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Black: The Fall - Test

Weltuntergang mit Sowjet-Charme.

Die Post-Apokalypse ist inzwischen nun wirklich kein allzu seltenes Szenario in Spielen mehr. Aber meistens sehen wir sie aus westlicher Perspektive, genauer gesagt: aus Sicht der USA. Die Entwickler von Sand Sailor Studio aus Bukarest versuchen sich mit ihrem Titel Black: The Fall nun an einem anderen Blickwinkel. Ständig ist hier spürbar, dass die Entwickler sich vorgestellt haben, wie die Welt aussehen würde, wenn sie noch zu Zeiten der Sowjetunion untergegangen wäre. Black: The Fall kommt dabei nicht als episch angelegtes Open-World-Rollenspiel im Stile eines Fallout daher - stattdessen ist das Erstlingswerk der Entwickler ein Rätsel-Plattformer im Stile eines Titels wie Limbo oder Inside. Und gleich vorweg: Diese Kombination klappt hervorragend.

Während ihr bei den finsteren Playdead-Titeln eher durch eine jenseitige oder zumindest fantastische Welt lauft, ist das Szenario in Black: The Fall eher aus dem Diesseits - wenn auch aus einem alternativen Diesseits. Die Herrschaft eines nicht näher benannten Sowjetstaates gipfelt darin, dass die Menschen nur noch als Arbeiter auf Fahrrädern strampeln und so Strom produzieren. Wer seinen Platz verlässt oder irgendetwas tut, das ihm nicht befohlen wurde, wird erschossen - wahlweise von einer der Wachen oder einer der zahlreichen Selbstschussanlagen. Im Hintergrund hängen bisweilen Stalin-Bilder, hin und wieder erlebt ihr als namenloser Protagonist Propagandaveranstaltungen mit. Während ihr beispielsweise über eine enge Brücke balanciert, lauscht unter euch die uniformierte Masse einer Rede auf einem riesigen Fernseher. Alles jubelt. Dann wird die Freiheitsstatue eingeblendet. Alles buht. Solche Momente wären für das Gameplay selbst nicht nötig gewesen, sie schaffen aber doch den bedrückenden Rahmen, in dem ihr euch bei Black: The Fall bewegt.

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Sie strampeln sich die Seele aus dem Leib: die Arbeiter in Black :The Fall.

Das Gameplay selbst bewegt sich dabei größtenteils auf bekannten Rätsel-Bahnen. Ihr legt an einer Stelle beispielsweise einen Schalter um und müsst dann schnell genug an anderer Stelle durch eine Tür laufen, bevor sie sich wieder schließt. So simpel ist das Spiel allerdings nur am Anfang. Später bekommt ihr einige Gadgets hinzu, die alles ein bisschen komplizierter machen. So erhaltet ihr etwa einen Laserpointer, mit dem ihr den untot wirkenden Arbeitern in einer Fabrik Befehle erteilen könnt. Lauf von A nach B, bediene die Maschine. Lauf zurück. Rudimentär, aber wirksam: Während ihr so die Figur an anderer Stelle im Level für eure Zwecke benutzt, profitiert ihr selbst nur von den Ergebnissen. Beinahe schleicht sich das Gefühl ein, dass ihr hier selbst gerade zum Nutznießer der wie narkotisierten Arbeiterklasse geworden seid. Dabei seid ihr selbst auch nur einer dieser Arbeiter - aber einer, der aus nicht näher genannten Gründen nicht länger auf dem Fahrrad strampeln will, der es ablehnt, sich weiterhin nur ausbeuten zu lassen.

