Mass Effect 2 Lesertest

Lesertest von Baltech

3 Februar, 2010

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Here there be Spoilers

Erinnert ihr euch? 2007: Bioware veröffentlicht Mass Effect. Baltech freut sich, weil er Science Fiction mag und weil er Rollenspiele mag und weil er Shooter mag. Aber dann schreibt Baltech ein Review für Eurogamer und jammert und klagt und mault. Aber er spielt weiter. Dann kommt Mass Effect 2 und Baltech sieht sich genötigt, den ersten Teil noch einmal durchzuspielen. Diesmal auf dem PC. Diesmal mit englischer Sprachausgabe. Diesmal ist alles anders.

Das erneute Durchspielen von Mass Effect war nötig. Einerseits, um meine Erinnerungen aufzufrischen. Andererseits, um für den PC einen Spielstand zu haben. Diese dritte Runde hat mir die Augen endgültig geöffnet, für die Genialität und die Wahrhaft monströse Arbeit, die Bioware in diese galaktische Oper gesteckt haben. Ich werde nicht mehr meckern über Mass Effect. Ich habe gelernt, es zu lieben.

Ich möchte Mass Effect 2 fast nicht mehr als Spiel bezeichnen. Es ist viel mehr als nur das. Es ist ein Fenster in ein neues Universum, eine Galaxie voller Völker, Politik, Intrigen, Religionen, Details, Lebensweisen und so viel Fremdartigkeit. Der Hintergrund steht in seiner Fülle, Komplexität und Glaubhaftigkeit auf einer Stufe mit lange etablierten Platzhirschen wie Perry Rhodan und Star Trek. Vor allem die altgediente Perry Rhodan Reihe blitzte mir beim Spielen immer wieder durch den Kopf. Die Rolle der Menschheit, die Fremdartigkeit der Aliens und die Größe der galaktischen Bedrohung wecken Erinnerungen an den Unsterblichen und seine zeitlosen Abenteuer.

In gewisser Weise ist Shepard sogar unsterblich. Schließlich endet die fulminante Intro damit, dass unser geliebter Commander leblos im Raum treibt. Leblos. Es war, so kurz nach dem Beenden des ersten Teils, ein wirklicher Schock. Mitansehen zu müssen, wie die Normandy von einem völlig fremden Raumschiff einfach so weggeputzt wird. Ich musste tatenlos miterleben, wie mir schon wohl bekannte Gesichert hinweggefegt wurden. Armer Presley, ich werde dich vermissen. Dann der Marsch durch die aufgebrochene Kommandozentrale. Die Stille im Luftleeren raum und das Gleisen des Planeten im Hintergrund. Langsam arbeitet sich Shepard zur Steuerzentrale vor, wo Joker in seinem Stuhl sitzt. Joker, der beste und zynischste Steuermann der Galaxie. Joker, der Glasknöchige. Könnte er die Explosion der Normandy irgendwie überleben?

Diese kurze Sequenz ist ein emotionaler Schlag in die Magengrube. Nicht, weil sie von Grafik und Sound her fantastisch umgesetzt wurde. Oh, das wurde sie. Kinnlade-durch-den-Tisch wunderschön. Es sind die Charaktere, die man schon im ersten Teil lieb gewonnen hat. Es war der größte und beste Clou, den Bioware hier gelandet haben, einfach so den alten Spielstand zu importieren und jeder, wirklich jeder einzelnen Entscheidung besonderes Gewicht zu verleihen. Im Laufe der nächsten 25 Stunden wurde mir immer wieder vor Augen geführt, mit welcher Detailverliebtheit die Entwickler zugange waren. Sie haben wirklich jede nur erdenkliche Möglichkeit in Betracht gezogen. Ich möchte nicht daran denken, wie viele Permutationen der originalen Geschichte möglich waren. Jede musste beachtet werden und sich nahtlos und ohne Lücke in das Storygeflecht einpassen. Mit voller Vertonung! Eine monumentale Leistung, die Bioware in lächerlichen zwei Jahren vollbracht haben.

