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The Book of Unwritten Tales 2 - Test

Vieh gewinnt.

Jedes Ende ist bekanntlich ein neuer Anfang. Doch was, wenn es sich dabei um ein Happy-End handelte? Danach kann es doch erst mal nur doof und dann immer schlimmer werden. Nun, zumindest bis die Welt erneut gerettet wurde...

Der frischgebackene Weltenretter Wilbur wurde zum Lehrer an der neuen Zauberakademie von Seefels ernannt, wo ihm nicht nur die vorlauten Schüler, sondern vor allem seine weitgehend fehlenden Kompetenzen in magischen Angelegenheiten das Leben schwer machen. Ivo unterdessen macht das, was man als Elfenprinzessin im goldenen Käfig der überfürsorglichen Mutter eben so tut: Mädchenkram. Wie Mit-Blumen-reden, den Vogel füttern oder Sich-im-Spiegel-betrachten und dabei, hoppla!, feststellen, dass man schwanger geworden ist, durch einen Fluch natürlich - zumindest ist das die offizielle Version für Mutters Ohren.

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Dank zusätzlicher Kickstarter-Finanzierung erstrahlt BOUT2 komplett in 3D, erreicht aber trotzdem meist den Detailgrad der vorberechneten Hintergründe aus den Vorgängern.

Und Pirat Nate, der Schwerenöter? Nun, der macht... Jungskram eben. Fliegende Inseln kapern, irgendwo runterfallen, sich retten lassen, behaupten, man hätte alles im Griff, und vor allem: in Fettnäpfchen treten, von denen normale Menschen nicht mal wissen, dass es sie gibt. Und natürlich behaupten, man sei es nicht gewesen, egal, was es ist.

The Book of Unwritten Tales 2 stolpert zu Beginn verhältnismäßig lange durch ein Dickicht der Belanglosigkeiten, bis sich dann doch noch irgendwann alles an der Kreuzung zu einem richtigen Abenteuer einfindet. In Seefels schwelt der Machtkampf ums Bürgermeisteramt: Während es dem gütigen Erzmagier nicht gelingen will, die Wunden des zurückliegenden Krieges von heute auf morgen zu schließen, errichtet die heimtückische Ratsvorsitzende van Buren hinter seinem Rücken eine Schattenregierung der Korruption, Propaganda, Denunziation und sozialer Ungerechtigkeit. Wo der erste Teil vor allem eine klassische Abenteuerreise war, ist der zweite in seinen besten Momenten eine satirische Tragödie über politische Intrigen und die Ohnmacht der Opposition.

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In Farbe und bunt: Ein verwöhntes Gör und ein Zauberstab außer Rand und Band verwandeln Aventasien ins Hello-Kitty-Land.

Als ihrer Tochter dann auch noch ein mächtiger Zauberstab in die Finger gerät, beginnt es Wilbur endgültig zu bunt zu werden - und das nicht nur sprichwörtlich. Denn das nervtötende Gör verwandelt alles, das nicht schon bei Eins auf dem Baum ist, in Plastikeinhörner, rosafarbene Zuckerwatte und flauschige Regenbogenkätzchen. Es braucht also mal wieder mutige Gefährten für... Heldenkram eben. Zauberbücher finden, versunkene Städte finden, um noch mehr Zauberbücher zu finden, Erzbösewichte besiegen, das Orakel finden, versunkene Tempel finden, um DIE MASCHINE zu finden. Aber vorher noch: Die Band wieder zusammenbringen, denn man kann nicht einfach so in den Düsterwald spazieren.

Wer sich soeben freudig auf die Schenkel klopft, weil er die Anspielung auf Monkey Island, oder zumindest die auf „Herr der Ringe", verstanden hat, der braucht hier gar nicht mehr weiterzulesen und kann The Book of Unwritten Tales 2 unbesehen kaufen. „Können wir uns bitte darauf einigen, dass Star-Wars-Anspielungen in Adventure-Spielen ihre besten Tage hinter sich haben?", schrieb Kollege Alex im Test zum Vorgänger, aber es scheint niemand auf ihn gehört zu haben. Oder nur insoweit, als sich zum üblichen Nerd-Treffen der „Star Wars"-, „Herr der Ringe"- und „Game of Thrones"-Zitate nun auch eher seltene Gäste wie „Der kleine Horrorladen", „Angriff der Killertomaten" oder „Ghost - Nachricht von Sam" gesellen.

Dieses Zuzwinkern unter den Fans ist glücklicherweise nicht ansatzweise so penetrant wie kürzlich noch in Randal's Monday, hin und wieder ist es sogar lustig, in der Regel aber nicht mehr als ein ständiges High-Five unter Möchtegern-Bros-im-Geiste. Dass King Art derlei zuprostende Anbiederung gar nicht nötig hätte, zeigen sie oft genug in teilweise erstaunlich pointierten und hintersinnigen Momenten.

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Trollolol: Die Gags schwanken zwischen herrlich absurd und platter Anspielung.

