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Ever Oasis - Test

Die beste Oase überhaupt.

Ich mag meinen 3DS sehr gern, habe ihn aber wohl nie so sehr beansprucht wie mit diesem Spiel. Ich besitze einen New 3DS XL in der Farbe Blau und ebendiese Farbe blieb neulich an meiner Hand kleben, jedenfalls ein kleines Stück davon. Zu lang hatte ich das Gerät wohl in meinen Fingern, zu sehr war es bereits mit ihnen verwachsen, weil ich es nicht aus der Hand legen konnte. Der erfreuliche Grund: Ever Oasis. Ich habe gar nicht mehr damit gerechnet, dass noch ein so großes, spannendes und umfangreiches Spiel für den 3DS erscheint und doch, da ist es. Ever Oasis ist ein gewagter und doch super funktionierender Genre-Mix irgendwo zwischen Action-Rollenspiel, Wirtschafts-Simulation und Aufbau-Strategie, entwickelt vom japanischen Studio Grezzo und dessen Gründer Koichi Ishii. Letzterer zeichnet unter anderem für die Mana-Reihe und die 3DS-Umsetzungen der Zelda-Spiele Ocarina of Time und Majora's Mask verantwortlich. Know-How und Erfahrung waren bei der Entwicklung von Ever Oasis also vorhanden. Und das spürt man.

Grundsätzlich dreht sich das Spiel um eine lebensfeindliche Wüstenwelt, in der es aber einzelne Oasen gegeben hat, die von sogenannten Wassergeistern am Leben erhalten wurden. Weil aber ein namenloses Verderben immer wieder nach diesen Wüsten greift und sie auch oft erfolgreich vernichtet, gibt es nur noch eine letzte dieser Oasen - ihr verkörpert den Vorsteher dieser letzten Oase. Das Spiel gibt ihm standardmäßig den Namen Tethu, ganz im Stil der Zelda-Spiele könnt ihr ihm aber auch einen eigenen Namen geben. Am Anfang ist eure Oase noch ziemlich leer. Euer Ziel ist es deshalb, möglichst viele andere Charaktere aus der Wüste dazu zu bringen, sich anzusiedeln. Am besten findet ihr dafür sogenannte Sprösslinge, kleine gnomenhafte Wesen, zu deren Art auch Tethu selbst gehört. Denn: Sprösslinge können vor Ort sogenannte Knospenläden eröffnen. Dort verkaufen sie dann die unterschiedlichsten Dinge: Getränke und Obst, aber auch Bücher und Bälle. Zu meinem Lieblingsgeschäft wurde recht schnell der Knödelladen - ich kann wohl selbst im Videospiel meine fränkischen Wurzeln nicht gut genug unterdrücken.

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Euer größter Schatz: die Knospenläden.

Diese Knospenläden sind jedenfalls vor allem deshalb von Vorteil, weil sie Umsätze machen - in Form von Taujuwelen, der Währung des Spiels. Diese könnt ihr euch als guter Oasenvorsteher regelmäßig bei euren Ladenbetreibern abholen, im Gegenzug gewährt ihr ihnen weiterhin Unterschlupf in eurer Oase. Zugegeben, das hat was von Schutzgelderpressung, ist aber im Spiel alles ganz niedlich und mit hohem Kawaii-Faktor inszeniert. Außerdem leistet ihr ja auch etwas für die Läden - ihr müsst ihnen nämlich das Material bringen, aus dem sie dann ihre Waren herstellen können. Der Saftverkäufer braucht beispielsweise eine bestimmte Obstsorte, der Ballhändler fertigt seine Sportgeräte aus naturbelassenem Schlangenleder. Woher ihr diese Dinge bekommt, ist ganz unterschiedlich: Obst, Gemüse und Getreide könnt ihr oft ganz leicht auf kleinen Feldern innerhalb der Oase anbauen und ernten. Für Schlangenleder müsst ihr euch dagegen schon in Gefahr begeben und die Oase verlassen. Ihr könnt dabei jeweils zwei Oasenbewohner mitnehmen. Für den Fall, dass sie einen Laden betreiben, wird dieser vorübergehend geschlossen.

