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Endless Space 2 - Test

In den Weltraum! Und weit darüber hinaus ...

So gut kann Weltraum-4X sein. Die Eroberung des Alls war nie innovativer und hat selten mehr Spaß gemacht als jetzt.

Die Eroberung des Weltraums ist kompliziert, das sag ich euch. Der Laie mag denken, es sei nur notwendig, eine Rakete zu bauen und dann den nächstbesten Planeten zu terraformen, aber nein, so einfach geht das alles nicht. Das hat mich jedenfalls Endless Space 2 gelehrt und ich bin nach wie vor ein wenig kaputt vom Spielen. Meine Augen fühlen sich müde an, was daran liegen mag, dass ich die letzten sieben Stunden auf dieses Spiel geglotzt und mir geschworen habe, in der nächsten Runde wirklich aufzuhören. Es hat nicht geklappt. Ich wollte noch etwas ausprobieren und dann noch was und dann noch mehr. Dieses Spiel steckt so voller Möglichkeiten, dass es schon fast weh tut. Doch noch einen Planeten kolonisieren, noch schnell den neuen Hyperantrieb ausprobieren, dem verhassten Nachbar mit der gerade erforschten Plasmakanone in die Hauptflotte schießen - all das ist einfach viel zu reizvoll.

Zu Beginn der ersten Partie Endless Space 2 ist das Spiel vor allem überfordernd. Tutorial-Boxen ploppen nach jedem zweiten Klick auf. Beim ersten Spiel war ich mir sicher, mir das alles unmöglich merken zu können. Konnte ich auch nicht, aber das Spiel hat zumindest geschafft mir schnell beizubringen, worum es geht: Ihr startet in einem zufallsgenerierten Universum mit einem Heimatplaneten und dehnt euer Einflussgebiet aus. Wie ihr das macht, bleibt euch überlassen. Zum Teil jedenfalls. Je nachdem, welche Spezies ihr wählt, läuft das nämlich grundlegend anders. Während die Menschen etwa klassische Kolonieschiffe bauen, sieht das bei den Unfallen schon anders aus. Die strecken nämlich eine Art Tentakel-Netz quer durch das Universum und können dann kolonisieren, was auch immer sich in diesem Netz befindet. Andere Weltraum-Zivilisationen haben wiederum gar keine festen Kolonien, sondern leben auf riesigen Weltraum-Archen. Was die Unterschiede der verschiedenen Rassen angeht, bleibt Endless Space 2 hier nicht auf Civilization-Niveau, die Entwickler gehen weit darüber hinaus. Jede Rasse spielt sich komplett unterschiedlich. So sehr, dass ich das Spiel teilweise kaum wiedererkannt habe, wenn ich mal eine andere ausprobiert habe. Soll heißen: Wenn ich jemals mit einem Computer und einem kleinen Kraftwerk auf einer einsamen Insel stranden sollte und nur ein Spiel zur Wahl hätte, dass ich mitnehmen könnte, wäre das ein heißer Kandidat.

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Unschön: Aggressive Aliens gleich vor der Heimatwelt.

Die Zivilisationen einmal der Reihe nach zu spielen ist auch dann empfehlenswert, wenn ihr vorhabt, euch nur auf eine zu konzentrieren. Dann nämlich wisst ihr genau, wo ihr die blöden Androiden treffen könnt, wenn sie mal wieder völlig grundlos an eurer Tür klopfen und erklären, dass sie euch ab sofort grundlos hassen werden. Dann werdet ihr auch kein Problem mehr damit haben die Archen der Vodyani zu blockieren, damit sie sich eben nicht völlig ziellos in allen Systemen des Universums ausbreiten und fremde Gesellschaften versklaven. Zudem kennt Endless Space 2 das Äquivalent dessen, was bei Civilization Stadtstaat heißt - kleine Alien-Zivilisationen, die es über ein einziges Sonnensystem nie hinausschaffen, die ihr aber unterstützen könnt und die euch dann im Gegensatz dazu mit Ressourcen versorgen - oder sich euch gar ganz anschließen, entsprechende Sympathie-Werte vorausgesetzt.

