Spieleentwickler Steffen Itterheim: 'Raubkopierer sind keine Verbrecher'

Man sollte die Kunden belohnen

Als jemand, der seit mehr als zehn Jahren als Spieleentwickler tätigt ist, sollte man von Steffen Itterheim, der unter anderem bei EA Phenomic an SpellForce gearbeitet hat, normalerweise erwarten, dass er Raubkopien wie die meisten anderen in der Industrie verteufelt. Tut er allerdings nicht, wie er im Interview mit dem International Games Magazine ausführlich erklärt.

"Mich stört vor allem, wie bei vielen Gesellschaftsproblemen, die Schwarz­weißmalerei der involvierten Parteien. Für die einen vernichten Raubkopien angeblich Arbeitsplätze, lassen die Preise steigen und führen dazu, dass Innovationen ausbleiben", sagt er. "Für die anderen, die Softwarepiraten, ist es Aus­druck eines selbst gegebenen Rechts auf freie Software und ein Robin Hood’sches 'Neh­met es von den Reichen und gebet es den Armen'. Beide Extremstandpunkte sind weltfremd."

Auch die Aussage, dass ohne Raubkopien mehr Spiele gekauft würden, ist für ihn keine ganz so einfache Tatsache: "Diese These ist natürlich unmöglich belegbar. Es wird aber oft argumentiert oder schlicht davon ausgegangen, dass wir ohne Raubkopien alle glücklicher wä­ren, mehr verdienen würden und bessere Spie­le hätten."

"Da will ich dagegen halten und sa­gen: Eine Welt ohne Schwarzkopien entspricht nicht unserer Realität, und dass es sie gibt, daran wird sich auch nichts ändern, egal wie sehr man sich das wünscht."

Er hält es für sinnvoll, wenn man etwa eine Light-Version eines Spiels veröffentlicht, die lediglich einen Teil des kompletten Inhalts bietet und auch dementsprechend wenig kostet.

"Dieses Damok­les­schwert wird schon seit bestimmt 20 Jahren hochgehalten: Wenn es mehr Raubkopien gibt, muss die Software eben teurer werden. Nichts dergleichen ist passiert. Das wäre auch eine absurde Reaktion, denn viele Schwarz­ko­pien beweisen auch immer, dass die Software interessant, aber die Wertschöpfung möglicherweise falsch kalkuliert ist", so Itterheim. "Warum nicht eine Light-Version rausbringen, die nur ein Fünftel kostet, aber 20 Prozent der Features, Levels, Spielmodi und so weiter enthält? Die dann auch von der Mehrheit genutzt werden? "

Außerdem glaubt Itterheim, dass Raubkopien sogar positive Effekte haben können, etwa "Einsicht" auf Seiten der Hersteller.

"Raubkopien halte ich da, wo potenziell ehrliche Käufer trotz­dem zur Raubkopie greifen, in erster Linie für ein Serviceproblem. Die Gründe, warum kopiert wird, können Ansätze für einen besseren Service liefern. Wenig umstritten ist: Wenn die Schwarzkopie einmal läuft, wird das Ori­ginal nicht mehr gekauft", erklärt er. "Daher wünsche ich mir, ähnlich zu Xbox Live Arcade, komplette Spiele als Demos, die ich an einem bestimmten Punkt auf Knopfdruck und gegen Be­zah­lung freischalten kann. Statt aber gleich nach zwei Missionen 50 Euro für das gesamte Spiel hinblättern zu müssen, möchte ich als eine Op­tion 5 Euro ausgeben können, um zu se­hen, wie es bei den nächsten zwei Missionen weitergeht. Bei 5-Euro-Beträgen stört es mich nicht, dass ich kein Rückgaberecht habe."

Publisher sollten ihre Kunden seiner Meinung nach eher belohnen anstatt "sie als Bedrohung zu sehen".

"Wir sollten ehrliche Kunden belohnen, statt ihnen immer restriktivere Kopierschutzmaß­nah­men aufzubürden. Sonst geht der Schuss irgendwann nach hinten los."

Wer sich das komplette, lesenswerte Interview zu Gemüte führen möchte, sollte dem obigen Link folgen. Wer zu faul ist, um wieder nach oben zu scrollen, klickt alternativ einfach hier.

Kommentare (12) Latest comment vor 2 Jahren

Die Kommentare sind nun geschlossen. Vielen Dank für deine Beiträge!

  • johnnymcd #1 vor 2 Jahren

    Kann man dem Herrn einen Preis verleihen?
    Siedler 7 ist ja wohl das beste Beispiel warum er recht hat.
  • tacc #2 vor 2 Jahren

    "Raubkopierer sind keine Verbrecher"

    Das liegt ja vor allem schon mal daran das es weder Raub noch ein Verbrechen ist.
  • Reaver_411 #3 vor 2 Jahren

    Hm, zu schade dass dieses Interview vermutlich wenig Beachtung seitens der Publisher finden wird. Kann das mal jemand an Ubisoft mailen?
  • Lorrn #4 vor 2 Jahren

    hmm, das mit den raubmordkopierern ist so ne sache, für ne enttäschung will niemand geld ausgeben, hab ich schon zu oft selbst erlebt, demos gibts nicht mehr zu allen spielen, also heisst es sich auf eurogamres und co verlassen oder geld zu verlieren. die die kein geld haben werden dann kopieren
  • Nekator #5 vor 2 Jahren

    Er hält es für sinnvoll, wenn man etwa eine Light-Version eines Spiels veröffentlicht, die lediglich einen Teil des kompletten Inhalts bietet und auch dementsprechend wenig kostet.


