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Murdered: Soul Suspect - Test

Ein Spiel, das sich zu sehr fürchtet, aus seiner Komfortzone herauszutreten.

Es traut sich nicht: Man will euch mit einer mystischen Crime-Story gruseln, aber das Spiel scheint zu viel Angst vor sich selbst zu haben.

Wäre Murdered: Soul Suspect in einem Alternativuniversum erschienen, dieser Test würde vielleicht ganz anders ausfallen. Hätten wir statt eines Überflusses an Shootern mehrere Detektivabenteuer pro Quartal, stünde wohl eine weniger positive Note am Ende des Textes. Denn Murdered: Soul Suspect ist kein besonders großartiges Spiel. Es weist viele Schwächen auf, zeigt keinerlei Mut und selbst für ein eher ungewöhnliches Setting spielt es sich stark konservativ. In einer Welt mit mehr Titeln wie Ghost Trick - und damit definitiv einer besseren Welt - würde ich Murdered wahrscheinlich als billigen Abklatsch bezeichnen, der nur die Basis seiner vielen Möglichkeiten erkundet und dem Spieler kaum etwas zutraut.

Ein glücklicher Zeitpunkt

Doch im Hier und Jetzt existieren keine wirklichen Alternativen, die in die gleiche Kerbe schlagen. Murdered füllt daher eine gewisse Lücke und gleichzeitig meinen Wunsch nach mehr Vielfalt, weshalb ich leicht an vielen Problemen vorbeischauen kann. Zum Beispiel dem recht simplen Aufbau der Stadt Salem, in der ihr nach eurem eigenen Mörder sucht. Nachdem Protagonist Ronan O'Connor direkt in der Anfangssequenz das Zeitliche segnet, muss er als frischer Gespenster-Cop seinen Mord aufklären, um sorgenfrei das Jenseits betreten zu können.

Die verschiedenen Orte, an die euch die Investigation führt, sind durch einen äußerst kleinen Hub miteinander verbunden. Was sich zunächst noch wie relativ großer Freiraum anfühlt, entpuppt sich nach kurzer Untersuchung der Umgebung als enger Käfig. Neben versteckten Sammelgegenständen finden sich nur eine Handvoll Nebenaufträge auf den vereinzelten Straßen. Zumindest erklären die Entwickler die Eingrenzung eurer Spielwiese anhand der Geschichte Salems. Als frühere Zentrale für Hexenjagden segneten die abergläubischen Einwohner ihre Häuser. Daher darf Ronan nur Gebäude durch offene Türen und Fenster betreten. Zudem behindern alte Bauwerke oder Gegenstände aus früheren Tagen, die als spirituelle Objekte erscheinen, seinen Weg. Eine Lösung ist es aber nicht. Trotz der passenden Rahmenbedingung fühlt man sich als Spieler eingeengt und künstlich gefangen, wenn innerhalb einer knappen Stunde sämtliche Sidequests erledigt und fast alle Fundsachen eingesammelt sind.

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Auf der Suche nach seinem Mörder: Detektiv Ronan.

Was übrig bleibt, ist das stupide Folgen der Markierungen von Punkt A nach B, die euch über den Verlauf von knapp sechs Stunden unter anderem zu einer Kirche oder dem verwinkelten Friedhof der Stadt führen. Generell traut euch Murdered wenig zu. Selbst das offensichtlichste Spielelement bedarf einer langweiligen Einführung. Nie wartet eine Herausforderung darauf, eure Fertigkeiten zu testen. Jedes Objekt einer Untersuchung befindet sich im selben Raum. Eine ähnliche Philosophie steht hinter den ohnehin schon leichten Rätseln. Hier dürft ihr euch ungehemmt zu den korrekten Antworten raten. Negative Folgen gibt es keine. Na gut, ihr erhaltet eine schlechtere Bewertung. Diese zieht hingegen keinerlei Auswirkungen nach sich. Ihr ärgert euch maximal ein oder zwei Mal, bemerkt die fehlenden Konsequenzen und dann war es das. Schon geht die Motivation für bessere Ergebnisse flöten.

Zumal die gesuchten Antworten nicht immer die schlüssigsten sind. Oft müsst ihr ein bestimmtes Beweismittel aussuchen, um einen Zeugen zu beeinflussen. Da allerdings mehrfach nicht nur eine Antwort logisch klingt, zwingt man euch zur Wahl. Spätestens dann entwickelt sich eine Ist-mir-doch-egal-Einstellung bei den Knobelaufgaben.

Schade, denn eigentlich schafft es Murdered trotz seiner linearen und leicht vorhersehbaren Struktur, die Aufgaben häufig genug zu wechseln. Untersucht einen Schauplatz, lest die Gedanken verschiedener Personen, beeinflusst eure Umgebung oder verbindet die richtigen Worte mit einer abgebildeten Situation. Das ist nur ein Teil eures Aufgabenfeldes und wer sich zusätzlich noch darum bemüht, Sammelobjekte aufzuheben, schaltet weitere Hintergrundinformationen zu Charakteren oder mysteriösen Mordfällen frei. Obwohl ich nirgendwo das Gefühl hatte, etwas Innovatives zu spielen, fügten sich die einzelnen Teile in der hier gebotenen Anordnung gekonnt zusammen. Nichts wird euch überraschen, aber ebenso wenig verflucht ihr einzelne Momente.