Emotionale Bindung ist wohl das Zauberwort. Später habe ich Ash getroffen. Shepard hat mit ihr die letzten Stunden vor dem Angriff auf Ilos verbracht. Dabei hat er sie lange ignoriert. Ihr offensichtlicher Hass auf andere Rassen war ihm immer ein Rätsel. Doch ihre Liebe zur Poesie und ihre starke Persönlichkeit faszinierten ihn. Und so kam es, wie es kommen musste. Nun stand sie im Weg der Sammler und Shepard war ihre einzige Hoffnung. Ob er sie retten konnte? Und noch viel wichtiger: Würde der alte Funke wieder erwachen?

Wie der Rest der Galaxie dachte Williams, ihr alter Skipper wäre vor zwei Jahren bei dem Angriff auf die Normandy verstorben. Wäre er auch, wenn da nicht Cerberus wäre. Diese zwielichtige, menschliche Organisation mit dem Unbekannten an ihrer Spitze hat tief in die Taschen gegriffen und nicht nur Shepard von den Toten zurückgeholt. Sie haben auch die Normandy zum Leben erweckt. Dieser Moment, in dem Joker aus dem Schatten tritt und seine wiedergeborene Normandy vorstellt, die anschwellende Musik, die Freude auf Shepards Gesicht, all das führte auch bei mir zu einer Reaktion. Eine Freudenträne kullerte meine Wange hinab und Stolz schwellte in meiner Brust. Stolz darauf, ein Mensch zu sein. Stolz auf Joker, diesen körperlich zwar beeinträchtigten doch absolut loyalen und sympathischen Piloten. Und Wut. Wut auf die Sammler und vor allem auf die Reaper. Natürlich stecken die Reaper hinter allem. Wer sonst?

Hier beginnt sie, die epische Reise. Alte Freunde wollen gefunden und neue Kameraden gewonnen werden. Jedes Mal, wenn ich ein alt bekanntes Gesicht erblickt habe, regte sich ein echtes Gefühl der Freude in mir. Ich hatte nicht einmal gemerkt, wie stark die emotionale Bindung war, die ich zu meiner alten Crew aufgebaut habe. Ihr werdet sie alle wieder sehen, sofern sie ihre letzte Reise mit euch überlebt haben. Als ich Archangel auf dieser verkappte Raumstation gefunden habe, als mir klar wurde, wer sich hinter diesem Namen versteckt, machte ich einen Luftsprung. Denn ich wusste, jetzt würde mich nichts mehr aufhalten können.

Mein Wrex hat überlebt und er hat sich gemausert. Ich habe die Absturzstelle der alten Normandy gefunden und dort ein Monument errichtet. Ich hielt inne und verbrachte eine Minute schweigend in Erinnerung an all die Tapferen Seelen, die mit mir untergegangen sind. Ich trank ein Glas mit Dr. Chakwas und sprach mit ihr einen Toast auf den besten Piloten der gottverdammten Galaxis.

Die Kameraden, die Shepard diesmal rekrutiert hat, waren zahlreicher und vielschichtiger als ihre Vorgänger. Alle hatten ihr eigenes Gepäck zu tragen und Shepard hat ihnen allen geholfen. So waren sie alle absolut loyal, als es an der Zeit war, die letzte, selbstmörderische Mission anzugehen. Sie haben alle überlebt. Tali hat überlebt. Tali'Zorah vas Normandy. Wie genial ist das denn bitteschön? Ach ja, die Rachni gibt es auch noch. Erinnert ihr euch? Das war einer meiner alten Kritikpunkte. Die Rachni gibt es noch und sie entwickeln sich. Bioware haben einfach an alles gedacht.

Aber was ist mit dem Gameplay? Nun, alles, was dem flüssigen Spielen und dem vollen Eintauchen in die Welt im Wege stand, wurde über Bord geworfen. Keine Zahlenspielereien mehr. Mass Effect 2 ist das ultimative Rollenspiel. Kein MinMaxing, kein Suchen mehr nach Rüstungspunkten und Schaden. Nur noch ihr, eure Ausrüstung und eure Crew. Ich musste nicht mehr durch Tabellen und Statistike scrollen um zu entscheiden, wer mit mir auf eine Mission geht. Die Entscheidung fiel je nach Persönlichkeit. War Gemetzel angesagt, dann waren Grunt und Jack meine Wahl. Ging es gegen Synthetische? Tali und Miranda. Manchmal auch Mordin. Level waren mir egal. Ich konnte mich voll und ganz darauf konzentrieren, in die Haut von Shepard zu schlüpfen. Ich habe kein Spiel mehr gespielt, ich habe eine Geschichte erlebt. Ist das nicht das wahre Ziel eines jeden wirklichen Rollenspiels? Weg mit der Pfennigfuchserei, mit den Würfelspielchen und mit den Tonnen von Loot und hin zum Kern der Erzählung.

