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Far Cry Primal - Test

Manchmal genial, aber oft auch uninspiriert.

Far Cry Primal überzeugt mit seiner gelungenen Umsetzung der Steinzeitwelt, setzt dabei aber zu sehr auf die alten, festgefahrenen Formeln.

Bei keinem Shooter der letzten Jahre hatte ich so gemischte Gefühle wie bei Ubisofts Far Cry Primal. In manchen Momenten ist er wirklich genial, aber leider wirken viele Elemente oftmals uninspirierter, als man es sich im Vorfeld in Anbetracht des doch eher außergewöhnlichen Szenarios erhofft hatte. Denn recht schnell merkt man, dass sich trotz allem wenig am üblichen Spielablauf verändert, den man aus anderen Ubisoft-Spielen wie den Vorgängern, Assassin's Creed oder Watch Dogs kennt.

Hinter allem steht die mittlerweile allseits bekannte „Ubisoft-Formel". Soll heißen: Ihr habt eure Hauptmissionen, die ihr erfüllen müsst, um in der „Story" voranzukommen (dazu gleich mehr), andererseits ein paar zusätzliche Nebenaufgaben, ihr könnt Leuchtfeuer und Außenposten erobern, um neue Ziele für die Schnellreise freizuschalten, und auch unterwegs stoßt ihr auf die eine oder andere Mission. Insofern unterscheidet sich Primal nicht maßgeblich.

Vieles davon müsst ihr nicht machen, aber vor allem den Leuchtfeuern und Außenposten werdet ihr euch nebenbei widmen, damit ihr nicht immer so lange Wege zurücklegen müsst. Ansonsten hat es keinen entscheidenden Nachteil, wenn ihr den ganzen Nebenkram nicht macht. Ihr würdet zwar weitere Erfahrungspunkte bekommen, mit denen ihr eure Fähigkeiten verbessern könnt, aber selbst mit der normalen Ausbeute, die ihr überwiegend über eure Hauptaufgaben verdient, kommt ihr gut über die Runden.

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Selbst die gefährlicheren Tiere lassen sich relativ einfach zähmen, sind aber sehr nützliche Begleiter.

Ein Aspekt, der mir an Far Cry Primal ziemlich gut gefällt, ist die überschaubare Größe der Spielwelt. Für dieses Spiel hat sie genau den richtigen Umfang - nicht zu riesig, dass ihr euch darin verlieren könntet und von belanglosen Aufgaben nur so erschlagen werdet, aber auch nicht so klein, dass ihr euch eingeschränkt fühlt und nichts zu tun habt. Und Ubisofts Designer haben wirklich erstklassige Arbeit beim Weltdesign geliefert. Vom verschneiten Norden über karge, Steppen-artige Abschnitte bis hin zum saftig grünen und bewaldeten Süden wird einiges an visueller Abwechslung geboten. Die Welt wirkt wie aus einem Guss und niemals habt ihr das Gefühl, dass hier etwas nicht passen würde.

Leider ist nicht annähernd so viel Liebe in die Story geflossen, die überwiegend uninspiriert wirkt und fast nicht-existent ist. Und das ist schade, denn eigentlich fängt das Spiel spannend an, indem es euch mitten in eine Mammutjagd wirft. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs wird eure Gruppe dann jedoch von einem Säbelzahntiger aufgemischt und ihr kommt nur knapp mit dem Leben davon. Ihr flüchtet, trefft unterwegs in einer Höhle auf eine andere Frau der Wenja (euer Stamm) und entscheidet euch mit ihr dafür, den Stamm im Land Oros neu aufzubauen, wo zwei konkurrierende Stämme den Wenja das Leben schwer machen.

Das liefert eigentlich genügend Spielraum für eine spannende Geschichte, aber irgendwie hangelt sich Far Cry Primal eher ungeschickt von einer Mission zur nächsten. Euer eigentliches Ziel besteht nur darin, diese beiden Stämme zu besiegen, indem ihr jeweils ihre Festung erobert und den jeweiligen Anführer tötet. Nebenbei holt ihr noch einige Charaktere und Bewohner in euer Dorf, das somit Stück für Stück wächst. Anschließend müsst ihr nur noch alle Hauptaufgaben der Bewohner eures Dorfes erfüllen, bekommt eine kleine Schlusssequenz zu sehen und schon rollen die Credits über den Bildschirm.