    Machen die Firmen doch jetzt schon.. ok die Lightversion wird zum Vollpreis verkauft und der Rest mittels DLC nachgeschoben..
  • Frybird #6 vor 2 Jahren

    " Für die einen vernichten Raubkopien angeblich Arbeitsplätze, lassen die Preise steigen und führen dazu, dass Innovationen ausbleiben[...] Beide Extremstandpunkte sind weltfremd."

    Stimmt, an schwindenden Arbeitsplätzen und Innovationslosigkeit sind hauptsächlich die Gamer selber schuld, die einerseits nach was Neuartigem schreien und andererseits wenn sowas dann herauskommt lieber warten das es billiger wird und sich dann Spiele wie Diesen-Einen-Militär-Shooter oder Diesen-Anderen-Militärshooter-In-Der-Zukunft oder Generisches-Genregame-X kaufen, weil die ja viel mehr bieten würden
  • Heartz_Fear #7 vor 2 Jahren

    Ist doch das was EA vorgeschlagen hat, kostenpflichtige Demos, die auf Wunsch erweitert werden können!
  • KleinerMrDerb #8 vor 2 Jahren

    Die Idee mit den Anspielversionen die man dann ausbauen kann find ich persönlich garnicht mal so schlecht.
    Ich hab unzählige Spiele nur bis zur hälfte gespielt, weil der Spaß dann oft verschwandt.

    Natürlich sollte es nicht so Enden, dass man glaub man sei an einem Spielautomaten der alle 10 - 20 min. "Insert Coin to Continue" schreit

    Aber unterm Strich ist diese Art des verkaufs für den Publisher wahrscheinlich noch schädigender als die bisherige.
    Man sollte schon davon ausgehen, dass das Spiel schon komplett fertig gestellt ist
    (also nicht die typische Episodenstrategie wo man hoffen muss, dass auch alle Episoden erscheinen)

    Man müsste dann ausrechnen wieviele Spieler sich im Endeffekt wirklich das gesamte Spiel kaufen.
    Ich denke ich bin nicht der einzige der nen haufen Spiele hat die er nie zuende gebracht hat aber trotzdem den vollen Preis dafür auf den Tisch gelegt hat.
  • crackajack #9 vor 2 Jahren

    Hört sich wie ein System an wo ehrliche Käufer am Ende mitunter mehr bezahlen als vorher, unehrliche aber weiterhin mit dem kompletten Spiel für 0,0€ aussteigen werden.
  • TattooZett #10 vor 2 Jahren

    Man sollte die ehrlichen Käufer eher belohnen, als sie mit immer weiteren Kopierschutzmaßnahmen zu gängeln. Ein Beispiel bei mir: The Chronicles of Riddick - Assault on Dark Athena...da funktioniert der Kopierschutz so gut, das ich das Spiel online garnicht erst spielen kann, weil mein Key, der auf meine Anleitung gedruckt ist, angeblich falsch ist...Atari meldet sich nicht und ob ich das Spiel nach 1 Jahr (ja, bin vorher leider nicht dazu gekommen, es auf PC zu spielen) noch bei meinem Händler zurückgeben kann, ist mehr als fraglich...warum kann man den Spielen nicht wieder tolle Zugaben verpassen. Ich kaufe viele Special Editions...warum kann nicht jedes Spiel eine Special Edition sein? Und dann könnte man z. B. beim Levelwechsel, im Ladescreen oder was weiß ich, ab und an mal eine Abfrage machen, die man nur dann beantworten kann, wenn man z. B. das Booklet vor sich liegen hat. Da nützt einem eine PDF-Ausgabe wenig, wenn man nicht ständig mit Alt-Tab wechseln will...und eine 100-Seitige Literatur kopieren macht glaub ich auch niemand mehr, da kostet die Tinte und das Papier mehr als das ganze Spiel...und wenn es doch Leute gibt, die das machen, dann hätten sie das Spiel eh nicht gekauft und peng...man kann eben nicht die ganze Welt bekehren, man kann es unehrlichen Leuten jedoch schwer machen...wobei ich diese Unart wo Spiele nicht weiterverkauft werden können, weil sie an Accounts und sonst was gebunden sind, auch nicht gut finde, denn es gibt einfach zu viele Menschen, auch hier in Deutschland, die sich Spiele einfach nicht leisten können, weil der Staat nicht in der Lage ist, für ausreichend Arbeit zu sorgen. Jaja, es kann sich auch nicht jeder einen Ferrari leisten, deswegen darf man den noch lange nicht klauen...für mich sind Spiele kein Luxus sondern gehören eben für viele Menschen zum täglichen Leben dazu wie Fussball, TV und was weiß ich was...und gebrauchte Spiele sind da ein einfacher Weg für EHRLICHE aber ARME Menschen, sich ein Spiel LEGAL zu besorgen und nicht auf Downloads angewiesen zu sein...
    Editiert von TattooZett um 07/05/10 @ 10:34
  • TattooZett #11 vor 2 Jahren

  • Bongstar #12 vor 2 Jahren

    ich will auch kein spiel für 5 euro erweitern. ich will einfach nur den uk preis :(