"Zu Beginn ertappte ich eine Schaulustige sogar dabei, wie sie ihr Smartphone beim eifrigen Telefonieren verkehrtherum am Ohr hielt."

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Kein Fedora. Es ist ein Trilby. Know the difference!

Sogar die unnötig eingefügten Schleichsequenzen verlangen kaum Konzentration. Nie mehr als vier - und das auch nur im finalen Abschnitt - Dämonen wandern gleichzeitig durch ein Areal. Zudem scheinen es Geister der gestorbenen Soldaten aus Metal Gear Solid zu sein, die ihre kurze Sichtweite beibehielten. Nicht einmal durch Räume können sie im Gegensatz zu euch glotzen. Zur Beseitigung der Biester schleicht ihr euch kurz von hinten an, vollführt das angezeigte Quick-Time-Event und schon wendet ihr euch dem nächsten Kollegen zu. Sollten die Gegner euch zwischendurch entdecken, versteckt ihr euch schnell in den üppig verteilten Geisterfeldern. Stellt euch vor, ihr könntet in Metal Gear Solid beliebig zwischen acht Kisten am Boden hin und her teleportieren, bis eure Feinde die Suche aufgeben. Ein weiterer Beweis für die Panik, den Spieler auch nur im Ansatz vor eine fordernde Aufgabe zu stellen. Denn zusammen mit ein wenig Angst durch schwierigere Passagen und den exzellent gestalteten Umgebungen hätte echter Horror aufkommen können.

Ohne Mut, dafür mit reichlich Charisma

Hört sich alles ziemlich ernüchternd an. Und das ist es auch, ehrlich gesagt. Die Probleme des Spiels liegen offen auf der Hand. Dennoch kann ich meinen Spaß mit Murdered nicht leugnen. Natürlich hat es viel mit dem richtigen Zeitpunkt der Veröffentlichung zu tun. Trotzdem: Der Titel versprüht jede Menge Charme. Salem als Austragungsort wirkt unerwartet frisch, das Durchstöbern der Umgebung als Geist begeistert aufgrund weniger Restriktionen beim Erkunden innerhalb von Gebäuden und nicht zuletzt dürft ihr für kurzweilige Sprungpassagen direkte Kontrolle über Katzen ergreifen.

Auch die Handlung wagt sich in keine neuen Bereiche, bietet dafür zumindest ein schlüssiges Skript, das man kompetent erzählt und die Geschichte ohne Stottern permanent vorantreibt. Wie eine gute Krimiepisode eben. Nur mit einem Geist als Detektiv, der mir genau wie andere Figuren mit der Zeit ans Herz wuchs. Zum Ende hin habe ich richtig mitgefiebert und freute mich über die Auflösung, selbst wenn diese niemanden schockieren sollte.

"Nichts wird euch überraschen, aber ebenso wenig verflucht ihr einzelne Momente."

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Nicht nur durch Wände gehen könnt ihr als Geist. Ronan darf sich ebenso über kurze Distanzen teleportieren.

An vielen Stellen merkt man derweil, dass den Entwicklern anscheinend die Zeit und das nötige Budget fehlten, um ihre Ideen perfekt umzusetzen. Zwar ist der kleine Einblick in Salems Historie authentisch gestaltet, doch fallen überall kleinere und größere Schwächen auf. Animationen wirken teils steif, ständig seht ihr die gleichen Charaktermodelle und zu Beginn ertappte ich eine Schaulustige sogar dabei, wie sie ihr Smartphone beim eifrigen Telefonieren verkehrtherum am Ohr hielt.

Optisch ist es sicherlich kein Verbrechen, allerdings lässt das Spiel weder auf PC noch Next-Gen-Hardware seine Grafikmuskeln spielen. Wer mit ein paar Abstrichen der ohnehin schon mittelmäßigen Technik leben kann, sollte zu den Versionen der älteren Konsolen greifen, da ihr diese bei vielen Händlern knapp 15 Euro günstiger erhaltet.

Schlussendlich bleibt Murdered: Soul Suspect eine der subjektivsten Erfahrung der letzten Jahre. Niemand kann die deutlichen Schwächen im Design leugnen. Eine zu kleine Umgebung, anspruchslose Rätsel ohne Bestrafung und dazu einige unausgearbeitete Elemente wie das Schleichen weisen auf einen mittelmäßigen Titel.

Trotzdem zog mich die Handlung in Verbindung mit dem unverbrauchten Ansatz eines Geisterdetektivs in ihren Bann. Glaubhafte Figuren und eine simple, dafür aber überaus effektive Erzählstruktur sind manchmal alles, was ich für einen oder zwei spaßige Abende brauche. Wenn ich als Gespenst dann noch eine Katze bei Nacht durch düstere Straßen steuern darf, entsteht ein gewisser Charme, der mir dabei hilft, selbst größere Problemzonen auszublenden. Murdered: Souls Suspect ist wahrhaftig nicht das bisher beste Spiel des Jahres, aber sicherlich das sympathischste.

6 / 10

Murdered: Soul Suspect - Test Björn Balg Ein Spiel, das sich zu sehr fürchtet, aus seiner Komfortzone herauszutreten. 2014-06-11T18:00:00+02:00 6 10
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