Je weiter das Spiel fortschreitet, desto vielfältiger wird es auch. Neben den Rätsel gibt es immer wieder auch Plattformer-Passagen, bei denen es dann auf Geschicklichkeit ankommt. Diese Verknüpfung von Rätsel- und Action-Elementen funktioniert recht gut, beides geht fließend ineinander über und fühlt sich an wie aus einem Guss. Nachdem ihr die Fabrik verlassen habt, in der das Spiel beginnt, erhaltet ihr als Begleiter eine Art Spinnenroboter, dem ihr in ähnlicher Form Anweisungen geben könnt wie den Fabrikarbeitern zuvor. Per Knopfdruck könnt ihr diesen dann außerdem in eine kleine Box verwandeln, die ihr benutzen könnt, um Hindernisse zu überwinden - eine laufende Bierkiste gewissermaßen. Solche neuen Elemente sorgen dafür, dass es bei Black: The Fall nie langweilig wird, ihr seht kein Rätsel in der gleichen Form ein zweites Mal. Manchmal müsst ihr euren Laser in eine Apparatur stecken, die ihn verstärkt, einmal bekommt ihr ihn gleich zurück, ein anderes Mal aber auch erst viel später. Black: The Fall ist aus solchen und ähnlichen Gründen recht unvorhersehbar - so sehr, dass sich die ein oder andere Passage auch wirklich nur durch das Trial-and-Error-Prinzip lösen lässt. Soll heißen: Falls ihr keine absoluten Naturtalente seid, werdet ihr relativ oft sterben.

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Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel: Hier müsst ihr dafür sorgen, dass euer Laser richtig von der Decke reflektiert wird.

Angst, zu weit zurückgeworfen zu werden, müsst ihr dabei aber nicht haben. Die Rücksetzpunkte sind meist recht fair platziert, so dass ein Tod kein großes Drama ist - selbst dann nicht, wenn er mehrmals hintereinander eintritt. Das ist gut, denn die Spielwelt lädt hier und da durchaus zur Erkundung ein. Hier und da könnt ihr besondere Räume finden, die euch nicht nur ein wenig Hintergrundwissen über die dystopische Spielwelt vermitteln, sondern auch zu einem Achievement verhelfen. So trefft ihr beispielsweise auf einen Raum voller alter Herren, die wild herumfuchteln, wenn ihr vor ihren Fernseher lauft. Oder ihr findet eine fettleibige Kreatur, die auf dem Boden liegend mehr und mehr Fast Food in sich hineinstopft. Gerade wenn ihr euch auf solche Erkundungstouren macht, gerät das Spiel manchmal ein bisschen zu dunkel - oft seht ihr gar nicht, wohin ihr springen könnt, ein Abschnitt spielt sogar völlig im Dunkeln. Auch hier gilt es wieder, sich auf das Prinzip von Versuch und Irrtum zu verlassen.

Wie bei den offensichtlichen Vorbildern Limbo und Inside bietet das Spielgeschehen auch am Ende noch viel Raum für Interpretation. So bleibt beispielsweise die Frage einigermaßen offen, wer in dieser Welt eigentlich der Herrscher ist. Sind es überhaupt noch Menschen oder schon diese Maschinen, die wie AT-STs aus Star Wars durch die Spielwelt stapfen und auf alles schießen, was sich bewegt? Zumindest von den Bildschirmen herab sprechen noch Menschen, aber was genau diese Wachen in den Fabriken sind, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Gesprochen wird in diesem Spiel kein Wort. Hier und da erhaltet ihr durch Piktogramme an der Wand ein bisschen Hilfe für das Lösen bestimmter Rätsel - viel mehr wird dann aber auch nicht kommuniziert, von den Befehlen mit dem Laserpointer mal abgesehen.

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Ein Boot voller hängender Leichen. Tarnt euch besser als eine von ihnen falls ihr überleben wollt.

Black: The Fall ist ein tolles Spiel, das seinen Vorbildern höchstens in Stilfragen ein wenig nachsteht. Ja, es setzt manchmal eine Idee zu sehr auf Trial and Error und manchmal könnte es dem Spieler ein bisschen mehr zeigen als eine pechschwarze Spielwelt. Seine Atmosphäre aber ist herrlich apokalyptisch und selbst die Plattformer-Elemente machen Spaß und gehen flüssig von der Hand. Als ich probeweise an einem Schalter drehte und plötzlich durch einen Raum voller retrofuturistischer Gerätschaften die Internationale schallte, hatte mich dieses Spiel endgültig. Wer Limbo und Inside mochte, macht hier nichts falsch und durchlebt detailreich durchinszenierte, eindringliche fünf bis sechs Stunden.

Entwickler/Publisher: Sand Sailor Studio/Square Enix - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: etwa 20 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Xbox One - Sprache: deutscher Text - Mikrotransaktionen: Nein

Black: The Fall - Test Markus Grundmann Weltuntergang mit Sowjet-Charme. 2017-07-18T09:01:00+02:00 4 5
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