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The Crew - Test

Irgendwie zurück im Jahr 1990. Nur zu viert halt.

Der Spaß ist da, wenn ihr durch die ganze USA im Kleinformat heizt. Aber strukturelle Schwächen machen es mitunter schwer, ihn zu finden.

Diese Spiele funktionieren selten wie sie sollen, aber sie funktionieren. Es ist eine ganz eigene, recht seltene Gattung von Rennspielen, die da gelegentlich aufpoppt und in der Regel heißt sie Test Drive. Diesmal zwar nicht, aber da in dem großen Crew-Team auch ein paar Leute von Eden Games, den Machern von Test Drive Unlimited dabei sind, gehört auch The Crew im Geiste dazu. Es begann bereits 1990, mit Test Drive III: The Passion. Es war das vielleicht erste Open-World-Rennspiel überhaupt und alle Elemente waren vorhanden. Fahre, wohin Du möchtest, guck Dir an, was Du willst, hab Spaß bei dem, was man mit einem Auto in einer großen Welt so macht: fahren. Aber versuche um Himmels willen nicht, das eigentliche Spiel zu spielen.

The Crew ist hierbei immerhin schon deutlich weiter als das damals spielerisch völlig verunglückte Test Drive. Aber auch The Crew hat sich irgendwo verrannt. Es ist ja nicht so, dass es schon einfach wäre, die ganze Karte der USA zu nehmen, auf eine sinnvolle Größe einzudampfen und dann darin Hunderte von Rennen und Herausforderungen zu verteilen. Die Test Drive Unlimiteds haben das geschafft, aber gerade mal so. Sie hatten auch noch Tonnen an Macken, Ecken und Kanten. Ihr Online-Modus war nie das, was er sein sollte, und auch wenn viele ihn nutzten, es war genauso leicht, ihn einfach zu ignorieren und trotzdem Spaß zu haben.

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Alles ist drin. Jeder Fahrzeugtyp, jeder Koop-Modus, jeder Vs.-Modus, jeder Ort in den USA. Wie kann es nicht das ultimative Spiel sein? Nun...

The Crew möchte das eigentlich nicht. Ihr sollt im Vierer-Verbund unterwegs sein und Spaß haben. Habt ihr wirklich immer drei Freunde auf Stand-by? Oder sogar zehn, die dieses eine Spiel spielen, nur um Alternativen zu haben, falls einige sich zufällig dann, wenn ihr Zeit habt, mit dem normalen Leben beschäftigen müssen? Nun, wenn ja, dann habt ihr es teilweise sehr viel einfacher.

The Crew kennt eine Reihe von Spielmodi und theoretisch sollen alle zu viert mehr Spaß machen. Sehen wir davon mal ab, dass die Server immer noch nicht ganz so stabil laufen, wie sie sollten - aber zumindest außerhalb der kritischen Bereiche -, ist es auch recht einfach Freunde oder auch Fremde einzuladen und mit ihnen im Grunde drei Arten von Herausforderung zu meistern. In einer Art Crash-Derby sollt ihr einen flüchtenden KI-Wagen rammen, bis er nicht weiter kann. Dann gibt es Rennen in verschiedenen Ausgestaltungen und schließlich noch Checkpunkt-Rennen gegen die Zeit. Spielt ihr alle diese zusammen mit Freunden oder auch Zufallsbekanntschaften, stellt ihr schnell fest, dass die Crash-Aktionen zu viert viel leichter sind. Verpasst mal einer den Anschluss, kann er immer noch darauf bauen, dass die anderen drei den Job zu Ende bringen. In den Rennen spielt es keine Rolle, solange einer als Erster durchs Ziel geht. Und bei den Checkpunkten ist es das Chaos pur, denn alle müssen jeden Checkpunkt erfolgreich passieren, damit ihr zusammen das Rennen gewinnt. Verliert einer, verlieren alle.

Ich persönlich würde sagen, dass die Spielbalance ab einem gewissen Zeitpunkt einfach aufgegeben wurde. Man sah, dass manche Rennaspekte nicht mit dem Koop-Konzept harmonierten, und sagte "was soll's". Das Ergebnis ist für beide Seiten unbefriedigend, wobei es die Leute in einer Gruppe immerhin noch etwas einfacher haben. Während ihr Solo mitunter schon mal 20 Anläufe braucht, um eine Mission der mit dem Verlauf immer belangloseren Story zu packen, geht es hier zu viert schneller voran. Dafür scheitert ihr dann wieder da, wo einer allein keine Probleme hatte. Also trennt sich die Crew und findet nach getaner Arbeit wieder zusammen. Ich weiß nicht, ob hier die Solo-Spielbarkeit einem MMO-Konzept aufgezwungen wurde oder ob es anders herum lief. Ich weiß nur, dass The Crew in der Mitte festhängt und wahrscheinlich besser damit gefahren wäre, sich für einen der beiden Wege zu entscheiden.

