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Expeditions: Conquistador - Test

Erobern gesprächige spanische Eroberer nur Südamerika oder können sie auch bei Strategiespielfans landen?

Während wütende Eingeborene den letzten meiner Soldaten abschlachten, wird mir eines schmerzhaft bewusst: Wer erobern will, muss freundlich sein, denn Expeditions: Conquistador ist ein zäher Strategiebrocken (siehe auch meine Vorschau). Die Gegnerintelligenz während der rundenbasierten Kämpfe dümpelt in der Releasefassung nicht mehr auf Vorschulniveau herum, die Feinde nutzen ihre Spezialmanöver geschickter und rennen nicht dummdreist in Schlagreichweite meiner Soldaten. Doch nicht die KI zwingt meine stolzen (und ausgesprochen rassistischen) Spanier in die Knie. Die Umwelt selbst leistet ganze Arbeit, die Eroberer zu zermürben.

Nach ein paar Schritten auf der Übersichtskarte muss gerastet werden - und dann fordern Zufallsereignisse ihren Tribut. Da kehren die Jäger ohne Beute zurück, Verletzte fallen ins Delirium, Diebe stehlen Schätze, Medizin und Nahrung oder Rebellen attackieren aus dem Hinterhalt. Hunger, Krankheit und Stress nagen an der Motivation meiner Leute - umso schlechter kämpfen sie, umso höher die Wahrscheinlichkeit einer Meuterei. Blöd, wenn man sich bei Spielstart möglichst skrupellose, gierige und gewalttätige Schergen gesucht hat und während der zahlreichen Dialoge stets mit dem Kopf durch die Wand rennt.

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Auf der Übersichtskarte wird eure Expedition als einsamer Reiter dargestellt.

Ich wollte einen sadistischen spanischen Conquistador - und den habe ich bekommen. Für Arbeiter bezahlen? Pah! Ich will Sklaven! Eingeborene wollen Rituale abhalten? Mummenschanz! Ich schlachte sie ab für diese Blasphemie (was den Fanatikern in meinen Reihen einen Motivationsschub verleiht). Das Ende vom Lied: Wir werden von Indios aufgerieben. Und der Rest meiner Leute meutert. Ende Gelände.

Despotisch, gläubig oder feminin in die neue Welt?

Ich wollte einen sadistischen spanischen Conquistador - und den habe ich bekommen.

Also nochmal von vorn. In den Einstellungen wähle ich den einfachsten Schwierigkeitsgrad "Columbus". Härter fallen "Cortés" oder "Pizarro" aus. Unschaffbar wäre hingegen "Aguirre" - die Verletzungsgefahr ist hoch und der Dschungel liefert kaum die nötigsten Ressourcen. Wenn ich es richtig krachen lassen wollte, könnte ich noch "Sudden Death" aktivieren. Hier würden ausgeknockte Soldaten binnen weniger Runden sterben. Dann noch "Iron Man" dazu, was manuelles Speichern unterbindet und nur einen einzigen Autosave-Stand erlaubt. Keine Chance also, Dummheiten ungeschehen zu machen. Nettes Detail am Rande: Auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad gibt es nicht einmal mehr Tipps auf dem Ladescreen, worauf ihr explizit hingewiesen werdet: "Sorry, you're on your own". Die Macher haben einen echt subtilen Humor.

Diesmal setze ich voll auf Diplomatie, verteile also meine Punkte entsprechend und heure nur einigermaßen verträgliche Zeitgenossen in meine rein weibliche Crew. Richtig gelesen: Alles Frauen, inklusive meines Avatars. Historiker mögen darüber den Kopf schütteln, doch warum nicht, wenn das Spiel einem die Möglichkeit lässt? Und siehe da: Schon werde ich mit einem Achievement belohnt. "Feminist". Na denn ...

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Ein nächtlicher Überfall kann übel ausgehen, wenn ihr keine Wachen aufgestellt habt.