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Wenn ein Mammut auf euch zu stürmt, sehnt ihr euch einen Ausweichschritt herbei.

Es wirkt zuweilen wie ein Flickwerk, das aus mehreren Teilen zusammengesteckt wurde. Manchmal fragte ich mich wirklich, ob hier jetzt noch was kommt - und wenn ja, wie, wo und wann. Dass ihr manche Aufgaben erst erhaltet, wenn ihr die Hütten der wichtigsten Dorfbewohner verbessert, müsst ihr schon selbst herausfinden. Ein Questlog, das euch vielleicht anzeigt, welche Aufgabe noch zu erledigen ist oder welche Missionen ihr unter welchen Voraussetzungen freischalten könntet, existiert nicht. Kurzum: Liebhabern einer guten Geschichte gibt Far Cry Primal nicht wirklich sehr viel, um sie vor den Bildschirm zu fesseln.

Sehr gut gelungen ist Ubisoft dafür die Charakterzeichnung. Jeder der wichtigsten Dorfbewohner und Gegner ist auf seine eigene Art und Weise einzigartig. Da hätten wir den Schamanen, der euch einige interessante Visionen beschert - denkt an die Drogentrips aus Far Cry 3 -, während die erfahrene Jägerin euch eher hochnäsig behandelt und erst von euren Fähigkeiten überzeugt werden muss. Mein Favorit ist Urik, eine Art Erfinder der Steinzeit. Oder sagen wir, dass er zumindest entsprechende Ideen hat. Ihr helft ihm bei der Umsetzung seiner Vorstellungen und könnt dann das Resultat bewundern - euer Auge wird dabei nicht trocken bleiben.

Überhaupt kann man Ubisoft für das Design der Charaktere und anderer Aspekte des Spiels nur loben. Sie sind eben nicht die typischen, klischeehaften, „weißen" Figuren, man nimmt ihnen vielmehr ab, dass es Menschen sind, die in der Steinzeit lebten. Dazu trägt auch die Sprache ihren Teil bei. Extra für das Spiel hat man eine neue Sprache erschaffen, die wiederum auf der Proto-Indo-europäischen Sprache basiert. Soll heißen: Sämtliche Unterhaltungen im Spiel finden in dieser Sprache statt, verständlich gemacht durch Untertitel. Das trägt ungemein zur Immersion bei und ist ein echter Pluspunkt.

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Das eigentliche Ziel des Spiels ist, die beiden rivalisierenden Stämme auszuschalten.

Betrachtet man Primal auf spielerischer Ebene, hat es ebenfalls seine wirklich tollen Momente. Etwa die Augenblicke, in denen ihr euer erstes Tier oder einen gefährlichen Säbelzahntiger zähmt, was zugegebenermaßen nicht allzu schwierig ist, sobald ihr die richtigen Skills erlernt habt. Oder aber, wenn ihr auf dem Rücken eines Bären oder Mammuts in den Kampf reitet, dabei eure Gegner mit Pfeilen eindeckt, während das Mammut Feinde meterweit durch die Luft schleudert. Gleichzeitig dienen die Reittiere - alle gezähmten Tiere lassen sich jederzeit wieder herbeirufen - als schnelles Fortbewegungsmittel durch die Welt. Davon abgesehen steht euch jeder gezähmte Begleiter auf Wunsch im Kampf zur Seite. Nettes Detail am Rande: Je nachdem, welches Tier gerade hinter euch hertrabt, seht ihr schon mal, wie zum Beispiel ein Jaguar angriffslustig auf euch zustürmt, dann aber doch lieber wieder abdreht, sobald er den Säbelzahntiger an eurer Seite erblickt. Ich erlebte erst gestern einen tollen Moment, als sich ein paar Nashörner jagte, sich mein Säbelzahntiger schlussendlich auf eines von ihnen stürzte und es spektakulär mit einem tödlichen Biss zu Boden riss.

Leider ist der Nahkampf in Far Cry Primal nicht wirklich zu gebrauchen. Es mangelt ihm schlichtweg an Optionen. Ein Ausweichschritt ist nicht vorhanden, gleichermaßen habt ihr nicht die Möglichkeit, gegnerische Angriffe abzublocken. In manchen Momenten kann das sehr frustrierend sein, wenn etwa stärkere Gegner oder gar riesige Mammuts auf euch zustürmen und ihr am liebsten einen Schritt zur Seite machen würdet. Ähnliches gilt für Speere, Pfeile oder Steine, die Feinde auf euch schleudern und denen ihr nur schwer ausweichen könnt. Bei den schwächeren Gegnern führt das dazu, dass ihr zum Beispiel einfach den Speer auswählt und schnell hintereinander den Trigger betätigt, damit sie möglichst flott umfallen, was jetzt nicht wirklich viel mit Anspruch zu tun hat.

