Dragon's Crown - Test

Ja, es ist das Spiel mit den dicken Brüsten. Aber lasst euch davon nicht fehlleiten!

Lasst mich den unübersehbaren Elefanten im Raum direkt ansprechen, bevor ich zum eigentlichen Spiel übergehe. Denn ich möchte die Gestaltung von Frauen in Dragon's Crown strikt von der restlichen Erfahrung trennen. Vielleicht widert es euch an. Vielleicht findet ihr es abartig. Vielleicht könnt ihr es deswegen nicht spielen. Dagegen gibt es überhaupt nichts auszusetzen. Wenn es euch nicht passt, lasst es einfach. Doch rückt bitte nicht den Personen auf die Pelle, denen es egal ist und die sich das Spiel davon nicht vermiesen lassen. Das heißt noch lange nicht, dass man diese Art der Darstellung dadurch unterstützt.

Falls ihr noch nie etwas über Dragon's Crown und die darum entstandene Debatte gehört habt, hier die nüchternen Einzelheiten: Die Kontroverse dreht sich im Kern um zwei der sechs spielbaren Charaktere sowie die generelle Darstellung weiblicher NPCs. Während die Zauberin wackelnde Brüste vor sich trägt, die größer sind als ihr Kopf, wandert die Amazone mit einem muskelbepackten Gesäß durch die Gegend, dessen Ausmaße ihre Schulterbreite um knapp das Doppelte übersteigt. Es wirkt übertrieben und teils grotesk. Betrachtet man die Hintergründe der Figuren - die Brüste der Zauberin symbolisieren ihre lebensspendende Kraft beim Beschwören von Untoten - ergibt das Design in gewissen Maßen Sinn. Trotzdem kann mir niemand bei Entwickler Vanillaware weismachen, dass sich die gewählten Proportionen nicht an die übliche Zielgruppe von Männern richten, denen so etwas gefällt. Dezenter wäre es auch gegangen, ohne den Einfluss der Vorlage zu verlieren. Zumindest werden beide Figuren als starke Frauen präsentiert, die keinerlei Hilfe benötigen und die riesigen Monsterhorden genau wie ihre männlichen Kollegen erledigen können.

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Bildet euch selbst eine Meinung.

Problematischer gestaltet es sich da schon bei diversen NPC-Figuren. Sie bilden nur ein winzigen Teil des Gesamtwerkes, doch finden sich an einigen Stellen weibliche Figuren, die als schwach oder geradezu gefügig dargestellt werden. Natürlich in sexuellen Posen, bei denen ihr manchmal sogar Körperteile antippen dürft. Für japanische Spiele wirklich keine Neuerung, obwohl der kulturelle Ursprung auf gar keinen Fall eine Ausrede sein darf. Ich möchte nur noch einmal darauf hinweisen, dass es auch positive Beispiele gibt - so nutzt eine Ladenbesitzerin ihre sexuelle Ausstrahlung als Machtposition über den Mann - und die negativen in der restlichen Erfahrung untergehen. Trotzdem wollte ich es hiermit für alle Interessierten festhalten und ich will niemanden verurteilen. Egal, ob es euch nun abschreckt oder vollkommen kalt lässt.

Wer den eigentlichen Test sucht, darf hier starten

Ok, schon wieder mehr Zeit mit dem Thema verbracht, als ich eigentlich wollte, selbst wenn sich darüber sicherlich mehrere Doktorarbeiten schreiben ließen. In Anbetracht des restlichen Spiels ist es allerdings eine Schande, den Fokus so sehr auf gewisse Szenen zu legen. Denn Dragon's Crown ist ein wunderbarer Brawler, der die besten Eigenschaften des Genres ausnutzt. Zu den wohl bemerkenswertesten Eigenschaften gehört die Charakterauswahl. Sechs Figuren teilen sich zu Beginn eurer Reise einen Kneipentisch, unter denen ihr euren Liebling wählt. Bis zu 20 Charaktere dürft ihr auf einem Speicherstand erstellen, was viel Spielraum für Experimente schafft. Und wenn ihr alle Möglichkeiten ausprobieren wollt, müsst ihr diesen Freiraum ausnutzen.

Dragon's Crown - Trailer

Im Prinzip verteilen sich zunächst die üblichen Eigenschaften auf die jeweiligen Figuren. Der Krieger spielt sich ein wenig träger, während die Elfe flott über den Bildschirm huscht und sich als optimale Fernkämpferin eignet. Dahinter verstecken sich jedoch weitere Unterschiede. Jede Klasse bietet ihren ganz eigenen Vorteil, dessen Einsatz ihr im Kampf mit der Zeit besser kennenlernt. Als einziger kann der Zwerg beispielsweise seine Feinde packen und durch die Luft wirbeln, weswegen er auch mein persönlicher Favorit ist. Schließlich legt das flotte Kampfsystem von Dragon's Crown einen hohen Fokus auf lange Combos und Juggles in der Luft.

