The Wonderful 101 - Test

Das Rettungspaket für die Wii U ist eingetroffen

Schnell! Welche japanischen Entwicklergrößen fallen euch im ersten Moment ein? Namen wie Shigeru Miyamoto oder Hideo Kojima fallen in euren Köpfen wahrscheinlich sofort. Doch was kommt danach? Vielleicht noch Shinji Mikami, Goichi Suda oder Masahiro Sakurai. Eine Person wird bei dieser Aufzählung häufig vergessen, obwohl sein Lebenslauf mehr als nur beeindruckend ist. Nach dem direkten Nachfolger zu Resident Evil erschuf er mit jedem Spiel eine vollkommen frische IP. Devil May Cry, Viewtiful Joe, Okami und Bayonetta sind nicht nur großartige Titel, sie lassen sich problemlos als Meisterwerke bezeichnen. Leider folgte auf das Lob nur selten der kommerzielle Erfolg und auch bei seinem neusten Projekt scheint sich diese bedauerliche Wahrheit abzuzeichnen.

Das japanische Wunder

Die Rede ist von Hideki Kamiya, dessen Namen ihr unbedingt speichern solltet. Sich in über 15 Jahren nicht den kleinsten Fehltritt - zumindest was seine Spiele angeht - zu erlauben, erscheint in der Branche fast unmöglich. Und dennoch gehört er zu den eher unbekannten Persönlichkeiten. Einen Zustand, den seine Titel oft teilen. Auch auf The Wonderful 101, das er zusammen mit seinem Team bei Platinum Games entwickelte, wartet derzeit ein ähnliches Schicksal. Zwar widmete Nintendo ihm und seinem Spiel die letzte Nintendo Direct, doch eine ernsthafte Marketing-Kampagne scheint man nicht auf die Beine stellen zu wollen.

Daher liegt es an Leuten wie mir, die frohe Botschaft zu verkünden, und euch auf das Spiel aufmerksam zu machen. Denn genau wie Kamiyas frühere Titel ist auch The Wonderful 101 ein - erlaubt mir das schlechte Wortspiel - wunderbares Stück Software. Vielleicht mag es auf den ersten Blick nicht wie der erhoffte Systemseller für die arme Wii U aussehen. Aber glaubt mir, wer Viewtiful Joe, Okami und Bayonetta zu seinen Lieblingen zählt, hat soeben einen Kaufgrund für das Gerät erhalten. The Wonderful 101 nimmt sich nämlich verschiedene Aspekte der drei Titel, vermischt sie mit einer putzigen Welt und fügt dem Ganzen überraschend liebenswürdige Charaktere hinzu.

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Mit der Faust könnt ihr Feuer absorbieren. Jede Waffe besitzt mehrere Verwendungsmöglichkeiten.

Gehen wir die Einflüsse der nach Reihe durch. Zuerst wäre da Viewtiful Joe, dessen Charakter-Design man hier leicht wiedererkennt. Die Figuren folgen einem ähnlich Aufbau und besitzen kleine, fast schon niedliche Arme und Beine. Zudem orientierte sich Kamiya erneut bei den in Japan beliebten Tokusatsu. Live-Action Serien wie Super Sentai oder Kamen Raider, die besonders für ihre praktischen Spezial-Effekte bekannt sind. Passend dazu seht ihr im Spiele viele Verwandlungen, sogenannte Henshins. Denkt an Power Rangers oder etliche Animes, in denen es passiert.

Wie der Name bereits suggeriert, steuert ihr nicht nur einen Kämpfer, sondern gleich eine kleine Armee. Das Team der Wonderful 100, eine weltweite Gruppe aus 100 Kämpfern, steht unter eurer Kontrolle. Ihr steuert nur den Anführer, während der Rest brav bei euch bleibt. Mit Pikmin hat das hier trotzdem wenig zu tun. Eure Superhelden bleiben stets um euch versammelt und können nicht verloren gehen. Fallen sie an einem Gebäude hinunter, erscheinen sie kurz darauf wieder neben euch. Nur wenn der Anführer in eine der zahlreichen Schluchten fällt, verliert ihr als Strafe Energie. In den Kämpfen trennt sich das Konzept dann komplett von Nintendos Gartenabenteuer. Hier werft ihr niemanden auf feindliche Angreifer. Ihr verwandelt euer Team stattdessen in verschiedene Waffen.

