Rogue Warrior - Test

Harte Eier in Rußland

Billy Joel sang einmal „Cold war kids are hard to kill…“, aber dabei dachte er ganz sicher an was anderes als den Super-SEAL Dick Marcinko. Wir wissen heute, dass 1986 der Kalte Krieg fast durch war. Dick wusste das nicht und geht daher auf eigene Faust böse Commies killen. Das "Rogue" im Titel ist dabei eine der ersten von vielen Selbstparodien, die das Spiel auf Lager hat. Rogue Warrior bedeutet ungefähr Soldat, der gegen Befehle handelt. Das macht Dick auch und zwar gleich mehrmals. Jedesmal geht irgendwas schief, dann bekommt er den Befehl aufzuhören. Er macht trotzdem weiter und drei Minuten später finden es alle im Hauptquartier super. Mit der Befehlskette scheint es in der US-Armee nicht so weit her zu sein.

Dass Dick dermaßen viel Gelegenheit für Insubordination bleibt, erstaunt, denn der dünne Plot um geheime Raketen in Nordkorea und Russland bringt es gerade mal auf acht kurze Missionen. Wahrscheinlich wurde das hier sowieso nur deshalb ein Spiel, weil zuvor Chuck Norris, Steven Segal und Van Damme das Script als Film ablehnten. Nur einer nahm es an und ich gehe davon aus, dass es vor The Wrestler passierte. Mickey Rourke gab dem Protagonisten seine Stimme. Als er die Sätze las, hätte er eigentlich auch die Flucht ergreifen müssen. Ich habe nach der ersten Verblüfftheit schnell zu einem Stück Papier gegriffen, damit ich euch ein paar unverfälschte Kostproben geben kann. Zarte Gemüter springen bitte zwei Absätze weiter.

Als Dick aus dem Hinterhalt auf 50 Meter jemanden erschoss: „Drop dead motherfucker, you fucking amateur!“ Wow, Dick ist ein echtes Arschloch. Da kommt gleich Liebe zum Alter Ego auf. Dick wird getroffen. „Fuck, shit, Jesus, fuck!“. Kann sein, dass ich da die Reihenfolge durcheinanderbringe. Ein wenig später schmeißt Dick einen Nordkoreaner, wieder hinterhältig attackiert, aus dem vierten Stock: „Rock´n´Roll, motherfucker, Rock´n´Roll!“. Wenig später erschießt Dick jemanden: „Suck my balls, suck my hairy balls, wrap your mouth around them.” Ich hörte diesen Satz mehrfach, er wird so gesagt, wie er hier steht. Wahrlich eine Schatzgrube.

Aber selbst das lässt sich toppen, denn nicht nur die Oneliner sind echte Kostbarkeiten. Einiges von dem, was an normale Gespräche mit dem Hauptquartier erinnert, bietet geradezu philosophischen Tiefgang. Der Colonel wollte wissen, ob Dick die Raketen sprengen kann. Die Antwort: „Does the pope shit in the woods?“ Hmm… weiß nicht so genau… wie oft ist denn der Papst im Wald…? Heißt das jetzt ja oder nein? Während ich noch grübelte, sprengte ich schnell die Raketen. Denn Dick weiß: „Better dead than red!“

Rogue Warrior - E3 Trailer

Zur Ehrenrettung der Programmierer muss man dazusagen, dass dieser reaktionäre 80s-Vollunfall nicht auf ihrem Mist wuchs, sondern es eine ganze Buchreihe namens Rogue Warrior gibt, geschrieben von einem Ex-SEAL-Offizier namens Richard „Dick“ Marcinko. Der erste Band ist wohl eine Art Autobiografie, die folgenden fiktional. Ich blätterte ein paar Seiten rein und kann jetzt sagen, dass der Ton ganz scheinbar gut getroffen wurde. Und auch, dass dieser Aspekt des Spiels zwar nicht das schafft, was er wollte – nämlich cool und hart zu sein -, dafür aber ein neues Kapitel unfreiwilliger Komik aufschlägt. Schade, dass sich das nach der ersten Stunde abnutzt. Es ist nämlich der einzige, irgendwie positive Aspekt von Rogue Warrior.

Ok, einen weiteren gibt es noch: Es lässt sich bequem in drei bis vier Stunden durchleiden, harte Profis können sogar die zwei bis drei Stunden anpeilen. Ich führe nicht weiter aus, dass das nicht viel ist. In dieser kurzen Zeit werdet ihr die meisten Gegner in den absolut linearen Schlauchleveln im besten End-90s-Design erstechen. Oder erwürgen. Oder ihnen das Genick brechen. Oder – und das sind zwei der beklopptesten Stealth-Attacken aller Zeiten – sie mit dem eigenen Gewehr durch den Hals erschießen oder sie schreiend über die Brüstung schmeißen.

Sollte der vier Meter weiter stehende zweite Gegner das Anschleichen nicht bemerkt haben, dann wird er auch diese Aktion ignorieren und das wirkt schon ein ganz klein wenig unglaubwürdig. Oder er hat euch bemerkt, und wird, während ihr die vier Sekunden lange und – für die Fans der Bücher – extrem brutale Tötungssequenz hinter euch bringt, nicht auf euch Schießen. Das ist zwar höflich, gibt euch aber den besten Eindruck von der KI.