So ziemlich alles was ihr in einem wirklich freien Spiel machen wollt, dürft ihr in Endless Space 2 auch. Erforscht ihr eine bestimmte Technologie, meinetwegen bessere Schilde für eure Raumschiffe, steht es euch frei, umgehend ein besseres Raumschiffmodell zu entwerfen und auch sofort zu produzieren. Tatsächlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese Eigenkreationen viel besser sein können als das, was euch das Spiel standardmäßig vorgibt. Es lohnt sich also, in die Raumschiffmanufaktur einzutauchen, obwohl ihr das nicht müsst. Ich hatte in meinem ersten längeren Spiel eine wundervolle Armada aus Schiffen, die ich allesamt nach hässlichen Tieren benannt habe. Da gab es das Warzenschwein, den Nacktmull und den Blobfisch. Interessant, wie das menschliche Gehirn arbeitet. Ich hatte die Bedeutung all dieser Namen recht schnell ausgeblendet und dachte irgendwann nur noch: „Diese Situation erfordert einen Blobfisch." Und in der Tat haben Blobfische die Lage dann zumindest teilweise gerettet. Hätte ich nicht tausend andere Aspekte missachtet.

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Hier baut ihr euch das Raumschiff eurer Wahl zusammen.

Endless Space 2 ist kein einfacher Titel, ihr müsst euch wirklich reinknien. Schmerzhaft bewusst wurde mir das, als meine Blobfische von einer völlig überlegenen Zivilisation ohne jede Chance ins Weltall geblasen wurden. Ich mag in diesem einen Quadranten überlegen gewesen sein, woanders hat sich aber jemand auf Plasmawaffen spezialisiert und dagegen war ich nur minimal gewappnet. Endless Space 2 kann schrecklich brutal sein - so sehr, dass ihr bei einem Spiel denkt, ihr könnt es gerade noch gewinnen und dann Minuten später bemerkt, dass ihr völlig chancenlos seid. Allerdings: Wirklich demotivierend sind diese Momente nicht. Im Gegenteil hatte ich beim Spielen dann immer umso mehr Lust, ein neues Spiel zu starten, in dem ich die Fehler aus der vergangenen Partie eben nicht mehr mache. Und meistens klappt das - wobei ihr dann nicht gerade selten ein paar Runden später gegen die nächste Hürde rennt. Endless Space 2 ist ein Spiel für Genießer, die mit gelegentlichem Scheitern kein Problem haben.

Nun gibt es aber durchaus Mechanismen, mit denen ihr eurem Geschick ein wenig auf die Sprünge helfen könnt. Helden etwa: Die könnt ihr etwa zum Bürgermeister einer eurer Kolonien oder zum Kommandanten einer eurer Flotten machen. Das gibt Boni, meinetwegen auf Verteidigung. Je nachdem, wie viele Kämpfe der jeweilige Held schon durchgestanden hat, steigt er im Level auf, die Boni werden stärker und eure Kolonie oder Truppe ebenfalls. In euren Kolonien könnt ihr wiederum Akademien bauen, die langfristig das Level dieser Helden erhöhen. Manchmal ist deshalb eine kleine schlagkräftige Raumtruppe mit einem Helden wirkungsvoller als die schiere Masse kleiner Raumschiffe.

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Im Überblick: Das sind eure Truppen.

Ihr wollt noch mehr Komplexität? Könnt ihr haben. Politik nämlich. Bei Endless Space 2 wird regelmäßig gewählt, wobei die Stimmen für bestimmte Weltanschauungen abgegeben werden. Pazifismus beispielsweise, oder Umweltschutz. Was ihr dabei selbst am besten findet, ist eher irrelevant, denn wichtig ist nur, in welcher Situation ihr gerade steckt. Habt ihr gerade einen blutigen Krieg, ist es für euch sicher sinnvoll, geringere Kosten für Militäreinheiten durchzusetzen. Seid ihr Pazifisten findet ihr vielleicht eher eine staatliche Förderung für Getreideanbau gut. So oder so, was am Ende bei diesen Abstimmungen herauskommt, ist Gesetz und ihr müsst damit leben.

