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Bomber Crew - Test

Niedlicher Tod von oben.

Schon pervers, aber es ist irgendwie auch sehr befriedigend, mit einem riesigen Kampfbomber über ein feindliches Ziel zu donnern, die Bombenklappen zu öffnen, die Sprengkörper abzuwerfen und dann zuzusehen, wie sie ihr Ziel treffen. Befriedigend wirkt es in Bomber Crew vor allem deshalb, weil ihr jeden noch so kleinen Schritt selbst steuert. Weil ihr euch für ein Ziel entscheidet, den Kurs setzt und dann eines eurer Besatzungsmitglieder an der Bombenluke platziert. Ihr öffnet deren Klappen und werft die dicken Dinger einfach raus. Es fühlt sich an wie Handarbeit. Und für diese Form von Mikromanagement liebe ich Bomber Crew.

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Im Hintergrund kratzt grade ein feindlicher Bomber ab. Toller Schuss von Reilly!

Gleich vorweg sei gesagt, dass Bomber Crew keine Simulation ist, die sich selbst allzu ernst nimmt. Klar, ihr kommandiert einen englischen Bomber im zweiten Weltkrieg - aber das Spiel erzählt weder eine allumfassende Geschichte, noch bemüht es sich auch nur ansatzweise um eine realistische Grafik. Stattdessen besteht die namensgebende Bomber Crew aus einer Hand voll Comicfiguren, die am ehesten aussehen wie Bobbleheads. Davon müsst ihr zu Beginn erst mal sieben rekrutieren, darunter etwa Schützen, Piloten, Mechaniker und natürlich die Jungs fürs Derbe: Die, die schließlich die Bomben abwerfen. Dann könnt ihr eigentlich auch schon in den ersten Einsatz starten, der sich noch recht harmlos gestaltet - erst mal fotografiert ihr nur ein paar Ziele. Im weiteren Spielverlauf stimmt ihr aber fast jedes Detail auf eure persönlichen Vorlieben ab.

Denn nicht nur euer Bomber startet mit einer Minimalausstattung - auch jedes der Besatzungsmitglieder ist am Anfang noch ziemlich grün hinter den Ohren. Absolviert ihr aber Missionen, erhalten sie Erfahrungspunkte - und ihr als Kommandant bekommt ein bisschen Bargeld. Damit rüstet ihr nicht nur euer Flugzeug auf, sondern auch die Ausrüstung eurer Crewmitglieder - kauft ihr beispielsweise einem eurer Schützen einen neuen Helm, hält dieser im Anschluss mehr aus bevor er auf die Krankenstation muss. Es geht sogar noch mehr ins Detail, so könnt ihr sogar wärmere Handschuhe kaufen, die euren Soldaten in luftigeren Höhen unempfindlicher gegen die dort herrschende Kälte machen.

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Euren Bomber könnt ihr nach eigenem Gutdünken gestalten.

Das Ding ist nur: Eure Soldaten können sterben. Für immer. Und das nicht nur, wenn ihr den Einsatz versemmelt und das Flugzeug abstürzt. Schließlich reden wir hier vom Zweiten Weltkrieg: Wenn feindliche Flieger also auf euch ballern, bedeutet das schon mal, dass eure Hülle durchsiebt wird und derjenige, der gerade die Stromversorgung repariert, gleich mit dazu. Überhaupt gehört das Management der Figuren im Flugzeug zu den Teilen des Spiels, die bei mir am meisten Hektik auslösten. Ein Beispiel: Ich befinde mich gerade im Anflug auf ein feindliches Bodenziel, der Bombenverantwortliche sitzt an seinem Platz, die Klappen sind geöffnet, die abzuwerfenden Bomben ausgewählt. Nur noch den rechten Moment abpassen und den Knopf drücken. Plötzlich tauchen Feindflieger am Horizont auf, die sich in rasender Geschwindigkeit nähern. Ich ignoriere sie zunächst und hoffe, mein Bodenziel noch zu treffen, bevor ich mich ihnen widme. Aber weit gefehlt, leider treffen sie meine Stromversorgung, mein Radar fällt aus. Ich schicke also jemanden zum Reparieren - und während mein Bomber schon über das Ziel hinausgeschossen ist und ich ihm eigentlich längst einen neuen Kurs zuweisen müsste, geht meinen Schützen auch noch die Munition aus. Weitere Feindflieger nehmen mich aufs Korn, ich ziehe meinen Navigator von seinem Posten ab und versuche verzweifelt, die Geschütze nachzuladen... und dann versinkt alles irgendwie im Chaos.

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Mannschaft bereit, jeder an seinem Platz.

Bomber Crew fühlt sich gerade in solchen Momenten ein bisschen an wie FTL. Wie eine fordernde Übung, wie viele Probleme man gleichzeitig im Auge behalten und wie viele Feuer man gleichzeitig löschen kann. Mit dem Unterschied, dass ihr hier eben einzelne Missionen erledigt und auch nach einem Absturz und dem Totalverlust der Crew im Prinzip noch weiterspielen könnt. Dafür sorgt maßgeblich eine zweite Währung, die ihr für die Erfüllung kleinerer Sekundärziele verdient, beispielsweise für das Fotografieren optionaler Ziele. Die nämlich bleibt auch nach einem Totalausfall eurer Bomber Crew erhalten und sorgt dafür, dass ihr nach einem Neustart zumindest nicht wieder mit der Startausrüstung eures Bombers anfangen müsst. Allerdings: Die Besatzung ist tot. Ihr dürft euren Soldaten gerne noch auf ein paar Gedenktafeln nachtrauern, müsst aber zwangsläufig neue Leute rekrutieren, die wieder keinerlei Erfahrung mitbringen.