Technikvergleich PC vs. PS4 (Digital Foundry)

Das Tuning-System, an dem auch der Fortschritt im Spiel hängt, ist ein weiteres Indiz für das aus dem Ruder gelaufene Balancing. Das Spiel gibt euch für eine Mission einen willkürlichen Wert vor, den euer Auto haben sollte. Von mir aus 165. Hat euer Auto einen Tuning-Wert von 165 - passiert alles automatisch, verschwendet bloß nicht eure Zeit unter die optionale Haube zu gucken -, dann heißt der Schwierigkeitsgrad "Normal". Hat das Auto 87 ist es unmöglich, mit 205 wird es leicht. Was zur Hölle sind das für Werte? Ich fuhr gut, die Art von Auto, mit denen die KI unterwegs war hätte niemals gegen meinen Wagen gewinnen sollen, aber sie tat es immer wieder. Bis ich loszog, zehn optionale Herausforderungen meisterte und mein Auto auf 165 brachte. Und siehe da, ich fuhr wie zuvor, hatte nicht den Eindruck, dass mein Auto schneller war, aber plötzlich ließ mich die KI gewinnen. Ich wiederhole das gerne, die KI ließ mich gewinnen. Genau das ist der Eindruck und das ist für ein Rennspiel ein echtes Armutszeugnis. Sicher, jede KI "lässt" euch gewinnen, immer. Wenn sie wollte - sprich so programmiert ist - würde sie nie einen Fehler machen. Aber es ist ein Unterschied, ob ich den Eindruck habe, besser zu sein - sei es durch Talent oder Technik - oder den, dass die KI mich vorbeilässt.

Aus diesem Grund spielt es jenseits der Grundeinteilung in fünf Arten von Fahrzeug - Straße, Offroad, Performance, Rennstrecke und so weiter - keine Rolle, welches Auto ihr fahrt. Jenseits der Optik und des persönlichen Wunsches jedenfalls. Hauptsache es erfüllt die Kategorie für das Rennen und hat genug Punkte. Stellt ihr euch dann nicht zu ungeschickt an, wird man euch schon Platz machen. Egal, ob ich nun in einem Nissan 350Z, einem Kleinwagen-Prolo-Tuning-Bomber oder einer Shelby Cobra 500 GT ankomme. Ich habe selten ein Rennspiel erlebt, dem die Eigenheiten seiner Stars so dermaßen egal zu sein scheinen.

Gut so letztendlich, vor allem für euch, denn das Einkaufen neuer Wagen macht hier so wenig Spaß wie praktisch noch nie zuvor. Es dauert ewig, bis ihr mal Geld oder Crew-Punkte - Geld sammelt ihr immer, Punkte nur im Koop-Spiel - für was nettes Neues zusammenhabt. Ja, im Koop geht es schneller, aber selbst da liegen zwischen zwei angepeilten Käufen mitunter einige Stunden des braven Abarbeitens von Missionen und Herausforderungen. Forza 5 und Gran Turismo 6 waren schon knauserig, aber das hier scheint noch mal einen draufzusetzen. Aber natürlich seid ihr immer nur einen Schritt von den Mikrotransaktionen weg. Egal, ignoriert sie, seid zufrieden, mit dem, was ihr habt - das Fahrverhalten ist eh immer gleich abstrus super-arcadig -, und sucht euch den Spaß auf eine Weise, die mich zu Test Drive III zurückbringt.

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Nicht mal bei Nacht hat man seine Ruhe vor einer Million blinkender 'Spiel mich! Nein, spiel mich!'-Lichter. Zum Glück sind sie fast alle abschaltbar, wenn man einfach mal nur Cruisen möchte und ehrlich gesagt auch ganz praktisch gelöst, wenn ihr Lust auf andere Aktivitäten habt.

Test Drive III war wie gesagt ein grausiges Spiel, die Rennen brutal schwer, die Steuerung dafür viel zu unpräzise, wenn ich mich recht erinnere, habe ich nie auch nur ein Rennen gewonnen. Und trotzdem spielte ich es stundenlang. Ich fuhr rum, guckte mir die Landschaft an, probierte an interessante Flecken zu kommen und hatte Spaß beim Spielen. Nicht beim Gewinnen, sondern einfach nur beim Spielen. The Crew kann euch, wenn ihr euch darauf einlasst, das gleiche Gefühl bieten, nur unendlich weiter verfeinert. Die Spielwelt ist gigantisch und zugestopft mit touristisch wertvollen Ecken eines schönen Landes und vor allem den Stimmungen, die seine Landschaften zu bieten haben. Vom Indian Summer durch den Mittelwesten hoch in die Berge durch die Wüste zum Ozean ist eine Möglichkeit. Oft verfährt man sich auf die denkbar beste Art, schaut hier und da an, was das gestauchte, aber immer noch große Land zu bieten hat. Ich empfehle Kopfhörer oder eine andere Art des eigenen Soundtracks und dann fahrt los und habt Spaß. Auch wenn ihr eine Crew habt und mit dem eigenen Spiel so mehr Spaß finden könnt als der Solist, gebt euch mindestens einmal dieser Art des Cruisens und Erkundens hin.

