Gedanken zu Kinect

Startschuss in die Zukunft?

Virtual Reality ist super. Bis sie dann da ist. Anfang der 90er Jahre gab es in Berlin und anderen Großstädten eine Art von Spielhalle, in der man mit unglaublichem Materialaufwand in Form einer Plattform, Handschuhen und Brillen den Spieler einen grottig schlechten Shooter spielen lassen konnte. Bis diesem nach fünf Minuten der Kopf platzte und die kiloschweren Handschuhe ihn zu Boden zerrten. Aber keinen Controller (in einem gewissen Sinne wenigstens) zum Spielen benutzen zu müssen, war schon cool. Und 20 Mark für fünf Minuten wert.

Jetzt kommt mit Kinect also die benutzbare, wohnzimmertaugliche Version einer eigentlich sehr gleichen Idee. Gemäß des in den 80ern erfundenen Cyberspace-Gedankens übernimmt die Software den Körper des Spielers direkt in das Programm und so wie er sich bewegt, bewegt sich auch sein Avatar. Damals dachte man, es würde auf einen Stecker im Kopf hinauslaufen, dann experimentierte man mit den Handschuhen und jetzt wird eine alte Idee in ihrer neuesten Form präsentiert. Die Frage heißt: Taugt es diesmal was?

Hier meine persönliche, offene und ehrliche Meinung: Nein. Aber es ist schon sehr viel besser als es jemals war.

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Versuche neuer Spielcontroller gab es genug.

Wiimote, Balance Board und Move haben den gleichen Gedanken wie Kinect, die Bewegung des Spielers in Code zu verwandeln und im Spiel zu nutzen - und haben damit ihre Erfolge. Dass ein Interesse daran besteht, und zwar bei einer weit größeren Gruppe als nur der eingefleischten Videogamer-Gemeinde, hat die Wii eindrucksvoll bewiesen. Leider umfasst der Beweis auch die Erkenntnis, dass dieses Interesse nicht lange hält, vor allem wenn man sich das Verhältnis von verkauften Spielen pro Wii-Konsole anguckt. Insoweit ist es nur nachvollziehbar, dass Kinect eine weit größere Aufmerksamkeit als das der Wii ähnlichere Move in den Medien genoss – im Time Magazine allein habe ich bestimmt schon drei oder vier Artikel gesehen, zu Move gab es irgendwo eine Randnotiz. In der allgemeinen Wahrnehmung ist Move bekannt – und beliebt –, Kinect jedoch Neuland.

Der Gedanke, etwas zu benutzen, ohne eine Taste, einen Controller oder überhaupt irgendwas festhalten zu müssen und einer Maschine nur mit Gesten und Sprachkommandos den Weg zu weisen, den sie einschlagen soll, scheint zu faszinieren. Die eigenen Bewegungen in Echtzeit in einer Art Motion-Capturing zu sehen, fast genauso sehr. Insoweit wird Kinect gefragt sein und sich auch verkaufen. Ein anderes Magazin fasste es schon sehr treffen zusammen, ich glaube es war Der Spiegel: Papi will die Konsole zu Weihnachten für Black Ops, Mami wird mit Your Shape Kinect überzeugt und das noch kleine Kind darf sich mit den Casualities für Kinect auseinandersetzen. Der perfekte Weihnachts-Deal. Dem habe ich wenig hinzuzufügen, wenn es um die Erklärung geht, warum Kinect gute Verkaufschancen hat, vielleicht sogar über das Fest hinaus.

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Von Dreien, die die Welt verändern wollen.

Lassen wir aber mal für eine Sekunde die reine Faszination, den Casual-Gedanken und Shape-Fitness außen vor und betrachten wir die Relevanz, die die Technik zuerst auf das Leben im weiteren Sinne haben wird und auf Videospiele, wie wir sie kennen. Damit bewege ich mich natürlich in das Terrain von Propheten und anderen Leuten, die im Wald zu viele Farben nach dem Konsum einheimischer Gewächse sehen, also könnt ihr meine Worte gerne anzweifeln und anderer Meinung sein.

Was das richtige Leben über die 360 hinaus angeht, könnte ich mir Spezialanwendungen beispielsweise im CAD und medizinischen Bereich vorstellen, vorausgesetzt die Erkennung wird noch weit feinfühliger als sie es jetzt ist. Aber da man in diesen Feldern auch andere Preise verlangen kann, sollte da gut was machbar sein. Für die Einbindung des Nutzers in das allgemeine Computer-Internet-Dasein habe ich da deutlich weniger Hoffnung. Es mag für einen kompletten Neuling ohne Computerkenntnis – eine Gattung, die in den Industrienationen langsam aber sehr sicher ausstirbt – im ersten Moment einfacher sein, eine spezielle Oberfläche wie bei den Touch-OS-Systemen dieser Welt zu bedienen. Einfach auf das zeigen, was man will.

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The shape of things to come?

