LEGO Marvel Super Heroes - Test

Ein Spiel, das nicht nur 'True Believer' glücklich macht.

Mit der PlayStation 4 habe ich neue Hoffnungen für Sonys Vita. Remote Play, also das Spielen von PlayStation-4-Titeln auf einem vernetzten Handheld, funktioniert so ausgezeichnet, dass man ein Spiel seiner Wahl Abends für nur noch einen Level mit ins Bett nehmen oder den Fernseher freimachen kann, falls nötig. Dabei vergisst man regelmäßig, dass die Titel eigentlich gar nicht auf der Vita laufen, und kann - mit ein paar Ausnahmen - auch so voll darin aufgehen.

Remote Play hat aber noch einen weiteren Vorteil, den ich vor LEGO Marvel Super Heroes so nicht auf dem Zettel hatte: Man spart im Couch-Koop einen Controller! Ich übernehme einfach mit der Vita Kontrolle über die PS4 und mein Gast steigt mit dem DualShock in mein Spiel ein. Das klingt wenig weltbewegend, ist in der Praxis aber erstaunlich cool und dank der gefühlt komplett lagfreien Verbindung über unseren heimischen Router ein Spielerlebnis, das der konventionellen Variante in nichts nachsteht. Jetzt fehlt nur noch, dass künftige Spiele optional erkennen, dass ein zweiter Bildschirm zur Verfügung steht oder man optional den Screen der Vita abstellt, um den Akku zu schonen. Für Spiele wie diese, die sich nicht zu sehr auf die hinteren Schultertasten oder den Buttons unter den Sticks verlassen, wäre die Einbindung einfach nur perfekt.

Up, up and away!

Der zweite Knalleffekt für alle, die wie ich das Wii-U-exklusive LEGO City Undercover noch nicht gesehen haben, kommt nach Level drei. Seit einer guten Stunde ist man schon komplett selig, sich als Spider-Man an der Seite der Whedon-Avengers durch durchaus filmreife Actionsequenzen zu prügeln und basteln. Man kloppt sich in simplen, aber charakterstark und passend animierten Fights mit Doc Oc, Dr. Doom und Abomination, lacht sich schlapp über den gewohnt stilsicheren LEGO-Slapstick und fragt sich nur eins: Was für formvollendete Geeks müssen bei Travellers' Tales sitzen, dass sie nach Star Wars, Harry Potter, Indiana Jones, Batman, Der Herr der Ringe und Pirates of the Caribbean schon wieder eine solche enzyklopädische Kenntnis des Ursprungsmaterials beweisen? Und dann passiert's. Nach den einleitenden Kapiteln steht man auf einmal in einem frei begehbaren Manhattan, über das man als fliegender LEGO-Held sogar angemessen superheldenhaft kreisen darf.

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Wie in einem ironischen Seitenhieb, ist in so gut wie jedem Level Stan Lee vertreten - und muss aus einer Notsituation befreit werden.

Nach der obligatorischen Runde als Iron-Man 'einmal um den Pudding' probiert man direkt als nächstes aus, wie hoch es hinaus geht. Ist man erst einmal über den Wolken, bemerkt man einen guten Kilometer über der Metropole den S.H.I.E.L.D.-Helicarrier. Oben angekommen geht es mit dem Aufzug ins Innere, wo man das stilecht in LEGO-Steinen nachgestellte Filmset der Brücke auf Anhieb wiedererkennt. Man sieht Maria Hill beim Kaffeetrinken zu und lauscht den Durchsagen über die PA ("Achtung, Achtung: Agent Romanoff gibt diesen Donnerstag wieder einen Nahkampfkurs über Würge- und Haltegriffe. Die Anmeldungen ... oh, Moment. Schon alles voll.") und saugt die filmreife Atmosphäre förmlich ein. So verliefen jedenfalls meine ersten 90 Minuten. Es war der Moment, in dem mir klar war, dass dies hier das bisher beste Marvel-Videospiel ist.

Auch das kocht natürlich nur mit (LEGO-)Wasser und bietet abseits der offenen Welt, die die einzelnen, eng abgesteckten Story-Level verbindet, das übliche Geprügel alleine oder im Koop. Aber durch die über 150 Marvel-Helden und Bösewichte, die sich auch noch in unterschiedlichen Ausführungen und mit verschiedenen Skills freischalten lassen, fühlt sich auch dieser VerLEGOng einer großen Popkulturmarke wieder frisch und unverbraucht an. Diese Konstellation zieht ihren Pepp aus gut geschriebenen, flapsigen Dialogen, die die perfekte Rechtfertigung für die übernatürliche Zusammenkunft von Fantastic Four, X-Men, Spideys und den Avengers sowie deren jeweiliger Rogues' Gallery bietet.

Figuren, die nicht nur in Zahl, sondern auch Charakterstärke überzeugen.

Jeder Charakter aus dem riesigen Portfolio ist auf den ersten Blick wiederzuerkennen und sprüht trotz seiner limitierten Physiognomie nur so vor Charakter. Alleine wie Iron-Mans Arme wackeln, um seinen Schwebeflug zu stabilisieren, ist filmreif. Einen Neuzugang im Portfolio auf diese Weise zu entdecken, ist immer wieder wie ein neues Spielzeug. Und obwohl natürlich nicht alle so aufregend zu spielen sind, wie zum Beispiel die flugfähigen Figuren, so bereichert doch jede Einzelne von ihnen das Erlebnis. Denn über allem thront der ewige Sog aus 'was passiert wohl, wenn diese Figur hier jenes macht?'. Mit liebevoll individuellen Bewegungsabläufen schenkt einem Traveller's Tales immer wieder Schmunzler und manchmal sogar Bauchschmerzen verursachende Lacher.