Expeditions: Conquistator fällt extrem storylastig aus, der Titel ist mehr RPG denn Strategiespiel. Die (wahlweise englischen oder spanischen) Texte verstricken euch in interessante Dialoge, die oft über den Fortgang eurer Mission entscheiden, manchmal aber nur dazu dienen, eure Kameraden besser kennenzulernen. Diese besitzen alle einen individuellen und detailreich ausgeschmückten Hintergrund und eine eigene Gesinnung, weshalb sich eure Taten direkt auf ihre Moral auswirken. Die Recken mischen sich sogar in Gespräche ein, wenn zum Beispiel jemand die spanische Krone beleidigt oder allzu heidnisch daherschwatzt. Da jeder eurer Gefährten eigene Skills und Fertigkeiten mitbringt - nicht nur im Kampf, sondern auch während der Nachtlager, wenn sie zum Beispiel jagen, Nahrung konservieren, Kräuter verarbeiten oder Fallen herstellen -, grenzt jeder Gefallene an eine Katastrophe. Eine erfrischende Abwechslung zum gesichtslosen Kanonenfutter konkurrierender Titel.

Eher Tapas als Paellapfanne - aber lecker.

Was mir besonders imponierte: Das Spiel registrierte nicht nur meinen "rein weiblichen" Ansatz, es gab mir auch zusätzliche Dialogoptionen - vor allem gegenüber männlichen Gesprächspartnern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der italienische Quartiermeister ein paar Rationen extra springen ließ, weil meine Conquistadorin mit ihm flirtete. Ein nettes Gimmick jedenfalls - die Macher haben bei den Texten sehr viel Liebe zum Detail und Geschichtskenntnis bewiesen.

Auch meine Entscheidung gegen Sklaverei und Grausamkeit gegenüber Untergebenen zahlte sich aus. Zwar wurde häufiger geklaut, weshalb ich während der Nachtlager einen meiner Scouts als zusätzliche Wache einsetzen musste, doch dafür kam ich bei einem Rebellenangriff glimpflich davon, als diese meine "Sklaven" befreien wollten, nur um festzustellen, dass ich gar keine beschäftige.

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Sind alle Aktionspunkte verbraucht, wird ein Lager aufgeschlagen, wo ihr Aufgaben verteilt.

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So gelungen die Handlung der zwei Kampagnen auf Hispaniola und Mexiko ist (letzteres muss man erst freischalten), so deutlich merkt man dem Spiel an, dass kein großes Budget zur Verfügung stand. Die Kickstarter-Kampagne verlief zwar erfolgreich, doch der Titel bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Weltkarten bleiben immer gleich, die Zufallsereignisse sind nicht so zahlreich, dass sie mehr als einen Durchlauf hergeben. In Sachen Wiederspielbarkeit hinkt der Titel also ein wenig, wenn man mal von den höheren Schwierigkeitsstufen absieht. Es gibt die Möglichkeit, Netzwerkspiele aufzusetzen oder per Hotseat gegeneinander zu taktieren (eine Minute Zugzeit), was recht unterhaltsam sein kann, aber eher als nette Beigabe gewertet werden muss. Hauptsache ist und bleiben die Kampagnen.

Die Mixtur aus interessanter Handlung, Erforschung der Weltkarte, Management eurer Leute im Lager und nicht zuletzt der Strategiepart - das alles hinterlässt einen sehr charmanten Eindruck. Erfreulich ist, dass die Macher nicht an ihren eigenen Ambitionen gescheitert sind und einen soliden Titel geschaffen haben, der an King's Bounty: The Legend erinnert und für einige Stunden zu fesseln weiß. Ein Triple-A-Titel ist Expeditions: Conquistador natürlich nicht, aber wer will das den Indie-Entwicklern von Logic Artists bei ihrem Debüt für nicht einmal 20 Euro schon zum Vorwurf machen?

7 / 10

Expeditions: Conquistador - Test Frank Erik Walter Erobern gesprächige spanische Eroberer nur Südamerika oder können sie auch bei Strategiespielfans landen? 2013-06-06T12:30:00+02:00 7 10
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