Landet zunächst ein paar normale Treffer, werft den Fiesling anschließend hoch in die Luft, greift ihn euch dort erneut und schleudert ihn schließlich zu Boden. Zum Abschluss könnt ihr noch eine Sturzattacke ausführen, die dann in einem brutalen Todesstoß endet. Für alle Figuren schaltet ihr mit der Zeit ein paar neue Angriffe frei, die das Geschehen interessanter gestalten. Das großartige Spielgefühl kann man nicht genug betonen: Ihr spürt den Einschlag jeder Attacke, erkennt den Schaden, den ihr beim Feind anrichtet, und besitzt am Boden sowie in der Luft zu jedem Augenblick die perfekte Kontrolle.

Jede Klasse bietet ihren ganz eigenen Vorteil, dessen Einsatz ihr im Kampf mit der Zeit besser kennenlernt.

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Kämpft alleine oder gemeinsam. Lokal oder mit Leuten aus dem Internet.

Ohne das recht simple, aber effektive System würde das gesamte Spiel in wenigen Sekunden zusammenbrechen. Es hält die Erfahrung zusammen. Ansonsten hätte ich den grauenhaften Aufbau des Spiels nicht ertragen. Gerade einmal neun unterschiedliche Gebiete stehen euch zur Verfügung, die ihr in zehn bis 20 Minuten beenden könnt. Später schaltet ihr noch einen alternativen Weg frei und auch geheime Räume können entdeckt werden. Aber viel ändert sich nicht. Die größte Abwechslung findet ihr bei den gigantischen Bossen, die meist den gesamten Bildschirm füllen. Sie benötigen stets eine besondere Taktik und einige von ihnen sprengen sogar gewohnte Konventionen des Genres. Auch wenn sich die normalen Feinde an das jeweilige Areal anpassen und unterschiedliche Angriffe verwenden, erkennt ihr recht schnell bekannte Muster. Meist reicht der Einsatz der richtigen Waffe oder ein schneller Finger, um vor einer Attacke rechtzeitig mit der rechten Schultertaste auszuweichen.

Eine spannende Geschichte dürft ihr hier nicht erwarten. Zwar gefällt mir der Stil überaus gut - ein einzelner Erzähler vertont jeden Dialog und dient gleichzeitig als Erinnerung für euer nächstes Ziel -, die grundlegende Handlung dürfte aber niemanden überraschen. Es bedient sich wie so oft bei typischen Fantasyklischees. Als hätte man sie alle auf kleine Zettel geschrieben und jeder Mitarbeiter durfte einen aus dem Hut in der Mitte ziehen.

Ein Fest für Loot-Sammler

Für Nebenmissionen oder das Farmen nach Erfahrungspunkten besucht ihr dieselben Level immer und immer wieder. Nach dem Beenden spielt ihr es dann mit einem leichten Twist zwei weitere Male auf den höheren Schwierigkeitsgraden durch, bevor lediglich der letzte Dungeon mit seinen endlosen Arealen die einzige verbliebene Herausforderung bietet.

Ohne das recht simple, aber effektive System würde das gesamte Spiel in wenigen Sekunden zusammenbrechen.

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Große Proportionen? Ja! Unterwürfig oder schwach? Auf gar keinen Fall!

Sollte genau diese Tatsache bei euch für Freude sorgen und die bloße Erwähnung von Loot ein Grinsen hervorzaubern, fällt euch die Abwechslungsarmut nicht einmal auf. Dann seid ihr zu sehr damit beschäftigt, die Schatztruhen in jedem Dungeon zu öffnen, um an immer bessere Gegenstände zu gelangen. Dazu benutzt ihr auf der PlayStation Vita den Touchscreen oder wie auf der PlayStation 3 den rechten Analogstick. So tippt ihr auf interessante Stellen in den Gebieten. Blinkende Punkte lassen Gold fallen, während Schlösser von eurem diebischen Begleiter geöffnet werden, der ansonsten keine Aufgabe hat.

Ihr tippt oder zielt mit dem Stick auf die gewünschte Truhe oder verschlossene Tür und schon startet euer unbesiegbarer Kumpane seine Arbeit. Nette Idee, nur bringt es mir keinen Vorteil. Warum kann ich die Truhen nicht wie die restlichen Kisten zerschlagen? Wieso darf ich popelige Holztore nicht in Sägespäne verwandeln? Wieso muss ich erst darauf klicken und anschließend warten? Es scheint mir, als wollte man die Touchfunktion der Vita unbedingt benutzen, wodurch sich ein Rudiment dessen auf die PS3-Version schlich.

Bleiben wir kurz bei den Unterschieden zwischen beiden Versionen. Solltet ihr beide Geräte besitzen, müsst ihr euch leider für eine Option entscheiden. Cross-Buy und Cross-Play existieren in Dragon's Crown nicht, jede Version wird für sich gekauft und ihre User bleiben unter sich. Dafür sind allerdings die Spielstände untereinander kompatibel, sodass man sein PS3-Spiel unterwegs fortsetzen kann. Ich habe primär auf der Vita gespielt und hatte eigentlich keine Probleme. Lediglich beim Multiplayer gestaltet es sich wegen des kleineren Bildschirms oft schwierig, euren eigenen Charakter auszumachen. Vor allem, wenn mehrere die gleiche Figur nehmen und mal wieder zehn Monster auf einmal um euch herumtanzen.