Tödliche Skizzen

An dieser Stelle kommt Okami ins Spiel, bei dem ihr einen Pinsel für verschiedene Aktionen oder Angriffe einsetzt. The Wonderful 101 reduziert das Konzept auf wesentliche Manöver, durch die ihr riesige Waffen formt, Zivilisten rettet oder versteckte Gegenstände in den Leveln findet. Zum Zeichnen benutzt ihr entweder den Touchscreen des Wii-U-Pads oder den rechten Analogstick. Beide Varianten funktionieren unheimlich gut. Im Voraus hörte ich von vielen Leuten, wie ungenau die Steuerung sein soll. Solchen Aussagen kann ich nur widersprechen.

"Ständig mit dem Finger auf den Screen zu wechseln, fühlt sich zu Beginn ungewohnt an."

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Die Pistole lässt sich mit mehr Leuten zum Super Scope aufrüsten.

Ja, in der Anfangsphase kommt euch die Steuerung seltsam vor. Ständig mit dem Finger auf den Screen zu wechseln, fühlt sich ungewohnt an. Im Gegensatz dazu erscheint die Geschwindigkeit des Sticks sehr seltsam. Ich hatte besonders in der ersten Stunde häufig damit zu kämpfen und wurde von Gegnern vermöbelt, weil ich keinen ordentlichen Kreis ziehen konnte. Personen, die mit der Demo vertraut sind, kommt diese Erfahrung sicherlich bekannt vor. Keine Angst, der unwohle Zustand peinlicher Unfähigkeit geht schnell vorbei.

Nach den ersten Missionen hatte ich das Tempo raus und verpatzte seither keine Kommandos mehr. Ich verwende übrigens fast ausschließlich den rechten Stick. So kann ich mich persönlich besser auf das restliche Geschehen konzentrieren. Kreise, rechte Winkel, Zickzack-Linien und selbst die Form einer Lupe stellen längst kein Problem mehr für mich dar. Sogar in der Hektik des Kampfes. Nur wenn ich zu nah am Gegner stehe, werden meine Zeichnungen öfters blockiert. Zumindest startet bei den Malübungen eine Zeitlupe, sodass ihr dabei nicht attackiert werdet.

Da eure Mordinstrumente wie die Faust oder der Hammer aus eurem Superheldentrupp aufgebaut sind, benötigt ihr möglichst viele der Wonderful 100. Ihr startet das Spiel mit einem kleinen Trupp der putzigen Figuren. Bevor ihr die restlichen Mitglieder im Verlauf der Handlung aufsammelt, könnt ihr Zivilisten rekrutieren. Dazu zieht ihr eine Linie in beliebiger Form an ihnen vorbei. Sogar gewisse Feinde dürft ihr in eure Mannschaft aufnehmen, worüber euch das Spiel nicht aufklärt. Generell erklärt man euch anhand von kurzen Instruktionen nur die Oberfläche an Möglichkeiten. Die meisten Feinheiten ergeben sich erst durch Ausprobieren.

"Die meisten Feinheiten ergeben sich erst durch Ausprobieren."

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Zieht die Linie länger, um euer Schwert größer zu machen.

Wieder zurück zu euer Gruppe. Je mehr Personen sich in eurem Trupp befinden, desto länger könnt ihr die Linien ziehen, was sich direkt auf die Stärke eurer Angriffe auswirkt. Ein kleiner Kreis erzeugt eine normale Faust. Macht ihr den Kreis allerdings größer und packt sogar die gesamte Mannschaft hinein, teilt ihr wesentlich mehr Schaden aus. Nach ein paar Sekunden kehrt eure Waffe allerdings in ihren normalen Zustand zurück, weshalb ihr die Aktionen öfters und zu den richtigen Zeitpunkten einsetzen müsst.

