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Das ist doch kein richtiges Spiel!

Warum wir Videospiele nicht durch unnötige Definitionen eingrenzen sollten.

"Gone Home ist doch nun wirklich kein Spiel. Jetzt einmal ernsthaft. Du läufst bloß durch ein großes, leeres Haus. Ansonsten passiert da nichts. Keine Gefahr. Keine wirkliche Aufgabe. Nur Laufen. Wenn überhaupt, dann ist Gone Home ein Walking Simulator. Aber doch kein Videospiel."

Die obige Meinung ist natürlich kein direktes Zitat. Eher die grobe Paraphrasierung beliebter Aussagen. Zumindest in Internetforen oder YouTube-Debatten. Dort sprießen öfter Diskussionen hervor, in denen man sich darüber streitet, was nun genau ein Videospiel definiert. Besonders viele erfolgreiche Indie-Produktionen wie Gone Home, Dear Esther oder Proteus sind beliebte Ziele.

Vielleicht mag es auf den ersten Blick seltsam oder vollkommen trivial wirken. Wieso ist das wichtig? Warum spricht man überhaupt darüber? Die Sache ist doch vollkommen einleuchtend. Natürlich sind es Spiele! Doch es existiert nun einmal keine allgemeingültige Definition eines Videospiels und einige Stimmen verlangen nach einer Abgrenzung. Von daher finde ich es persönlich wichtig, die Argumentation ein wenig genauer zu hinterfragen und dementsprechend zu verstehen, warum Debatten wie diese überhaupt entstehen.

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Muss es immer mehr als nur das Erkunden eurer Umgebung sein?

Der häufigste Vorwurf gegen sogenannte Spaziersimulationen oder Nicht-Spiele ist die Abstinenz eines Game-over-Zustands. Es fehlt die Gefahr durch einen möglichen Tod, die Videospiele schon immer von anderen Medien wie Büchern oder Filmen abgrenzten. Schließlich kann man schlecht daran scheitern, einen Film zu gucken, solange die Augen auf den Bildschirm gerichtet bleiben. Selbiges gilt für Bücher, bei denen ihr das Ende auf jeden Fall erreicht, solltet ihr Wort für Wort mitlesen.

Videospiele dagegen verlangen in der Regel ein Maß an Können und Verständnis der Mechaniken, um erfolgreich das Game-over zu vermeiden. Genau diese Herausforderung fehlt beispielsweise in Gone Home. Egal, wie lange ihr in dem Haus herumlungert. Egal, welchen Gegenstand ihr untersucht. Keine eurer Handlungen kann jemals zu einem Tod und damit dem Game-over führen. Viele Leute vermissen ein Merkmal, das für sie einfach zu Videospielen dazugehört. Ohne dieses Element passt es nicht mehr in ihre Definition eines Videospiels.

Ähnliche Reaktionen erwirkt das Fehlen von Herausforderungen. Gone Home stellt dem Spieler zwar eine Aufgabe, doch ist sie nicht überaus anspruchsvoll. Untersuche ein leeres Haus, finde darin bestimmte Objekte und schalte so nach und nach weitere Räume des Gebäudes frei. In Dear Esther braucht ihr nur einem offensichtlichen Pfad bis ans Ende zu folgen. Proteus setzt euch derweil überhaupt keine Vorgaben. Ihr wandert ziellos in der freien Natur umher und genießt die Atmosphäre. Zudem verbindet alle drei Titel das seichte Gameplay. Außer des Bewegens eurer Figur benötigt ihr fast keine zusätzlichen Aktionen.

"Der häufigste Vorwurf gegen sogenannte Spaziersimulationen oder Nicht-Spiele ist die Abstinenz eines Game-over-Zustands."

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Kein Game-over = kein Spiel?

Generell herrscht eine Abneigung gegen Titel, die mehr Wert auf die Erfahrung oder das Erlebnis legen, ohne dem Spieler dabei Steine in den Weg legen zu wollen. Oft vermissen sie auch einen Grad an Komplexität. Und sei es nur eine weitere Mechanik, die das Gameplay erweitert. Ich spüre eine Art von Angst in diesen Leuten, die eine Definition von Videospielen weitestgehend nach ihren Maßstäben eingrenzen wollen. Und zwar Maßstäbe, die anscheinend allein auf alten Konventionen basieren. Ganz nach dem Motto: Früher zeichneten sich Videospiele zu einem Teil durch Tode und Herausforderungen aus. Deswegen braucht ein Spiel diese Aspekte, um nicht aus dem willkürlich festgelegten Rahmen zu fallen. Alles andere fühlt sich schon fast wie eine Beleidigung ihres Hobbys an.

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In meinen Augen schadet eine derart feste Eingrenzung dem gesamten Medium. Denn es schränkt das Wachstum der Möglichkeiten ein, in denen sich Videospiele weiterentwickeln und entfalten können. Nur weil einem persönlich die eine oder andere Ausrichtung nicht schmeckt, braucht man deswegen nicht gleich auf die Barrikaden zu gehen. Dies zeugt eher von einer Engstirnigkeit, die wir normalerweise Anfechtern von Videospielen vorwerfen, da sie ihren eigenen Horizont nicht erweitern wollen. Ich sehe kaum einen Unterschied zwischen den Lagern. Egal, ob jemand nun Videospiele allgemein verteufelt oder lediglich eine gewisse Gruppierung ausgrenzen möchte - beide Fälle zeigen Überheblichkeit und Ignoranz.

Wir sollten weniger Einschränkungen erzwingen und vielmehr eine möglichst große Ausweitung des Begriffs als Ziel verfolgen. Denn nur weil sich Videospiele stets durch bestimmte Merkmale ausgezeichnet haben, heißt das nicht, dass es für immer so sein muss. Allein vom Begriff abgeleitet, sind sie nichts weiter als Spiele in Videoform. Solange wir mit ihnen auf irgendeine Weise interagieren und unser persönlicher Input erfolgt, heben sie sich deutlich von anderen Medien ab. Genau das macht sie zu etwas Besonderem. Nicht, weil ich eine Herausforderung habe oder scheitern kann, sondern weil ich mich darin entfalten darf. Selbst wenn es nur die Reihenfolge ist, in der ich die Räume und Objekten in Gone Home untersuchen darf.

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