The LEGO Movie - Hier ist alles super...

...aber früher war alles besser.

Man kommt wohl nicht umhin, über den offiziellen LEGO-Film zu sprechen, ohne dabei diesen Satz unterzubringen: „Hier ist alles super!" Allein schon deshalb, weil sich der gleichnamige Titelsong in den Gehörgängen einnistet wie ein Eichhörnchen für den Winterschlaf und dann nicht mehr ausziehen will. Seit ich den Film vor einigen Tagen gesehen habe, ist bei mir alles super. Rund um die Uhr. Von morgens bis morgens. Das Lied verfolgt mich bis in den Schlaf, es sitzt in meinem Kopf und verstopft ihn für alles weitere. Sogar die Zähne putze ich mir in seinem Rhythmus. Bei mir ist alles super...

„Hier ist alles super!"

Die Gehirnwäsche der Fröhlichkeit, mit der LEGO den Fazitspruch für die Kritiken gleich als Titellied mitliefern möchte, ist gleichwohl doppeldeutig zu sehen. Es bildet im Film die Hymne einer Gesellschaft, die an ihrer eigenen Superkalifragilistigkeit zu ersticken droht, deren überschäumend gute Laune von ganz oben auferlegt wird, als sei sie ein Gesetz, und deren kleinbürgerliche Glückseligkeit industriell durchorganisiert ist wie in einer Planwirtschaft der ultimativen Spaßgesellschaft. Hier ist alles so super, dass es dringend einen Demolition Man braucht, um die hässliche Fratze hinter dem allgegenwärtigen Dauergrinsen bloßzustellen.

Der Tagesablauf in der LEGO-Welt folgt - und schon an dieser Stelle wird The LEGO Movie auf eine für diese Art Film erstaunliche Weise allegorisch - einem exakten Bauplan, einer Anleitung, wie sie jedem LEGO-Spielzeug beiliegt: das morgendliche Aufstehritual, das gemeinschaftliche Singen während der Arbeit und die Feierabendplanung im ständigen Wechsel zwischen Bockwurst mit den Freunden und der Lieblingssitcom im Fernsehen.

Doch The LEGO Movie ist mehr als die schon häufig erzählte Geschichte eines ebenso unbedarften wie auserwählten Helden, der eine Gruppe von Gefährten zusammentrommelt, um eine Rebellion gegen ein Regime anzuführen, das unter den amerikanischen Schreckgespenst-Verdacht sozialistisch-orwellscher Gleichmacherei fällt. Es ist in erster Linie eine Geschichte aus und vor allem über LEGO: ein Plädoyer für Kreativität, über die Faszination, etwas Einzigartiges zu erschaffen, und die Grenzenlosigkeit der Fantasie.

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Gehirnwäsche der Fröhlichkeit: In der LEGO-Stadt ist von morgens bis abends alles super.

Natürlich ist The LEGO Movie vordergründig ein aberwitziger Spaß voller Einfälle und Anspielungen, eine wilde Achterbahnfahrt haarsträubender Actionszenen, ein kurzweiliges Vergnügen für Jung, aber insbesondere auch Retro-affin-Alt, ein technisch wie ästhetisches Kunststück, das bisweilen an die stroboskophafte Animation alter Stop-Motion-Filme erinnert und seine Plastikfiguren im dreidimensionalen Raum schon beinahe plastisch real erscheinen lässt.

WTF?! Übt LEGO hier Kritik an sich selbst?

Zwischen den Zeilen ist The LEGO Movie aber - und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob den obersten Chefs im LEGO-Konzern das aufgefallen ist - deutlich mehr: nämlich eine unterschwellige und äußerst subtile Kritik an den Geschäftspraktiken von LEGO höchstselbst!

Der Oberbösewicht mit dem bezeichnenden Namen Lord Business (!) lässt die LEGO-Stadt nämlich strikt nach Plan, sprich: nach Anleitung, bauen. Hier wird nichts dem Zufall überlassen, alles ist exakt durchorganisiert, Abweichungen von der Vorschrift sind tabu. Und wenn das Gebäude einmal steht, wird es im Idealfall mit Alleskleber fixiert und der Ewigkeit übergeben.

Folglich möchten die Rebellen des Widerstands dieser Gesellschaft Kreativität, Eigensinn und Mut zu neuen Ideen wiedergeben. Dass nicht mehr streng nach Vorgabe gebastelt, sondern Neues geschaffen wird. Dass die gebauten Häuser, Raumschiffe, Autos, Drachen, Ritterburgen nicht hinter Vitrinen oder im Hobbykeller verschwinden und der reinen Anschauung dienen, sondern wieder und wieder zerstört werden, um daraus immer neue Piratenschiffe, Tankstellen, Feuerwachen oder meinetwegen auch das Batmobil und rosa Einhorn-Regenbogenkatzen zu bauen. Mit Fantasie. Und eben ohne Anleitung.

"Aber steht nicht genau diese Moral der Geschicht' in einem merkwürdigen Widerspruch zur Geschäftspolitik, wie sie LEGO seit einigen Jahren verfolgt?"

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Die Agenten des bösen Lord Business wollen der Welt die Kreativität austreiben.

Setzkästen sammeln statt Bauklötze staunen

Aber steht nicht genau diese Moral der Geschicht' in einem merkwürdigen Widerspruch zur Geschäftspolitik, wie sie LEGO seit einigen Jahren verfolgt? Hier werden kaum noch Bauklötze verkauft, sondern Lizenz-Setzkästen. Wer sich heutzutage den LEGO Millennium Falcon, die Harry-Potter-Burg oder den Zeitreise-DeLorean kauft, wird diesen nicht wieder auseinandernehmen, sondern sie in genau die Vitrine mit dem „Nicht berühren!"-Schild stellen, die der Film anprangert.