Ach ja, der linke Analogstick der PlayStation Vita darf übrigens in der Hölle schmoren.

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Hier ist vergleichsweise wenig auf dem Bildschirm los.

Ach ja, der linke Analogstick darf übrigens in der Hölle schmoren. Meine Figur wollte in den meisten Fällen nie zum Sprint ansetzen, weil die Erkennung der verlangten Eingabe zu schwammig verläuft. Auf der PS3 hatte ich mit dem normalen Controller dagegen keinerlei Probleme. Da ich beim Spielen äußerst ungeduldig bin und ständig rennen muss, sorgte es an vereinzelten Stellen für kleinere Wutausbrüche. Andererseits genießt ihr auf der Vita den Vorteil portabler Flexibilität und auch die optionalen Touchgesten bei Menüs lassen sich wesentlich bequemer ausführen. Es liegt an euch. 'Tschuldigung, dass ich euch keinen eindeutigen Sieger bieten kann.

Reputation mit kleinen Pausen

Zwischen den Missionen kehrt ihr automatisch zur Stadt zurück. Hier wechselt ihr zwischen Charakteren, repariert eure Ausrüstung oder kauft euch neue Gegenstände. Steht ein besonders schwieriger Auftrag bevor, könnt ihr drei weitere Figuren rekrutieren. Spielt ihr alleine und wollt euch nicht an fremde Personen wenden, helfen euch KI-Kollegen, die ihr in Form von Skeletten in den Arealen aufsammelt. Gegen ein wenig Kleingeld lasst ihr sie im Tempel wiederbeleben. Eine nette Idee für Solisten, die besonders Besitzern der Vita-Version zugutekommt, da wohl die wenigsten dort eine ständige Internetverbindung besitzen.

Des Weiteren dürft ihr gegen ein kleines Entgelt Gebete aussprechen, die euch für Missionen zusätzliche Boni verleihen. Ihr wollt stärkere Angriffe oder ein wenig mehr Gold auf eurem Streifzug finden? Kein Problem. Werft den Göttern den geforderten Preis in den Rachen und schon genießt ihr eure verbesserten Werte. Bei einem Zauberer besorgt ihr euch später noch ein paar Ringe, die ihr beispielsweise für elementare Angriffe einsetzt. Diese teilen sich gemeinsam mit Heiltränken, Bomben und Ausrüstungsgegenständen die begrenzten Slots in eurem Menü. Seid also vorsichtig bei der Auswahl. Während einer Mission könnt ihr daran nichts mehr ändern.

Dragon's Crown steckt voller Möglichkeiten, wie ihr euch entfalten könnt und gestaltet all diese Werkzeuge aufregend.

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Belebt gefallene Figuren wieder oder vergrabt sie, um gegebenenfalls ein Item dafür zu erhalten.

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Ich hatte oft das Gefühl, mehr Zeit in meine Planung zu stecken, als Monster zu kloppen. Das ist übrigens kein Kritikpunkt. Im Gegenteil. Dragon's Crown steckt voller Möglichkeiten, wie ihr euch entfalten könnt und gestaltet all diese Werkzeuge aufregend. Schnell eine neue Waffe gekauft, ein Gebet für mehr Erfahrungspunkte gen Himmel gerichtet und danach noch die neuen Fertigkeitspunkte verteilt. Selten hat mir das Mikromanagement meiner Figuren so viel Freude bereitet wie hier.

Es ist wirklich schade um die ganze Kontroverse. Die paar Bilder mit weiblichen NPC-Charakteren, die einige Personen abschrecken könnten, verschwinden so schnell wieder, dass ihr es gar nicht richtig bemerkt. Lieber sollte man über das eigentliche Spiel reden. Selbst der wunderbare Grafikstil spielt bloß eine Nebenrolle, wenn man sich einmal mit dem Kampfsystem und den etlichen Möglichkeiten zur Entfaltung auseinandersetzt. Die meisten wissen dabei schon, ob sie mit der geringen Anzahl an Gebieten leben können. Das Loot steht hierbei im Vordergrund. Ich für meinen Teil hatte nach zwei Durchgängen mit meinem Zwerg genug und bin damit vollkommen zufriedengestellt. Über 30 Stunden hat es mich so in seinen Bann gezogen. Wer wirklich alles sehen möchte und gerne mit den sechs Klassen und ihren unterschiedlichen Spielweisen experimentiert, erreicht locker die dreistellige Stundenzahl. Es kommt ganz auf euren Spieltyp an. Aber auch so eignet sich Dragon's Crown perfekt für einen Durchgang.

8 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Dragon's Crown - Test Björn Balg Ja, es ist das Spiel mit den dicken Brüsten. Aber lasst euch davon nicht fehlleiten! 2013-08-30T12:00:00+02:00 8 10

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