Fire Emblem: Awakening - Test

Ihr habt auf einen Grund für den 3DS gewartet? Bitte, hier ist er.

Gebt Intelligent Systems die Lizenz zu Game of Thrones. Ernsthaft, ich mache keinen Spaß. Fire Emblem: Awakening erinnert mich mehr an die Serie - oder Bücher, senkt also bitte die Mistgabeln - als das offiziell produzierte Spiel zur Vorlage. In der Rolle eures selbst erstellten Charakters übernehmt ihr die taktische Kontrolle einer mutigen Truppe, die für den Prinzen Chrom kämpft und sein Land Ylisse gegen eine drohende Invasion verteidigt. Innerhalb der Welt spinnen zahlreiche, nach Macht strebende Personen ihre Intrigen und zögern keine Sekunde, euch schamlos das Messer in den Rücken zu stechen, sobald ihr euch umdreht. Sogar ein paar dunkle Themen tauchen im Verlauf der Handlung auf oder werden zumindest suggeriert. Tauscht nun das Szenario nun gegen die Schlachten in Westeros aus, übernehmt das Genre des Taktik-Rollenspiels und wartet auf den Geldregen.

Eine Aussage dieser Art, die direkte Versoftung einer unglaublich großartigen und zu Recht beliebten Vorlage ohne Bedenken vorzuschlagen, käme mir normalerweise niemals in den Sinn. Vor allem wenn es sich um eine Lizenz handelt, die mir inzwischen so sehr ans Herz gewachsen ist. Und dennoch würde ich Intelligent Systems blindlinks mit der Aufgabe vertrauen, wenn sie die gleiche Sorgfalt an den Tag legen. Viel höher kann ich Fire Emblem: Awakening nicht loben. Es ist einfach so verdammt gut.

Perfektion einer Tradition

Dabei stützt sich der gesamte Titel weiterhin auf Spielmechaniken, die sich in über 20 Jahren nicht sehr stark weiterentwickelt haben. Noch immer basiert das Kampfsystem auf einem simplen Papier-Stein-Schere-Prinzip. Lanze besiegt Schwert, Schwert besiegt Axt und Axt besiegt Lanze. Natürlich verfeinern Einheiten mit Magie oder Bogen die Mixtur und auch alternative Waffen mit verschiedenen Attributen bieten dem Spieler vielfältige Möglichkeiten zur Strategie-Entwicklung.

Befindet sich bei einem Angriff eine weitere Figur neben eurem Kämpfer, erhält dieser einen Bonus. Zunächst zeigt sich dies nur in einer simplen Kraftsteigerung.

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Schaltet zumindest für die Sequenzen den 3D-Effekt ein. Es lohnt sich.

Auf den in quadratische Felder unterteilten Karten positioniert ihr jede Runde eure Charaktere und beachtet dabei die Vorteile bestimmter Auseinandersetzungen sowie die künstliche Intelligenz eurer Feinde. Selbst wenn ihr in einem Zug die Hälfte der feindlichen Angreifer niederstreckt, kann sich das Blatt schon in der nächsten Runde wenden, solange ihr nicht das Verhalten sowie den Bewegungsradius jedes einzelnen Trupps im Hinterkopf behaltet.

Fire Emblem: Awakening garniert die Rezeptur mit einem neuen Element, das die Zusammenarbeit mehrerer Charaktere ermöglicht. Befindet sich bei einem Angriff eine weitere Figur neben eurem Kämpfer, erhält dieser einen Bonus. Zunächst zeigt sich dies nur in einer simplen Kraftsteigerung. Da durch wiederholte Team-Manöver die Freundschaft zwischen den Charakteren steigt, weiten sich auch die möglichen Boni für den Kampf aus. Verstehen sich zwei Personen prächtig und stehen im Gefecht nebeneinander, blocken sie für euch die gegnerische Attacke, verhelfen zu einem Ausweichmanöver und verpassen dem Fiesling einen unfairen zweiten Schlag.