"Mit liebevoll individuellen Bewegungsabläufen schenkt einem Traveller's Tales immer wieder Schmunzler und manchmal sogar Bauchschmerzen verursachende Lacher."

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Der dynamische Splitscreen macht einen guten Job. Nur, wenn man in der Nähe der Bildschirmteilung ein Objekt mit einer Fernattacke anvisieren will, macht er etwas Probleme.

Der Umfang an Interaktionsmöglichkeiten in Manhattan ist natürlich begrenzt. Das hier ist kein Grand Theft Auto, auch wenn ihr euch bei Bedarf einfach ein Fahrzeug leiht. Aber im Grunde geht es immer darum, mit der richtigen Figur an den Ort des Problems zu kommen und hier die Spezialfähigkeit zum Wohle aller Beteiligten einzusetzen. Das gilt sowohl für Sammelobjekte, wie die wichtigen goldenen Steine, die weitere Level freischalten, als auch für Bürger in Not. Habt ihr die richtige Fähigkeit im Gepäck, ist die jeweilige Lösung ein Klacks. Es bleibt immer an der Oberfläche, ist aber so leichtherzig und pfiffig umgesetzt, dass man trotzdem kaum an einem der Missionsmarker vorbeikommt, ohne nicht wenigstens zu schauen, was hier gerade los ist und was - beziehungsweise nach wem - gerade verlangt wird. Es finden sich auch einige Situationen, die sich erst lösen lassen, wenn ihr einen bestimmten Helden freigeschaltet habt. Sie und ihre Skills zumindest einmal alle in Aktion zu erleben, ist Antrieb genug, sich regelmäßig einen Wingman auf die Couch zu holen.

Schlechte Angewohnheiten wird man mit der Zeit immer schwerer los

Gemeinsam oder alleine stellt man dann aber fest, dass sich mittlerweile einige Eigenarten eingeschliffen haben, die die Reihe gerne langsam mal ablegen dürfte. So ist zum Beispiel die Kamera nicht invertierbar (oben = oben. Immer). Das habe ich eine ganze Weile nicht bemerkt, weil das Spiel euch vielerorts die Kontrolle über die Perspektive gekonnt abnimmt und der dynamische Splitscreen das Geschehen meist gut einfängt. Gerade in der Open-World muss man sich als 'Invertierter' aber doch sehr umstellen.

Noch bedauernswerter ist aber, dass man auch in LEGO Marvel Heroes an vielen Stellen nur durch wildes Ausprobieren weiterkommt, weil der Titel einen seltsamen Begriff von Spielerführung hat. Das Spiel übertreibt es zwar regelmäßig mit Tutorial-Einblendungen, die man schon tausend Mal gelesen hat, schweigt sich in einigen Momenten aber etwas unfair aus, wie es nun weitergeht. An einer Stelle hingen wir fest, weil wir beide gleichzeitig an einem Ort stehen mussten, der für uns nicht als Aufzug erkennbar war. Andernorts ließen sich interaktive Objekte unerklärlicherweise nur aus einem bestimmten Winkel manipulieren, und einige Skills eigneten sich nicht für Aufgaben, die eine vergleichbare Fähigkeit mit Bravour erledigte. Der Spielfluss gerät so häufig unnötig ins Stocken. Sobald es aber weitergeht, sind diese Sorgen wieder vergessen.

Die härtesten Erfolge überhaupt: Von schlicht unmöglich bis 'Das geht niemals!' Zuviel Freizeit? Ambitionen ohne Ende? Dann habe wir hier das Richtige für euch. Die härtesten Erfolge überhaupt: Von schlicht unmöglich bis 'Das geht niemals!'
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Technisch gesehen ist LEGO Marvel kein Spiel zum Angeben. Dank Tiefenunschärfe und einigen netten Effekten trumpft das Art-Design aber voll auf.

Trotz dieser vermeidbaren Ärgernisse - vor allem im zwölften oder 13. Spiel dieser 'Reihe' -, kann man LEGO Marvel Super Heroes nur wenig übel nehmen. Nach all den Stoffen, die TT bereits zur Perfektion persiflierte, immer noch so viel Liebe zum Detail und Wissen über eine weitere Marke zu demonstrieren, das kann fast nicht mit rechten Dingen zugehen.

Mehr noch als seine schon entwaffnenden Vorläufer ist LEGO Marvel Super Heroes zugleich ein Liebesbrief an das Ursprungsmaterial und eine Ode an das Spielen und Entdecken an sich. Anders als bei vielen anderen Serien, bei denen man sich schon manches Mal fragt, warum es jetzt schon wieder eines von der Sorte gibt, wird dieses Medium ausgerechnet durch jede neue LEGO-Lizenzspiel ein bisschen besser. Man muss das nicht verstehen. Man muss es nur spielen. Excelsior!

8 / 10

Unsere Wertungsphilosophie LEGO Marvel Super Heroes - Test Alexander Bohn Ein Spiel, das nicht nur 'True Believer' glücklich macht. 2013-11-27T12:00:00+01:00 8 10

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