Star Trek Online: Legacy of Romulus - Test

Für eine Kampagne sind Romulaner spitze. Als Fraktion hätten selbst Tribbles mehr zu bieten.

Legendär ist die heilige Empörung der Trekker, wenn ignorante Zeitgenossen mal wieder Star Trek mit Star Wars verwechseln. Unerhört! Wie kann man nur? Vulkanier und Wookies, Phaser und Lichtschwerter, Borg und Droiden, Technobabble und Macht, Enterprise und Todesstern. Hier die vereinige Föderation der Planeten, dort die rebellische Republik gegen das böse Sternenimperium. Ist wie Äpfel und Glühbirnen. Unverwechselbar. Aus, Schluss, Finito.

Und plötzlich kommt die Erweiterung 'Legacy of Romulus' für das drei Jahre alte Cryptic-MMO Star Trek Online um die Ecke, ignoriert meine vulkanisch erhobene Augenbraue und stibitzt schamlos das Hauptmotiv der Konkurrenz. Roter Alarm, junger Padawan! Republik gegen Imperium? Können die Romulaner schon lange! Mit eigener Kampagne, eigener Heimatbasis, eigener Fraktion und englischer Vertonung oben drauf! Wer will schon X-Wings fliegen, wenn er majestätische Kreuzer der Raubvogelklasse steuern darf? Und so fies wie Palpatine ist die romulanische Imperatorin Sela allemal. Und ja, sie wird von Denise Crosby gesprochen - besser bekannt als Tasha Yar aus Star Trek: Das nächste Jahrhundert. Also zügle den Nerd-Zorn, treuer Fanboy, und gönn' dir ein bisschen Sternenkrieg im Trek-Universum.

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Nix mit eigener Fraktion - Romulaner gibt es als Sternenflotten- oder Klingonenvariante.

Zumal dieser nichts kostet, weil Star Trek Online mittlerweile auf free-to-play umgemodelt wurde. Wobei man weiterhin ein Abo abschließen KANN, aber nicht MUSS (bringt kaum Vorteile, siehe Vergleichstabelle). Vorbildlich finde ich, dass sich die In-Game-Währung Dilithium gegen die Cashshop-Währung ZEN eintauschen lässt. Wer also richtig Lebenszeit reinbuttert und Dilithium per Crew-Missionen oder Bergbau grindet, kann sich die schicken Schiffe, Brückenoffiziere, Kostüme und Haustiere leisten, ohne den Geldbeutel zu bemühen. Nicht jeder mag die Geduld dazu haben, aber der Grundgedanke geht in Ordnung.

Nur ein bisschen Romulaner

Das perfide an Legacy of Romulus ist, dass die Romulaner als eigene Fraktion beworben werden, was sie aber faktisch nicht sind. Wo die Föderation und die Klingonen ein gutes Dutzend Völker hinter sich sammeln, bleibt euch im Charaktereditor der spitzohrigen "Fraktion" zunächst einmal nur die Wahl zwischen Romulanern und Aliens zum selber basteln. Später kommen die Remans hinzu (bekannt aus Star Trek: Nemesis).

Doch der Targ liegt ganz woanders begraben: Habt ihr das erste Kapitel der romulanischen Kampagne durch, müsst ihr euch zwischen einem Bündnis mit der Föderation oder dem klingonischen Imperium entscheiden - was euch zum Anhängsel der jeweiligen Fraktion degradiert. Von da an dürft ihr die Heimatwelten eurer Verbündeten besuchen, erhaltet von ihnen Ausrüstung und Offiziere und könnt sogar ihre Schiffe fliegen. Fast ein bisschen unfair, denn echte Sternenflotten- oder Klingonen-Captains müssen auf die Warbirds der Romulaner verzichten. Umgekehrt fühlt es sich etwas merkwürdig an, als waschechter Romulaner in einem Schiff der Galaxy-Klasse durchs All zu düsen.

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Einen Raubvogel zu steuern, bleibt den Romulanern vorbehalten.

