Sonic und die geheimen Ringe

Ein Igel, sie zu knechten

Was ist nur aus Sonic, dem einstigen Sega-Aushängeschild geworden? Dem blauen Igel, der Nintendos Klempner die Stirn bieten, die Vorherrschaft beenden sollte. Anscheinend nichts gutes, denn Sonic leidet seit Jahren unter einem ernsthaften Problem: Nach dem brutalen Abholzen der Sega Hardware irrten der kleine Racker und seine Bande wildernd durch verschiedene Viertel – eine wirkliche Heimat fanden sie jedoch nicht mehr. Ist das Sega-Maskottchen reif für das Videospielmuseum? Oder bringt der Wii-Auftritt die herbeigesehnte Wende? Schließlich lässt sich Sonics Laufwut sicher gut mit der bewegungsorientierten Steuerung verbinden. Und Ringe sind ja seit Peter Jacksons erfolgreicher Filmtrilogie en vogue. Ringe gehen immer.

Die „geheimen Ringe“ aus Sonics neuem Abenteuer besitzen zwar keine elbische Inschrift, dafür sind sie aber genau so wichtig wie der Eine - um die orientalische Welt aus „Tausend und einer Nacht“ zu retten und einen bösartigen Djinn davon abzuhalten, alle Seiten eines ominösen Buches zu löschen. Eile ist somit geboten und wer könnte schneller sein als ein rasender Igel? Eben. Also rein ins Buch und los geht die nicht ganz so unendliche Geschichte.

Sonic muss mal wieder flitzen bis die Landschaft verschwimmt. Und natürlich verschiedene Missionen erfüllen, die stets mit demselben Ziel aufwarten – möglichst schnell und ohne große Blessuren die Stage beenden. Hier zeigt sich, was man so lange vermisst hat, was den letzten Sonic-Spielen fehlte: Der Geschwindigkeitsrausch. Schon die 2D-Spiele waren immer dann besonders gut, wenn das Gefühl aufkam, die Kontrolle zu verlieren. Nur noch zu reagieren, statt zu grübeln. Das Gehirn schaltete ab, die Hand verselbstständigte sich. Genau diesen Zustand zwischen Delirium und Fingervirtuosität beschert Sonic und die Geheimen Ringe abermals: Gleich einer Kugel in einem Flipper, schlingert man von einer Seite zu anderen, das Achterbahngefühl ist wieder da. Ich will bei Sonic nicht darüber nachdenken, welche Route ich nehmen muss. Ich will einfach nur in wahnwitziger Geschwindigkeit durch die Level rasen, Staub aufwirbeln und dabei massenweise Items aufsammeln. Jedes Denken, Orientieren oder Reflektieren ist für Sonic Gift.

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Noch nicht reif für’s Museum: Sonic auf dem Weg in eine bessere Zukunft

Glücklicherweise hat das Sonic Team das endlich eingesehen. Die Adventure-Elemente sind verschwunden – Sonic und die Geheimen Ringe ist pur, rein – Sonic in seiner Essenz sozusagen.

Durch die Kopplung mit der Steuerung steigert sich dieses Feeling noch: Wie bei Excite Truck nimmt man die Wiimote quer und lenkt Sonic durch Kippen der weißen Fernbedienung nach links oder rechts. Das Spielerlebnis wird unmittelbarer, direkter, ein sensorisches Einfinden in die quietschbunte Opulenz – die Grafik gibt richtig was her. Etwas enttäuschender funktionieren hingegen die Sprünge: Ein Knopfdruck genügt und Sonic wirbelt durch die Luft – mittels einer raschen Bewegung nach vorne beschert man dem fliegenden Igel allerdings eine gehörige Portion Schub und kann so Gegner ausschalten oder größere Abgründe überwinden. Für gelungenes und schnelles Durchqueren der Level gibt es abschließend Erfahrungspunkte, und hier kommen die Ringe ins Spiel. Bis zu vier davon darf man mit diversen Power-Ups gestalten, um Level-individuell seinen blauen Sprinter auszustatten. Etwa mit Angriffsboni oder diversen Beschleunigern.

Also alles wieder beim Alten? Wir drücken unseren lang verlorenen alten Freund liebevoll an die Brust, geben ihm einen freundlichen Klaps auf den Rücken und rufen „na, geht doch“? Ganz so richtig in Form ist er leider noch nicht. Das liegt zum einen an der Steuerung, die zwar Spaß macht, des Öfteren aber nicht ganz so reagiert wie man es erwartet. Zu oft stoppt die halsbrecherische Sause an einem herumliegenden Landschaftsteil, Igel und Spielspaß halten abrupt an. Einige Level sind somit nur durch Trial and Error zu bezwingen, ein unnötiger Frustfaktor. Team Sonic bekommt die Wii-Steuerung scheinbar noch nicht richtig in den Griff und hätte ruhig noch mehr Experimentierfreudigkeit an den Tag legen können.

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Neuer Gesetzesentwurf aus Bayern: Grinden ohne Skateboard soll in Videospielen verboten werden - zum Schutz jugendlicher Füße.

Ein absoluter Downer ist der Versuch einer Story geworden: Sonic the Hedgehog in eine Geschichte einzubinden, bleibt bis heute ein zweifelhaftes Vergnügen – Plots, die die Grenze „Gelange ans Ziel“ überschreiten, sind mit dem blauen Flitze-Igel einfach schwer erzählbar, wofür die grausige Cartoon-Serie mit Sonic in der Hauptrolle bis heute als Mahnmal fungiert. Dieses ganze Drumherum haben die Games aus der Goldenen Sonic-Ära schließlich auch nicht gebraucht.

Zum Abschluss spendiert der Wii-Auftritt noch 40 zusätzliche Mini-Spiele bzw. Herausforderungen, die man allein oder gegen drei andere Teilnehmer in einer Art Mario Party-Stil bestreitet. An sich keine schlechte Idee, wenn man nicht bereits Raving Rabbids oder Mario Ware im Schrank stehen hat. Einen wirklichen Mehrwert stellen die Turniere aufgrund der teils unpräzisten Steuerung und Logikfehler nämlich nicht dar. Beispielsweise die Schatzsuche. Jeder rüttelt an einer Kiste, schaut rein und am Ende weiß keiner, warum der eine oder andere nun den Sieg einstreichen konnte.

Bleibt nur noch eine Frage offen: Warum zum Knuckles gibt es keinen anständigen Mehrspielermodus, in dem man im Wettlauf die Levels durchrasen kann?

Als wahrer Geschwindigkeitssüchtiger ignoriert man sowieso alle anderen Optionen. Zu sehr freut man sich erstmal über das Kernspiel, denn endlich konzentrieren sich Team Sonic wieder auf die Formel „Sonic = Speed“. Durch diesen Rückgriff auf die Anfänge der Reihe zeigt sich der rasende Stachelhäuter unterhaltsam, was man schon lange nicht mehr von ihm behaupten konnte. Besonders auf dem Wii könnte sich die Reihe aus der Talsohle retten und dem Igel ein neues Heim geben, dafür sollten sich die Japaner allerdings noch etwas mehr der Wiimote widmen und vor allem unnötigen Balast wie Story oder Mini-Spiele über Bord schmeißen. Sonic und die Geheimen Ringe macht auf der kurzen Distanz jedenfalls Laune – auf der Langstrecke geht ihm aber die Puste aus. Aber das ist ja nur ein Frage des Konditionstrainings ...

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Unsere Wertungsphilosophie Sonic und die geheimen Ringe Martin Kreischer Ein Igel, sie zu knechten 2007-03-20T12:54:00+01:00 7 10

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