Relativ statisch im Gegensatz zum Rest des Spiels gestaltet sich dagegen das Kampfsystem. Ihr werft im Wesentlichen einen Haufen Raumschiffe auf einen anderen Haufen und guckt dann, was passiert, von ganz wenigen strategischen Optionen zu Beginn mal abgesehen. Das Geschehen dürft ihr euch dann zwar in hübsch gemachter 3D-Grafik ankucken, mehr als zwei bis dreimal werdet ihr das aber nicht machen. Irgendwann wird's nämlich einfach langweilig und ihr wollt nur noch wissen, wie die Schlacht ausgegangen ist. Richtig nachvollziehbar ist das Ergebnis dabei nicht immer, zumal ihr keinen vollen Einblick in die Bewaffnung und Strategie der Gegner habt. Rumprobieren zahlt sich hier aus. Schilde sind eben besser gegen Energiewaffen, dickere Hüllen gegen Projektile - ihr kennt das. Ich habe das beim Spielen nicht unbedingt als Fauxpas empfunden, die Entwickler sind an dieser Stelle einfach nur nicht über die Genre-Konventionen hinausgegangen. Das sei ihnen verziehen, einmal dürfen auch sie das.

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Wie in Strategiespielen dieser Art üblich, ist Forschung auch in Endless Space 2 überlebenswichtig.

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Endless Space 2 hat im instinktgetriebenen Teil meines Nervensystems eine enorme Suchtwirkung entfaltet, die sich durchaus mit jener vergleichen lässt, die Civilzation regelmäßig bewirkt. Und das will was heißen. Ja, ich musste mich erst in das Spiel reinquälen und tatsächlich kann ich auch jetzt noch nicht behaupten, dass ich jede kleine Mechanik bis ins letzte Detail verstanden habe. Das Erlebnis ist aber wirklich toll. Einmal habe ich eine feindliche Flotte ankommen sehen und hatte nur wenige Runden vorher mein neues Kampfschiff (Deckname Nachtmull) fertiggestellt. Es war eine solche Freude, zu sehen, wie die Feindschiffe an dieser neuen Waffe zersplittert sind. So ein Spaß, die Nacktmulle anschließend zur nächstgelegenen Kolonie dieser Aggressoren zu steuern und ihnen die Hölle heiß zu machen.

Und dann doch festzustellen: Ich mag militärisch stark sein, aber ich verliere jede Wahl. Endless Space 2 ist tatsächlich ziemlich endless. In jeder weiteren Stunde, die ihr euch in das Spiel hineinvertieft, lernt ihr dazu und das auch dann, wenn ihr nicht mehr jede Tutorial-Box mit größter Aufmerksamkeit studiert. Es funktioniert ganz automatisch. Bei Endless Space 2 macht sogar das Lernen Spaß, denn ihr erhaltet durch Fehlschläge so wertvolle Informationen, dass ihr beim nächsten Mal diese verdammten Aliens aus eurem System einfach wegrocken könnt. Und das fühlt sich unfassbar gut an. Die Nacktmulle mögen verloren haben, aber die Blobfische sind endlich siegreich.

Wenn ihr wenig Geld zur Verfügung habt, nur ein Spiel kaufen könnt und an eben jenem unendlich viel Spaß haben wollt: nehmt Endless Space 2.

Entwickler/Publisher: Amplitude Studios / SEGA - Erscheint für: PC - Preis: 29,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: englisch - Mikrotransaktionen: Nein

Endless Space 2 - Test Markus Grundmann In den Weltraum! Und weit darüber hinaus ... 2017-05-18T17:00:00+02:00 5 5
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