Dass The Crew bei einer so großen Welt Kompromisse machen musste, war von Anfang an klar und es ist ungerecht, sein Chicago neben das von Watch Dogs zu halten. Natürlich ist es kleiner und weit weniger fein. Dafür aber liegen New York, New Orleans, Los Angeles und die anderen wichtige Städte in eurer Reichweite, sowie tausende von Kilometern Straße dazwischen. Da ist es verständlich, dass die Texturen nicht mithalten können, weder mit Forza Horizon 2 noch mit Drive Club oder einem anderen NextGen-Racer. Das heißt aber nicht, dass The Crew schlecht aussehen würde. Die Ausleuchtung ist hervorragend und stimmungsvoll, die wichtigen Details der einzelnen Landschaften recht liebevoll gestaltet. Ihr wisst, wo ihr gerade seid, es wirkt nicht beliebig und austauschbar. Da ist es dann weniger schlimm, wenn hier und da die Texturen schwächeln. Auf dem PC sieht es allerdings auch ganz klar am Besten aus, schlicht weil wie versprochen die 30FPS Bremse der Beta entfernt wurde und jedem Rennspiel die 60FPS gut zu Gesicht stehen.

Am Umfang gibt es eh nichts zu mosern. Hunderte von Rennen liegen um eine viel zu lange und seichte Handlung herum, die euch in häufig unfreiwillig komischen Zwischensequenzen belästigt. Ich bin immer noch überzeugt, dass Gordon Freeman hier die Hauptrolle hat, der Typ sieht so dermaßen danach aus, dass ich jederzeit mit dem Auftritt des G-Man rechnete, der mich für Half-Life 3 abholt. Passierte leider nicht, also schaltete ich all die Blinkelichter für die Online-Fahrer aus, die Nebenmissions-Anzeiger, alle weiteren HUD-Belästigungen, packte ein wenig CCR ins virtuelle Tapedeck und genoss den Solo-Modus, indem ich wirklich einsam und allein durch ein großes, großes Land kreuzte.

E3 2016: Call of Duty: Infinite Warfare Halo: Reach trifft Mass Effect. Und ein bisschen Star Citizen ist auch mit dabei. E3 2016: Call of Duty: Infinite Warfare
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Statt wenigstens semirealistischer Bezüge zu den einzelnen Wagen gibt es einen imaginären Wert, der das Tempo und eure Siegchancen bestimmt. Es ist fast wie ein altes Rollenspiel: Der Kampf ist zu schwer? Geht grinden!

Ich habe mich selten mit einer Wertung so schwer getan, wie mit dieser. Es kommt absolut darauf an, was und wie ihr spielt. Habt ihr wirklich eine feste Crew mit drei oder mehr Freunden auf Abruf, dann macht es euch das Spiel leichter, durch die willkürlich festgelegten Schwierigkeitsgrade zu turnen. Das gegenseitige Anfeuern die Rangliste zu dominieren hat seinen Reiz und auch ein Road Trip ist in Gesellschaft meist unterhaltsamer. 7 Punkte? 8, wenn die Server endlich ganz bei der Sache sind? So in dem Dreh nehme ich an. Seid ihr ein Einzelgänger, der eine gute KI zu schätzen weiß, hart aber fair ausgestaltete Rennen dazu und gerne sinnvoll ausbalancierte Auto in einem sinnvollen Takt sammelt, dann werdet ihr schon bald ins Pad beißen. 5 Punkte vielleicht. Kann sogar weniger sein.

Ich persönlich jedoch möchte das Gute sehen und akzeptiere daher auch den nicht zu Ende gedachten und inkonsequent umgesetzten Crew-Gedanken, denn selbst in seiner Unvollkommenheit werden hier einige eine Menge Spaß finden. Meine Punkte jedoch verteile ich für das Spiel als Spielwiese, als offene, hübsche Welt, in der ich ein virtuelles Sightseeing betreiben kann. Die es einem erlaubt, erst vieles von dem eigentlichen Spiel abzuschalten und dann selbst abzuschalten. Einfach rollen lassen, wohin Straße oder manchmal auch Acker führen und gucken, was es da gibt. Vieles ist wenig durchdacht, fast konzeptlos, chaotisch. Aber es steckt auch viel Gutes in The Crew.

6 / 10

The Crew - Test Martin Woger Irgendwie zurück im Jahr 1990. Nur zu viert halt. 2014-12-09T10:00:00+01:00 6 10
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