Deadly Premonition - Test: Twin Peaks auf der Switch

Legendärer B-Luxus-Trash für überall. 

Da soeben mehr oder weniger ohne Ankündigung das Kultspiel Deadly Premonition auf Nintendo Switch erschienen ist und gleichzeitig der Nachfolger Deadly Premonition 2 angekündigt wurde, hier unser ursprünglicher Test zum Spiel, das heute legendär ist. Dieses Review erschien 2010, noch bevor das Spiel seinen gewaltigen Kultstatus als ultimatives B-Horrorspiel innehatte, dürfte aber dennoch (oder gerade deshalb) nett zu lesen sein. Drei Jahre später schaute sich Björn, ebenfalls großer Fan von Swery65s Werk, den Director's Cut im Test an und analysierte, warum die Entwickler mit einigen der Schwächen des Originals gleichzeitig auch einiges vom Charme wegbügelten.

Ursprünglicher Test, 15. November 2010

Deadly Premonition macht es einem nicht leicht, das Erlebte sowie dessen Anziehungskraft kurz und bündig in Worte zu fassen, von der obligatorischen Endbenotung ganz zu schweigen. Deadly Premonition ist frustrierend, manchmal abstoßend, sehr surreal, gleichzeitig aber auch humorvoll, faszinierend und deshalb irgendwie auch ziemlich fantastisch. Ohne zu übertreiben behaupte ich, dass es eines der interessantesten Spiele der letzten Jahre ist. Ob gewollt oder ungewollt, sei allerdings dahingestellt, letztlich muss man wahrlich ein dickes Fell besitzen, um über alle Design-Macken hinwegzusehen. Dann aber entfaltet sich eine ähnliche Faszination wie schon bei der Kult-TV-Serie Twin Peaks.

Das ist allerdings auch kein Zufall. Ursprünglich für die PlayStation 2 konzipiert, präsentierte Entwickler Access Games das Spiel 2007 auf der Tokyo Game Show erstmals für Xbox 360 unter dem Namen Rainy Forest. Um den ständigen Vergleichen mit David Lynchs Serie zu umgehen, entschloss man sich, das Spiel zu verschieben sowie die allgemeine Ästhetik zu verändern. Dass Deadly Premonition aber noch immer wie eine Hommage an Twin Peaks wirkt, ist in meinen Augen etwas Positives. Ich gehe sogar so weit und behaupte, dass, wenn Alan Wake laut Remedys Sam Lake Tribut an Twin Peaks zollt, Deadly Premonition eine ausgezeichnete Fan-Fiction ist. Verwirrend, bizarr, an einigen Stellen unlogisch, jederzeit aber spannend und größtenteils auch nicht allzu ernst gemeint.

Einen Großteil der Faszination strahlt das Spiel durch seine Sonderbarkeit aus. Deadly Premonition ist ein Spiel, bei dem die Ingame-Stunden beim Rauchen schneller vergehen, der Held Nahrung zu sich nehmen und schlafen muss, seine Zukunft aus dem Kaffeebecher vorliest, sein Bart in Echtzeit wächst, ihr Geld dafür bekommt, ihn wieder abzurasieren, und ein Sandwitch aus dem Automaten mal schlappe 50 Dollar kostet.

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Direkt neben FBI-Agent York sitzt Emily Wyatt, die eine starke Ähnlichkeit zu Naomi Watts aus David Lynchs Film Mulholland Drive aufweist.

Was ihr spielt, ist eine Art Hybrid zwischen Resident Evil 4, den Siren-Titeln, Silent Hill, Clock Tower, ja selbst verworfenen Alan Wake-Ideen, gemixt mit einer starken Portion Twin Peaks. Alles wohlgemerkt auf Budget-Niveau, schließlich verlangt EU-Publisher Rising Star Games ähnlich dem US-Release im Frühjahr dieses Jahres keine 30 Euro.

Als FBI-Agent Francis York Morgan, dessen Spezialität Serienmorde an Frauen sind, untersucht ihr eine Reihe von merkwürdigen Mordfällen im ländlichen Kaff Greenvale. York ist arrogant, Kettenraucher, erzählt selbst beim Abendessen über Dinge, die man sich nicht bildlich vorstellen möchte, gleichzeitig aber auch verwirrt, vielleicht sogar verrückt. Er hat Ticks, hält sich mit einem Finger ans Ohr, kommuniziert mit seiner zweiten Persönlichkeit Zach wie mit einer realen Person, selbst beim Zusammensein mit Dritten, die ironischerweise das Gesehene nicht kommentieren.

Deadly Premonitions Spieltempo erinnert an die Gemütlichkeit eines Shenmue. Den Prolog hinter euch, gestaltet ihr Yorks Tagesablauf nach euren Wünschen. Ihr erkundet Greenvale, unterhaltet euch mit dessen Bewohnern, beobachtet ihre individuellen Tagesabläufe. Die meisten Dialoge tragen kaum etwas zur eigentlichen Geschichte bei. Man erzählt York von den eigenen Problemen, über das Leben in Greenvale.

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Pass auf deinen Mund auf, York! Auf einen Mund!!

Dennoch hört ihr gespannt zu, wollt erfahren was hinter den kuriosen Persönlichkeiten steckt, etwa einem alten Rocker mit Surfer-Akzent, der den örtlichen Lebensmittelladen leitet, Transvestiten oder einem alte Mann mit Gasmaske im Rollstuhl, der sich auf merkwürdige Weise über seinen Assistenten verständigt.

Sprecht ihr zur richtigen Zeit mit den Personen, bitten Sie um eure Hilfe. Diese Nebenmissionen sind meistens sehr geradlinig und recht redundant, bringen aber immerhin ein bisschen Geld. Im Falle von einer Mission, die man leider ziemlich schnell übersehen kann, sogar ein Radio, mit dem ihr euch zu bereits jedem besuchten Ort teleportieren könnt. Angesichts der Tatsache, dass ihr die meisten Schauplätzen nur über lange Anfahrtswege mit lediglich rund 80 km/h schnellen Fahrzeugen erreicht, eine lohnenswerte Aufgabe. Für die meisten Untersuchungen muss York zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort sein. Verpasst ihr den Zeitpunkt, kommt ihr eben am nächsten Tag zurück. Deadly Premonition lässt euch so gemütlich spielen wie ihr es möchtet, selbst Angeln oder Dart als Minispiele sind möglich.

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Über den Autor:

Jens Sobotta

Jens Sobotta

Freier Redakteur

Jens, angehender Germanist und seit 2002 notorischer Spiele-Kritiker und Kritisierer, liebt das NTSC-J-Format und Autos, die ganz, ganz oft im Kreis fahren.

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