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Sherlock Holmes: Die Spur der Erwachten

Nichts für labile Charaktere?

Moment – das Cover des neuen Sherlock Holmes-Titels Die Spur der Erwachten erinnert mich an was – eine nächtliche Szene, Nebel und ein erschrocken dreinblickender Typ mit einer altmodischen Laterne … Ja! Infogrames´ Kult-Adventures Alone in the Dark 1 – 3 aus den 90-ern hatten ganz ähnliche Motive auf den Packungen drauf. Zufall? Ich denke nicht. Denn Sherlock Holmes befasst sich in Die Spur der Erwachten mit einem Fall, dessen Hintergrund eigentlich die Spezialität seines "AitD"-Kollegen Edward Carnby war: dem geheimnisvollen Cthulhu-Kult des amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecraft.

Was für ein Anfang: Dr. Watson, seines Zeichens Mediziner und Hobby-Schriftsteller, quält sich mit einem Alptraum herum und windet sich seufzend auf dem Bett, ohne einen Schatten aufs Laken zu werfen. Sherlock Holmes, klugscheißender Pfeifenraucher, steht sinnierend am Fenster seiner Wohnung in der Londoner Baker Street 221b. Es geht ihm schlecht, er ist in Jammerlaune – das Superhirn hat nichts zu tun und langweilt sich zu Tode. Apropos Tod oder Entführung: ein zünftiges Verbrechen könnte den Meisterdetektiv aus seiner Lethargie reißen. Doch Halt: sollte Holmes wirklich ein Mensch sein, der in Depression verfällt, wenn keine Verbrechen geschehen?! Was würde der bayerische Innenminister dazu sagen?! Nun ja, mit dem musste sich Holmes zu seinen Lebzeiten noch nicht herumschlagen. Beneidenswert!

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Oft unfreiwillig komisch: Schockeffekte in Die Spur der Erwachten.

Der erste Eindruck mag etwas irreführend sein – Holmes und Watson bewegen sich nicht gerade wie junge Gazellen, sondern eher wie alte Säcke, die gleich mehrere Stöcke verschluckt haben. Holmes krümmt sich über seinen Experimentiertisch, als würde er vor Magenschmerzen gleich ins Mikroskop reihern. Die Extremitäten der Protagonisten sehen aus wie abgeschnittene Kabelstränge, aus denen patschige Hände und Füße ragen. Und während die Gesichter mit ausdrucksstarker Mimik überzeugen können, sind die Klamotten der Herren viel zu grob texturiert. Die dreidimensionale Umgebung, in der sie sich wie in einem Ego-Shooter in der Ich-Perspektive bewegen, weist viele liebevolle Details auf, wirkt aber oft klobig, steril und viel zu unbelebt. Besonders unschön: eckige Porzellanteller und die Polygonhaufen, die eine Schweizer Gebirgslandschaft darstellen sollen.

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Die rüden Behandlungsmethoden in der Schweizer Bergklinik bekommt Holmes am eigenen Leib zu spüren.

Trotz der durchwachsenen Optik hat mir persönlich "Die Spur der Erwachten" mehr Spaß gemacht als sein Vorgänger, der puzzle-technisch etwas anspruchsvollere "Silberne Ohrring". Das liegt zum einen an den geschliffenen, manchmal auch herrlich selbstironischen Dialogen, zum anderen an den verschrobenen Charakteren, mit denen es die beiden Meister-Schnüffler zu tun haben. Bei der Stange hielt mich jedoch vor allem die Vielfalt der gebotenen Rätsel, die sich stets gut in die Story einfügen und permanent zum Weitermachen animieren. Mal untersucht Ihr in typischer Holmes-Art Fußabdrücke mit Lupe und Maßband, dann zerpflückt Ihr ein verkohltes Fleischbällchen unter dem Mikroskop, um auf verdächtige Kokainreste zu stoßen. Holmes spielt mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten, um Tore und Kellerverschläge zu öffnen, knackt Zahlenschlösser, deutet Wandkritzeleien und spioniert verkleidet in einer Schweizer Nervenheilanstalt herum. Für's Grobe darf dann auch mal Watson ran, den Ihr in manchen Sequenzen selber steuern könnt. Die Abfolge der Schauplätze, die Holmes und Watson von London mit seinem düsteren, smogverhangenen Hafenviertel über die eisige Bergwelt der Schweiz bis nach Louisiana führen, sorgt ebenfalls für reichlich Abwechslung – auch wenn die Umgebungsgeräusche, wie z. B. die Schreie der weg gesperrten Geisteskranken im Schweizer Sanatorium, manchmal gar nicht gruselig, sondern eher unfreiwillig komisch wirken.

Die Spur der Erwachten bietet leichte, einsteigerfreundliche Adventure-Kost und dürfte Profi-Puzzler vor keine allzu großen Herausforderungen stellen. Harmlos und ein bisschen altmodisch – genau wie die literarischen Vorlagen von Sir Arthur Conan Doyle. Die WASD-Point & Click-Steuerung könnte unkomplizierter nicht sein, und das übersichtliche Inventar, das alle Geschehnisse und Dialoge mitprotokolliert und eine Karte zum schnellen Springen zwischen den Schauplätzen bereit hält, sorgt für zusätzlichen Komfort. Wer sich wie ich zum fünfhundertsten Mal mit konstanter Begeisterung Miss Marples "Mörder Ahoi" oder Hercule Poirot in "Tod auf dem Nil" anschauen kann, wird auch an diesem Spiel seinen Spaß haben.

Vorsicht! Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt! Schließlich möchte ich wegen Sherlock Holmes nicht mit einem Bein im Knast stehen. ICH habe "Die Spur der Erwachten" spielen können, ohne Holmes´ Einfluss nachzugeben und depressiv zu werden, wenn keine Verbrechen in meiner näheren Umgebung geschehen. Ich habe in dem Spiel Köpfe rollen sehen und Weißkittel gegen ihren Willen mit Spritzen betäubt, ohne seitdem jemals real in Blutrausch verfallen zu sein oder arglose Krankenpfleger überfallen zu haben. Doch würden andere, labilere Zocker auch der Versuchung widerstehen können, das im Spiel Erlebte auf die Realität zu übertragen? Eine weitere Gefahr: "Die Spur der Erwachten" hat keinen Mehrspieler-Modus. Menschen könnten sich mit dem Spiel also ganz allein hinter ihrem Monitor verschanzen und innerhalb von ca. 15 Stunden komplett vereinsamen und sozial verwahrlosen. Deshalb mein Rat: schaut Euch dieses unterhaltsame, aber nicht allzu anspruchsvolle 3D-Adventure wirklich nur an, wenn Ihr denkt, sittlich und moralisch genügend gefestigt zu sein!

7 / 10

Sherlock Holmes: Die Spur der Erwachten Herbert Aichinger Nichts für labile Charaktere? 2006-12-11T13:20:00+01:00 7 10
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