Die Qual der Wahl
„Killerspiele“: Eine Chronik des Schreckens
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Sind Sie vergesslich? Lässt Sie ihr Gedächtnis manchmal im Stich? Dann nehmen Sie Voltax – oder lesen Sie Eurogamer. Damit Sie auch morgen noch kraftvoll wählen können.
Am Sonntag dürfen Spieler bei der Bundestagswahl mit entscheiden, wer künftig die Geschicke Deutschlands leiten soll. Doch ich frage mich: Wer verdient meine Stimme?
Im Rahmen des Eurogamer-Specials zur Bundestagswahl (sämtliche Links zu den Interviews gibt’s am Ende dieses Artikels) hatte ja auf wundersame Weise keine Partei mehr so wirklich etwas gegen Action-Spiele. Und in den Wahlprogrammen finden sich ebenso wenig Stellungnahmen dazu. Wo also das Kreuzchen machen? Als Entscheidungshilfe für euch fassen wir noch einmal zusammen, was in den vergangenen Jahren geschah und vor allem, was von wem zum Thema „Killerspiele“ gesagt wurde. Es ist ein Essay wider das Vergessen. Eine Chronik des Schreckens.
„Eigentlich ist ein Verbot doof und stinkt“, hieß es von allen Seiten, als Eurogamer im Juli und August die für Spieler relevanten Parteien bat, ihre Standpunkte deutlich zu machen. Kajo Wasserhövel etwa, Bundesgeneralsekretär der SPD, warnte vor einer „undifferenzierten Pauschalisierung“. Diese Aussage finde ich hinsichtlich des Koalitionsvertrags von 2005 interessant. Den hatte die SPD nämlich mit getragen. Auf Seite 106 wurde explizit ein „Verbot von Killerspielen“ gefordert.

Kajo Wasserhövel, Bundesgeneralsekretär der SPD.
Dorothee Bär, stellvertretende Generalsekretärin der CSU, erklärte gegenüber Eurogamer hingegen, dass es in ihrer Partei unterschiedliche Meinungen zum Thema gebe und versicherte, sie selbst sei "gegen ein pauschales Verbot“. Das glaube ich ihr sogar! Man könnte die beiden Aussagen jedoch auch als Ausweichmanöver werten. Denn natürlich gibt es innerhalb einer Partei unterschiedliche Meinungen. Die Frage ist vielmehr, ob gerade die jüngeren Vertreter wirklich Gehör finden, wenn ein weitaus mächtigerer Mann wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann im März 2009 über "Killerspiele" verlauten lässt: „In ihrem schädlichen Auswirkungen stehen sie auf einer Stufe mit Kinderpornografie, deren Verbot zu Recht niemand in Frage stellt.“
Im Rahmen meiner journalistischen Arbeit befragte ich auch den Bundestagsabgeordneten Philipp Mißfelder zum Standpunkt der CSU/CDU. Er teile deren Meinung natürlich nicht, es handele sich hier um einen Generationskonflikt, alles werde gut und überhaupt und außerdem.
Ich rechne es dem Mann hoch an, dass er sich für unser Hobby einsetzt. Stutzig machte mich allerdings, dass er keinen Zweifel daran ließ, die Frage in seiner Funktion als Vorsitzender der Jungen Union beantwortet zu haben. Blöd nur, dass man die nicht wählen kann. War das auch ein Ausweichmanöver? Und falls nicht, gilt die gleiche Befürchtung wie im Fall von Frau Bär: Was hat ein Nachwuchspolitiker zu melden, wenn Papa Schlumpf spricht?
Nehmen wir als weiteres Beispiel den Juni 2009, als die Innenministerkonferenz zusammenkam und einstimmig beschloss, dem Bundestag ein „Verbot für Killerspiele“ zu empfehlen. Einstimmig heißt: Nicht nur Vertreter von CDU und CSU waren dafür, sondern auch die vier SPD-Politiker. Und Ingo Wolf, der eine Partei vertritt, die bei derartigen Debatten eigentlich immer dagegen gehalten hatte, die FPD nämlich. Apropos: Wer die Liberalen wählt, muss sich klar sein, dass diese künftig ausschließlich mit der CDU/CSU zusammenarbeiten will, wie am Sonntag bei einem Sonderparteitag beschlossen.

Dorothee Bär, stellvertretende Generalsekretärin der CSU.
Die Debatte um „Killerspiele, die Jugendliche zum Töten von Menschen animieren“ (Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber) reicht natürlich sehr viel weiter zurück. Im August 2006 sah die Bundesregierung dem Koalitionsvertrag zum Trotz plötzlich keinen Bedarf mehr für ein Killerspielverbot. Das ändert sich wiederum nur drei Monate später schlagartig, am 20. November, dem Tag des Amoklaufs von Emsdetten.
