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Ys VIII: Lacrimosa of Dana - Test

Mein Breath of the Wild, nehme ich an

Ys will einfach nicht sterben. Ich meine nicht, dass es sollte, ich liebe die Reihe. Aber faszinierend ist es trotzdem: Wie viele Reihen aus der Zeit - 1987 kam der erste Teil - haben überlebt? Nun, das ist auch faszinierend, die Antwort darauf lautet nämlich: Eine Menge! Final Fantasy, Zelda, Castlevania, Metal Gear, Street Fighter, sie reichen alle so weit zurück. Wir spielen erstaunlich viel Zeug, das schon in der vorletzten Generation erfunden wurde. Und damit meine ich nicht Konsolen-Generation. Was sagt das über die Videospielwelt? Sagt ihr es mir, ich habe hier einen Test zu erledigen. Einen sehr erfreulichen.

1

Ist doch nett, wenn man sich 30 Jahre lang keinen neuen Namen beim Hauptcharakter merken muss.

Ys VIII: Lacrimosa of Dana ist das, was man spielt, wenn man es altmodisch, aber nicht zu altmodisch haben will. Mit Action, aber nicht nur Action. Mit genug Story, aber auch viel Erkunden und Leveln. Mit einem Kick-Ass-Rock-Soundtrack der an die 80er erinnert, aber nicht komplett - letzteres: Leider. Nie wieder wird Ys in der Musik so gut sein, wie mit Yuzo Koshiro, aber das ist eh so etwas wie ein Naturgesetz für jede Reihe, die der Mann sich mal vornahm. Aber zurück zu Ys VIII, das alle eben genannten Dinge ist.

Grafisch mag es aus der Zeit gefallen sein und das wird nirgends wieder im Spiel so deutlich wie in dem Japan-typisch etwas zusammengestolperten Intro, dass sich nicht entscheiden kann, ob es die inhaltlichen Stärken von Heidi oder doch lieber das Heldendesign von Record of Lodoss War bevorzugt und sich so entschließt beides zu kombinieren. Zum Glück kriegt das Ganze dann schnell - relativ zumindest - die Kurve, ihr landet gestrandet auf einer unbekannten Insel, sammelt die Party und metzelt euch durch die örtliche Fauna. Was die Story sonst so hergibt? Nuuun... Ich würde sagen "was mit Weltrettung und so...?" Ihr findet irgendwann eine Dana, der Titel lügt nicht - es sogar ein wenig Dona eis requiem amen dabei -, und ihrer Geschichte dreht sich auch um den spannendsten Teil der Handlung, aber ich kann euch nicht verraten was es ist. So richtig zur Geltung kommt das alles nämlich erst im letzten Drittel des Spiels und viel früher startet die eigentliche Handlung auch nicht, womit es also ein veritabler Spoiler wäre. Sagen wir es so: Ys VIII hat genug zu erzählen, um unter normalen Umständen 8 bis 10 Stunden zu füllen. Es dehnt diese Handlung dann auf 30 bis 40. Mit anderen Worten: Es ist nicht schlecht, aber etwas zu sehr gestreckt, um irgendeine Art von Spannungsbogen sinnvoll aufrechtzuerhalten, während ihr euch durch noch mehr Monster metzelt.

2

Es ist immer noch Japan: Angeln muss als Minigame drin sein. Muss eine Art Gesetz dort sein.

Das Schlimmste der letzten Generation Alle Nieten aus der Generation PS3, Xbox 360 und Wii. Viel Spaß! Das Schlimmste der letzten Generation

Die Streckung ist aber so angenehm, dass sie mich in keiner Weise störte, was eher ungewöhnlich ist. Daran ist zum einen das Kampfsystem "schuld", aber auch wie ihr sonst eure Zeit vertreibt. Es ist so etwas urjapanisches, das Szenario des Schiffsbruchs erst mal in einen Nestbau zu verwandeln. Gestandene Männer machen Feuer und die Frauen machen die Höhle schön. Es wird geangelt, gekocht, gecraftet und es ist alles, was ich normalerweise hassen würde. Aber nicht hier. Ich war selbst davon etwas überrascht und grübelte zuerst, ob meine seit PC-Engine-Tagen währende Liebe zu Ys mich hier blind macht. Bei näher Betrachtung jedoch ist es die Bequemlichkeit, mit der das hier alles passiert, die es selbst für Crafting-Verächter wie mich erträglich macht. Ihr sammelt auf dem Schlachtfeld alles direkt auf, ohne rumrennen und großen Aufwand. Im Lager geht ihr einfach zu den "Shops" und statt Geld in Items zu tauschen, tauscht ihr halt Krams in anderen Krams. Manchmal muss man Zwischenkrams craften, aber das passiert so dermaßen einfach und ohne Umstände, dass es nie länger aufhält als nötig. So wächst das Lager mit jedem Gestrandeten, den ihr findet, jeder hat seine kleine Aufgabe und es gibt sogar einen Papagei, der hilft Berge zu versetzen.

