Phoenix Wright: Ace Attorney - Dual Destinies - Test

Der Mann mit dem unmöglichen Haar kehrt zurück.

Bis heute weiß ich nicht genau, wie die Ace-Attorney-Serie jemals das Licht der Welt erblicken konnte. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie die Leute von Capcom damals auf die Idee reagierten, vielleicht mal ein Spiel über Gerichtsfälle zu machen. Denn als ich das erste Mal von dem Konzept hörte, war ich mehr als nur stutzig. Einen Anwalt spielen? Wie soll das bitte Spaß machen und nicht zu chronischen Schlafattacken führen? Das gefällt höchstens meiner Oma als hartnäckigem Matlock-Fan. Und dennoch entstand ein wunderbares Spiel dabei, das zu einer großen Adventure-Serie mutierte, der man sogar eine anschaubare Verfilmung spendierte.

Was ist los?

Wer noch nie etwas von Phoenix Wright, Miles Edgeworth oder Apollo Justice gehört hat und bei einem lauten Ausruf des Wortes "Objection!" nicht versteht, warum sein Umfeld lachend reagiert, dem gebe ich eine kurze Einweisung: Jedes Ace Attorney ist in vier bis fünf Fälle unterteilt, bei denen ihr die Unschuld eines angeklagten Mörders beweisen müsst. Dazu sammelt ihr zunächst an verschiedenen Schauplätzen Beweismaterial, das ihr später im Gerichtssaal verwendet. Dort prüft ihr die Aussagen verschiedener Zeugen, um Widersprüche zu finden. Nach und nach zeigen sich während der Verhandlungen die wahren Begebenheiten, bis ihr schließlich den Fall für euch gewinnt.

Im Grunde genommen verfolgt jeder Teil diese Struktur und streut dabei vereinzelte Elemente hinzu, die den Ablauf ein wenig auflockern. Auch Dual Destinies ändert daran wenig, doch ist es mir ziemlich egal, denn ich spiele die Serie wie jeder andere auch für die Geschichte und Rätsel, die sich während der Aussagenuntersuchung ergeben. Verfolgen die ersten Fälle noch einen recht durchschaubaren Aufbau, transformiert sich wie für die Serie üblich die letzte Episode zu einem epischen Drama. Dual Destinies startet im Gegensatz zu seinen Vorgängern stärker durch. Bereits der erste Fall dauert knapp zwei Stunden und überrascht durch einen ungewohnten Twist, den ich natürlich nicht verraten will. Obwohl ihr den endgültigen Ausgang bereits erahnt, gestaltet sich der Weg nun wesentlich spannender als zuvor.

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Auch Apollo spielt wieder eine größere Rolle.

Generell ist die Serie für ihre gelungenen Dialoge bekannt und auch der neueste Teil ist keine Ausnahme, sondern eher eine Weiterentwicklung. Besonders die englische Übersetzung verdient, mit Lob überschüttet zu werden, da sie japanische Wortspiele durch eigene Witze ersetzt, die trotzdem perfekt zur jeweiligen Situation passen und den leicht humoristischen Ansatz der Serie unterstreichen. Die Kombination aus dramatischen Mordfällen und Slapstick gelingt Dual Destinies ohne Probleme, so dass einem die Charaktere gerade wegen ihrer Macken ans Herz wachsen.

So seht ihr einen selbstsicheren Phoenix, wie er den Zeugen auf falsche Aussagen festnagelt, nur um Sekunden später schwitzend hinter seinem Pult zu stehen, weil ihm ein kleiner Fehler unterlief. Die Wechselwirkung zwischen ihm, seiner neuen Assistentin Athena Cykes, dem geheimnisvollen Staatsanwalt Simon Blakquill sowie dem naiven Richter machen den Hauptreiz am Spiel aus. Auch wenn sich manche Fälle ein wenig hinziehen können, habe ich jede Dialogzeile genossen. Selbiges gilt für innere Monologe von Phoenix oder Apollo, in denen sie ihre Umwelt sarkastisch beschreiben oder ihr eigenes Versagen bemitleiden.

Kein Einzelgänger

Ihr spielt übrigens beide Anwälte in unterschiedlichen Fällen, wobei die Geschichte meist aus der Sicht von Phoenix erzählt wird, der nach den Geschehnisse des letzten Teils endlich wieder seinen blauen Anzug trägt. Fans freuen sich über Begegnungen mit bekannten Gesichtern, während Neueinsteiger keinerlei Probleme haben sollten, da die Handlung für sich alleine steht und hauptsächlich neue Personen einführt, die keinen Bezug zu alten Teilen haben.

Phoenix Wright: Ace Attorney - Dual Destinies - Trailer

Euer Gegenspieler Simon Blakquill triumphiert dabei als bester Neuzugang. Ein verurteilter Mörder, der die Zeit neben seiner Tätigkeit als Staatsanwalt die Zeit verbringt. Zwar erreicht er nicht ganz die Stärke des unvergesslichen Kaffee-Enthusiasten Godot, doch reihe ich ihn an zweiter Stelle der bisherigen Staatsanwälte ein. Sein mysteriöses Auftreten unterstützt von intelligenten Beobachtungen verhelfen ihm zu einem interessanten Charakter. Außerdem besitzt er die Dreistigkeit, den Richter mit "Your Baldness" anzusprechen und hetzt seinen Falken auf ihn. Wie cool ist das denn bitte?