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Den Sinn verfehlt? Matthias' LEGO-Star-Wars-Sammlung in der Vitrine.

In diesem Sinne ist die den Film immer wieder durchwehende Retro-Nostalgie möglicherweise mehr als ein Zugeständnis an die Elterngeneration im Kinosaal, die mit LEGO ebenfalls, aber andere Erfahrungen verbindet wie ihre Kinder auf den Plätzen daneben. Nachdem LEGO jahrzehntelang Weltmarktführer in Sachen Spielzeug gewesen ist, wurden sie Anfang der 2000er von Nintendo und Sony überholt, schlitterten kurz darauf in eine heftige Krise. 2003 bereits schreibt LEGO tiefrote Zahlen, 2004 verzeichnet man einen Verlust von 226 Millionen Euro.

Es musste sich etwas ändern: Das Management wurde komplett ausgetauscht, die Unternehmensstrategie geändert. Von da an regierte Lord Business den Konzern und brachte ihn zurück auf die Erfolgsspur. Man begann damit, Lizenzen bekannter Film-Franchises wie Star Wars zu erwerben, die die Anleitungen für jene starr verklebten Staubfänger liefern, die im Film für den Tod der Kreativität stehen, ja, den eigentlichen Sinn der bunten Plastiksteine ins Gegenteil verkehren. Heute ist bei LEGO in finanzieller Hinsicht mehr denn je wieder alles super.

Trotz oder gerade wegen dieses Erfolges, scheint man im Hause LEGO beseelt von einer Sehnsucht nach der Zeit, als LEGO kein multimedialer Unterhaltungskonzern war, sondern Hersteller von Spielsachen mit dem Prädikat „pädagogisch wertvoll". Als man nicht ständig neue Geschäftsfelder wie Videospiele und eben jetzt auch Filme erschließen musste, um am Markt existieren zu können, sondern einfach auf die Magie der bunten Steine und die Macht der Fantasie vertrauen konnte.

"Doch zeigt er dadurch eben auch umso deutlicher auf, dass sich LEGO schon seit Jahren genau von diesen seinen Wurzeln mehr und mehr entfernt."

Ich weiß nicht, ob man sich bei LEGO tatsächlich darüber bewusst ist, dass der Film genau dieses aussagt. Vermutlich ist man dort der Meinung, einen ebenso spaßigen wie rührenden Film über die Faszination LEGO produziert zu haben - und hat damit durchaus recht. Doch zeigt er dadurch eben auch umso deutlicher auf, dass sich LEGO schon seit Jahren genau von diesen seinen Wurzeln mehr und mehr entfernt. ...Schreibe ich und blicke etwas schuldbewusst auf meine LEGO-Star-Wars-Sammlung in der Vitrine im Regal...

Der eine oder andere mag mir an dieser Stelle verzeihen, dass dieser Artikel absolut gar nichts über das Spiel gesagt hat, dessen Preview er eigentlich sein soll. Stattdessen habe ich versucht, ein paar Aspekte anzusprechen, die den - im übrigen durchaus empfehlenswerten - Film in ein neues Licht rücken, das sonst möglicherweise nicht bemerkt worden wäre, vermutlich von den Machern noch nicht einmal beabsichtigt ist. Vielleicht behaltet ihr ja meine Überlegungen im Hinterkopf, wenn ihr den Film anschaut, und berichtet mir, wie ihr das seht. Übt hier LEGO tatsächlich unterschwellig oder möglicherweise auch nur unbewusst Kritik an den eigenen Geschäftspraktiken? Hat Lord Business das Unternehmen übernommen und seinen Sinn ins Gegenteil verkehrt? Diese Fragen schienen mir an dieser Stelle interessanter und diskussionswürdiger als das Aufzählen letzten Endes bekannter Fakten. Also das, was jetzt noch kommt.

Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will. Aber gesehen müsst ihr sie haben! Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will.

Denn mal ehrlich: Was soll ich euch über ein LEGO-Spiel erzählen, das ihr noch nicht wüsstet? Außer, dass alles im Großen und Ganzen so ist wie immer. Vom Sammeln der LEGO-Steine, über das Koop-Rätseln und Basteln, bis hin zu den kleinen Orientierungsschwächen im dreidimensionalen Guckkastenraum. Mal abgesehen von ein paar neuen Minispielen. Das Spiel ist ohnehin nur für eine Zielgruppe geeignet, die gerade im passenden LEGO-Alter ist, also vermutlich das eine oder andere Jährchen unter euch. Spielt also selbst lieber LEGO Star Wars oder LEGO Der Herr der Ringe und kauft The LEGO Movie Videogame eurem kleinen Bruder.

Denn obwohl das Spiel zum LEGO Movie in kaum einer Kommastelle von der allseits bekannten Erfolgsformel der Reihe abweicht, entbehrt es das entscheidende Element, das stets den primären Reiz sämtlicher LEGO-Spiele vor ihm ausgemacht hat: das Erleben eines bekannten Film- oder Comic-Universums im niedlichen Charme der LEGO-Steine, auf deren Schnittstelle der einzigartige Witz der jeweiligen Spiele stets entstand. Im Gegensatz dazu ist The LEGO Movie Videogame einfach nur das Spiel zu einem Film, das exakt genau so aussieht wie der Film eben auch...

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