Deadly Premonition - Test: Twin Peaks auf der Switch • Seite 2

Legendärer B-Luxus-Trash für überall. 

An den jeweiligen Tatorten mutiert das Spiel dann hingegen zum Survival-Horror. Ihr betritt eine Art halluzinierende Parallelwelt und setzt euch in einer abgespeckten und deutlich trägeren Resident Evil 4-Variante gegen Zombie-ähnliche Gegner zur Wehr. Diese torkeln mit dem Rücken verdreht und dem Kopf auf den Boden gerichtet auf euch zu und attackieren York, indem sie ihre Hände in seinen Mund stecken. Klingt verrückt, ist aber tatsächlich so.

Als ich das erste Mal auf solch einen Gegner traf, wusste ich nicht, ob ich mich gruseln oder darüber lachen sollte, was letztlich auch den Reiz des Spiels gut umschreibt. Tut euch auf jeden Fall einen Gefallen und spielt das Spiel auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad. Dann halten die Gegner nicht allzu viel aus und im späteren Spielverlauf müsst ihr euch nicht allzu sehr über die undynamischen sowie trägen Kämpfe aufregen.

York vollführt einzelne Seitwärtsbewegungen beispielsweise nur per Tastendruck, zielt mit seinen Waffen recht langsam und muss dabei auch noch stehen bleiben. Selbst die Entwickler empfehlen: Wer die Geschichte genießen will, sollte auf Leicht spielen. Rund zehn Schüsse mit der Standardpistole auf den ersten Gegner im Spiel sprechen Bände!

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Manchmal tragen die Zombies auch Waffen bei sich.

Furchteinflößend sind diese Sequenzen auf jeden Fall, auch weil der scheinbare Serienkiller im roten Regenmantel immer mal wieder York auflauert. Mal setzt ihr euch in einem Quick-Time-Event zur Wehr, ein anderes Mal versteckt ihr euch ähnlich wie in Clock Tower vor ihm. Richtig nervig und übertrieben in die Länge gezogen sind die Verfolgungsjagden, in denen ihr den linken Analog-Stick wie wild von links nach rechts rüttelt, ohne auch nur zu sehen, wohin York eigentlich rennt.

Stattdessen fängt die Kamera meistens den mysteriösen Killer ein, was in Verbindung mit der Musik wirklich furchteinflößend wirkt. So sehr diese Parts auch nerven, so essentiell sind sie für die immer verworrener werdende Geschichte. Wie bei einem Puzzle fügt York die einzelnen Bilder zu einem Gesamtwerk zusammen. Ob man nach dem Abspann letztlich alles verstanden hat, ist eine andere Frage. Man fühlt sich ständig ein wenig unsicher, insbesondere wenn etwa das Spiel beruhigende Jazz-Musik einspielt, während ihr euch im selben Raum mit einem übelst zugerichteten Mordopfer befindet. Oder anders ausgedrückt: Wie würdet ihr es finden, wenn während einer Autopsie urplötzlich jemand über den 1981er Horrorfilm „An American Werewolf in London" philosophiert? York macht das.

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Gestatten, der Mann im roten Regenmantel. Nicht nur wegen der leuchtenden Augen furchteinflößend.

Diese Momente sind es, weshalb man nie so wirklich weiß, was als nächstes bizarres in Deadly Premonition passiert. Sofern man sich darauf einlässt. Denn zugegeben, die ganzen Macken, angefangen von den undynamischen Kämpfen, der stellenweise sehr hakeligen Steuerung, dem für manche Spieler sicherlich zu zaghaften Spieltempo, der flimmernden, deutlich veraltenden Grafik, den monotonen Synchronsprechern, den teilweise furchtbaren Animationen und der eigentlich nicht vorhanden Lippensynchronisation sowie der ruhigen, gleichermaßen aber auch furchteinflößenden Musik, die gerne mal während der Dialoge die Synchronsprecher übertönt - über das alles muss man erst einmal hinwegsehen. Gleichzeitig machen aber genau diese Probleme auch den Charme eines Deadly Premonition aus. Es wirkt stellenweise so schlecht, dass es schon wieder gut ist. Ihr lacht, ihr weint, ihr habt Freude an dem Spiel. Twin-Peaks-Kenner sowieso, die eine Parallele nach der anderen entdecken.

Wie bewertet man so ein Spiel also? Anhand einer Checkliste, in der man alle Macken auflistet und dann eine 3 oder 4 als Endnote zückt? Oder aber anhand der Freude, dem Spaß, den man während der rund 20 Stunden Spielzeit hatte? Ich sage letzteres, denn letztlich ist Deadly Premonition eines der interessantesten und gleichzeitig merkwürdigsten Spiele, die ich in den letzten Jahren gespielt habe. Man muss sich einfach nur darauf einlassen. Oder wie man es im Englischen so schön ausdrückt: Deadly Premonition is a beautiful trainwreck.

7 /10

Deadly Premonition erscheint heute für 29,99 Euro über Rising Star Games exklusiv für Xbox 360 in Deutschland. Die Bildschirmtexte wurden trotz der geringen Auflage löblicherweise ins Deutsche übersetzt.

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Über den Autor:

Jens Sobotta

Jens Sobotta

Freier Redakteur

Jens, angehender Germanist und seit 2002 notorischer Spiele-Kritiker und Kritisierer, liebt das NTSC-J-Format und Autos, die ganz, ganz oft im Kreis fahren.

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