Spielerisch hat sich, wie oben bereits angedeutet, nicht viel getan. Die größten Neuerungen beschränken sich fast ausschließlich darauf, dass das Spiel erstmals in 3D-Grafik daherkommt, anstatt im typischen, handgezeichneten Look. Jede Figur erstrahlt in ihrem Charaktermodell zu neuem Leben und der animehafte Cell-Shading-Look bringt die Stärke der Gesichtszüge sowie Animationen besser hervor. Ich gebe zu: Ein wenig abgeneigt war ich dem neuen Stil schon, aber das hielt keine zehn Minuten an. Spätestens bei den ersten Bewegungen oder der Kamerafahrt durch den Gerichtsaal war ich überzeugt.

"Bei der Untersuchung von Tatorten könnt ihr den Raum nun mehrmals drehen, um aus verschiedenen Perspektiven einen Blick darauf zu werfen."

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Die wenigen Filmsequenzen quälen euch mit der grauenhaften englischen Sprachausgabe.

Bei der Untersuchung von Tatorten könnt ihr den Raum nun mehrmals drehen, um aus verschiedenen Perspektiven einen Blick darauf zu werfen. So entdeckt ihr beispielsweise einen wichtigen Beweis, den zuvor ein Sofa verdeckte. Restliche Neuerungen beschränken sich auf die Fähigkeiten eurer Assistentin Athena, die aus der Stimmlage von Zeugen ihre Gefühle ablesen kann. In bestimmten Fällen müsst ihr anhand von Symbolen starke oder ungewöhnliche Gefühlsschwankungen erkennen. Empfindet eine Person beispielsweise neben Angst auch Freude über brechende Steinplatten, hinterfragt ihr diesen Umstand für weitere Informationen. Weiterhin besitzt Apollo seinen Armreif, der feinste Mimik oder Bewegungen erkennt, die sich auf eine Lüge zurückführen lassen. Insgesamt verfeinert es das Gameplay, führt allerdings zu keiner großen Veränderung wie es noch bei Ace Attorney Investigations: Miles Edgeworth der Fall war. Ein wenig schade, aber verschmerzbar.

Konsequenzen?

Schlimmer ist da schon, dass mal alte Fehler nicht bereinigte. So hat man bis heute keinen guten Weg gefunden, euch als Spieler zu bestrafen. Legt ihr die falsche Beweise vor oder klickt auf eine unlogische Begründung, kassiert ihr eine Abmahnung des Richters, wodurch sich eine Leiste am oberen Bildschirmrand leert. Habt ihr die Geduld des Robenträgers endgültig ausgereizt, erklärt er euren Mandanten für schuldig. Tja, und dann geht es mit einer vollen Leiste weiter. Dadurch verliert ihr jegliche Dringlichkeit, die richtigen Beweise auszuwählen und euch nicht einfach durchzuraten. Ist doch egal, versuche ich es eben noch einmal. Wieso soll ich mich vor den Strafen des Richters fürchten, wenn sie keinerlei Konsequenzen haben? Darüber hinaus findet sich auch hier das Problem vieler Adventures wieder, solltet ihr nicht den Gedankensträngen der Entwickler folgen. Manche Beweise lassen sich eigentlich perfekt an Stellen einsetzen, zu denen ihr leider andere Widersprüche finden sollt. Es kann ein wenig nervig sein, wenn das Spiel in diesen Situationen eure Logik ignoriert.

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Phoenix sieht nun wesentlich älter aus.

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Letztendlich ist dies aber nicht so tragisch. Denn die wahre Faszination besteht in den Momenten, in denen ihr dem Fall schlagartig in eine neue Richtung gebt und euren Gegenspieler in seine Schranken weist. Ihr wählt den richtigen Beweis aus und schon startet nach einem befriedigen Einspruch die Musik mit ihren imposanten Fanfaren. Euer Puls steigt in die Höhe und ihr fühlt euch für kurze Zeit unbesiegbar. Nachdem ihr euch unzählige Anschuldigen anhören musstet, habt ihr eure Theorie endlich bewiesen und reibt sie dem Staatsanwalt genüsslich unter die Nase. Im gleichen Moment ertönt in eurem Kopf ein lautes "Nimm das!", während ihr selbstgefällig auf den Bildschirm grinst. Jeder, der ein Ace Attorney gespielt hat, kennt dieses Gefühl.

Und genau darauf kommt es an. Man kann über bestehende Fehler meckern oder die mangelnde Innovation ankreiden, doch in diesen Momenten ist es egal. Das Spiel hat einen vollkommen in seinen Bann gezogen und man sitzt anschließend die nächsten Stunden vor dem Bildschirm, nur um den Fall zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Es ist der Page Turner unter den Spielen. Persönlich ordne ich es ganz knapp hinter Trials and Tribulation ein, dessen Genialität seit jeher einen Schatten auf die Serie wirft. Phoenix Wright: Ace Attorney - Dual Destinies kommt nah an die neue Spitzenposition heran und ist für Fans der Serie daher ein unumstrittener Must-Have-Titel. Oder erhebt jemand Einspruch?

8 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Phoenix Wright: Ace Attorney - Dual Destinies - Test Björn Balg Der Mann mit dem unmöglichen Haar kehrt zurück. 2013-10-24T09:00:00+02:00 8 10

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