Sobald ihr einen Fuß vor die Tore eures trauten Heims setzt, wird Ever Oasis zu einem Rollenspiel. Ihr lauft also herum, klopft Monster kaputt und sammelt deren Hinterlassenschaften ein - etwa die erwähnte Schlangenhaut. Das Kampfsystem ist relativ simpel: Ihr habt in Echtzeit den üblichen leichten und schweren Angriff und lernt im Spielverlauf ein paar Kombos kennen. Später lernt ihr noch ein paar magische Fähigkeiten, die sich automatisch wieder aufladen, Buffs etwa. Das war's. Funktioniert gut, ist aber nichts Außergewöhnliches. Auch ein paar kleinere und größere Dungeons gibt es, wobei hier eure Gefährten etwas mehr ins Spiel kommen als in freier Wildbahn. Jeder von ihnen hat nämlich ein paar spezifische Fähigkeiten.

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Kämpfe in Ever Oasis gestalten sich meist recht simpel.

Einer kann mit einem Blatt durch die Luft segeln, ein anderer mit seinem Stab eine bestimmte Art Schalter umlegen, ein dritter mit seinem Riesenhammer brüchige Wände und Steine einschlagen - es gibt wirklich viele dieser Fähigkeiten und nicht immer haben die Figuren, die ihr mitgenommen habt, gerade die, die ihr braucht. Per Schnellreiseoption dürft ihr dafür in die Oase zurückkehren und eure Teammitglieder auswechseln. So fühlen sich die Dungeons in Ever Oasis fast ein bisschen an wie die in Zelda - ihr lernt neue Fähigkeiten, indem ihr neue Oasenbewohner rekrutiert, ihr wählt sie aus und ihr setzt sie an der richtigen Stelle ein um ein Rätsel zu lösen. Wenn ihr Gegner umhaut, erhaltet ihr dadurch natürlich auch Erfahrungspunkte und steigt in der Stufe auf, wodurch ihr wiederum neue Waffenkombos erlernen könnt. Garniert wird das Ganze von einem Crafting-System, mit dessen Hilfe ihr euch daheim in der Oase aus den erbeuteten Materialien neue Waffen und Rüstungsteile basteln könnt.

Nun kranken viele Spiele ja am sogenannten Feature Creep, soll heißen: Ein Spiel wird mit einer Unmenge an zusätzlichen Funktionen, Minispielen und Gimmicks überhäuft, obwohl selbige entweder keinen Zusammenhang mit dem Hauptspiel mehr haben oder es nur unnötig kompliziert machen. Und obwohl Ever Oasis wirklich viele verschiedene Spielmechaniken implementiert und selbst nach 15 Stunden Spielzeit noch neue Waffen, Fähigkeiten und Läden für eure Oase hinzukommen, wirkt nichts davon unnötig. Das liegt einerseits daran, dass die Entwickler daran gedacht haben, zum richtigen Moment gewisse Komfortfunktionen einzuführen. So müsst ihr ab einer gewissen Anzahl an Knospenläden nicht mehr jeden einzeln mit Rohstoffen beliefern, sondern könnt das an einem zentralen Ort erledigen. Auch könnt ihr bestimmte Gebäude errichten, die alle Taujuwelen in einer Shopping-Meile auf einmal abholen. Andererseits funktionieren diese Elemente in Ever Oasis aber auch so gut, weil sie einfach fantastisch ineinandergreifen. Keine Funktion ist wirklich unnötig. Ihr braucht die Taujuwelen aus den Läden, um neue Rezepte für neue Rüstungsteile zu kaufen und eure Heiltränke zu erneuern. Ihr braucht mehr, je weiter das Spiel fortschreitet, weil die Gegner eben auch anspruchsvoller werden. Ihr müsst teilweise die Oase verlassen, um neue Bewohner zu rekrutieren, dadurch sammelt ihr wieder neue Erfahrungspunkte und wenn ihr aufsteigt, könnt ihr wiederum stärkere Monster bekämpfen, die schließlich Materialien für bessere Gegenstände hinterlassen - für deren Produktion ihr wieder Taujuwelen braucht.

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Der Schatz: das Ziel jedes Dungeons.

Warum nun aber das alles? Naja, die oben erwähntes Verderben ist nicht aus der Welt, sondern flammt immer wieder auf. Dann erscheinen nicht nur gefährlichere Monster in der ganzen Welt, auch die Oase wird befallen. Augenscheinlich äußert sich das in Form von dunklen Pflanzen, die überall auftauchen, den Bewohnern Angst machen und die Tethu mit einer Art Windmagie wieder entfernen muss. Aber selbst wenn sie weg sind, sinkt die Stimmung in der Oase, was sich unter anderem in niedrigeren Umsätzen bei den Knospenläden äußert. Das wiederum weil sich weniger potenzielle Käufer in eure Oase trauen, um dort ihre wertvollen Taujuwelen für Säfte, Bälle und natürlich Knödel auszugeben. In solchen Fällen bekommt ihr vom Wassergeist eine Story-Mission, an deren Ende ihr einen Boss besiegen müsst. Das belohnt das Spiel, indem es eure Oase wieder vom Verderben befreit. So werden eure Bewohner wieder glücklich und das ist gut, denn: Das Spiel kennt einen Wert namens Segen. Der ist hoch, wenn die Bewohner sich freuen, beispielsweise auch über eine neue Warenlieferung. Und er gibt euch einen großen Bonus auf eure Lebenspunkte - ein Vielfaches des Grundwertes. Es ist daher unverzichtbar, eure Bewohner bei Laune zu halten. Lasst sie also immer fleißig Saft pressen und Knödel drehen.