Diese müssen auch dann und wann aus dem Weg, denn so eröffnet ihr neue Wege in einer relativ frei wirkenden Welt, die immer ein paar Extra-Ecken zum Erkunden freihält. Diese großen Hindernisse erfordern eine bestimmte Zahl an Geretteten, denn, so die Erklärung, nur genug Leute schaffen es diese Hindernisse zu räumen. Auf diese Weise lenkt euch das Spiel erstaunlich zart auf die Bahnen, auf denen es euchsehen möchte. Auch einen Metroid-Faktor gibt es. Das wird euch schnell klar, wenn ihr eine Wand mit Ranken seht, sie einfach "Klettern!" zu schreien scheint. Und sicher doch, ein wenig später findet ihr ein paar Handschuhe, mit denen es nach oben geht. Was wieder neue Bereiche und Wege öffnet. Und wieder weiter und auch zurück zu ein paar Ecken, wo ihr euch an eben solche Ranken erinnert. Das Erkunden kommt mir und meiner Bequemlichkeit erneut entgegen. Ihr habt großzügig verteilte Schnellreisepunkte, eine gut lesbare Karte, Überblick und Erreichbarkeit ohne zu viel Backtracking. Ys VIII möchte mich unterhalten, akzeptiert, dass ich der Gast bin und dass man diesem gefälligst Gastfreundschaft erweist. Andere J-RPGs können von Opa Ys noch viel lernen.

5

Die Übersichtliche, detaillierte Karten, Schnellreisepunkte, Ys VIII macht eich das Leben nicht leicht, aber bequem.

Der Kampf hat sich natürlich seit meinen Ys-Tagen stark gewandelt - ich will ehrlich sein, das letzte Ys, das ich wirklich spielte, war Teil vier - und entspricht weitestgehend den letzten Teilen, aber mit mehr Schwung. Napishtim und VII habe ich angespielt und Nummer acht jetzt hat einfach mehr Tempo und Dynamik. Ihr habt eine hohe Reichweite - wie auch viele Gegner - seid immer mit einem Finger auf der Roll-Taste, um diesen Dodge-Break zu bekommen, der die Zeitlupe auslöst und kritischen Schaden bedeutet, mit dem anderen auf den Spezial-Angriffen. Es ist nicht wirklich taktisch, aber das macht die simple Eleganz der Action locker wieder wett. Zumal, gerade bei den Bossen, solltet ihr schon wissen was ihr tut. Verwundbare Stellen wollen getroffen werden, Angriffe hauen ordentlich rein und wenn ihr nicht die Moves beherrscht, werdet ihr nicht immer das Ende des Tanzes erleben. Aber selbst dann dürft ihr sehr direkt wieder einsteigen, auch wenn ihr mal vergessen habt zu speichern. Ja, es hat sich einiges geändert, seit ich Ys spielte. Gut so.

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Dazu gehört auch, dass ihr nicht allein herumwandert und Gegner schubst, sondern euch ein paar Begleiter zur Seite stehen und definitiv ihren Beitrag leisten. Oft genug haben sie nicht weniger Schaden verursacht als ich, manchmal waren sie sogar ein wenig zu "Trigger-Happy". Irgendeiner Krabbe die letzten drei Lebenspunkte mit dem Maximal-Angriff aus der Schale zu dreschen, hätte nun wirklich nicht sein müssen. Aber so sind sie nun mal, die jugendlich-japanischen Enthusiasten. Ihr könnt jederzeit auf Knopfdruck alle aktiven Party-Mitglieder durchschalten, was ich aber eigentlich nur tat, wenn der Rotschopf Adol mit seinen HPs ziemlich am Ende war. Die KI ist nämlich sehr gut darin, wenig Schaden einzustecken und so kann man dann noch weitere Charaktere abwirtschaften, bevor man zu den Heil-Items greifen muss. Heilung ist wie früher: In den Dungeons nur aktiv, wenn ihr aber unter freiem Himmel herumschlachtet, dann reicht es, einfach mal für eine halbe Minute stehenzubleiben, um zu Kräften zu kommen. Bequem. Und wem das zu einfach ist: Es gibt genug Schwierigkeitsabstufungen nach oben, inklusive brutaler Einschränkung der Heilmöglichkeiten auf den obersten Graden.

6

Ob ich jetzt eine überdimensionierte Schildkröte den 'Merciless Herald of Sorrow' nennen würde, weis ich nicht... Aber etwas Drama muss wohl sein.