Die Story der Romulaner ist hingegen stimmig geraten und interessant zu verfolgen. Ihr beginnt als friedlicher Kolonist in einer Siedlung, die vom romulanischen Imperium und seinem Geheimdienst "Tal Shiar" zerstört wird. Zum Glück überlebt ihr das Massaker, übernehmt das Kommando über ein ausrangiertes Schiff und helft fortan den Rebellen beim Aufbau einer neuen romulanischen Republik (die Heimatwelten Romulus und Remus wurden ja in J.J. Abrams' Star Trek Film zerstört).

Eure Brückenoffiziere lernt ihr nach und nach kennen - im Gegensatz zu den anderen beiden Fraktionen sind die Gefährten hier eng in die Handlung eingebunden, weshalb man auch nicht alle Namen beliebig ändern darf. Mehrfach könnt ihr den Questverlauf durch eure Entscheidungen in eine kriegerische oder diplomatische Richtung wenden, außerdem gibt es in den Missionen diverse klassenspezifische Möglichkeiten zu entdecken. Da repariert ihr als Ingenieur ein helfendes Geschütz, während ihr als Taktiker eine Schneewehe zu eurem Vorteil nutzt.

Frischer Content mit Sprachstörungen

Während der Kampagne (insgesamt sind es stattliche 39 Missionen) helfen euch Schiffe der Sternenflotte oder der 'Klingon Defense Force' (KDF), doch das Thema der Handlung bleibt romulanisch. Danach könnt ihr die bislang erschienenen Season-Episoden der beiden Fraktionen als Romulaner nachholen (noch mal 32 Einsätze). Für Spieler, die neu einsteigen, ist das super. Ich bezweifle jedoch, dass alte Hasen große Lust haben, im Anschluss an die Romulaner-Kampagne die ollen Kamellen aus den vergangenen drei Jahren wiederholt durchzukauen.

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Der Bodenkampf ist noch immer durchwachsen - auch optisch.

In die gleiche Kategorie fallen die neuen Einstiegsmissionen für die Klingonen. Ihr dürft jetzt endlich schon ab Stufe eins als Aggro-Alien mit Stirnwulsten einsteigen, Offiziere per Messer in den Ruhestand befördern und Blutwein saufen - soweit so gut. Fans der Klingonen sind freilich schon längst Admiral und fangen wohl kaum neu an, nur um ein paar stimmige Einstiegs-Quests zu erleben. Da hätte ich mir eher neue Quests für ausgelevelte Captains gewünscht.

Spätestens, wenn man im Endgame angelangt ist, hält sich der Zugewinn durch die Romulaner-Erweiterung nämlich arg in Grenzen. Da den Spitzohren eine Identität als eigene Fraktion fehlt, können sie dem MMO keinen neuen Dreh verleihen. Als echte Alternative neben der Föderation oder den Klingonen hätte das anders ausgesehen. Eine verschenkte Chance.

Spätestens, wenn man im Endgame angelangt ist, hält sich der Zugewinn durch die Romulaner-Erweiterung nämlich arg in Grenzen.

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Gelegentlich forschen auch Romulaner. Hier ernten wir Pflanzenproben.

Geärgert hat mich darüber hinaus die mangelhafte Lokalisierung. Star Trek Online war schon immer berüchtigt für seine willkürlichen Sprünge zwischen deutschen und englischen Bildschirmtexten. Auch die Erweiterung bleibt dieser Tradition treu - ob Questtexte, Dialoge, HUD, Gegenstände oder Gegnernamen - ein einziges Durcheinander, bei dem selbst der Universaltranslator der Enterprise die Waffen strecken würde. Das artet sogar in handfeste Bugs aus: da steht in der deutschen Zusammenfassung einer Quest ein anderer NPC als in der englischen Langfassung und schwupps hab ich die halbe Galaxie umsonst durchquert.

