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Sonic Unleashed

Gespaltene Persönlichkeit

Es fällt schwer sich vorzustellen, an welchem Punkt die offensichtliche Schnapsidee, „Sonic The Hedgehog“ zu „Sonic The Werehog“ mutieren zu lassen, sich verselbständigte. Mein Tipp wäre ein feucht-fröhliches Gelage von Team Sonic, das nach einem Besuch des letzten Batman-Films einen kritischen Blick auf die Helden der Spielwelt warf und als abschließenden Stimulus noch ein Slipknot-Album einlegte. So kam man zu dem Schluss, dass Kids heutzutage wohl einfach krasser sind als noch 1991. Ihre Helden sind böse, haben „Attitude“ und kommen mindestens so verdreht daher wie die Bösewichter. Attribute, mit denen Sonic nicht aufwartet. Dies muss also der Grund sein, warum der Igel keinen Erfolg mehr hat.

Leider nein, aber zumindest brachte uns dieses Brainstorming einen neuen, muskulösen Evil-Sonic. Ein Konzept, das schon deshalb bestenfalls halbgar wirkt, weil WerSonic gar nicht besonders evil ist. Im Gegenteil, auch in seiner neuen Form ist er ein ganz hilfsbereites, freundliches Selbst. Nur halt groß, haarig und mit einer tiefen Stimme, von der man jede Sekunde erwartet, dass sie „I am Batman!“ grummelt. All das ist zwar weder dunkel noch ernst zu nehmen, kritisch wird es allerdings an dem Punkt, an dem es diese neuen Attribute einmal mehr in ein Genre transportiert, das nichts mit der ursprünglichen Idee des Igels zu tun hat.

Ein Prügelspiel soll es diesmal sein. Immer wenn die Sonne in Wiewunderland – oder wie auch immer Sonics Planet heißen mag – untergeht, wird aus dem niedlichen, normalen Sonic die haarige Kampfmaschine des Werehog. Alle Speed-Eigenschaften verlassen den blauen Körper, er wird träge, schwerfällig, kann nur mit Mühe hüpfen und verfällt beim Rennen in einen behäbigen Schweinegalopp. Als Ausgleich wachsen ihm riesige, dehnbare Gummipranken, mit denen er Schlagkombos in bester Final Fight–Manier absolviert, um aus den 80ern geflohene und von Dr. Eggman verpflichtete hirntote Neonröhrenmonster zu vertrimmen.

Sonic Unleashed – Night of the Werehog

Von einem ausgefeiltem Kampfsystem zu sprechen, würde es weiter strecken als Sonics neue Arme reichen, aber ein paar Move-Varianten neben dem leichten und schwere Schlag finden sich schon. Habt Ihr aus einem größeren Feind die Lebensenergie genug herausgeprügelt, könnt Ihr ihn greifen und müsst dann ein Mini-Quick-Button-Event absolvieren, um ihn sofort und ohne Umschweife abzuservieren. Kombos gibt es auch noch, nur im Nachhinein stellt sich heraus, dass Euch das blinde Bearbeiten des schweren Schlags durch die meisten Situationen bringt. Nicht zuletzt dank der praktisch abwesenden KI der Feinde, die das Leben doch recht vorhersehbar gestaltet.

Die Prügeleien in den Nachtstages wechseln sich konstant mit einer Art Tomb Raider Light ab. Ihr balanciert mit dem etwas unbeholfenen Werehog auf schalen Stegen, springt von Mast zu Mast über Abgründe oder löst ein paar sehr milde Schieberätsel. Um das Ganze abzurunden, dürft Ihr mittels nebenbei gesammelter Erfahrungspunkte auch noch neue Moves freischalten, was grundsätzlich ein netter Zug bei jedem Spiel ist. Selbst wenn keiner der Schläge einen wirklichen Unterschied macht. Trotzdem ist das alles rein spielerisch gesehen ganz in Ordnung. Nicht glanzvoll, aber passabel. Wirklich.

Nur wäre es in einem eigenen Spiel um den Werehog wohl besser aufgehoben. Zugegeben, es wäre ein Spiel, das ich nicht kaufen würde. Schließlich befindet sich alles, was wir eigentlich wollen, in der verbleibenden Hälfte von Unleashed. Sonic in seinem bekannten Outfit, dazu Speed, Geschwindigkeit und Tempo zusammen addiert. Plus Jump´n´Run. All das, was das erste Next Gen Sonic so richtig in den Sand setzte, wird hier gekonnt zelebriert.

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Gummi-Werehog gegen Neonmonster. Das hatten wir noch nicht so oft.

Unleashed blüht förmlich auf. Die Level rasen an Euch vorbei und geben Euch dieses wunderbar eigenwillige Sonic-Feeling, welches zeitweilig den Anschein vermittelt, dass das Spiel ganz von allein durchkommt, so lange Ihr nur den Stick in die Richtung drückt. Natürlich nur für ein paar Sekunden, bevor ein Hindernis unvermittelt auftaucht. Und Ihr es hier, im Gegensatz zum direkten Vorgänger, elegant überwindet.

Es erinnert ein wenig an gute, alte Sonic Adventure und Dreamcast Tage. Euch wird trotz des Temporausches stets eine faire Chance geboten, dem todbringenden Abgrund, Roboter oder Stachel im ersten Durchgang auszuweichen. Nur selten stürzt Euch Unleashed unvermittelt in den Tod, weil Ihr einfach wissen musstet, was kommt. Selbst wenn hier kein leichtes Spiel auf Euch wartet, dann doch eins, das fair mit Euch umgeht, solange Ihr in der Lage seid, in Sekundenbruchteilen Reflexe zu aktivieren. Und wer das nicht kann, hatte bei Sonic schon immer einen schweren Stand. Sonic Unleashed bei Tag ist das Spiel, das die Fans glücklich machen sollte.

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