„Ich bin sehr dafür, ein Verbot von Killerspielen in Betracht zu ziehen“, so der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz. Sein CDU-Kollege Wolfgang Bosbach: „Sollte sich herausstellen, dass der 18-jährige Täter sich länger und intensiv mit Killerspielen beschäftigt hat, müsste der Gesetzgeber nun endlich handeln.“ Regierungssprecher Ulrich Wilhelm kündigte ferner in der Zeitung Die Welt ein „hartes Durchgreifen“ an.
Im April 2007 herrschte im Bundestag wieder Skepsis, was ein Verbot betrifft, nachdem die Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Elke Monssen-Engberding, bei einer Anhörung des Unterausschusses für Neue Medien gesprochen hatte. Sie bezeichnete das nach dem Amoklauf von Erfurt überarbeitete Jugendschutzgesetz als „genial“. Christian Pfeiffer, bekannter Spiele-Kritiker, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen und ehemaliger SPD-Justizminister, war natürlich wieder ganz anderer Meinung.
Im Dezember 2007 beschloss die Regierung das „Verbot gewaltbeherrschter Spiele“. Lothar Bisky, neben Oskar Lafontaine Parteivorsitzender der Linken, ließ indes keine Zweifel aufkommen, was seine Ansichten betrifft: „Computerspiele müssen, auch in gewalthaltiger Form, als massenmediale Produkte der Popkultur begriffen werden. Kinder müssen lernen, damit umzugehen und Risiken abzuschätzen.“ Ausführlich Stellung bezieht er auf seiner Homepage. Vor allem Politiker von CDU und CSU sehen aber nach wie vor einen Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft und Action-Spielen. Der Meinungs-Pingpong ging 2008 weiter.
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Kommentare (20) vor 2 Jahren
Die Kommentare sind nun geschlossen. Vielen Dank für deine Beiträge!
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@Fränkel: danke für den informativen und ausführlichen Artikel :)
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Entscheidender ist es was die Parteien zum Thema Wirtschaft, Bildung, Finanzen usw. zu sagen haben.
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..eine unglaubliche frechheit leute so dermasen anzulügen.. und sowas ist politiker... und franke!! `*schäm*
hab auch schon per briefwahl gewählt..
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Dennoch frage ich mich, ob ich einer Partei vertrauen kann, die zum Thema Spiele fast nur Humbug verbreitet. Was erzählen mir die erst von Dingen, von denen ich keine Ahnung habe?
Schöner Service, das Ganze nochmal übersichtlich zusammenzufassen. Daumen hoch für Harald. :)
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Die Wahlentscheidung an Hand des Themas Videospiele festzumachen halte ich für äußerst fragwürdig. Immerhin handelt es sich hier um ein Hobby und um einen in der Gesamtbetrachtung ziemlich unwichtigen Teil des Lebens.
Das Stimmt schon, aber warum sollte ich eine Partei wählen die das und das verspricht, wenn die schon so viel Scheiße über Spiele (!) sagen? Warum sollt ich denen also irgendwas aus dem Wahlprogramm glauben?
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@Hansolo: Da stimme ich Braincrack zu. Wenn einige Parteien schon über Spiele so einen Schwachsinn verbreiten, wie sieht das bei anderen Themengebieten aus? Ich will ja Leute in der Regierung haben, die einigen (oder sogar vielen?) Themen gegenüber nicht so verdammt voreingenommen und gegen jegliche Logik immun sind. Bei so einem Thema kann so eine Einstellung dann halt durchsickern.
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Zum Thema Bildung: Jahrzente lang versprechen sie die Bildung zu fördern, aber streichen Lehrer, führen Semestergebühren ein und beschweren sich wegen angeblicher Geldknappheit (aber plötzlich Milliarden Summen für private Banken aufbringen). Und beschwören ständig, "nächste Legislaturperiode fördern wir die Bildung".. ganz bestimmt!.
Finanzen: Immer laschere Gesetze zur Kontrolle der Finanzmärkte werden eingeführt... was kommt dabei raus? Wilde Spekulantenblasen, mit 25% Renditeversprechen.. WTF?? Ist von denen keiner auf die Idee gekommen dass so eine Geldvermehrung nicht mit rechten Dingen zugehen kann? Aber wozu braucht man auch eine strengere Aufsicht? Es gibt doch Gewinne!
Wirtschaft: Wer schonmal in der Verlegenheit war Arbeitslos zu werden, z.b. wenn er nach der Ausbildung nicht übernommen wurde weil ihn die Firma nicht bezahlen kann, der landet mit sehr großer Wahrscheinlichkeit bei einer Zeitarbeitsfirma. Moderne Sklaverei nenn ich sowas. Du Arbeitest für einen Bruchteil des dir zustehenden Lohns und sitzt 4 Wochen später wieder ohne Job da. Echt eine super Erfindung diese "Jobcenter"...
