Die Ladezeiten sind teilweise absurd hoch. Gestoppte 42 Sekunden von der Disc sind einfach zu viel, um die wenigstens sehr seltenen Übergänge so zu gestalten, dass sie einen nicht doch zum Handy oder einer anderen Ablenkung greifen lassen. Wo Assassin's Creed inzwischen sogar eine Art Minispiel einführte, gibt es hier nichts zu sehen, außer einer Lego-Polizeimarke, die sich dreht. Fast eine Minute lang. Als Download-Titel von dem internen Speicher aus läuft es ein paar Sekunden schneller, aber Rekorde werden hier auch nicht gebrochen.

Die Kamera ist trotz des größeren Spielfelds ein kleineres Thema als in den bisherigen LEGO-Spielen, wo sie gerne auch mal komplett aussetzte. Hier lässt sie zwar immer noch die eine oder andere Sprungpassage etwas schwerer werden, als sie sein sollte, aber das ist Kleinkram. Vor allem, weil Sterben nach wie vor praktisch nichts kostet. Eines solltet ihr jedoch wissen und auch bedenken. Waren die bisherigen LEGO-Spiele die besten Beispiele dafür, wie Eltern und Kinder zusammen spielen können und beide mit dem Spiel an sich Spaß haben konnten, ist das hier in Lego City vorbei. Undercover ist ein reines Solo-Spiel. Für den einen kein Thema, für den anderen ein echter Malus. Das wisst nur ihr selbst.

Waren die bisherigen LEGO-Spiele die besten Beispiele dafür, wie Eltern und Kinder zusammen spielen können und beide mit dem Spiel an sich Spaß haben konnten, ist das hier in Lego City vorbei.

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Blau ist hier die Farbe des Free-Runners.

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Ich habe schon lange nicht mehr so oft in einem Spiel gelacht, wie in Lego City Undercover. Vom leichtfüßigen Start bis zum furiosen Finale spielte ich so um die 80 Prozent der Zeit mit einem glücklichen Lächeln auch dem Gesicht und häufig sogar einem lauten Lachen im Hals. Dass es diesmal keine Lizenz gab, scheint viel von dem Humor befreit zu haben, der in dem Konzept steckte. Statt mit nur einen oder ein paar Filmen als Grundlage für den Humor leben zu müssen, machte TT Fusion einfach, wonach ihnen war. Mal trocken, mal absurd, mal unglaublich, aber immer humorvoll steckt hier viel Glück und Spaß drin.

Das Spiel selbst startet ambitioniert und es hält über die gesamte Dauer, was der Einstieg verspricht. Immer und immer wieder. Seiten-Mission über Sammelwut über Story-Quest, Rätsel über Racing-Einlage über Klettersequenz, als würde man mit dem, was in dieser riesigen Stadt steckt, die Einstiegsdroge für eine kommende GTA-Generation stellen wollen. Ich sage immer wieder, dass Spiele für Kinder nicht weniger komplex sein sollten, als es Spiele für Erwachsene sind. Sie sollten nur auf den roten Anstrich verzichten. Lego City Undercover gelingt nicht nur das, es lässt sehr viele erwachsene Spielewelten im Vergleich traurig wirken. Es ist dabei jedoch nicht "nur" das perfekte Spiel für Kinder, auch sonst verliert rote Farbe hier klar gegen Spielwitz und Humor. Es müssen schon die großen Hausnummern im Open World herhalten, um gegen Lego City bestehen zu können.

Das war ein Satz, von dem ich sicher nie gedacht hätte, ihn mal zu schreiben.

Wertung für Kinder (und jung gebliebene LEGO-Fans):

10 / 10





Wertung für anspruchsvolle Open-World-ler:

9 / 10

Unsere Wertungsphilosophie LEGO City Undercover - Test Martin Woger Walking on Sunshine: Das freundlichste GTA der Welt 2013-03-22T09:00:00+01:00 10 10

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