Was ich wirklich reizvoll fände, wäre ein Touchscreen, der dank dieser Technik gar keiner mehr ist. Statt die Fettspuren über das Glas zu ziehen, würden Gesten schon aus einem Abstand von ein paar Zentimetern richtig erkannt werden. Dazu noch eine iPad-artige oder halt auf solche Gesten ausgelegte Oberfläche dazu und man hätte ein nettes Spielzeug. Aber...

Das Problem, dass jede Anwendung, selbst eine einfachste Bildbearbeitung, komplexer als eine Handvoll Icons ist, löst Kinect oder überhaupt diese Technik auch nicht. Und bei richtigen Anwendungen arbeitet man schon nach kurzer Zeit sowieso mit Shortcuts und anderen Unterstützungen weit schneller als mit jeder Handgeste. Erfahrene Nutzer greifen oft nicht mal zur Maus, weil der Weg zu lang ist. Hier kommt dann auch wieder die Preisfrage in den Weg. Die Technik hinter Kinect ist in der Lage, auch kleinere Gesten mit einzelnen Fingern zu erkennen, aber nur langsam und nicht zu 100 Prozent. Mehr Hardwarepower könnte Abhilfe schaffen, würde aber den Preis wieder treiben.

Damit dürfte das aktuelle, allgemeine, spontane Interesse an der Neuigkeit Kinect als Gadget im Laufe der nächsten Monate abflauen, selbst wenn die Vater-Mutter-Kind-Kinect-Connection, die ich oben beschrieb, ihre Gültigkeit für sehr viel länger behalten dürfte. In Bezug auf die Verbindung Mensch-Maschine-Alltag dagegen... Nein, ich denke nicht, dass sich Kinect oder vielmehr seine Technologie als Game-Changer entpuppen dürfte.

Und das gilt noch viel mehr, betrachtet man jetzt wirklich nur Kinect selbst in Verbindung mit der Art und Weise, wie „Hardcore-Videospiele" aufgebaut sind. Shooter, Rollenspiele, komplexe Action-Adventures und anspruchsvolle Sportspiele verlangen nicht nur Präzision in der Steuerung und ein umfangreiches Arsenal an Aktionen, die ein Spieler ausführen können muss – in diesen beiden Punkten lässt sich mit genug Ideen sicher etwas machen –, vielmehr lautet das Problem, dass diese Spiele extrem umfangreich sind.

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Schmeißt Fallout 3 vielleicht noch nicht gleich weg: Kinect Adventures.

Selbst die sechs Stunden eines Call of Duty werden zu einer echten Herausforderung an die physische Fitness, je nachdem, wie die Steuerung gelöst wurde. 50 Stunden in Dragon Age auf den Beinen zu verbringen, würde die erste Generation von fitten Rollenspielern schaffen, nur ob die da Lust drauf haben, lasse ich mal dahingestellt. Douglas Adams brachte es mit seinem Radio im Raumschiff der Herz aus Gold auf den Punkt: Bei diesem musste man, wollte man einen Sender kontinuierlich hören, stets den Arm in der richtigen Position halten. Wer kurz darüber nachdenkt, kommt zu dem Schluss, dass Knöpfe an Geräten mitunter eine gute Sache sind.

Die Verbindung von Kinect mit traditionellen Controllern wird sicher in diversen Spielen kommen und einige dieser Sachen werden super sein. Keine Ahnung wie, aber es wird passieren. Es gibt Gedanken, dass man sich beispielsweise in MMOs direkt in die Augen sehen kann und ähnliche Geschichten.

Intuitiv jedoch würde ich sagen, dass es, sollte sich diese hybride Steuerung durchsetzen, Kinect zu einem beschränkten Gimmick werden lässt. Ein großer Vorteil von Kinect ist, dass es da steht, wo es mich nicht stört. Es liegt nicht im Zimmer herum, es braucht keine Batterien, ich stelle mich vor den TV und kann loslegen, wenn es alles so funktioniert, wie es soll. Das ist etwas Großartiges, und auch wenn ich fest davon überzeugt bin, dass der Controller, in welcher Form auch immer, nie durch etwas wie Kinect allein ersetzt werden kann. Und wenn es nahc mir geht, sollte man die beiden Ansätze erst gar nicht miteinander kombinieren. Controller und Kinect passt einfach nicht. Klingt dumm, ist es wahrscheinlich auch, aber so stehe ich gefühlsmäßig zu diesem Ansatz. Entweder das Eine oder das Andere.

Derzeit wird nichts an Kinect eine alles verändernde tektonische Bewegung in der Art auslösen, wie wir im Moment Spiele spielen. Also, je nach eigener Gemütslage ganz entspannt, neugierig oder desinteressiert zurücklehnen und Kinect sein Ding machen lassen. Die Gefahr, dass Weihnachten 2011 nur noch Kinect-Titel unterm Baum liegen, ist gering.

Wollt ihr ein paar mehr Details, dann klickt einfach auf den folgenden Link und lest unseren Ersteindruck zu Kinect. Oder, falls ihr das in fünf Jahren lest, streckt den linken Arm aus, hebt den rechten über den Kopf, zeigt mit dem linken kleinen Finger auf den Link und bleibt acht Sekunden so stehen.

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Über den Autor:

Martin Woger

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