Point & Click: Die Adventure-Kolumne
Im Namen des Herren
Als ich am letzten Wochenende das neue Material des christlichen Renderadventures Heaven gesichtet habe, war ich mir erst nicht ganz sicher, ob die Entwickler ihre Botschaft ernst meinen. Kurz später habe ich es dann aber geschafft, mich auf der audiovisuell unerträglichen Website der missionarischen Multimedia-Experten (not!) zur entlarvenden Selbstdarstellung durchzuklicken.
Dort ist zu lesen: "We are Christians, and proud of it.". Erinnerungen an historische Und-das-ist-auch-gut-so-Coming-outs werden wach. Weiter geht's: "Whenever we get a chance, we like to spread the experience.". Meine Gedanken schweifen von Berliner Politikern zu afrikanischen Kindern, die von religiösen Eiferern das Wort Gottes eingeprügelt bekommen. "Jesus is our Saviour, Healer, and Guide. We give God the full glory for our lives and impact we can have on others around us." Autsch.
An dieser Stelle kommt dann wohl das neue Wunderadventure Heaven ins Spiel, an dem Genesis Works angeblich seit 10 Jahren mit der Crème de la Crème arbeitet, die die Branche zu bieten hat. Was es bisher zu sehen gibt, wirkt in diesem Kontext grotesk. Nicht biblische Bartträger wälzen sich bedeutungsschwanger über den virtuellen Himmel, nein, vielmehr scheint ein aufgespritztes Blondchen mit ihren Betonbrüsten das Schicksal des Popcornbunten Gottesreiches in ihren Händen zu halten.
Es sieht so aus, als wäre der interstellare Farbtransporter Plastika Renderio I über dem fruchtbaren Zweistromland explodiert und Botox-Barbie, die es sich gerade auf einer Blumenwiese gemütlich machen wollte, die grüner und saftiger ist als jede Wiese in von George Lucas geschriebenen Romantik-Szenen, müsse, na ja, irgendetwas tun, was dafür sorgt, dass die Entwickler möglichst viele möglichst bunte Dinge rendern können. Dabei stürzen Raumschiffe ab, Greifen ziehen durch die Lüfte und andere Metaphern stürzen auf den Spieler ein, die nicht das Geringste mit der Bibel zu tun haben, aber in Designbesprechungen bei Genesis Works gerade irgendwie hip waren. Hat da vielleicht jemand ein bisschen zu viel LSD geschnupft?
Seitdem ich Jesus Camp gesehen habe, bin ich sicher, dass es einen Markt für einen pseudoreligiösen Titel wie Heaven gibt. Sobald man "Wir sind Christen und stolz darauf" auf ein Produkt schreibt, gibt es genug verblendete Hardliner, die dafür allein um der Selbstbestätigung Willen unabhängig von der Qualität Geld auf den Tisch legen. Die Frage, ob der Entwickler selbst im Namen des Herrn unterwegs ist, oder lediglich diesen Markt erkannt hat, beantwortet das allerdings nicht. Ich tendiere zur ersten Annahme, denn würde sich Genesis Works nur die Taschen vollheucheln wollen, hätte man vermutlich auch einen Webdesigner engagiert, der mit einem professionellen Internetauftritt auch für eine kundenfreundliche Außendarstellung sorgt.
Jan Schneider ist Webmaster von Adventure-Treff.de, der großen deutschen Website für Adventure-Spiele. Jeden Mittwoch macht er sich auf Eurogamer.de Gedanken über das Genre.
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Kommentare (4) Latest comment vor 5 Jahren
Die Kommentare sind nun geschlossen. Vielen Dank für deine Beiträge!
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]http://www.genesisworks. com/
[/link]
Die Offizielle Seite versteckt sich seit kurzem hinter einem gottseidank stummen Flashvideo ohne Weiterkommen... Sie haben wohl eingesehen, dass die Seite Mist war.
Vor allem bei einem Teil des amerikanischen Kundenstamms wirken solche "gottgewollte" Dinge immer sehr verkaufsfördernd. Und meistens glauben auch die Verkäufer selbst daran (und verdienen nebenbei Unsummen).
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Ed
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Ich mache mich nicht über die Religion der Entwickler lustig, sondern über ihre Mittel, diese zu verbreiten. In den christlichen Himmelsdarstellungen, die ich kenne, tauchen jedenfalls keine drallen Blondinen mit Atombrüsten und von Engeln begleitete Raumschiffe auf.
Gegen freie Meinungsäußerung habe ich selbstverständlich nichts, die möge man mir dann aber auch zugestehen. Und dass die gerade in einer Glosse dann auch mal überspitzt zum Ausdruck gebracht wird, sollten die Christen schon verkraften. Was ich mir regelmäßig für ein polemisches Zeug vom Papst anhören muss, ist schließlich auch nicht ohne.