Bohr mir ein Kind

Sogar außerhalb der Schlachten wirken sich die Beziehungen untereinander aus. Zunächst in unterhaltsamen Gesprächen, die euch mehr über die Vorgeschichten oder Persönlichkeiten aller Figuren erzählen. Hier zeigt sich abseits der ohnehin schon kompetenten Handlung, wie stark Intelligent Systems den Umgang mit ihren Charakteren beherrscht, die sich nicht nur wie echte Personen anfühlen, sondern deren Schicksale euch interessieren. Spielerisch dürft ihr zwei Kämpfer sogar so zusammenführen, dass sie den Bund der Ehe eingehen und schließlich ein Kind zur Welt bringen, dass die Attribute und Fähigkeiten beider Eltern kombiniert. Entweder folgt ihr dabei eurem Gespür und paart Gefährten, deren Zusammenhalt für euch Sinn ergibt oder ich tauscht eure Gefühle gegen eiskalte Analysen aus, um die perfekten Soldaten zu züchten. Jedem das Seine. Macht, was ihr wollt.

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Eure Gefährten unterbrechen die Phasen der Gefechte öfters mit Dialogen.

Damit kommen wir auch zum nächsten und wohl wichtigsten Punkt für Neueinsteiger oder eingeschüchterte Spieler, die vor dem harten Schwierigkeitsgrad vergangenen Teile noch heute Albträume bekommen. Zentraler Punkt für viele Wutschreie ist der permanente Tod eurer Charaktere. Stirbt die Einheit während der Mission, ist sie für immer verloren, was neben emotionalen Folgen bei vielen Leuten für Kopfweh sorgt, weil gerade ihr bester Reiter nach stundenlangem Aufleveln gegen eine stink normale Wache sein Leben verlor. Die Kombination L-R-Start zum Soft-Reset avanciert in Fire Emblem zu einem treuen Begleiter.

Möchtet ihr daran erst gar nicht denken wollen, schaltet ihr zu Beginn eurer Kampagne in den Casual-Modus, in dem gefallene Kameraden im Anschluss an den Kampf weiterleben. In Verbindung mit drei - knallharte Profis schalten sogar einen vierten frei - Schwierigkeitsstufen, die sich an alle Gruppen richten, braucht ihr vor diesem Fire Emblem keine Angst mehr haben. Wer auf Normal ohne Permadeath spielt, dürfte ohne größere Probleme bis ans Ende der knapp 20 Stunden langen Kampagne gelangen. Serienveteranen empfehle ich einen ersten Durchgang auf schwer mit Permadeath, wobei hier nach den ersten Missionen ein starker Anstieg erfolgt. Nachdem alle Mechaniken ausführlich erklärt wurden und euch das Spiel ein Gefühl für das System entwickeln lässt, tritt es euch die Stützräder ohne Vorwarnung ab und stellt den nächsten Gang ein. Gewöhnt euch den Softreset früh an und lasst eure Kumpanen nicht sterben. Man könnte wirklich T-Shirts mit dem Aufdruck L-R-Start vermarkten.

Ertrunken in Inhalt

20 Stunden sind übrigens die Mindestdauer eines Durchgangs, wenn ihr auf den leichtesten Einstellungen spielt und alle Nebenmission ignoriert, die nach jedem Kapitel wie gern gesehenes Unkraut aus dem Boden sprießen. Sie fungieren nicht bloß als simpler Zeitvertreib, der euch zusätzliche Stunden Spielspaß verschafft. Nein, Nebenmissionen seht ihr nach kurzer Zeit mehr als glorreiche Möglichkeit zum Sammeln von Erfahrungspunkten an.