Das alles mag ja bei den vorherigen Far Crys mit ihren unzähligen Schusswaffen kein Problem sein, doch hier fehlt es dem Nahkampf schlicht an der Bedeutung, die er eigentlich hätte bekommen sollen. Vor allem in Anbetracht dessen, da der Fernkampf hier eben nur sehr eingeschränkt möglich ist, hätte mehr kommen müssen. Vermutlich werdet ihr daher zumeist auf euren Bogen zurückgreifen, um Feinde möglichst aus der Distanz auszuschalten. Speere zu werfen ist zwar effektiv, allerdings erfordert ihre Herstellung ein gutes Stück mehr Rohstoffe als bei Pfeilen, was den Bogen in 95 Prozent der Fälle zur effektivsten Lösung macht. Durch das eher oberflächliche Nahkampfsystem schränkt sich Primal somit im Grunde selbst auf unnötige Art und Weise ein und macht die Auseinandersetzungen auf engstem Raum zu einer uninteressanten und anspruchslosen Angelegenheit, sodass ihr sie eigentlich eher meidet.

Ihr könnt übrigens auch leise vorgehen, geduckt schleichen, Steine werfen, um Gegner abzulenken, oder Körper getöteter Feinde außer Sichtweite tragen beziehungsweise ziehen. So lassen sich manche Missionen etwas einfacher lösen, ohne dass eure Feinde noch Verstärkung rufen, indem sie in an bestimmten Stellen platzierte Hörner blasen - die ihr ebenfalls zerstören könnt. Es bietet ein bisschen spielerische Abwechslung, wenn ihr es denn so lösen wollt, aber alles in allem ist es doch eher ernüchternd, wie sehr der Nahkampf hier vernachlässigt wurde und nicht die beste Alternative darstellt.

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Indem ihr zum Beispiel andere Wenja befreit, vergrößert ihr eure eigene Siedlung.

Ganz praktisch ist, dass ihr in Primal auch eine Aufklärungsmöglichkeit habt. Die Funktion einer modernen Drohne übernimmt hier eine Eule, die ihr innerhalb eines begrenzten Radius selbst steuern könnt. Mit ihr kundschaftet ihr zum Beispiel Außenposten aus und markiert Gegner, deren Position dann dauerhaft angezeigt ist. Das macht in dem Fall wiederum das Schleichen leichter, wenn ihr die Bewegungen eurer Feinde abschätzen und beobachten könnt. Mit dem entsprechenden Skill kann die Eule außerdem selbst im Sturzflug Feinde attackieren oder gar Feuerbomben, Stachelbomben (mit Bienenschwärmen, die Gegner attackieren) oder Tobsuchtbomben (lässt Gegner aufeinander losgehen) abwerfen. Ein ziemlich nützlicher Begleiter also.

Ihr verbessert derweil im Spiel nicht nur eure eigenen Fähigkeiten, sondern stellt auch weitere Upgrades her. Damit macht ihr euren Bogen effektiver, schaltet den Langbogen frei (feuert über eine größere Distanz und bietet einen effektiveren Zoom) oder feuert gleich zwei Pfeile auf einmal ab. Ebenso könnt ihr mehr Speere, Keulen und dergleichen tragen oder euch winterfeste Kleidung anfertigen, damit ihr in den verschneiten Regionen nicht mehr regelmäßig nach Feuer suchen müsst. Für all das braucht ihr wiederum Rohstoffe. Einerseits verschiedene Hölzer oder Steinarten, andererseits Pflanzen (etwa zur Heilung oder für Gegengifte) und Felle, die ihr bei der Jagd erhaltet - manches davon findet ihr nur an bestimmten Stellen, aber das Menü gibt euch ein paar vernünftige Hinweise darauf, wo ihr danach suchen solltet. Damit lassen sich selbst unterwegs neue Pfeile oder Waffen herstellen, ohne dass ihr zuerst irgendwohin zurückkehren müsstet.