Was die Grafik angeht... Ich habe in Foren von Leuten gelesen, die das hier mit Worten wie "umwerfend", "wunderschön", "wegweisend" bedachten. Ich gehe einfach davon aus, dass sie mit diesem Spiel direkt von der PSP auf die PS4 umstiegen und das erklärt das dann. Rein technisch ist das schon klar auf die Möglichkeiten der PS Vita ausgelegt, für die es das in Japan auch gibt (wie Jack_Doe uns gerade hinweist, sogar doch in Deutschland). Kleine Gebiete, schlichte Texturen und Objekte und kantige Bewohner in dieser Welt aus simpleren Grafiktagen. Aber: Ich mag die satten Farben, das generelle Weltdesign, das eine Art Karibik-Fantasy aufleben lässt. In Form eines Low-Budget-Korea-CGs statt Uncharted-4-Grandeur, zugegeben. Aber trotzdem, das kann von mir aus aussehen wie ein PS3-Spiel und das tut es auch. Aber gestört hat es mich nie. Aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht weil ich jede Zwischensequenz und Textzeile überspringen durfte. Dieses Spiel denkt mit, dieses Spiel weiß, was ich mag.

Aber es ist auch Ys und das bringt in einem Punkt eine ganz andere Erwartungshaltung mit als andere Serien. Selbst Final Fantasy kann in meinen Ohren nicht mithalten, wenn es um das Soundtrack-Legacy geht, nichts kommt an Koshiro-Sans Meisterwerke auf der PC-Engine-CD heran. Aber auch die folgenden Teile waren, wie viele frühe Nihon-Falcom-Spiele, hier eine Klasse für sich. Ys VIII dagegen ist okay. Es hat die rockigen Tunes für die Action, es hat ein paar kitschige Melodien, aber nichts davon geht direkt ins Ohr und vor allem bleibt es nicht da. Ist nett, tut nicht weh, macht hier und da sogar Spaß, aber den Soundtrack werde ich sicher nicht direkt ordern. Und ich habe eine fast komplette Ys-Sammlung hier... Okay, ich habe ihn doch bestellt, aber nur der Vollständigkeit halber. Ich sehe den nicht oft in den Player wandern.

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Technisch schlicht, aber hübsch ist es trotzdem.

Aber sonst? Ys XIII: Lacrimosa of Dana begann als ein "naja, gucken wir mal, was Ys heute so treibt" und ich fand mich weit länger davorsitzen, als ich je gedacht hätte. Und vor allem: weit glücklicher. Ich hatte hier vielleicht nicht diese ursprüngliche, absolute Urschleim-Faszination aus den Tiefen des Big Bang, der Ys Book I & II vor mehr als einem halben Leben war, das, was andere bei den frühen Zeldas empfunden haben mögen. Aber es war lockeres, glückliches Daddeln der besten Art. Es bietet poppige Farben und J-Kitsch, das aber mit dem gleichen Spirit, der die Serie damals schon antrieb. Da spielt es nur eine untergeordnete Rolle, dass die Geschichte kaum moderneren Dramaturgiestandards entspricht. Damals reichte es auch, den Super-Dungeon zu bewältigen, weitestgehend, weil er da war. Dagegen ist Teil acht ja fast schon das ganze Requiem, nicht nur Lacrimosa.

Es verbindet diese ausreichend mystische Handlung mit viel schnellem Action-Kampf und genug Erkundung und reichert es auf eine gelungene Weise mit all den modernen Elementen des J-RPG-Gamings an, die mir sonst den Spaß verderben. Egal ob Kochen oder Angeln, so unaufdringlich wie hier kann ich damit gut leben, Final Fantasy XV darf sich da gern was abgucken. Ihr habt eine sich immer weiter öffnende Welt, die euch in einem glücklichen Autopilot-Modus am Laufen hält, öffnet mit neuen Items neue Wege und gerade rechtzeitig meldet sich dann doch noch die Handlung zurück. Ys VIII mag nach allen allgemeinen Standards "nur" ein wirklich nettes, sogar gutes Action-RPG sein und kein Zelda: Breath of the Wild, welches dieses Genre auf einen anderen Level hob. Aber als scheinbar immer noch überraschend Ys-Verhafteter ist es wohl mein Breath of the Wild. Ich nehme es.

Entwickler/Publisher: Nihon Falcom / NIS America - Erscheint für: PS4, PC (Steam), Vita - Preis: ca. 50 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PS4 - Sprache: Englisch, Japanisch (jeweils Text und Sprache) - Mikrotransaktionen: Ja (Vanity-Stuff)

Ys VIII: Lacrimosa of Dana - Test Martin Woger Mein Breath of the Wild, nehme ich an 2017-09-29T07:53:00+02:00 4 5
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