Damit bringt Bomber Crew etwas fertig, dass ich sonst nur von Spielen wie XCOM kenne. Die Figuren wachsen euch ans Herz und zwar je mehr sie ihre Fähigkeiten entwickeln und je mehr ihr sie mit individuellen Ausrüstungsgegenständen ausgestattet habt. Bald schon habt ihr euren Lieblingsschützen, seid nahezu verliebt in den Typen, der immer zielgerichtet die Bomben aufs Ziel wirft. Sind diese Leute an Bord eures Bombers dem Tod nahe, kommt echte Panik auf. Hektisch versucht ihr, ein anderes Besatzungsmitglied erste Hilfe leisten zu lassen, zieht es notfalls auch von wichtigen Positionen ab und riskiert dabei das Leben der gesamten Mannschaft. Aber hey, es geht um Warren! Oder um Howard! Oder um Pamela! Wir sind die Bomber Crew, wir lassen niemanden an Bord krepieren! Wir leben und sterben gemeinsam!

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Als Kommandant bin ich besonders zufrieden, wenn all meine Soldaten lebendig zurückkommen..

Innerhalb der Missionen erlebt ihr immer wieder kleine Highlights. Beispielsweise die feindlichen Kampffliegerasse, allesamt so klischeehaft wie möglich angelehnt an Manfred von Richthofen. Diese sind nicht nur besonders gut im Ausweichen und im Verursachen von Schaden, sie ziehen sich im Gegensatz zu ihren Kameraden auch wieder zurück, wenn ihr sie nicht schnell genug vom Himmel holt - gelingt euch das doch, gibt's natürlich Boni in Form von Geld. Aber ehrlich, selbst, wenn euch das nicht gelingt - nach einer erfüllten Mission ist es immer wieder ein großes Aufatmen, mit einem durchlöcherten Bomber wieder auf dem heimischen Flughafen in England zu landen. Alternativ könnt ihr euch auch in anderen Strategien versuchen, beispielsweise einer Notlandung auf feindlichem Gebiet oder dem Aufsteigen in Höhen, in die sich der Gegner nicht traut - ob das jedoch klappt, ist stets ein Risiko. Wenn ihr jedoch in höchsten Luftschichten einfach über eure Feinde hinwegdonnert, freut ihr euch doch sehr, dass ihr eurer Besatzung zuvor warme Wollmützen gekauft habt.

Neben den Soldaten dürft ihr übrigens auch euer Flugzeug individualisieren. Es gibt nicht nur viele verschiedene Anstriche, auch eigene Schriftzüge sind möglich. Trotz einfacher Comic-Grafik fand ich meinen Eurogamer-Bomber mit seinem Flammengraffiti an den Triebwerken ziemlich cool - beinahe hatte ich den Eindruck, die Gegner hatten Angst vor ihm. Zur simplen, aber gelungenen Präsentation hinzu kommen die leisen, angedeuteten Funksprüche im Hintergrund - selbige bestehen zwar eigentlich nur aus Gebrabbel. Trotzdem habt ihr irgendwie das Gefühl, hier eine eingeschworene, funktionierende und routinierte Bomber-Crew zu kontrollieren. Ein tolles Spielgefühl.

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Bei riskanten Missionen wie dieser solltet ihr euch zuvor auch besonders gut ausrüsten.

Nur die Missionen hätten ein bisschen abwechslungsreicher sein können. Insgesamt verbringt ihr bis zum Ende etwa acht Stunden mit Bomber Crew, je nach Geschick mehr oder weniger. In dieser Zeit wiederholen sich Missionen recht oft. Mal rettet ihr ein Besatzungsmitglied, mal bombardiert ihr eine feindliche Munitionsfabrik - am Ende läuft es jedoch immer darauf hinaus, über ein bestimmtes Ziel zu fliegen und im richtigen Moment den Abwurfknopf zu drücken ohne dabei von feindlichen Fliegern vom Himmel geholt zu werden. Es sind in diesen Momenten eher die Szenarien an Bord eures Bombers, die sich von Mal zu Mal unterscheiden. Ist euer Pilot verletzt, erfordert das eine andere Strategie, als wenn es einen eurer Schützen getroffen hat, explodieren euch gerade die Triebwerke, solltet ihr schneller handeln als bei einer defekten Hydraulik.

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Trotz hektischem Mannschaftsmanagements und teils etwas eintönigen Missionen hat mir Bomber Crew unterm Strich eine Menge Spaß gemacht. Der Einstieg ist etwas gewöhnungsbedürftig, die Erfolgserlebnisse nach gelungenen Missionen sind dafür umso schöner. Die Comic-Grafik mag simpel sein, sie ist aber irgendwie liebenswert - insbesondere weil ihr selbst entscheiden könnt, wie eure Mannschaft und euer Flugzeug aussehen. Gerade wer FTL mochte, sollte dieses Spiel nicht verpassen. Und auch ich werde jetzt nochmal das Gespräch mit meiner Bomber Crew suchen. Bevor ich die nächsten Feindflieger vom Himmel hole, schenke ich ihnen aber ein paar Handschuhe.

Entwickler/Publisher: Runner Duck/Curve Digital - Erscheint für: PC - Preis: 14,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

Bomber Crew - Test Markus Grundmann Niedlicher Tod von oben. 2017-11-10T09:11:00+01:00 4 5
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