Und jetzt erklärt mir mal jemand wieso eine kleine Parte keine besseren Konzepte als die Großen haben soll?
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Kann ja nicht viel sein, wer dermaßen dumm ist und am besten alles verbieten will und durch falsches "Fachwissen" Propaganda betreibt. Sowas zeigt sehr schnell, dass es in anderen Themen nicht besser laufen kann und man uns eher was vom Pferd erzählt, nur glauben wir es da, weil wir da nicht so tiefen Einblick wie ins Gaming haben.
Wer einmal Dünnpfiff labert, tut es auch sonst überall.
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Da verhelfe ich lieber einer kleinen Partei dazu, in den Bundestag zu kommen, dass somit ein paar Leute dort sitzen, die von den neuen Medien Ahnung haben.
Und zum Thema Bildung: wer in den letzten drei Jahren Abitut gemacht hat oder in 12 Jahren Abi machen muss, weiß wie dämlich sich die Regierung bei diesem Thema anstellt.
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Es kommt nicht von Ungefähr dass bei Umfragen über 70 % der Beteiligten für die Merkel sind, aber genauso viele gegen die Regierung :-)
Die Industrie hat die Medien in der Hand , und die Medien verbreiten nunmal den Dünnschiß ihrer Herren, und das Volk plappert das nach was sie eingetrichtert bekommen.
Wir hatten doch schon fast alle Kombinationen, schwarz/gelb (kohl), rot/grün (schröder) und alle haben nicht das eingehalten was sie versprochen hatten, das war so und wird auch immer so bleiben. Nur eines ist sicher, die Linke darf nicht gewählt werden, weil die oberen Zehntausend sonst an die Kasse gebeten werden ;-)
Der Satz von Harald "Dennoch frage ich mich, ob ich einer Partei vertrauen kann, die zum Thema Spiele fast nur Humbug verbreitet. Was erzählen mir die erst von Dingen, von denen ich keine Ahnung habe? " sagt schon alles. Nur scheinen nicht alle ihn richtig ins Gehirn eingebrannt zu haben.
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Nächstes Jahr am 9. Mai sind Landtagswahlen in NRW, da bin ich auch wieder dabei.
Wer übrigens mal einen alternativen Wahlautomaten haben möchte, hier ich kann Wen Wählen? empfehlen. Dieser Automat vergleicht auch die Antworten der Direktkandidaten eures Wahlkreises mit euren Antworten und ermittelt unabhängig von der Parteiwertung die Übereinstimmung mit euren Angaben. Erstellt wurde dieser Wahlautomat von Alvar Freude und dem AK Zensur.
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Ich denke, dass es halt auch wichtig ist NICHT sich unbedingt an "alte" Parteien zu halten, was auf jeden Fall eigentlich kein Aufruf gegen SPD, CDU, etc... sein sollte...aber ich finde es wichtig, dass eine Partei regiert, die sich auch mit der "Zukunft" auseinandersetzt. Damit meine ich, dass nicht die Augen davor verschlossen werden sollten, sondern sich intensiv damit beschäftigt werden muss und dass ernstzunehmende und auch logische und hilfreiche Lösungen gefunden werden. Durch Verbote, Zensur blablabla machen sich viele das Ganze denk ich zu einfach und versuchen eher "Problemen" aus dem Weg zu gehen. Wenn die alten Parteien das auch schaffen würden, dann würde ja nichts dagegen sprechen, aber ich halte nichts davon wenn Sie versuchen "meiner Welt" aus dem Weg zu gehen, weil sie sich damit nicht auskennen, aber hoffen, dass sie trotzdem meine Stimme bekommen ;-)
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Was ich allerdings bedenklich finde, und was hier auch schon angeklungen ist, ist die Tatsache, dass keine echte Ursachenforschung zur Gewaltproblematik an Schulen betrieben wird. Denn wie es auch schon den Täterprofilen JEDES einzelnen Schul-Amokläufers zu entnehmen war, handelte es sich bei den Personen um isolierte und introvertierte Personen. Mit einer besseren Ausrichtung der Lehre an den einzelnen Menschen und einer Förderung selbiger entsprechend ihrer Bedürfnisse, wäre die Ausgrenzung einzelner sicherlich nicht mehr so immanent und damit das Risiko von Amokläufen verringert.
Allerdings ist es natürlich einfacher einen anderen "Schuldigen" zu finden und diesen ruhig zu stellen. Fragt sich nur, was sie machen, wenn nach einem Verbot weiter Amokläufe (vielleicht sogar noch mehr) passieren???
Greetz
nyo
P.S.: ist alles IMHO