Gottlieb Pinball Classics

Alte Kugeln rosten nicht

Eure Freundin bzw. Euer Freund liegt Euch in den Ohren, weil Ihr Eure kulturelle Ader verkümmern lasst und nur noch vor der Konsole hängt? Dann unternehmt doch mal wieder etwas zusammen, zum Beispiel einen Ausflug ins Museum. Am besten ins Flippermuseum. Dazu müsst Ihr nicht einmal den Allerwertesten vom Sofa bewegen, denn der Kurator „System 3“ bringt die virtuelle Wanderausstellung Gottlieb Pinball Classics gegen eine Aufwandsentschädigung von 39,90 Euro direkt auf Eure Wii-Konsole.

Nach Playstation 2- und PSP-Spielern dürfen jetzt also auch Wii-Besitzer in der Geschichte des ehemaligen Flipperherstellers „Gottlieb“ stöbern und sich an zwölf Geräten austoben. Bei einigen der älteren Tische bleibt es allerdings bei einem kurzen Tet-a-Tet, da sie für heutige Ansprüche einfach zu wenig Abwechslung bieten. So warten beispielsweise „Ace High“ aus dem Jahre 1957 und „Central Park“ von 1966 nur mit einer Hand voll Bumpers und Ziele darauf, von Euch abgeschossen zu werden.

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Central Park reduziert sich auf einige Ziele und Bumper.

Das Urgestein der Sammlung mit dem Titel „Playboy“ besitzt nicht einmal Flipperhebel. Ihr schießt lediglich die Kugel mit dem Analogstick auf die Spielfläche des mit grünem Filz ausgestatteten Kastens und und hofft, dass sie in einer der Vertiefungen liegen bleibt. Jedes Loch steht für eine Karte und befördert je nach Spielmodus unterschiedlich viele Punkte auf Euer Konto.

Abgesehen von diesen spärlich ausgerüsteten Oldtimern spendieren die Entwickler der Ausstellung auch ein paar deutlich komplexere Automaten, die für stunden- oder sogar tagelangen Spielspaß sorgen. Die Modelle „Victory“ von 1987 und „Tee'd Off“ aus dem Jahr 1993 bieten ein Vielzahl an Rampen und unterschiedlichen Trefferkombos. Bei „Victory“ hingegen dreht sich alles um den Rennsport. Trefft Ihr die fünf Kontrollpunkte in der richtigen Reihenfolge, erreicht Ihr das „Ziel“ und sackt einen dicken Punktebonus ein.

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Eine Rampensau für Boxenluder: „Victory“ aus dem Jahr 1987

Mit „Goin' Nuts“ wartet eine echte Rarität auf den Silberkugel-Conaisseur. Der Prototyp wurde nur zehn mal hergestellt und bietet ein ganz eigenes Spielprinzip: Drei Kugeln flitzen zu Beginn gleichzeitig ins Geschehen. Eure Aufgabe ist es nun, mit geschickten Treffern die Zahl auf einem Timer in die Höhe zu treiben. Ist nur noch eine Kugel übrig, wird es hektisch. Dann nämlich fängt die gleiche Anzeige an, unbarmherzig herunter zu zählen - schlimmstenfalls bis zum Verlust eines der drei „Leben“. Der Timer lässt sich nur stoppen, indem Ihr eines von drei Zielen trefft, die die anderen Kugeln damit „befreit“ und die Multiball-Action erneut startet.

Die Flipperhebel bewegt Ihr, indem Ihr mit den Zeigefingern auf dem Z- und den B-Button drückt. Wackelt Ihr mit der Wii-Fernbedienung, wirkt sich das aus wie ein Schlag auf die rechte Seite des Gehäuses. Fuchtelt Ihr mit dem Nunchuk durch die Luft, verpasst Ihr der widerspenstigen Kiste einen Rumms auf die linke Seite. Wer zu lange auf den Kasten einprügelt, wird natürlich mit einem Tilt bestraft.

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Verkehrte Welt: Das Minispielfeld unter dem Tisch von „Black Hole“ steht auf dem Kopf.

Leider dürft Ihr zu Beginn nur an zwei Tischen zocken. Credits für die anderen Automaten gewinnt Ihr durch Highscores beim Flippern und bei Glücksspielen - wie einem Liebesbarometer und dem trashigen Wahrsager-Automaten „Xoltan“. Um an allen Geräten so oft daddeln zu können, wie Ihr wollt, müsst Ihr bestimmte Aufgaben erfüllen. Beispielsweise das Erreichen einer bestimmten Punktzahl mit nur einer Kugel. In der „Gottlieb Challenge“, einem kleinen Karrieremodus, spielt Ihr sämtliche Flipper nacheinander und müsst jeweils eine vorgegebene Puntzahl erreichen, um zum nächsten Tisch zu gelangen. Glücklicherweise gibt es pro Tisch drei Versuche, bevor der „Game Over“ Schriftzug“ über die Mattscheibe flimmert. Wer sich mit Freunden messen möchte, sollte den Turniermodus ausprobieren, bei dem ebenfalls alle Geräte einmal an die Reihe kommen.

Dank detailgetreuer Nachbildung der Automaten und akkurater Kugelphysik hat man dabei stets den Eindruck, vor echten Flippertischen zu stehen. Allein die Geschwindigkeit der metallischen Murmel wirkt einen Deut behäbiger als bei Spielen der Pro Pinball-Serie. Übrigens: Entwickelt wurde Gottlieb Pinball Classics von den „Farsight Studios“, die schon beim Geschicklichkeitsspiel „Mojo“ mit der realistischen Umsetzung von Kugelbewegungen herum experimentierten.

Die Geräuschkulisse versetzt Euch direkt in die Spielhölle. Im Hintergrund piepst und klimpert es und irgendwo zockt jemand ununterbrochen den Automaten „Joust“. Die Musik und die Soundeffekte der Pinball-Maschinen wurden hier von den Gehäusen der realen Vorbilder aufgenommen. Das ändert natürlich nichts daran, dass die Originale schon in der Realität klingen, wie die Türklingel meiner Eltern oder die Weltraumorgel von Helge Schneider. Ein euphorischer englischer Sprecher erzählt Euch auf Wunsch die Geschichte der einzelnen Maschinen und zeigt Euch in einem kleinen Tutorial, wie Ihr jeweils an ein dickes Punktekonto kommt.

Gottlieb Pinball Classics versetzt den Spieler direkt in eine historische Spielhalle. Dank akkurater Simulation und netter Präsentation fühlt man sich wie vor einem echten Pinball-Automaten. Die älteren Modelle bieten zwar wenig Abwechslung, versprühen aber einen eigenen Charme. Die neueren Exemplare haben mich aber deutlich länger ans Joypad gefesselt. Auch das Drumherum stimmt, denn neben Hintergrundinformationen und Tipps zu den Tischen gibt es auch eine kleine Fotogalerie aus den Werkshallen des ehemaligen Pinball-Veteranen. Leider lassen sich nicht alle Geräte von Beginn an spielen. Andererseits sorgen das Geld verdienen, die Spezialaufgaben, die „Gottlieb Challenge“ und der Tourniermodus dafür, dass das Spiel deutlich länger Spaß macht als ein Museumsbesuch.

8 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Gottlieb Pinball Classics Jan Wöbbeking Alte Kugeln rosten nicht 2007-01-22T12:24:00+01:00 8 10

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