Ökonomisches Kämpfen

Denn ihr müsst sparsam mit eurer Energie umgehen, die durch mehrere Batterien unterhalb eurer Lebensleiste angezeigt wird. Jede Aktion verbraucht ein Stück dieser Energie. Selbst Ausweichmanöver und Blocks, bei denen ihr euch zu einer Sprungfeder respektive einer Portion Wackelpudding formt, benötigen kostbare Energie. Im Kampf müsst ihr daher eine Balance zwischen all diesen Dingen finden und manchmal lieber weglaufen, anstatt als Sprungfeder wegzuhüpfen.

Zunächst erscheint die Mixtur aus den genannten Dingen überwältigend. Und das ist sie auch. Neben den Zeichnungen müsst ihr ständig die Größe eures Trupps beachten und dabei nicht eure Energie vergessen. Unachtsame Fehler bestraft das Spiel nicht nur mit einer reduzierten Lebensleiste. Eure Superhelden erleiden dadurch eine kurz anhaltende Unbeweglichkeit. Sammelt sie schnell wieder auf oder wartet kurz auf ihre Rückkehr. Aber denkt daran. Ohne die nötige Personenkraft könnt ihr keine Blocks einsetzen und auch größere Formationen sind unmöglich.

"Mangelnde Vielfalt kann man The Wonderful 101 an keiner Ecke ankreiden."

The Wonderful 101 - Launch-Trailer

Es zeigen sich also die Feinheiten aus Bayonetta, daran gibt es trotz der vergleichsweise wenigen Combos nichts zu rütteln. The Wonderful 101 ist komplex und steigert sich im späteren Verlauf immer mehr. Ihr erhaltet weitere Waffen, die ihre eigene Zeichnung erfordern, schaltet durch deren Verwendung neue Angriffe frei und kauft zudem weitere Manöver im Shop zwischen den Missionen. Hier holt ihr euch nebenher teure Module, für die ihr nach und nach neue Slots erwerbt. Durch sie erhaltet ihr Ausweichtaktiken oder wandelt überschüssige Lebenskraft in Energie um. Natürlich dürfen normale Items ebenso wenig fehlen. Diese stellt ihr wie in Bayonetta selbst durch den Einsatz von Zutaten her.

Mangelnde Vielfalt kann man The Wonderful 101 an keiner Ecke ankreiden. Neben eurer persönlichen Entfaltung gibt es unzählige versteckte Dinge zu finden. Überall könnt ihr durch den Einsatz eurer Figuren geheime Objekte freischalten oder über Nebenmissionen stolpern. In den Leveln selber mangelt es nicht an Abwechslung. Zwischen den Kämpfen setzt ihr eure Teamfähigkeiten für die unterschiedlichsten Dinge ein. So erschafft ihr Leitern oder Brücken aus dem Nichts, schwingt euch mithilfe der Kette über Abgründe oder übernehmt das Steuerrad eines Flugschiffs.

Kleine Helden auf kleinem Bildschirm

An gewissen Stellen verschwinden eure Recken in einem Gebäude und ihr müsst auf den Bildschirm eures Wii-U-Pads achten, um sie zu sehen. So bemannt ihr beispielsweise ein feindliches Schiff, in dessen Innerem sich die Kontrolltafel am Boden befindet. Ihr müsst nun ständig zwischen dem Fernseher und dem Pad wechseln, um die Aktionen richtig auszuführen. Denn neben der Änderung eurer Flugbahn dürft ihr den Einsatz der Bordkanone nicht vergessen. Ach ja, natürlich greifen euch währenddessen noch Feinde im Schiff an. Multitasking in seiner schönsten Form.