Das mag sich alles recht kompliziert lesen, ist im laufenden Spiel aber erschreckend einfach - und manchmal zu einfach. Ich habe nach über 20 Spielstunden kein einziges Mal den Game-Over-Screen gesehen. Ein paar Mal hat eine meiner drei Figuren das Zeitliche gesegnet, aber dann habe ich sie eben wiederbelebt - das geht ganz simpel auf Knopfdruck. Zudem könnt ihr in jeder Situation zur Oase zurückkehren und werdet dort dann kostenlos komplett geheilt. Heiltränke sind davon abgesehen recht günstig herzustellen und obwohl ihr von jedem Typ nur fünf Stück gleichzeitig tragen könnt, hatte ich nie das Gefühl, zu wenige von ihnen zu haben. So kommt beim Spielen bisweilen das Gefühl auf, dass sich Ever Oasis mit seinen komplexen Mechanismen trotz allem an ein eher junges Publikum wendet. Dafür sprechen auch die allzu niedlichen Figuren, deren Comic-Stil sicherlich nicht jeder mögen wird. Den 3D-Effekt des 3DS setzt Ever Oasis dabei überzeugend ein, ein Gefühl von räumlicher Tiefe kommt durchaus auf.

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Die Sonne brennt, aber die Hüte sitzen: drei Oasenbewohner in der Wüste.

Wofür ich Ever Oasis wirklich gern mag: Das Spiel perfektioniert das Gefühl, das typische Rollenspiel-Dörfer ausstrahlen. Eure Oase ist ein Refugium, in das ihr nach Dungeon-Plünderungen und Kämpfen gegen Monster zurückkehrt, um eure Wunden zu lecken, eure Vorräte aufzufüllen, eure Läden mit neuen Waren zu versorgen und das verdiente Geld einzusacken. In diesem Sinne fühlt sich diese Oase wirklich bald an wie ein Zuhause. Dieses Gefühl wird im Laufe des Spiels stärker und stärker, denn eure Oase wächst, je mehr Bewohner sie hat. Sie bietet dann Platz für neue Läden, größere Äcker, neue Obstbäume. Und am Horizont steht eine Utopie: Irgendwann soll diese Oase den ganzen Planeten umspannen und die Wüste zurückdrängen. Dazu muss allerdings das Verderben besiegt werden und genau das ist letztendlich euer Ziel in Ever Oasis. Ihr seid also hauptberuflich Oasenvorsteher - nebenbei aber Superheld und Weltenretter.

Unter allen Spielen, die 2017 für den 3DS erschienen sind, ist Ever Oasis definitiv mein liebstes. Es wirkt bis ins Detail durchdacht, es verbreitet mit seiner Oase ein heimeliges Spielgefühl, es hat jede Menge sammelbare Gegenstände, versteckte Details und liebevoll gestaltete Figuren, die allesamt eigene Wünsche und Bedürfnisse haben. Nur ein bisschen zu leicht ist es mir und auch die Missionen könnten hier und da ein wenig abwechslungsreicher sein. Angesichts so toller Details wie dem Knödelladen ist mir das aber ehrlich gesagt kaum aufgefallen. Ever Oasis macht einfach viel mehr richtig als falsch. Wer mit superniedlichen Kopffüßler-Figuren leben kann und nichts dagegen hat, auf einer Handheld-Konsole auch mal ein etwas umfangreicheres Spiel zu erleben, das nicht unbedingt für das schnelle Spiel an der Bushaltestelle geeignet ist, der liegt hier goldrichtig.

Entwickler/Publisher: Nintendo/Grezzo - Erscheint für: 3DS - Preis: 39,99 - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: 3DS - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

Ever Oasis - Test Markus Grundmann Die beste Oase überhaupt. 2017-06-23T09:47:00+02:00 4 5
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