Übrigens sieht Far Cry Primal in der getesteten Xbox-One-Version wirklich wunderschön aus. Das Gefühl einer lebendigen Spielwelt wird sehr gut vermittelt, einerseits durch die herumstreunenden Tiere. Ihr seht, wie Raubtiere auf die Jagd gehen, kleine Dachse sich vor euch aufbauen, um sich zu verteidigen (die Biester sind gefährlicher, als man denkt) oder Vögel durch die Luft kreisen. Hinzu kommen wunderschöne Anblicke zu den verschiedensten Tageszeiten. Einziger Wermutstropfen: Es gibt keinen Wetterwechsel, sondern immer nur das gleiche schöne Wetter. Ein bisschen Schnee, Regen und Sturm hätten nicht geschadet. Darüber hinaus lief alles im Testzeitraum ziemlich einwandfrei. Keine gröberen Bugs oder Glitches, die Framerate sinkt nicht in den Keller, sondern bleibt gefühlt größtenteils stabil. Technisch liefert Ubisoft mit dem neuesten Teil der Shooter-Reihe sehr saubere Arbeit ab.

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Die Spielwelt hat Ubisoft schön gestaltet.

Davon abgesehen ist Primal ein reines Singleplayer-Abenteuer. Es gibt keinen Koop- und keinen kompetitiven Multiplayer-Modus. Angesichts des Szenarios wäre der sicherlich vom Gedanken her interessant gewesen, aber wenn ich dann wieder an die verkorksten Nahkämpfe denke, bin ich doch wieder froh darum, dass es keinen gibt. Jedenfalls benötigte ich rund 16 Stunden, um die Hauptstory durchzuspielen und die Credits zu sehen.

Damit stehe ich nun bei etwa 35 Prozent, die Welt hat selbst anschließend also noch das eine oder andere zu bieten, etwa die Erfüllung optionaler Dorfmissionen und in ganz Oros verteilter Aufgaben, die Jagd auf besonders gefährliche Bestien oder das Suchen von Sammelgegenständen. Manchmal ist es sogar einfach nur schön, für einige Minuten durch die Spielwelt zu streifen, vielleicht etwas zu jagen und einige der wirklich schönen Ausblicke zu genießen. Es gibt hier und da zudem noch einige dynamische Ereignisse, die in euer Nähe ausgelöst werden. Dabei müsst ihr zum Beispiel andere Wenja gegen Angreifer verteidigen oder einen gegnerischen Träger ausschalten, der Rohstoffe befördert. Das wiederholt sich alles jedoch sehr schnell, bietet nichts Spektakuläres und ist auch keine sonderlich große Herausforderung. Ansonsten begegnet ihr mitunter mal einem Jäger, der seiner Arbeit nachgeht, oder könnt - wie schon erwähnt - Tiere bei der Jagd beobachten. Coole oder gar einzigartige Momente, die ihr ganz zufällig in freier Wildbahn beobachten könnt, gibt es jedoch so gut wie nicht.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich beim Spielen nicht nur einmal den Eindruck hatte, dass Primal einst als Download-Spiel à la Blood Dragon geplant war - schließlich kommt es schon eineinhalb Jahre nach Teil 4 -, dann aber erweitert und zum Vollpreistitel gemacht wurde. Einerseits fasziniert es mit seiner tollen Spielwelt und der Charakterzeichnung, in anderen Bereichen wie der Story oder dem Nahkampf enttäuscht es hingegen sehr. Das Grundgerüst bietet wiederum mehr vom Gleichen. Wenn ihr in den letzten Jahren einen anderen Teil der Reihe oder ähnliche Ubisoft-Titel gespielt habt, wisst ihr im Grunde schon, wie der Hase läuft. Hier hätte ich mir ebenfalls mehr Mut zu Neuem gewünscht, dass man noch mehr auf das Szenario eingeht und sich weiter von den festgefahrenen Formeln löst.

Was am Ende bleibt, ist ein technisch sehr ansprechender Shooter, dessen unverbrauchtes Szenario einen gewissen Reiz ausübt und der ohne Frage Spaß macht, dem aber trotz seiner Immersion und schön umgesetzter Ideen wie der Steinzeitsprache dieses gewisse Etwas fehlt, dieser eine Moment, in dem ihr euch denkt, dass sich alleine deswegen die Anschaffung des Spiels gelohnt hat.

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