Beyond Good & Evil - Lesertest

Der verärgerte Gaming-Snob

Oh wie gerne würde ich eine kleine Revolution anzetteln. Nein, nichts Politisches, keinen Staatsstreich oder so. Eine Kulturrevolution! Genauer gesagt will ich das momentare Kaufverhalten der Durchschnittsgamer von Grund auf ändern. Schluss mit ewigen Fortsetzungen und jährlich erscheinenden Sportspielen. Weg mit drögen Actionspielen, die bis auf ihren Blutgehalt keine weiteren Qualitäten besitzen. Und Schluss mit den ach so durchschnittlichen Filmumsetzungen, die trotzdem immer wieder die Spitze der diversen Charts stürmen! An die Waffen, meine Brüder, denn nie wieder soll es geschehen, dass eine Perle wie Beyond Good & Evil so sang- und klanglos in der Versenkung verschwindet.

Desillusioniert

Beyond Good & Evil ist so dermaßen französisch, dass ich mich jedesmal darauf einstelle, mein Laptop würde mir jeden Moment Rotwein und Käse als Beilage zum Zocken anbieten. Hier regieren Flair und Stil. Die Grafik-Engine war schon bei ihrem Erscheinen vor ein paar Jahren nicht die Spektakulärste. Und trotzdem vermochte BG&E mitzureißen. Das vermag es noch heute, auch im Zeitalter von PS3 und DX10. Wie das, höre ich sie fragen, die ungewaschenen Massen. Na wie wohl, mit wunderbarem Artwork und Atmosphäre zum Wasserkochen! Spielt die Intro-Sequenz und ich garantiere euch... nein, ich garantiere euch garnichts mehr. All die unzähligen, vor Lob nur so übertropfenden Reviews konnten nichts dagegen tun, dass BG&E wie Blei in den Regalen blieb. Was nutzt es, wenn ich euch heute erzähle, wie mir die spielbare Intro-Sequenz mit ihrer Mischung aus gnadenloser Action, traumgleicher Grafik und eindringlicher Musik den Atem raubte und mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken jagte? Was bringt es, wenn ich euch das Zelda-mäßige Gameplay schildere, das elegant mit Genre-Konventionen spielt. Oder die Kamera, die mehr als nur ein Gimmick, ein Minigame ist und es erlaubt, wahre fotografische Meisterwerke in der Spielwelt zu fabrizieren. Oder die tolle Story, die glaubwürdige Spielwelt mit ihrem leicht kubanischen Anstrich und der ständig präsenten Schwingung von Gefahr, Unterdrückung und genereller Gehirnwäsche?

All das nutzt nichts, denn ein Blick auf die Verpackung des Spieles wird euch laut "Bäh" schreien lassen. Ihr werdet die Packung angewiedert fallen lassen und euch hinter dem nächsten Regal mit bluttriefenden Shootern verstecken. Denn BG&E hat Comic-Grafik. BG&E hat teilweise tierische Charaktere. BG&E sieht ein bisschen aus wie ein Jump'n'Run. BG&E ist ja ein Kinderspiel! AAARGH!

Immer Wieder

Gerne krame ich BG&E hervor, immer und immer wieder. Ich kann mich Micel Ansels Vision einfach nicht sattspielen. Der Rayman-Erfinder hat hier ein Spiel porduziert, dass das Rad zwar nicht neu erfindet, existierende Konzepte aber bis zum Zahnschmerz poliert und verfeinert. Ich liebe es, mit Protagonistin Jade durch düstere Fabriken zu schleichen, immer auf der Suche nach dem einen Fotomotiv, dass meine Welt vor der bösen Verschwörung warnen wird. Wenn ich dann fliehe, die fiesen Schergen auf den Fersen, schlägt mir das Herze jedesmal wieder bis zum Hals. Und wenn ich dann das Ende erreiche, steigt mir erneut ein Klos in den Hals. Weil ich mir Sorgen um einen meiner Lieblingscharaktere mache. Weil der Cliffhanger zum Schluss mich wahnsinnig macht. Weil BG&E als triologie angelegt war, die bis heute nicht realisiert wurde, weil NIEMAND dieses Spiel gekauft hat.

BG&E hat es mittlerweile zu einer Art Kultklassiker gebracht. Na Franzi sei's gedankt, so findet es wenigstens in einem kleinen Kreis viedeospielender Feinschmecker die Anerkennung, die es verdient.

PS.: Ich gebe dem Spiel bewusst keine Wertung, weil es sich in meiner Vorstellung über die Jahre in absolut unrealistische Höhen gekämpft hat. Außerdem wäre eine Wertung meiner Ansicht nach zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Sinnvoll.

Kommentare (9)

Die Kommentare sind nun geschlossen. Vielen Dank für deine Beiträge!

  • Loading...