Außerhalb der Handlung sowie einer möglichen Rekrutierung neuer Charaktere, von denen insgesamt 40 existieren, bieten sie kaum einen Nebenwert, da ihr Aufbau nicht von den Hauptmissionen abweicht. Erwartet keine überraschenden Herausforderungen, wenn ich ältere Teile oder ähnliche Genre-Vertreter kennt. In diesem Bereich betritt selbst Awakening bekannten Boden. Vielmehr bieten sie eine Quelle zum Aufstufen eurer Figuren, die ihr besonders dann benötigt, falls ihr die Klasse wechseln wollt. Ab dem zehnten Level ändert ihr mit einem Gegenstand die kämpferische Ausrichtung eures Gefährten und schafft somit einen Trupp ganz nach eurem eigenen Willen. Als Ausgleich entzieht man ihm sämtliche Erfahrung und setzt den Armen auf null zurück.

Eine Kleinigkeit stört zwischendurch schon, wenn Füße der Charaktere im Boden zu versinken scheinen, doch dieser Anblick bietet sich eher selten.

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Einige der besten Handlungsstränge drehen sich um diese Person.

Bleibt eigentlich nur noch die technische Seite, um Fehler zu verbuchen. Aber auch hier leisten sich die Entwickler keinen Fleck auf ihrer weißen Weste. Ok, eine Kleinigkeit stört zwischendurch schon, wenn Füße der Charaktere im Boden zu versinken scheinen, doch dieser Anblick bietet sich eher selten. Ansonsten fällt mir zur audiovisuellen Gestaltung nur ein Ausruf ein. Wow! Angefangen bei den wunderschönen Zwischensequenzen im Anime-Stil, die durch den 3D-Effekt sogar noch intensiver wirken, über die flüssigen Kampf-Animationen bis hin zum grandiosen Soundtrack, den ich in den letzten Tagen verzweifelt im Internet suche, entpuppt sich Fire Emblem: Awakening zu einem unglaublichen Spielerlebnis.

Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will. Aber gesehen müsst ihr sie haben! Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will.

Weshalb ich ohne Zögern ganz klar sage: Fire Emblem: Awakening ist das beste Spiel für den 3DS. Wenn es einen Titel auf dem System gibt, der euch alleine zum Kauf des Geräts bringen kann, dann ist es ohne Frage Fire Emblem. Allein durch das Erkunden aller Möglichkeiten lassen sich über 40 Stunden in einen einzigen Durchlauf stecken, an den ihr weitere auf höheren Schwierigkeitsgraden anhängt. Ich würde problemlos alleine mit diesem Spiel mehrere Monate auskommen, ohne auch nur an Langeweile zu denken.

Das einzige Problem liegt leider in dem immer noch recht simplen Aufbau, der sich über die letzten zwei Dekaden zwar einer Evolution unterzog, aber weiterhin noch auf seine Revolution wartet, die es endlich komplett an der Konkurrenz vorbeiziehen lässt. Selbst wenn am hier dargebotenen Inhalt an für sich nichts auszusetzen ist und dieser gründlich poliert sowie perfektioniert wurde, bleibt es dennoch zwanghaft an den ersten Traditionen haften, von denen es sich ohne den nötigen Ruck nicht vollendlos lösen kann. Viele Dinge begeistern oder überraschen euch sogar, doch nirgendswo verschlägt es einem die Sprache, wodurch es immer noch ein Stück zurückgehalten wird.

Soll euch aber vollkommen egal sein. Tut euch selbst den Gefallen und kauft dieses Spiel. Und wenn ihr keinen 3DS habt, kauft es zusammen im Bundle. Danach zeigt ihr es stolz all euren Freunden und Arbeitskollegen, damit sie es sich auch kaufen. Und vielleicht kriegt Intelligent Systems dann die nötigen Mittel, um endlich eine Umsetzung zu Game of Thrones zu entwickeln. Wenn es geht noch bitte bevor George R. R. Martin in zehn Jahren die letzten Büchern fertig schreibt.

9 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Fire Emblem: Awakening - Test Björn Balg Ihr habt auf einen Grund für den 3DS gewartet? Bitte, hier ist er. 2013-04-17T12:00:00+02:00 9 10

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