Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt • Seite 2

Pixelpracht!

Leider hat Ubisoft genau hier ein wenig die Möglichkeiten verpasst. Ein Spiel, das zu viert den größten Spaß macht, kommt ohne einen Online-Modus aus – das ist schade. Ebenso ist die Struktur des Spiels überraschend unflexibel. Habt ihr einmal eine Singleplayer-Runde begonnen, dann bleibt ihr auch alleine, ein weiterer Spieler kann nicht einfach einsteigen.

Volle Punktzahl verdient dafür die Präsentation. Für Pixel-Fans ist Scott Pilgrim ein feuchter Traum. Die bewusst niedrig gehaltene Auflösung erinnert an Arcade-Klassiker der frühen 90er Jahre, die butterweichen Animationen, die herrlichen Farben und die unverschämte Detailverliebtheit der Hintergründe sind dagegen eine Klasse für sich. Kein Wunder, heuerte Ubisoft doch den famosen Pixel-Künstler Paul Robertson an, um für den richtigen Look zu sorgen.

Genauso hochwertig ist die Akustik. Nicht nur Scott Pilgrims Leben, sondern auch sein Spiel rockt. Die Chiptune-Band Anamanaguchi liefert einen furios treibenden Score ab, der nicht nur die Action auf dem Bildschirm perfekt untermalt, auch für sich alleine geht die Musik prima ins Ohr. Scott Pilgrim macht eines deutlich: Auch 2010 kann man mit Chiptunes richtig auftrumpfen.

Etwas schwieriger wird es dann aber beim Gameplay selbst. Das basiert wie gesagt auf dem Tecmo-Titel River City Ransom und fügt diesem, abgesehen von der fantastischen Präsentation, auch nichts elementar Neues hinzu. Ihr lauft von links nach rechts und verhaut Typen. Gelegentlich hebt ihr dazu mal eine Mülltonne oder einen Baseballschläger auf und manchmal kauft ihr auch Power-Ups, aber das simple Spielprinzip bleibt stets gleich.

Das fühlt sich auch zweifelsohne dank der direkten Steuerung und der satten Sounds richtig gut an. Allerdings werden die Gegner im zunehmenden Spielverlauf immer aggressiver, bereits im niedrigsten Schwierigkeitsgrad wird euch nichts geschenkt. Nur wer konsequent blockt, sich nicht einkreisen lässt und regelmäßig Power-Ups (deren Wirkung ihr vorher nicht seht) kauft, hat eine Chance gegen die Gegnermassen.

Auch die halten sich an die alten 8-Bit-Vorgaben: Oft seht ihr immer wieder die gleichen Typen, es kommt gerne einmal vor, dass euch fünfmal die gleiche Figur gegenübersteht. Während das den modernen Spieler zusehends irritiert, weiß der Veteran natürlich Bescheid: Wenn euch Scott Pilgrim die Gegner aus dem Klon-Tank entgegenschickt, dann ist das keine billige Sprite-Sparmaßnahme, sondern erneut ein Zitat aus der guten alten Zeit – schließlich hattet ihr es auch bei Double Dragon, Final Fight und Streets of Rage mit wahren Klon-Horden zu tun.

Und da liegt letzten Endes dann der Hund begraben. Scott Pilgrim ist ein potentiell fantastisches Spiel mit ein paar ärgerlichen Fehlern für eine kleine, eingeschränkte Zielgruppe. Seid ihr Fan der Comics, von Straßen-Kloppereien oder von klassischer Pixel-Grafik (oder im Idealfall auch von allen dreien), dann werdet ihr Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt lieben – treffender und originalgetreuer hätte man Bryan Lee O'Malleys Comic nicht umsetzen können. Das Spiel ist gespickt mit liebevollen Details und cleveren Anspielungen auf den Comic. Kennt ihr den aber nicht, dann fragt ihr euch natürlich, wer all die prominent platzierten Figuren im Hintergrund sein sollen und warum es so witzig ist, dass man in der Videothek Scotts exorbitante Leihschulden begleichen kann.

Daher ergehen nun folgende Ratschläge: Gehört ihr zur Zielgruppe, dann schlagt auf die Wertung da unten gleich noch zwei Punkte drauf und ladet Scott Pilgrim herunter. Sofort. Dieses Spiel wurde nur für euch gemacht. Habt ihr dagegen noch nicht die Bekanntschaft von Scott und Konsorten gemacht, seid aber nun interessiert, dann gebt lieber zuerst einmal ein paar Euro für die Comics aus und seht euch dann das Spiel an. Mögt ihr dagegen weder Comics, 2D-Grafik oder Chiptunes und seid ihr bereits jetzt sicher, dass ihr keine willigen Mitspieler in eurer Umgebung habt, dann... hmm... naja, lasst es vielleicht doch lieber bleiben. Aber dann hättet ihr diesen Artikel ja sicherlich nicht soweit gelesen, oder?

7 /10

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt ist ab sofort im PSN-Store erhältlich, in zwei Wochen soll das Spiel auch für Xbox Live Arcade erscheinen.

Unsere Wertungsphilosophie

Links zu Angeboten und Anbietern auf dieser Seite können sogenannte Affiliate-Links sein. Mit einem Kauf über einen dieser Links unterstützt ihr Eurogamer.de. Wir erhalten vom Anbieter eine kleine Provision.

Zu den Kommentaren springen (24)

Über den Autor:

Thomas Nickel

Thomas Nickel

Autor

Fest in der 16Bit-Ära verwurzelt, lehrt der freie Autor Spielegeschichte an der Frankfurter Games Academy. Wird eher selten vor Ego-Shootern gesichtet.

Weitere Inhalte

Weitere Themen

Kommentare (24)

Die Kommentare sind nun geschlossen. Vielen Dank für deine Beiträge!

Verstecke Kommentare mit niedrigen Bewertungen
Sortierung
Threading