Es versaut mir schlicht die Immersion, wenn meine Offiziere ihre Dialoge komplett auf Englisch sprechen, die Texte dabei auf Deutsch dastehen, sporadisch ins Englische wechseln und die NPCs zu allem Überfluss nur noch unpassende Phrasen dreschen oder ganz schweigen. Hier mangelt es an Konsistenz - und das wirkt schlampig. Schade, denn stellenweise schimmern gut geschriebene Texte durch, die aber im Wechselbad des Übersetzungschaos untergehen. Star Trek Online sollte man also lieber komplett auf Englisch spielen - was zwar nicht alle Bugs hinsichtlich der Questtexte eliminiert, aber wenigstens die Stimmung intakt lässt.

Längst nicht mehr "Next Generation"

Cryptics Engine wird mittlerweile zu einem Klotz am Bein des Spiels. Der Zahn der Zeit war nicht gerade gnädig zu Star Trek Online. Nur ein paar der neuen Kampagnenkarten schauen passabel aus und besitzen eine adäquate Größe. Das restliche MMO ist ein einziges Instanz-Gehüpfe und eine Ladebalken-Orgie erster Güte. Auch wenn man sich daran gewöhnen kann - zeitgemäß schaut anders aus. Optisch sind nur die Weltraum-Einsätze noch auf der Höhe, am Boden wirkt die Grafik hoffnungslos altbacken, kantig und hässlich. Objekte werden chronisch mit Verzögerung geladen und ploppen einfach ins Bild. Clippingfehler, unscharfe Texturen und hölzerne Animationen versauen die Angelegenheit vollends - hier dürften ruhig ein paar der Engine-Kniffe aus Neverwinter Einzug halten, das trotz seines ebenso betagten Gerüsts besser ausschaut.

Die Engine wird mittlerweile zu einem Klotz am Bein. Der Zahn der Zeit war nicht gerade gnädig zu Star Trek Online.

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Die Dialoge sind oft vertont, wurden aber nur teilweise übersetzt.

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Die restlichen Neuerungen der Erweiterung fallen nicht allzu gravierend aus. Schiffe verfügen jetzt zusätzlich zum Impulsantrieb über einen separaten Warpkern, der aufseiten der Romulaner sogar als aufladbare AoE-Waffe genutzt werden kann. Die Völker-Fähigkeiten lassen sich nun mit steigendem Rang um neue Boni erweitern. Darüber hinaus gibt es eine Handvoll frischer Schiffe, Waffen und kleine Interface-Verbesserungen.

Starke Instanzierung und miese Lokalisierung hin, alternde Engine und diverse Bugs her - Cryptics Weltraum-MMO hat noch immer ein paar Asse im Ärmel. Das Star-Trek-Szenario bleibt ein Alleinstellungsmerkmal, es gibt jede Menge Content zu entdecken, sowie unzählige Foundry-Missionen aus Spielerhand und ein solides Kampfsystem im Weltraum, das einen die mauen Bodenscharmützel verschmerzen lässt. Das Endgame ist grindinglastig und lockt allenfalls extrem hartnäckige Fans und Mitglieder gut organisierter Spieler-Flotten auf die Server. Bis man soweit ist, wird man jedoch gut und gratis unterhalten.

Insofern ist Legacy of Romulus trotz aller Kritikpunkte ein Schritt in die richtige Richtung - leider ein verdammt kurzer. Die Story der Kampagne ist interessant und kann selbst Veteranen einige Zeit fesseln, doch darüber hinaus bietet die Erweiterung zu wenig, um den Warpkern von Star Trek Online neu zu zünden. Wären die Romulaner eine echte dritte Fraktion im galaktischen Kontext und im PvP, sähe das anders aus. So verkommen die stolzen Spitzohren zum Steigbügel für eine Handvoll neuer Schiffe und Features.

6 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Star Trek Online: Legacy of Romulus - Test Frank Erik Walter Für eine Kampagne sind Romulaner spitze. Als Fraktion hätten selbst Tribbles mehr zu bieten. 2013-06-05T09:00:00+02:00 6 10

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