Beinahe schon unerhört analytisch gibt sich BOUT2 etwa, wenn Wilbur auf die vier Götter der Geschichten, des Humors, der Künste und der Rätsel trifft - und damit genau auf die Bestandteile, aus denen Adventures für gewöhnlich zusammengesetzt sind. Wenn dann der Gott der Rätsel erst noch ein Problem gelöst haben will, was dem Gott der Geschichte gar nicht passt, weil es doch gleich spannend weitergehen könnte, während der Gott des Humors mit schlechten Witzen dazwischenfunkt, scheint King Art dem Kritiker damit bereits vorsorglich das Pulver aus der Kanone nehmen zu wollen und gleichzeitig auf geradezu magische Weise Einblicke in die Tücken des Adventure-Designs zu geben.

Dass man sich bei den Bremern viel mit dem Genre und seiner Beschaffenheit auseinandersetzt, zeigt das ständige Spiel mit der sogenannten „vierten Wand", die hier weniger durchsichtig für den Zuschauer, sondern vielmehr spiegelnd für die fiktiven Figuren auf der anderen Seite eingesetzt wurde. Book of Unwritten Tales 2 versteht sich zu nicht geringem Teil als Parodie auf Fantasy-Spiele: Da gibt ein Händler die auffallend unsinnige Sammelquest, zehn Wolfsfelle aufzutreiben, obwohl er dafür offensichtlich keinerlei Verwendung hat. Jedoch diene es dem Zeittotschlagen und verbessere die eigenen Fähigkeiten, lautet seine Ausrede.

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Auf seiner Reise in die Vergangenheit durchlebt Wilbur alte VGA- und EGA-Zeiten - und wundert sich, dass früher in Adventuren zwar gesprochen, aber nichts gehört wurde.

Dann wiederum begibt sich Wilbur auf Zeitreise in die Vergangenheit, was sich visuell wie eine Reise durch die Geschichte des Adventure-Genres präsentiert, vom heutigen 3D über die VGA-Ära bis hin zu den Text-Adventure-Anfängen. The Book of Unwritten Tales 2 weiß genau, dass der Spieler weiß, dass das Spiel weiß, dass es selbst nur ein Spiel ist. Leider macht es dabei hin und wieder den Fehler zu glauben, nur weil alle etwas wissen, seien sie auch besonders schlau. Wer einem Spiegel ständig den Spiegel vorhält, verfängt sich am Ende in einer Endlosschleife aus Selbstreflexion.

Wie eine Endlosschleife fühlt sich bisweilen auch das ansonsten solide bis pfiffige Rätseldesign an: Immer wieder muss man an bereits besuchte Orte zurück, weil sich dort aus heiterem Himmel etwas verändert hat, kann man auf einmal Dinge mitnehmen, die zuvor nutzlos schienen, oder haben Gesprächspartner plötzliche Eingebungen, die sie in neuen Dialogoptionen äußern. Diese Sturheit im Rätseldesign ist glücklicherweise beileibe nicht so störrisch wie in Runaway, häufig sogar aus plausiblen Gründen nachvollziehbar, dennoch oftmals der vorherrschende Grund, wenn die Leitung, auf der man steht, länger scheint, als sie ist.

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The Book of Unwritten Tales 2 ist wie eine Portion Eintopf: Schön bunt und für jeden was dabei, wie die Fleischeinlage oder die Kartoffelstücken, aber dieser Kohlrabi, naja, hätte nicht sein müssen... Anderen wiederum mag es umgekehrt gehen. Es ist nicht schwer, Haare in dieser Suppe zu finden, insgesamt ist es aber eine deftige und sättigende, und vor allem: richtig, richtig viel Suppe.

Für lediglich 30 Euro bekommt man hier ein rekordverdächtig umfangreiches Adventure mit sagenhaften 25 Stunden Spielzeit und einer ganzen Menge von all dem Zeug, das die vier Adventure-Götter in ihre Suppentüten packen. 25 Stunden, von denen man allerdings gefühlt drei Viertel der Zeit mit dem Wegklicken von Dialogen beschäftigt ist. BOUT2 ist, wie auffällig viele Adventures der letzten Zeit, äußerst geschwätzig. Der Humor pendelt dabei zwischen feinsinniger Genreparodie, herrlich absurder Logik, die in den besten Momenten an „Alice im Wunderland" erinnert, bis zum plumpen Anrufen typischer Nerd-Götzen.

Schlussendlich ist The Book of Unwritten Tales 2 ein weiterer insgesamt gelungener Genrebeitrag von „Leuten, die Monkey Island gut fanden" - um den Werbeslogan eines anderen deutschen Adventures zu zitieren. Immer nur die alten Helden zu beschwören, wird vermutlich nicht dazu reichen, dass irgendjemand eines Tages einmal „Von den Leuten, die Book of Unwritten Tales gut fanden" auf seine Packung schreiben wird. Für ein stolzes „Von den Machen von BOUT2" auf dem nächsten King-Art-Spiel reicht es aber allemal.

The Book of Unwritten Tales 2 - Test Matthias Grimm Vieh gewinnt. 2015-03-11T10:02:00+01:00 4 5
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