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Xenoblade Chronicles X - Test

Wer braucht schon Freizeit?

Ungefähr 110 Stunden habe ich in der Welt von Xenoblade Chronicles X verbracht, bis mich schließlich das Ende der Haupthandlung begrüßte. Wahrscheinlich kann die Geschichte in einem allein auf Story-Missionen fokussierten Durchlauf schon nach 60 Stunden beendet werden, nur müsste man dafür einen eisernen Willen besitzen. Wirklich überall lauern fiese Ablenkungen in Form kleinerer Aufgaben, die schnell komplette Nachmittage für sich beanspruchen. Genau wie in Metal Gear Solid V: The Phantom Pain ist jede Handlung von Bedeutung und sämtliche Aktionen wirken sich irgendwie positiv auf eure Charaktere aus. So startet ihr beispielweise eine kurze Mission und folgt dem Auftrag zum Standpunkt des zu besiegenden Monsters. Schon erkennt ihr kleinere Markierungen um euch herum. Diese symbolisieren verschiedene Fundstücke wie Rüstungsteile, Upgrades oder simple Materialien. Letztere braucht ihr vielleicht später für einen Auftrag oder könnt damit euer Lexikon füllen, um zusätzliche Skillpunkte zum Verbessern eurer Fertigkeiten zu erlangen. Nebenbei entdeckt ihr eine versteckte Truhe und wollt natürlich sofort ihren Inhalt.

Was zunächst mit einer simplen "Von A nach B"-Aufgabe beginnt, entwickelt sich in kurzer Zeit zu einer epischen Erkundungstour. Nie habt ihr dabei das Gefühl, als würdet ihr sinnlos umherirren und bloß Punkte auf einer Checkliste abarbeiten. Xenoblade Chornicles X lässt euch in diesbezüglich die freie Wahl. Niemand muss wie ich sein gesamtes Wochenende damit verbringen, jeden Zentimeter eines bestimmten Gebiets abzusuchen, aber wenn ihr euch dafür entscheidet, regnet es kontinuierlich Belohnungen.

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Der Soundtrack sorgte für stark gespaltene Meinungen. Ich zähle mich auf jeden Fall zu den Fans der musikalischen Untermalung.

Der Titel verbindet alle Systeme clever durch die Aufdeckung der Karte. Als letzte Hoffnung der Menschheit ist eure galaktische Flotte auf dem fremden Alien-Planeten Mira gestrandet und versucht, ausgehend von einer zentralen Stadt die Welt als neue Heimat zu etablieren. Dafür müssen jedoch genügend Informationen über die fünf gigantischen Kontinente gesammelt werden. Als Soldat der Militärorganisation BLADE gehört es zu euren Aufgaben, diverse Masten für intensive Datensammlung zu errichten, um so das Überleben der Menschheit zu sichern.

Die gesamte Karte ist dazu in Sechsecke unterteilt, wobei ihr in jedem davon einen Mast errichten könnt. Als Belohnung erhaltet ihr nicht nur Geld, Erfahrungspunkte oder Standorte von Schatztruhen, sondern eure Figuren kämpfen durch die gewonnenen Informationen effektiver im jeweiligen Areal. Um die Effekte zu verstärken und das Gebiet als vollständig erkundet zu markieren, muss man verschiedene Nebenaufgaben absolvieren. Alle Mechaniken und Systeme arbeiten also wie ein großes Uhrwerk zusammen und das Spiel treibt euch unbewusst von einer Beschäftigung zur nächsten. Zudem ist es kein unnötiger Fluff wie in den meisten Open-World-Spielen und stimmt sogar mit der zentralen Motivation eurer Charaktere überein.

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Traumhafte Aussicht.

Auch fühlen sich Miras Kontinente wie die Ökosysteme eines echten Planeten an. Die gesamte Welt dreht sich nicht allein um eure Figuren, sondern sie sind nur Gäste in den wunderbar realisierten Landschaften. Sehr wenige Monster greifen euch aktiv an. Meist könnt ihr gefahrlos zwischen den Beinen eines riesigen Alien-Dinosauriers spazieren, da sie euch keinerlei Beachtung schenken. Jedes Lebewesen folgt seinem eigenen Rhythmus und ihr seht öfter über Felder spurtende Herden oder eine am Wasser ruhende Gruppe. Es mögen keine NPCs auf der Oberwelt wandern, jedoch macht es die Erfahrung umso intensiver. Reist in die tiefsten Ecken eines Kontinents und ihr verspürt schnell die Bedeutungslosigkeit der eigenen Rasse, verglichen mit der massiven, lebendigen Welt um euch herum. Das Befremdliche des unbekannten Planeten gepaart mit seltsamen Wesen oder geologischen Eigenarten machen die Erkundung in Xenoblade Chronicles X zur einzigartigen Erfahrung.

All das wäre allerdings ziemlich oberflächlich, wenn das grundlegende Gameplay banal umgesetzt wäre. Zum Glück baut der Titel auf dem in Xenoblade Chronicles eingeführten Kampfsystem auf und erweiterte dieses an den richtigen Stellen. Im Gegensatz zu den meisten modernen Rollenspielen verlaufen die Gefechte zum Großteil passiv. Nachdem ihr einen Feind anvisiert und in den Kampfmodus übergeht, greifen alle Figuren automatisch in festen Intervallen an. Währenddessen dürft ihr euch für eine bessere Positionierung frei bewegen, könnt so jedoch keinen Angriffen ausweichen. Stattdessen erhaltet ihr unterschiedliche Schadensboni, falls ihr einen Feind von hinten attackiert. Dadurch fühlen sich Auseinandersetzungen nicht so statisch an und geben euch das Gefühl, stärker in die Gefechte involviert zu sein.