Ständig warten solche kleinen Auflockerungen, durch die das recht lange Abenteuer nie langweilig wird. Selbst auf dem normalen Schwierigkeitsgrad habe ich knapp zwölf Stunden benötigt und nicht einmal die Hälfte aller versteckten Inhalte gefunden. Zudem warten noch zwei höhere Schwierigkeitsstufen auf mich. Wer im Anschluss noch immer nach Herausforderungen hungert, darf das Abenteuer gerne mit der höchsten Bewertung abschließen. Dazu müsst ihr wie für Kamiya-Titel üblich das gesamte Spiel beenden, ohne einen einzigen Gegentreffer zu kassieren. Viel Spaß.

"Solltet ihr nicht gerade von Gegnermassen umzingelt sein, zoomt die Kamera viel zu nah an eure Truppe ran."

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Die Einführung neuer Waffen verdeutlicht das großartige Pacing des Spiels.

Eigentlich würde ich jetzt voller Freude eine saftige 10 unter diesen Text klatschen. Nur leider gibt es eine Sache, die mich die gesamte Zeit immer wieder störte: die Kamera. Dieses - pardon! - Miststück lässt sich nämlich nicht manuell richtig einstellen. Und solltet ihr nicht gerade von Gegnermassen umzingelt sein, zoomt die Kamera viel zu nah an eure Truppe ran. Zuerst einmal entgehen euch so die wunderhübschen Areale, die euch über den gesamten Erdball und darüber hinaus schicken. Viel schlimmer ist aber die Tatsache, dass ich so oft unnötig in Fallen stolperte oder einen gewissen Punkt nicht richtig erkennen konnte. An einigen Stellen lief ich ahnungslos umher und suchte nach dem Weg. Wäre die Kamera weiter weg gewesen, hätte ich den Kran, an dem ich meine Kette befestigen musste, sofort gesehen. So verschwendete ich fünf Minuten mit grimmiger Miene. Ärgerlich. In den Sequenzen, bei denen ihr auf das Pad gucken müsst, will die Kamera auch nicht so, wie ich es gerne hätte. Das Umherschwenken des Pads funktioniert nicht perfekt und das Zeichnen mit dem Stick wird zur Qual, da ihr die Linien nicht mehr auf dem Boden seht.

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Das macht die Erfahrung zwar nur in diesen Momenten ein wenig anstrengender, doch bleibt es ein dunkler Fleck auf der sonst so weißen Weste des Spiels. Natürlich könnte ich mit ganz viel Anstrengung noch über technische Details meckern. Wer in manchen Sequenzen die Augen vom Hauptgeschehen abwendet, erkennt matschige Texturen oder gelegentliche Popups in weiter Ferne. Auch die Charaktermodelle können bei Nahaufnahmen kantig wirken. Das fällt bei flüssigen 60 Bildern die Sekunde und der ansonsten hervorragenden Optik nur auf, wenn ihr euch beschweren wollt. Das gesamte Spiel wirkt wie eine lebendig gewordene Spielzeugwelt, die vor Charme und liebenswürdigen Charakteren nur so sprüht.

Die Anfangsphase mag durch eine etwas steile Lernkurve geprägt sein, was der Titel durch geringe Strafen aushebelt. Bei einem Tod landet ihr meist sofort wieder im Geschehen und kassiert nur einen Punkteabzug. Man lässt euch genügend Zeit, um mit dem System vertraut zu werden. Wählt zwischen Pad oder dem rechten Stick beim Zeichnen. Beide funktionieren super. Sollte es nicht klappen, liegt es nicht am Spiel. Ansonsten könnte ich die Symbole nicht mit einer so hohen Genauigkeit malen. Davon solltet ihr euch aber nicht abschrecken lassen. Auch so ist The Wonderful 101 der hoffentliche Beginn einer großartigen Software-Welle für die Wii U. Ein Must-Have-Titel für das Gerät, wenn nicht sogar ein triftiger Kaufgrund.

9 / 10

Unsere Wertungsphilosophie The Wonderful 101 - Test Björn Balg Das Rettungspaket für die Wii U ist eingetroffen 2013-08-19T12:00:00+02:00 9 10

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