Velvet Assassin

Rail-Stealth

Ein gutes Stealth-Game ist wie eine Partie Schach. Jeder Zug will wohl geplant sein, brutale Frontalangriffe bringen selten was und es führen sehr viele Wege zum Ziel. Denkt ihr an die Aufträge von Fisher oder Snake zurück, gab es zumindest in den allermeisten Situationen die Wahl, wie ihr vorgehen solltet. Umgeht man ein Hindernis, trickst man es auf verschiedene Arten aus oder greift man doch einfach zu den Waffen? So viel Flexibilität kennt Velvet Assassin leider nicht.

Wenn ihr so wollt, ist dies der Railshooter unter den Stealth-Spielen. Es gibt in jeder Situation genau einen Weg. Eine richtige Position zum Lauern und zum Zuschlagen, und wehe ihr befindet euch auch nur ein paar Pixel davon im Abseits. Agentin Violette Summers ist eine Frau, die zwar keine Probleme dabei hat, Naziwächter von hinten zu erdolchen, aber einmal entdeckt, zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Die Anzeige der Lebensenergie scheint komplett unnötig. Sie hält ungefähr drei Treffer und ebenso viele Sekunden. Mit eurem minimalem Arsenal ist nichts mehr zu retten, die engen Level bieten eh nicht viel Manövrierraum, und zurück zum Checkpunkt geht es. Tausendmal, bis ihr genau wisst, wie die Sequenz funktioniert.

Ihr habt praktisch keinen Spielraum, um einen Fehler auszubügeln und durch schnelle Reflexe und noch schnelleres Denken zu entkommen. Velvet Assassin beraubt sich so selbst einem wichtigen Reiz des Genres. Planung und Ausführung sind schön und gut, das Herz rast allerdings am schnellsten, wenn doch mal was schief geht. Genau dann, wenn ihr eben noch mit List und Tücke in letzter Sekunde entwischt. Nach der zwanzigsten Entdeckung in Velvet Assassin reagiert ihr schon gar nicht mehr. Wozu die Mühe? Halt drauf, dummer Nazi, wir sehen uns im nächsten Durchgang wieder.

Das Herausknobeln eines gangbaren Weges wird nicht nur durch die auf den Millimeter getrimmte Linearität erschwert, sondern leider auch dadurch, dass die Stealthmechaniken, die gerade hier auf den Punkt sitzen müssten, von Zeit zu Zeit versagen. Kauert ihr im Schatten, zeigt eine Umrissfigur in der Ecke eine lila Schattierung. Jetzt sollten euch die Wächter ausschließlich dann entdecken, wenn sie schon fast über euch stolpern. Nur oft genug werdet ihr von einer eigentlich weit entfernt stehenden Wache doch noch gesehen. Beim nächsten Durchgang starrt sie euch wieder an, diesmal aber passiert nichts. Bei dem Ansatz der Null-Fehlertoleranz vergrämt es den Spaß noch zusätzlich, dass ihr euch eben nicht auf die Mechaniken verlassen könnt.

Velvet Assassin – Trailer

So hockt ihr also immer ein wenig unsicher herum und wünscht euch, dass eure tolle Agentin in der Lage wäre, Sachen einzusammeln. Natürlich findet ihr Krams, aber mitgenommen wird lediglich, was das Spiel euch vorschreibt. In einem Bunker voller bewaffneter Nazis solltet ihr doch eigentlich nach dem dritten Kill ein kleines Arsenal zusammen haben. Nur könnt ihr keine der Feindwaffen einsammeln. Das würde euch ja wenigstens die Wahl lassen, alles wie in einen Shooter zu lösen. Aber euch Freiheiten einräumen, so etwas macht Velvet Assassin nicht. Also behalten die Leichen die Waffen und ihr euer Messer.

Trotzdem lässt sich aus einer guten Serie von Stealthkills eine gewisse Befriedigung ziehen. In den raren Momenten, in denen alle guten Seiten des völlig auf WWII-Lowtech ausgelegten Systems greifen und ihr eine Passage leise vor euch hinschlitzend überwindet, zeigt das Spiel, das es eigentlich nicht bis auf den Kern verdorben ist. Einige Räume setzen knirschende Glasscherben auf dem Boden und den Lichteinfall von beweglichen Objekten wie einem Deckenventilator geschickt ein, um elegante Minipuzzles zusammenzusetzen. Nicht oft, eigentlich viel zu selten, aber es kommt vor.

Das sehr begrenzte Repertoire an Items und Möglichkeiten, das sich die Entwickler gönnten, machte es sicher aber nicht unbedingt leichter, solche schicken Rätsel zu gestalten. Vom Messer abgesehen, geht ihr mit leeren Händen in den Krieg. Finden tut ihr auch nicht viel. Eine schallgedämpfte Pistole für ein paar Header gehört mit zum Besten, was euch passiert, selbst wenn das Zielen alles andere als gefühlvoll umgesetzt wurde. Eigentlich steigert es eher eure Chance, die eigene Position zu verraten als die Wache auszuschalten.

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