Kane & Lynch: Dead Men

'Buddy-Movie from Hell'

So lustig es im Hause IO Interactive in Kopenhagen auch zugehen mag, so düster sind doch die Spiele der dänischen Vorzeige-Entwickler. Wundert man sich in deren durchweg sinistren Hitman-Spielen schon, wenn Auftragskiller 47 mal zwei Meter nicht über Leichen geht, haben die Skandinavier um den sympathischen Lead Designer Jens-Peter Kurup (siehe Interview) nun mit Kane & Lynch ihr Meisterstück in Sachen Bad Guy Gaming abgeliefert. In den Hauptrollen: Ein zum Tode verurteilter Söldner und ein unkontrollierbarer Psychopath. Die neuen Titel-„Helden“ sind nicht etwa, wie der frisuren-technisch überforderte Cleaner aus demselben Stall, eigens zum Töten herangezüchtet, sondern einfach nur sehr, sehr charakterschwach. Die Bredouille, in der sie stecken, ist durch und durch hausgemacht.

Kann so etwas überhaupt funktionieren? Ein Spiel ohne Identifikationsfigur, Charaktere ohne menschliche Qualitäten und versöhnliche Eigenschaften? Ich sage: Ja. Denn wenn man tief genug buddelt, gewinnt man sogar einem durchtriebenen Kriegshund wie Kane noch eine positive Seite ab. Und die lautet Reue. Reue darüber, Frau und Kind einst verlassen zu haben, die einzige Tochter niemals kennengelernt zu haben. Und Reue, ihr erst jetzt, kurz vor dem Weg zur Gaskammer einen Brief geschrieben zu haben. Seine, ihm von den Behörden auferlegte Endstation, erreicht Kane aber nicht. Noch auf dem Transport wird er von „The 7“, einer mächtigen Söldnertruppe, der er einst selbst angehörte, befreit.

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Kane 'rekrutiert' eine Handvoll Knastbrüder...

Allerdings nicht aus purer Nächstenliebe: Sie haben ihr eigenes Todesurteil über Kane und seine Familie verhängt. Sie sehen in ihm einen Verräter, der sie bei ihrem letzten, grandios gescheiterten Coup im Stich gelassen haben soll. Nun soll der Geächtete die Beute zurück beschaffen, um zumindest das Leben von Frau und Tochter Jenny zu bewahren. Die kompromisslose Aufopferung, mit der Kane das Leben der einzigen Menschen, die er nicht ohne mit der Wimper zu zucken vor einen Bus schubsen würde, zu retten versucht, lässt das Spiel auch ohne hehre Vorbilder funktionieren. Sie ist es, die den Spieler von Anfang bis Ende zum willfährigen Komplizen der beiden fiktionalen Verbrecher werden lässt. Und das, obwohl der interaktive Part von Kane & Lynch: Dead Men genauso wenig frei von gravierenden Makeln ist, wie seine verdorbenen Protagonisten.

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...für ausgiebige Free-Climbing Aktivitäten

Kane & Lynch ist ein geradliniger Third-Person Shooter mit seichten Team-Taktik-Elementen. Das weiß jeder. Viel interessanter ist aber, was Jens-Peter Kurup genau meint, wenn er betont, dass es sich dabei aber nicht um ein Story getriebenes, sondern vielmehr „Charakter-Story-getriebenes“ Action-Spiel handelt. Das wird erst so richtig klar, wenn man das Krimi-Drama selbst erlebt. Eine übergeordnete Handlung, die, wie in anderen Spielen, den Leveln ihren Sinn gibt und dem Duo Infernale ein Handlungsschema aufzwingt, existiert nämlich eigentlich nicht. Die Geschichte hangelt sich an den Entschlüssen und Erlebnissen des rachsüchtigen Neu-Vatertiers Kane entlang, den man während der netto acht bis zehnstündigen Tour de Force näher kennen lernt als einem lieb ist. Ein Mann und seine Reue als Spiel-treibendes Element.

Das läuft in der Praxis vielleicht auf dieselbe Schiessorgie hinaus, als würde die Regierung den Spieler in diversen Missionen mit wehenden Flaggen gegen den Terror schicken, zieht ihn aber ungleich näher an die prinzipiell abstoßende Hauptperson heran. Wie von IO Interactive gewohnt, ist der Feldzug, auf dem Kane seine oft vierköpfige Untergebenen-Truppe fluchend durch unzählige, stilvoll inszenierte Schauplätze kommandiert, eher realistisch gehalten.

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