Die technische Umsetzung hilft. Mass Effect 2 ändert den Look des ersten Teils oberflächlich nicht. Die grundlegenden Designelemente und die Ästhetik sind gleich geblieben. Dafür wurde poliert, was die Fetzen hergeben. Die Gesichtsanimationen sind überzeugender denn je. Die Texturen sind schärfer, die Auflösung ist höher. Und ob ihr es glaubt oder nicht, es lief auf meiner Mühle um einiges flüssiger und angenehmer als sein Vorgänger. Alles läuft darauf hinaus, das es nichts mehr gibt, was den Spieler aus der ultimativen Fantasie herausreißen könnte.

Wenn ihr eine Maschine habt, die stark genug ist, kauft euch Mass Effect 2 für den PC. Nicht, weil die Auflösung höher und die Steuerung besser sind, als auf Konsole. Das sind sie. Nein, sondern weil ihr am PC die Möglichkeit habt, der englischen Sprachspur zu lauschen. Besser, überzeugender, realer. Martin Sheen, Adam Baldwin, Trishia Helfer. Herz, was willst du mehr?

Was soll ich noch sagen zu Mass Effect 2? Bioware haben das fortgesetzt, was sie im ersten Teil begonnen haben. Frei von den Fesseln, ihr Universum erst erklären zu müssen, haben sich die Kanadier in Details versenkt. Ihr könnt zum Beispiel in der Citadel einkaufen gehen. Ihr könnt die Mass Effect Bücher kaufen. Auf einer Raumstation könnt ihr Alien-Pornohefte erstehen. Raumschiffmodelle, Fische, Weltraumhamster! Ihr erfahrt mehr Details zu all den Rassen, die die Galaxie bevölkern. Ihr werdet von den Mannbarkeitsritualen der Kroganer hören. Von dem Gesetz der Asari. Ihr werdet lernen, wie Salarianer eine Famlie gründen. Ihr werdet in den Konflikt zwischen Quarianer und Getz hineingezogen, wenn ihr das denn möchtet. Kurzum, ihr werdet euch fühlen, als wärt ihr wirklich dort gewesen.

Ist es das größte Lob, das man einem Entwickler machen kann? Dass man die Spielwelt nicht mehr verlassen mochte. Das man künstliche Figuren so sehr in sein Herz geschlossen hat wie Menschen aus Fleisch und Blut? Vielleicht. Ich weiß nur eines: Meinen Spielstand werde ich diesmal sichern, in zehnfacher Ausführung. Und ich werde die Tage zählen. Bis mich die Galaxis wieder braucht. Dann, wenn die Reaper aus dem dunklen Abgrund kommen werden, um uns alle zu vernichten. Ich werde an vorderster Front stehen, mit meiner treuen Crew und meiner Normandy. Denn wir sind die erste und letzte Verteidigung. Gemeinsam werden wir es schaffen.

Oh ihr Götter, ich liebe dieses Spiel!

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Kommentare: 1-3 von 3

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Sarakin
03/02/10 @ 15:51
#1
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Dieser hier mag es, wenn andere von sich selbst in der dritten Person reden. :P
Baltech
03/02/10 @ 17:02
#2
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Eigentlich hab ich's ja falsch gemacht. Als Ösi hätt ich den Majestätsplural verwenden sollen. Da wird sich der Kaiser aber ärgern...
Kelad
08/02/10 @ 16:24
#3
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Alter Salarianer! :) Du sprichst mir aus dem Herzen. Ein größeres Kompliment kann man einem Autoren in diesem Zusammenhang wohl nicht mehr machen. Schön, dass du das Spiel genauso genießen konntest wie ich. ;) Ich freu mich schon auf meinen Renegade-Lauf.

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