Als taktische Komponente dienen eure Spezialfähigkeiten, von denen jede Figur bis zu acht gleichzeitig anlegen darf. Die größte Herausforderung besteht darin, passende Momente für den Einsatz dieser kraftvollen Attacken oder mächtigen Buffs abzuwarten. Zwar existiert ein natürlicher Cooldown für alle Fähigkeiten, allerdings erreichen diese nach längerer Wartezeit eine zweite Stufe. Manche Skills fügen dem Gegner dann mehr Schaden zu oder erhalten ganz neue Zustandsveränderungen. Somit befassen sich eure strategischen Überlegungen stets mit der Frage, wann ihr welche Fähigkeit am besten einsetzen sollt. Geduld gegen Notwenigkeit ist das Mantra des Kampfsystems.

Manchmal bestimmen hingegen die Aktionen eurer Teamkollegen das eigene Handeln. Seht ihr eine farbige Sprachblase über ihren Köpfen, erzielen passende Fähigkeiten verbesserte Ergebnisse. Erscheint beispielsweise ein gelbes Textfeld bei euren Kumpanen, solltet ihr als Nächstes einen Fernkampf-Skill einsetzen. Zwar kann man in den meisten Fällen ohne ständige Strategieanpassung gegen die Monster bestehen und so seine Erfahrungspunkte gemütlich sammeln, die wahre Freude liegt jedoch im rhythmischen Aktivieren eurer Fertigkeiten.

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Als Hub dient euch New Los Angeles, das ihr wie die restliche Welt vollkommen frei erkunden dürft.

Später dürft ihr sogar Mechs mit in die Gefechte nehmen und damit ganze Monsterhorden im Alleingang plätten. Nur sollte ich jeden darauf hinweisen, dass die sogenannten Skells nicht sofort spielbar sind. Es dauert sogar eine ganze Weile, bevor ihr euren eigenen Mech erhaltet und damit frei über die Karte fliegen dürft. Das Spiel schenkt euch keines dieser Geräte. Ihr selbst müsst in den Rängen aufsteigen und das nötige Kleingeld sammeln. In meinem Fall hat es knapp zwei Dutzend Stunden gedauert, bevor ich meinen eigenen Skell hatte. Das mag für viele sicherlich eine verdammt lange Zeit sein, jedoch macht es den ersten Rundflug umso köstlicher.

Ihr habt dadurch einen richtigen Bezug zum Mech und wollt ihn deswegen vorsichtig einsetzen. Die Dinger werden nach der Zerstörung nicht automatisch repariert. Dreimal könnt ihr einen Skell nach dem Kauf kostenlos wiederherstellen lassen. Danach müsst ihr jedes Mal tief in die Taschen greifen. Skells sind keine unzerstörbaren Monsterklopper, sondern wertvolle Gefährten, die ihr verantwortungsbewusst einsetzen solltet.

Die einzige Schwachstelle von Xenoblade Chronicle X ist die absolut banale und im Nichts verlaufende Handlung. Umso frustrierender, da Mira als Schauplatz unfassbar aufregend, erfrischend und interessant ist. Mehrfach klappte meine Kinnlade auf und ich musste über eine Minute stumm auf den Bildschirm starren, weil mein Hirn die unvergleichlichen Konstruktionen dieser Welt nicht verarbeiten konnte. Selbst der Aufbau von New Los Angeles, dem letzten Rückzugspunkt der Menschheit, ist in sich schlüssig und optisch hervorragend umgesetzt. Sofort versteht man die Motivation der Charaktere und identifiziert sich mit ihrem Wunsch nach einer besseren Zukunft.

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Optisch eindeutig das schönste Spiel auf der Wii U. Nur die Gesichter könnten gerne etwas weniger deformiert aussehen.

Nur braucht es viel zu lange, bis sich eine richtige Handlung daraus entwickelt. Und selbst dann scheint der Titel nicht zu wissen, wie er mit den Konflikten verschiedener Parteien umgehen soll. Bis zum Ende habe ich gehofft, dass irgendetwas Wichtiges oder Interessantes passieren würde. Stattdessen kam es nach langen Dürrephasen zu einem vergesslichen Finale, das einen unbefriedigt zurücklässt. Ich verlange nicht zwanghaft nach fantastischen Geschichten in meinen Rollenspielen. Ich kann sehr gut meine eigenen Abenteuer erleben und mich ganz auf das Gameplay sowie die Erkundung konzentrieren. Aber wenn das Spiel selbst dermaßen viel Zeit mit Charakterinteraktionen und Zwischensequenzen verbringt, sollte es auch eine gewisse Qualität aufweisen.

Trotzdem reicht ein schlechter Plot noch lange nicht aus, um meine Begeisterung über Xenoblade Chronicles X allzu stark zu dämpfen. Denn sowohl spielerisch als auch optisch gehört das Teil nicht nur zum Besten, was die Wii U zu bieten hat, und könnte schnell Besitzer anderer Systeme neidisch machen. Wer einmal diese unglaubliche Welt in einem selbst gekauften Mech bereist hat, dem kommen andere Open-World-Erkundungen ziemlich dröge vor. Vielleicht reicht es nicht ganz, um allein das System zu verkaufen, aber zusammen mit anderen Krachern wie Splatoon, Bayonetta 2 oder Super Mario 3D World könnte Xenoblade Chronicles X sicherlich die letzte Zurückhaltung vieler Spieler zerreißen. Vorausgesetzt natürlich, ihr habt die nächsten Monate nicht vor, noch mal das Haus zu verlassen.

Xenoblade Chronicles X - Test Björn Balg Wer braucht schon Freizeit? 2015-12-03T10:50:00+01:00 4 5
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