Kommentare (22) Latest comment vor 2 Jahren

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  • Sarakin #1 vor 2 Jahren

    Ein guter Verriss ist schon was Geiles! :D

    Danke, dass ich jetzt ruhigen Gewissens einen großen Bogen um das Spiel machen werde.
  • malik21 #2 vor 2 Jahren

    ich hatte schon einmal überlegt mir das Spiel zu kaufen, da gabe es noch keinen Test! Jetzt weiß ich das es richtig war zu warten ;)
  • Chuck_Norris #3 vor 2 Jahren

    Eindeutig GotY !!!
  • easy #4 vor 2 Jahren

    Ein sehr schöner Test. Wird gekauft. Vielleicht in 1000 Jahren.
  • SoSchautsAus #5 vor 2 Jahren

    Ein guter Verriss ist schon was Geiles! :D

    Allerdings. Hab mich köstlich amüsiert beim Lesen. Vielen Dank!

    SSA
  • schaerd #6 vor 2 Jahren

    *hehe* so gut.. :)) ich hab das Preview gelesen und dachte noch "klingt eigentlich ganz spannend" weiter unten sah ich dann "13.06.2006" da hat sich die erste Vorfreude dann schon etwas relativiert und dieser geile Test hat meine Vorahnung bestätigt. Ich kaufe das Spiel. ;)
  • Lorrn #7 vor 2 Jahren

    bäääm, gut das das game von euch getestet wurde, sonst würd sich das noch jemand kaufen und bitter enttäuscht werden
  • crackajack #8 vor 2 Jahren

    klingt doch gar nicht so übel.^^
    Rein aus "ich hab's überlebt", müsste man sich das fast geben.
  • schmalzimohr #9 vor 2 Jahren

    Hmm ja ist das Spiel nun gut oder doch nicht so?
    Werd aus dem irgendwie Test nicht schlau.
  • Sarakin #10 vor 2 Jahren

    Nein, ist es nicht. Oo
  • f1r3storm Bestätigt Redakteur, Eurogamer Deutschland #11 vor 2 Jahren

    Es sei denn, du stehst ausschließlich auf schlechte Spiele. :p
  • Sarakin #12 vor 2 Jahren

    Davon wird das Spiel aber nicht besser. :P
  • --shady-- #13 vor 2 Jahren

    hey..kaum vorhandene story-check! dumme oneliner die aber totzdem cool kommen-check! "held" der irgentwie dämlich aussieht-check! extrem dumme gegner-check! hmm...also wenn es ein film wär..würde es wohl richtig geiler trash sein:-D...bin mir ernsthaft am überlegen ob ich es mir nicht mal aus der videothek holen soll...danach weiß man seine anderen guten spiele noch mehr zu schätzen;-)...hoffentlich wird das teil mal verfilmt*hihi*
  • Majesty #14 vor 2 Jahren

    meine Fresse da hats der Woger aber echt mal wieder krachen lassen,hab mich echt bepisst vor lachen,istdasgeil:)
    Ich glaub das Ding muss ich haben,und wenn ich dann komplett verblöde das isses sicher wert,ich schmeiß mich weg;)
  • cph #15 vor 2 Jahren

    Hrhr und ich habe mich schon gewundert, wieso im Softwareladen meines Vertrauens bei den gebrauchten Spielen so oft Rogue Warrior steht, obwohl es erst vor kurzem rausgekommen ist.
  • Lynx0r #16 vor 2 Jahren

    das schreit doch geradezu nach einer Verfilmung durch Uwe Boll *g*
  • gigsen #17 vor 2 Jahren

    die sprüche sind eigentlich schon nen kauf wert hrhrhr..
  • Flashko #18 vor 2 Jahren

    @LynxOr
    genau daran musste ich beim Lesen des Test auch denken ;)
  • s0nY2 #19 vor 2 Jahren

    einfach hammer geschrieben :D
  • TeamRed #20 vor 2 Jahren

    was mir an diesen Test gefällt ist das Eurogamer eines der wenigen Deutschen Seiten ist die bei härteren spielen nicht gleich die Moralkeule schwingen!wenn ich da an Gamestar,Gamepro und CO denke wird mir ganz übel!

    zum spiel ich kam mir richtig verarscht vor man hat es auf normal locker in 3std. durch.....
  • Kristian #21 vor 2 Jahren

    @TeamRed: Naja, wir halten unsere erwachsenen Leser eben für einigermaßen intelligent. Wer ein Spiel wie Rogue Warrior für die Realität hält, wird wohl auch Probleme haben, einen Internet Explorer zu installieren. Und das gute Stück wird schließlich bei WIndows mitgeliefert. Hier sterben nun mal hässliche Soldaten-Pixel und keine lebenden, atmenden Zivilisten. Eine andere Argumentation wäre falsch.
    Editiert von Kristian um 16/12/09 @ 09:50
  • SoSchautsAus #22 vor 2 Jahren

    Da muss ich TeamRed absolut zustimmen! Gerade bei den mainstreamigen Publikationen (PC Games, GameStar) merkt man in den letzten Jahren deutlich, wie sie vor der öffentlichen Killerspielparanoia den Schwanz einziehen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit krampfhaft versuchen sich zu distanzieren. Spiele wie Dead Space oder Prototype werden wegen des hohen Gewaltgrades kritisiert, als wäre nicht völlig offensichtlich an welche Zielgruppe sich diese Spiele richten. Die Flughafenszene aus MW2 war natürlich auch ein gefundenes Fressen um sich mal wieder kräftig zu profilieren. Solche Moralpredigten liest man hier eigentlich nie. Stattdessen wird die Thematik sogar ein bisschen persifliert. Find ich sehr sympathisch. Weiter so.

    SSA